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SCHUMANNS

 

 

SCHATULLE 





FOLGE 154 (2014-04-29)

Es geschah vor 45 Jahren

Bundesverband Deutscher Gewichtheber wird in Bremen gegründet

 

Im altehrwürdigen Rathaus der Hansestadt Bremen trafen sich 1969 die Delegierten des Deutschen Athletenbundes, um eine Satzungsänderung zu beschließen, die den DAB zwar als Dachverband für gemeinsame  Interessen der Schwerathleten vorsah, aber die Aufspaltung in vier Einzelverbände für Ringen, Gewichtheben, Rasenkraftsport und Sportakrobatik bedeutete. Insbesondere waren die Folgeverbände für die internationalen Belange (die gab es damals nur für Ringen und Gewichtheben), für den Sportbetrieb, aber auch für die Finanzen alleine zuständig. Der DAB als Dach war praktisch bedeutungslos und wurde 1972 aufgelöst. Letzter Präsident war Hermann Schwindling aus Saarbrücken, Vizepräsident Otto Schumann aus Egelsbach. Als sich später Gewichtheber und Kraftdreikämpfer trennten, die heute noch in den Landesverbänden vereint sind, führte der DAB noch einmal ein Schattendasein.

Gründung der Europäischen Gewichtheber-Föderation (EWF) 1969 in Warschau - von rechts: Hans Caspar und Otto Schumann  (BVDG),  Dr. Gerhard Carl  und Helmut Atzrodt (DGV der DDR)

Zwei Jahre lang war die Satzungsänderung in mehreren Sitzungen vorbereitet worden. Gewichtheben hatte da zwei zuständige DAB-Vorstandsmitglieder, die seine Interessen vertraten: Otto Schumann als Bundes-Sportwart Gewichtheben (der im Januar 1967 im Roten Ochsen zu Mannheim in einer Kampfabstimmung mit zwei Stimmen Vorsprung vor Hans Casper aus Köln gewählt wurde, wobei er als Vertreter Hessens einen weißen Stimmzettel abgegeben hatte)  und der Tiefbauunternehmer Hans Kestler aus Mannheim, ein international hoch anerkannter Kampfrichter, auch mehrmals bei Olympischen Spielen eingesetzt, als Bundes-Kampfrichterobmann Gewichtheben. In seinen jungen Jahren war er Kreissportwart für Baden  im 1933 verbotenen Arbeiter Athletenbund Deutschlands und  aktiver Teilnehmer bei der Arbeiter-Olympiade 1925 in Frankfurt.  Beide Funktionäre stifteten  im Jugendbereich jahrelang  hart umkämpfte Pokale, den Otto Schumann Pokal für erfolgreiche Vereinsmannschaften und den Hans Kestler Pokal für Landesverbände. Was ist aus diesen geworden? Seit Schorsch Mahlein nicht mehr Bundesjugendwart ist, wurden die Gewinner nicht mehr fortgeschrieben, die Preise verstauben irgendwo. Der Schumann-Pokal wurde zuletzt im Trophäenschrank des Postsportvereins Phönix Kassel in der Alten Hauptpost Kassel gesichtet. Der Verein gehört nicht mehr dem BVDG an. Der Kestler-Pokal befindet sich im Nachlass von Schorsch Mahlein in Frankfurt, Frankenallee 26. Lioba Mahlein pflegt diese Hinterlassenschaft sorgsam. Wenn sie mal nicht mehr lebt, werden die Dinge (ein ganzer Schrank von Erinnerungsstücken und Preisen aus Jahrzehnen ehrenamtlicher Arbeit für das Gewichtheben) wohl auf dem Müll landen. 

In Bremen wurden gemäß der neuen Satzung gewählt.

 

Die sieben Vorstandsmitglieder des BVDG

 

Präsident

Der Bankkaufmann Otto Schumann, zugleich auch für die Finanzen und die Geschäftsführung zuständig, Mitbegründer des Europaverbandes 1969 in Warschau, als Kampfrichter bzw. Jury-Mitglied  bei vier Weltmeisterschaften und  drei Europameisterschaften eingesetzt, im Technik- und Kampfrichter-Ausschuss  des Europa- und Vorstandsmitglied im Weltverband tätig, Permanent-Sekretär des Baltic-Cup-Turnieres von acht Ostsee-Anrainerstaaten. Er wurde 1992 in Hennef zum Ehrenmitglied des BVDG ernannt, war 16 Jahre lang Präsident des Landesverbandes Hessen und hat dort 40 Vereine mit aus der Taufe gehoben. Der erfolgreichste war bis jetzt der KSV 1959 Langen. Dort war er 12 Jahre lang 1. Vorsitzender. Die meisten sind mangels tatkräftiger Funktionäre nach einigen Jahren wieder eingegangen.

 

Sportwart

Hans Casper aus Köln, Werkmeister bei der Firma Clouth, einer Zubringer Firma von Ford-Deutschland. Er erfand in der Werkstatt in Köln weltweit die ersten gummiummantelten 20 Kilo-Scheiben und eine Lichtanlage, die  mit farbigen Lampen die Pausen zwischen den einzelnen Versuchen anzeigten. Kampfrichter bei drei Weltmeisterschaften, bei mehreren Europameisterschaften und bei den OS 1972.

 

Kampfrichterobmann

Hans Günter Hofmeister, genannt der Boss, Betriebsinspektor bei der Bundespost, Leiter des Postfernmeldewohnheimes in Kassel - Niederzwehren, in Kassel die treibende Kraft für Gewichtheben, in vielen internationalen Wettkämpfen als Kampfrichter eingesetzt, Mitglied der internationalen Kampfrichterorganisation.

Diese drei bildeten den engeren Vorstand, der praktisch die Vorgaben für den neuen Verband entwickelte.

Ergänzt wurden sie durch:

 

Referent für Öffentlichkeitsarbeit und Protokollführer

Hans Dieter Möller aus Kassel, genannt HDM, Postrat, auch beruflich für die Öffentlichkeitsarbeit der Deutschen Bundespost im Bereich Nordhessen zuständig.

 

Jugendwart

Der selbständige Schneidermeister Adolf Werner aus Würzburg. Sein Sohn ist heute Präsident des Deutschen Ringerbundes.

 

Rechtsausschussvorsitzender I

Der Druckereimeister Franz Schweiger aus München, lange Jahre Weltrekordler im einarmig Reißen.

 

Rechtsausschussvorsitzender II

Erich Schäfer  aus Stuttgart, Versicherungskaufmann bei der Allianz, in seinen jungen Jahren Gewichtheber der nationalen Spitzenklasse,  Bruder von Helmuth Schäfer, Olympiavierter 1932.

     

Diese sieben kleinen Hansel machten sich also 1969 neben ihrer Berufsarbeit ans Werk. Was trafen sie an? Gewichtheben war jetzt selbständig, aber arm wie eine Kirchenmaus. Der DAB entließ sie ohne einen Pfennig in die Selbständigkeit. Im Gegenteil, aus den Olympiavorbereitungen 1968 bestanden noch Forderungen von Sportschulen.  Keine Schreibmaschine, kein Stück Papier, keine Briefmarke, gehörten dem Verband. Das Wohnzimmer des Präsidenten war die Geschäftsstelle. Um die elementarsten Dinge anschaffen zu können, gab der Präsident ein zinsloses Darlehen.

 

Professionelle Strukturen entstanden

 

Es dauerte vier Jahre, bis aus dem Nichts heraus eine professionelle Grundstruktur des Verbandes gelegt wurde: Keine Schulden, eine funktionierende Geschäftsstelle in Egelsbach, Karl Nahrgang Str. 21, mit einem hauptamtlichen Sportdirektor (Rolf Feser, später Generalsekretär) einem hauptamtlichen Geschäftsführer (Franz Pataky), Schreibkräfte, darunter Frau Bärbel Feser, dazu zwei hauptberufliche Bundestrainer (Tommy Kono und Robert Krautschneider. Noch für die Spiele 1968 waren die Sportler von ehrenamtlich tätigen Trainern vorbereitet worden. Der Verband wurde international eng verzahnt. 1972 war der BVDG für die Organisation des Gewichtheber Turnieres bei den OS  in München verantwortlich.  Ob diese Konsolidierungsphase des BVDG eine Leistung der sieben kleinen Ehrenamtler war, möge von anderen beurteilt werden.

 

„Burn out“ als Folge

 

In dem Zusammenhang erhebt sich natürlich die Frage, ob eine derartige Mehrfachbelastung für ernsthafte Funktionäre über viele Jahre hinweg möglich ist. Die Antwort ist ganz klar ein Nein! Selbst bei guter körperlicher Konstitution hält das niemand längere Zeit aus. Man wird gereizt, nervös, ungerecht, geistig erschöpft. Modern nennt man das „burn out“. Ich weiß, wovon ich rede, sechs Jahre lang an der Spitze der bundesdeutschen Gewichtheber (zwei Jahre lang als Bundessportwart, vier Jahre als Präsident des BVDG) waren beruflich nicht ganz ohne Schrammen zu überstehen. Das galt noch mehr für meinen Nachfolger Wolfgang Peter, ab 1973 Präsident des BVDG. Wegen seines Einsatzes fürs Gewichtheben verlor er einen  gut bezahlten Job, erstritt zwar mit Hilfe eines Fachanwalts eine Abfindung, wurde aber ungewollt Frührentner. Herbert Ehrbar, als OB von Leimen, bot seinen politischen Gegnern wegen dieses Einsatzes eine Angriffsfläche, mußte sich vor Gericht diesen Angriffen erwehren.

   

Schwächstes Glied ist meist die Familie

 

Nicht jede Ehefrau macht das mit. Die Scheidungsrate bei Spitzenfunktionären ist deshalb in Deutschland hoch.

In der Freien Wirtschaft kann man sich nicht lange als Sportfunktionär in verantwortlicher Position halten. Dort muß man rund um die Uhr für berufliche Aufgaben bereit stehen. Da ist nichts mit 35 Wochenstunden bei Fünftagewoche getan. Nur wenige haben das Glück, beruflich einen Druckposten, meist im Öffentlichen Dienst, zu ergattern, z.B. in einem Ministerium. Dazu gehört natürlich dann auch das richtige Parteibuch, und es besteht die Gefahr, daß nach der nächsten Wahl ein anderer Wind weht. Jede neue Regierung lanciert natürlich ihre Anhänger in die Ministerien. Deshalb finden wir viele Rentner im Kreis der führenden Sportfunktionäre. Aber mit fortschreitendem Alter schwindet die körperliche Leistungsfähigkeit. Die Katze beißt sich in den Schwanz.

 

Fazit

 

Nach einigen Jahren muß man als Ehrenamtler meist aus Selbsterhaltungsgründen auf eine Spitzenposition im Sport verzichten. Man kann auf Dauer nicht mit drei Bällen jonglieren! Ein Ball fällt mit Sicherheit herunter. Meist ist das der Ball der Familie!  Wenn der deutsche Spitzensport die frühere Weltgeltung wieder erlangen will, dann muß das operative Geschäft in Händen gut bezahlter Profis liegen. Ehrenamtler können  da nur noch die Position von Aufsichtsräten wahrnehmen!

 

Von diesen sieben Hanseln aus der Anfangsperiode des BVDG lebt 2014 noch der fast 83-jährige Otto Schumann. Ob er das 50-jährige Gründungsjahr des BVDG im Jahre 2019 noch erlebt?

Otto Schumann

Foto: Archiv Hilmar Bürger 

FOLGE 153 (2014-04-20)

Münchhausen lässt grüßen

Der deutsche Spitzensport soll sich am eigenen Schopf aus dem Sumpf ziehen

 

Bild: literaturatlas.de

Die Winterspiele 2014 haben in etwa aufgezeigt, wo der deutsche Sport derzeit im internationalen Vergleich steht – und das im Wintersport, wo Sportler aus Bayern, dem Schwarzwald, Thüringen und dem Erzgebirge immer noch eine Macht darstellen, der über die der Sommersportarten hinausgeht. Nüchtern vorausgesagt: Ein achter Platz im Medaillenspiegel wäre  bei den nächsten Sommerspielen schon ein Erfolg!

Bis dahin ist eine große Umwälzung kaum möglich. So schnell läßt sich das Steuer nicht herumreißen. Vor allem müssten sich mehr qualifizierte Trainer um den Nachwuchs kümmern, das heißt, eine gesunde Basis für den Spitzensport müsste wieder geschaffen werden. Das geht nicht in wenigen Jahren.

Ist das aber überhaupt zu erwarten? Leider nein. Dazu müsste die Politik erst einmal die erforderlichen Mittel bereitstellen – und dazu sieht es leider nicht aus. Nun sonnen sich unsere Spitzenpolitiker zwar gerne in den Erfolgen unserer Sportler – ich erinnere nur an das Anknipsen des berühmten Lächelns der Kanzlerin, wenn eine Kamera in der Nähe ist, aber den Weg zum Erfolg, den soll der Sport gefälligst selber finden, und das gelang bekanntlich nur dem Lügenbaron Münchhausen.


Fußballsport als Ausnahme


Aber dort wird uns aufgezeigt, daß gezielte Sportförderung zum Erfolg führt, wenn genügend Geld eingesetzt wird. Jeder Bundesligaverein muß ein Nachwuchszentrum nachweisen. Das schafft die Basis des Erfolgs, Fehlentwicklungen werden kurzfristig bereinigt. So müssen die Profivereine jetzt keine zweiten Mannschaften mehr an den Start bringen, Eintracht Frankfurt und der FSV Frankfurt ziehen deshalb ihre Mannschaften aus der Regionalliga bzw. aus der Hessenliga zurück. Dort führten sie auch zu Wettbewerbsverzerrungen, denn deren Mannschaftsaufstellungen schwankten doch sehr, je nach Anforderungen aus der Ersten. Insofern dient der Fußball nur als Nachweis dafür, was auch in anderen Sportarten bei entsprechender Förderung möglich wäre und bis zur Wiedervereinigung in der DDR und der Bonner Republik auch möglich war. Heute ist der vereinigte deutsche Sport schwächer als früher der getrennte. Es geht also, wenn nur der politische Wille da ist.


Die Basis des Sports ist schwach


Auf ein morsches  Fundament kann man kein Hochhaus bauen. Nehmen wir den Sport im Lande Hessen. Hier müsste in Nachwuchszentren die Basis gelegt werden, z.B. in der Leichtathletik oder auch im Gewichtheben. In Wirklichkeit sind wir davon aber um Lichtjahre entfernt. Die Basis-Sportförderung obliegt hauptsächlich den Kommunen und denen schiebt man von Seiten des Landes immer mehr Aufgaben (z.B. Flüchtlingshilfe, KITA-Ausbau)  zu, wozu sie sich selbst finanzieren sollen. Das geht nur bei Erhöhung kommunaler Steuern und Abgaben, z.B. Neueinführung einer Pferdesteuer, Erhöhung der Hundesteuer, der Grundsteuer usw. An diesen Schrauben drehen die Kommunen schon kräftig. Was bleibt ist die Kürzung  bei den freiwilligen Leistungen, z.B. bei der Sportförderung. Dazu werden die Kommunen von ihrer Aufsichtsbehörde ermuntert, wenn sie ihre Haushalte genehmigen lassen. Nun gibt es in Hessen da eine interessante Feststellung: Vor einigen Jahren wurde die Hessische Verfassung dahingehend erweitert, daß die Förderung des Sports zu den Aufgaben der öffentlichen Hand gehört. Diese Förderung hat also Verfassungsrang. Zählt sie da noch zu den freiwilligen Aufgaben der öffentlichen Hand oder zu den Pflichtausgaben? „Nebbich“, sagen die Aufsichtsbehörden, wenn sie den Kommunen ihre Etats um die Ohren hauen. 

Natürlich gibt es da merkwürdige Ausnahmen. So hat die Stadt Darmstadt zwar die Zuschüsse für die Amateurvereine zusammengestrichen, nicht aber für den Profi-Fußball bei Darmstadt 98. Die stehen im Kampf um den Aufstieg von der 3. In die 2. Liga, also müssen sie von der öffentlichen Hand unterstützt werden. Beispiel: Das Stadion am Böllenfalltor ist zwar landschaftlich sehr schön gelegen, aber es ist in die Jahre gekommen. Also schreibt der Fußballverband eine Renovierung vor, die mit 27,7 Mio. veranschlagt ist – bis zum Ende werden es wohl 30 Mio. werden und natürlich müssen diese Kosten nicht vom Profifußball, sondern von der öffentlichen Hand aufgebracht werden. So soll das Land die Hälfte der Kosten übernehmen. So wird es wohl kommen, wenn Darmstadt 98 der Aufstieg gelingt. Dafür ist dann Geld da, das z.B. für die Einstellung von Landestrainern in der Leichtathletik oder für Gewichtheben nicht vorhanden ist. So ist das halt, in diesem, unserem Lande.


Früher 600 und heute 30 Teilnehmer


Mit dem Stadion am Böllenfalltor verbindet mich ein Erlebnis aus meinen  Anfängen als Sportler. Es war Sommer 1947, brüllend heiß. Wir fuhren mit der Bahn, hatten die Abteiltüren offen gelassen, damit der Wind Erleichterung brachte.  Dort, im Freien, fanden die Jugendlandesmeisterschaften der Schwerathleten statt. Damals waren Ringer, Gewichtheber, Rundgewichtsjongleure, Sportakrobaten und Judoka  noch in einem Verband, dem Hessischen Schwerathletikverband, zusammengeschlossen und so fanden sich mehr als 600 junge Sportler zusammen, um dort ihre Jugendmeisterschaften auszutragen. Das mußte von den Funktionären so koordiniert werden, daß einer zunächst seine Übungen im Gewichtheben absolvierte, wobei die Hantel kaum angefasst werden konnte, so heiß war sie. Ja und dann ging es auf die glühend heiße Ringermatte, auf die ein paar Sandkörner geweht waren – aufgeschürfte Haut ließ grüßen. Aber das machte uns alles nichts aus. Wir waren mit Feuereifer dabei. Heute sind wir froh, wenn wir 30 Jugendliche dazu bringen, an unseren Landesmeisterschaften teilzunehmen.   Auch ein Beispiel dafür, daß es an der Basis  des Sports ganz schlecht aussieht.

Otto Schumann

FOLGE 152 (2014-04-12)

Nicht alle Sportfunktionäre sind Idioten

Officio fungi - viel Herzblut und wenig Dank 

Ich bin also ein alter Fahrensmann und erlaube mir "j.w.d." einen Vergleich zwischen Sportjournalisten in der DDR und der Bonner Republik. Im Osten half man dem Sport mit und durch journalistische Beiträge - vielleicht oft stur auf der Parteilinie, aber der Sport hatte einen hohen Stellenwert in der DDR. Im Westen waren die Sportjournalisten nur auf der Suche nach Schwächen im System oder bei den handelnden Personen, helfen wollten dem Sport nur wenige! Wurde z.B. ein Spitzensportler in der Nationalmannschaft aus gutem Grunde nicht aufgestellt, dann weinte er sich bei seinem Hausjournalisten aus, und der machte die verantwortlichen Funktionäre nieder.

 

Alles unfähige Trottel

 

Überhaupt wurden Sportfunktionäre von den Journalisten grundsätzlich als unfähige Idioten hingestellt. Es gab viele gute Leute, die für den Sport Stunden und Aberstunden nach ihrer Berufsarbeit ehrenamtlich arbeiteten, um dann zu lesen, was sie doch für ein Trottel seien. Das alles geschrieben von Menschen, die selbst ehrenamtlich keinen Finger krumm machten! Ich kenne Funktionäre die sagten: "Ich bin doch nicht blöd, macht Euren Dreck doch alleine" - dem Sport gingen so viele gute Leute verloren. So mein Vergleich zwischen Sportjournalisten in Ost und West.

„Funktionär“ kommt vom lateinischen Verb „fungi“ (dagegen funghi – Pilze): Officio fungi – seine Pflicht erfüllen!

Natürlich sehe ich ein, daß Spitzensport heute ehrenamtlich nicht mehr zu managen ist. Nur ein Vergleich: In Westdeutschland hatten die Gewichtheber bis einschließlich 1968 keinen hauptamtlichen Bundestrainer. Ehrenamtler setzten dazu ihren Jahresurlaub ein, der verantwortliche Bundestrainer für die Spiele 1968 in Mexico war bei der Bundespost beschäftigt und hatte das Glück, Sonderurlaub zu bekommen. Bei der heutigen Post wäre das gar nicht mehr möglich. So hatten die Gewichtheber in der alten Kasseler Hauptpost einen modernen Trainingsraum, und sie konnten dort auch ihre Wettkämpfe bestreiten. Nach der Neustrukturierung hieß es: "Ihr müßt für die Räume Miete zahlen" - Ende der Fahnenstange!  So wird der Sport systematisch zugrunde gerichtet. Schwimmbäder schließen, weil sie unrentabel sind, Schulkinder können nicht mehr schwimmen! Der ganze Sport ist nur noch auf Fußball ausgerichtet.

 

Pressekonferenz als Show-Bühne

 

Da sind wir wieder bei Sportjournalisten. Zu den Pressekonferenzen vor Bundesligaspielen kommen ganze Trauben von Journalisten, obwohl sie da oft noch bezüglich Mannschaftsaufstellung belogen werden. Der Trainer will nicht, daß sich der Gegner auf die Taktik, abzulesen an der Mannschaftsaufstellung, einstellen kann. Deshalb nennt er absichtlich am Donnerstag eine Aufstellung, die dann am Samstag gar nicht stimmt - und die Sportjournalisten pilgern trotzdem hin.

 

Otto Schumann – 12.04.2014

FOLGE 151 (2014-04-02)

Wohin steuert Laptopwerk?

 

Alte Probleme kochen hoch

 

Jetzt ist es also soweit. Laptopwerk kehrte wieder nach Berlin zurück. Einige Mitstreiter wollen künftig nicht mehr mitwirken. Wird das zu einem Substanzverlust führen?

 

Natürlich werde ich die Entwicklung weiter verfolgen. Als Mensch, der von der Berliner Basis weit entfernt ist und deshalb eigentlich nicht mitreden kann, denke ich, daß es da alte Probleme aus DDR-Zeiten gibt, die jetzt hochgekocht wurden - schade! Das erinnert mich daran, daß Hilmar Bürger bei der Gründung des Sportmuseums viel Herzblut einbrachte... um dann dort doch etwas gekränkt auszuscheiden.

 

Das ist halt so. Aus meiner Sicht hatten die Sportjournalisten in der DDR eine Bedeutung, um die sie von ihren Kollegen in der Bonner Republik beneidet wurden. Im Westen herrschte unter den wenigen noch Futterneid. Da ging es zum Beispiel um Sendezeiten im Fernsehen. Ich sehe noch Klaus Angermann vor mir, als er mir ein zerschnittenes Kabel zeigte, wodurch eine Gewichtheberübertragung des ZDF zunichte gemacht wurde. In der ARD war man darüber nicht gerade unglücklich. Angermann wurde ja auch nicht gerade mit Ehrungen überschüttet, als ihn das ZDF nicht mehr wollte - er hat sich um Gewichtheben (und Radsport) sehr verdient gemacht. 

 

Es freut mich, daß Hilmar trotz angeschlagener Gesundheit dem Gewichthebersport weiter helfen möchte. Dessen Zukunft sehe ich trübe. Immerhin gelang es, Gewichtheben in der Sporthochschule Köln eine Plattform für die Ablegung des Trainerdiploms zu erhalten. Nur... selbst wenn  es gelingt, interessierte Studenten zu finden, welche berufliche Zukunft bietet sich ihnen? Antwort: Keine! Ein kleiner Vergleich: In Hessen gelang es lange, mit Ronald Czerwenka einen hauptberuflichen Trainer zu halten; für zwei Jahre lang sogar für Nordhessen einen zweiten (Schröder). Aber das waren Zeiten, in denen wir mit knapp 6.000 Mitgliedern auf dem Papier noch gut da standen (von der Leistung her schon lange nicht mehr). Heute? Ganze fünf Vereine sind überhaupt noch in der Lage, eine Mannschaft zu bilden (mit reduzierter Mannschaftsstärke). Zeilsheim gewann zum 15. mal die Verbandsrunde der Hessenliga - um sofort zu erklären, daß man wie in den Vorjahren, auf einen Aufstieg verzichtet. Eigentlich ist das unsportlich! 

 

Auf Bundesebene denkt man nun darüber nach, auch für die Bundesliga die Mannschaftsstärke zu reduzieren und die Relativwertung gegen die Sinclair-Rechnung auszutauschen. Das wird wenig oder gar nichts helfen. Ich sehe schwarz!

 

 

Otto Schumann, 02. April 2014

 

FOLGE 150 (2014-03-17)

Ukraine als Dominostein

Sanktionen im Sport schaden den Sportlern

Im Laptopwerk ist die Frage aufgeworfen, ob sich der Sport in politische Händel einmischen soll, z.B. durch Boykotts von sportlichen Großereignissen. Die Geschichte lehrt uns, daß die Boykotts der Spiele 1980 und 1984 nur den betroffenen Sportlern geschadet haben, das Weltgeschehen nahm aber keinen anderen Verlauf. Deshalb ist es Unsinn, wegen der Entwicklung in der Ukraine jetzt Sanktionen im Bereich des Sports zu fordern.

 

Ist alles so klar, ist Russland der Aggressor, die Ukraine der Angegriffene, dem man zur Hilfe kommen muß? So einfach ist es nicht, denn zumindest um die Westukraine gab es immer Streit, in den sich westliche Mächte einmischten. Meist waren es drei Adler (Russland, Preußen und Österreich), die einen vierten – den Polens, zerhackten und unter sich aufteilten und Russland war schon nach der 3. Teilung Polens nicht damit einverstanden, daß es den Einfluss auf Galizien verlor.


Im Frieden von Brest-Litowsk 1918 hatte Deutschland durchgesetzt, daß es einen Pufferstaat, eine selbständige Ukraine gibt- als Lenin davon erfuhr, soll er getobt haben. Natürlich war es auch Kalkül des deutschen Kaiserreichs, den in der Schweiz im Exil lebenden Lenin die Durchreise durch Deutschland zu gestatten und ihn auch mit Geldmitteln auszustatten, damit er seine Revolution beginnen und damit die Zarenarmee zur Aufgabe zwingen konnte. Dadurch sollten die an der Ostfront gebundenen deutschen Armeen frei werden, um im Westen die Entscheidung zu erzwingen. Der selbständige Staat Ukraine entstand also hauptschlich aus deutschem Machtkalkül.


Nur hatte der nicht lange Bestand, als sich die SU etabliert hatte. Aber aufgrund der Pariser Vorortverträge schien alles klar, die Westukraine, vorher zu Österreich gehörend, war jetzt polnisch… bis 1939 der Hitler: Stalinpakt die 4. Teilung Polens besiegelte, die Westukraine gehörte fortan zur SU. Polen hat das bis heute nicht verwunden, die Westukraine blieb ein Zankapfel – und machen wir uns nichts vor, im II. Weltkrieg konnte die deutsche Waffen-SS dort mehr Freiwillige rekrutieren als gebraucht wurden. So verwundert es nicht, daß bestimmte Kreise in Deutschland sich auch heute noch gerne als Schutzmacht der Ukraine gerieren möchten.

Russland gilt als der Aggressor. Man kann aber auch sagen, daß der angegriffene Bär wild um sich beißt.

 

Mit dem Mauerfall in Deutschland und der Auflösung der SU hat Russland den Kalten Krieg verloren. Die Versprechungen der USA, den Einfluss der Nato nicht weiter nach Osten auszudehnen, wurden nicht eingehalten. Im Gegenteil, es erfolgte eine systematische Einkreisung Russlands durch den Einflussbereich der USA… Nicht immer klappte das, siehe Georgien und Weiß-Russland, der Osten Moldawiens blieb im Einflussbereich Russlands.   Die Ukraine war ein Dominostein in diesem Spiel. Ukrainische Offiziere wurden teils in den USA, teils in Russland ausgebildet.


Längst geht es hier nicht um die Interessen der Bevölkerung der Ukraine. Die sucht eigentlich nur ein besseres Auskommen und ein friedliches Leben. Wer ihnen das eindrucksvoll verspricht, den wird sie wählen. Im Hintergrund ziehen die Oligarchen in beiden Lagern die Fäden, man will ja weiterhin gute Geschäfte machen. Deshalb wird man sich irgendwie arrangieren, die Ukraine wird die Krim an Russland abtreten und der Westen wird das hinnehmen.


Der russische Bär hat sich verteidigt, aber er hat dabei einige Schrammen abbekommen. Mich wundert nur, daß Frank Walter Steinmeier trotz seiner zunächst richtigen Beurteilung der Lage jetzt umschwenkt und die Verurteilung Russlands verlangt. Indirekt gilt halt in Deutschland immer noch das Besatzungsstatut. Siehe Abhörskandal.


Der Sport sollte sich aus diesem Gerangel heraushalten. Ein Boykott würde auch diesmal nur die aktiven Sportler treffen.

Otto Schumann

FOLGE 149 (2014-01-13)

Foto: Archiv

Ein Minister in die "Rott"?

Die Bahn bot schon immer jedem eine Perspektive

Die Bahn galt in Deutschland einmal als Arbeitgeber, der auch willige Menschen auffing, die in der Schule nicht so erfolgreich waren. Hier in Südhessen galt der Spruch an einen einflussreichen Mann am Bahnhof über einen schwachen Schüler, der für die Erlernung eines Handwerksberufs ungeeignet erschien: „Nimm ihn mit auf die Rott, das wird er schaffen“.


„Die Rott“ das war eine Gruppe, die regelmäßig eine für sie eingeteilte Bahnstrecke abging, den Zustand der Schienen und des Gleisbettes überprüfte. Der Anfänger durfte eine Lampe oder auch einen schweren Hammer tragen. Der Rottenführer veranlasste ab und zu einen Hammerschlag gegen die Schiene. Aus dem Klang entnahm er, ob eine Schiene beschädigt war oder nicht. Das war ein ganz wichtiger Job und der brauchte einen nicht ganz so hellen Gehilfen.

So war es früher und heute gilt anscheinend für einen Bundesminister, der in den letzten vier Jahren eine Lachnummer war und deshalb dem neuen Kabinett Merkel nicht mehr angehört: „Als Bundesminister ist er zwar ungeeignet, aber er kann ja in den Bahnvorstand wechseln, das wird er wohl noch schaffen“.

 

Bei der Bahn ist also auch heute noch Platz für mehr oder weniger gescheiterte Existenzen.

Otto Schumann

FOLGE 148 (2014-01-11)

Ohne "Zuwanderer"

ginge es nicht

Erfahrungen mit dem Gesundheitswesen in Hessen

In den letzten Monaten habe ich erlebt, was die Medizin alles an Neuigkeiten anbietet. Darauf muß man setzen. Ich weiß nicht, wie es in Thüringen geht. Hier in Hessen würden die Krankenhäuser ohne "Zuwanderer" zusammenbrechen.

 

In Langen kommen 80% des Pflegepersonals aus Sachsen oder Osteuropa - und auch bei den Ärzten ginge ohne Zuwanderer gar nichts. Am Freitag hat mich eine rumänische Ärztin behandelt - sehr kompetent und sehr freundlich und einfühlsam. Die Woche zuvor war ich wegen einer Laserbehandlung beim Augenarzt. Hier behandelte mich eine Griechin - ebenfalls sehr kompetent und freundlich.  

 

Natürlich gibt es sicherlich auch "Zuwanderer" die nur in die Sozialnetze wollen. Aber die sind sicherlich in der Minderheit. Die meisten wollen und können arbeiten. Wir haben zwar noch 2,8 Millionen Arbeitslose. Aber die wollen oder können (mangels Gesundheit oder mangels Schulbildung) die fehlenden Positionen nicht besetzen.

FOLGE 147 (2014-01-06)

Rekordrausch und Genealogie

Salt Lake City, Hauptstadt des Mormonenstaates Utah, und dessen Archiv

Wenn man an die Großen Salzseen im US-amerikanischen Mormonenstaat Utah denkt, kommen einem in erster Linie die Weltrekorde im Automobilrennsport in den Sinn. Zunächst geht in dem Zusammenhang die Erinnerung zurück an die Anfänge des Rennsports auf Deutschlands Autobahnen. Damals, als die deutschen Marken Mercedes und Auto-Union in den Italienern die härtesten Konkurrenten hatten.


Als Jung-Siegfried galt 1935-1937 Bernd Rosemeyer, der NSU – Werksfahrer, verheiratet mit der berühmten Fliegerin Elly Beinhorn. In der Nähe der Auffahrt Langen: Mörfelden der heutigen A 5 gibt es ein Denkmal, das an den 28. Januar 1937 erinnert. An diesem Tage hatte auf der Autobahn Frankfurt-Darmstadt zunächst der Mercedes-Fahrer Rudolf Carraciola mit 432,843 km/h einen neuen Weltrekord aufgestellt.


Rosemeyer wollte ihn verbessern, die Zwischenzeit wurde mit 436,893 km/h angezeigt, als Rosemeyer in Richtung Süden aus dem Windschatten der Autobahnbrücke herauskam und von Westen her von einer Windbö erfasst und auf den Mittelstreifen geworfen wurde. Er war sofort tot. Auf Deutschlands Straßen gab es dann keine Weltrekorde im Automobilsport mehr.


Die Rennfahrer zog es zunächst nach Daytona-Beach in Florida. Dort, am Atlantik, fanden sie hervorregende Voraussetzungen für hohe Geschwindigkeiten vor. Bis man die Großen Salzseen bei Salt Lake City entdeckte. Mit Spezial-Rennautos werden heute dort mehr als 1000 km/h erreicht – Wahnsinn!


Weniger bekannt ist, daß sich in Salt Lake City das weltweit umfangreichste Archiv für genealogische Forschungen befindet. Irgendwie wurde man dort auch auf meine Forschungen aufmerksam und sie flossen in die dortigen Archivbestände ein. Der deutschstämmige Jim Schultz machte mich darauf aufmerksam – siehe Anlage.

Otto Schumann

 

Gruss aus Utah.

 

Ich mache jetzt Genealogie-Forschung in der Familien-Bibliothek der Mormonen, die als die beste Genealogie- Bibliothek Welt gilt. Ich war froh, Ihr Buch in dieser wichtigen Sammlung zu finden. Es ist ein beeindruckendes Werk! Ein Expertin, die mir half, es zu übersetzen, war erstaunt über die ausführlichen Informationen. Sie sagte, solche Informationen wünsche sie sich über ihren eigenen Stammbaum.

 

Nochmals vielen Dank für Ihre Bemühungen bei der Bereitstellung dieser wertvollen Informationen. Und vielen Dank noch einmal für, die Zeit, die Sie sich bei meinem Besuch in Erzhausen für mich genommen haben.

 

James E. Schultz

Robert L. Morton Professor Emeritus of Mathematics Education

Ohio University

 

517 Indian Oaks Lane

Sheboygan, WI 53081

 

FOLGE 146 (2013-12-12)

Ehrenamtler Otto Schumann geehrt

Lieber Otto - wir gratulieren Dir

FOLGE 145 (2013-12-07)

Dank an Laptopwerk

Lieber Otto - wir haben zu danken!

FOLGE 144 (2013-11-20)

In memoriam Dieter Hildebrandt.  Foto: Walter Staufenbiel


Es wird steiniger werden

Jetzt ist der also tot, Dieter Hildebrandt, einer der letzten aus der "Flakhelfergeneration". Die Jüngsten waren Jahrgang 1928. - In der DDR erschien einmal ein Buch über Holt, das auch beschrieb, wie diese Jungs verheizt wurden. Es gab auch ein weibliches Gegenstück, die "Blitzmädchen", eigentlich im Fernmeldedienst eingesetzt, dann aber auch an Horchgeräten und Scheinwerfern. 

 

Aber zurück zum Scheibenwischer.  Es gibt kaum noch gutes Kabarett in Deutschland. Den Aschebercher (Aschaffen-burger) Priol hat man beim ZDF ausgebootet - "Neues aus der Anstalt" ist aus. Das war Humor auf hohem Niveau. Es bleibt die Freitagsendung im ZDF mit Oliver Welke. Aber die hat nicht das Niveau eines Dieter Hildebrandt oder Priol. Da wird zuviel "unter der Gürtellinie" gebracht. Das muß eigentlich nicht sein.

 

Wer wird Zielscheibe sein in Zukunft? Die große Koalition? Die SPD wird zuletzt einknicken, nur um in einer neuen Regierung Pöstchen zu ergattern. Das war schon immer so. Nach 1945 nahm mich mein Vater oftmals mit zu politischen Diskussionen. Ich sagte dort zwar nichts, saß am Tischende, aber ich hörte gut zu. "Hitler hätte man 1933 verhindern können, wenn SPD und KPD zusammengestanden hätten, aber die SPD wollte nicht". Die SPD ist auch 1914 eingeknickt, als es um die Kriegsanleihen ging, nur Karl Liebknecht, der Neffe von Wilhelm Liebknecht, mit August Bebel der erste Reichsstagsabgeordnete der SPD, stimmte dagegen.

 

Ja - das waren noch ehrenamtliche Politiker. Sie erhielten keine Diäten, sondern verloren durch die Teilnahme an Reichstagssitzungen bares Geld, was beiden schwerfiel. Bebel war Drechslermeister, das Geschäft ging mehr oder weniger schlecht als recht, Liebknecht war Journalist. Im Reichstag hatte man einfach keine Plätze für die beiden vorgesehen. Sie holten sich zwei Stühle aus einer Gastwirtschaft und saßen am linken Rand der Versammlung. Sie mußten immer damit rechnen, wegen Majestätsbeleidigung verhaftet zu werden, die Polizisten hatten schon hektografierte Haftbefehle, in denen nur noch die Namen einzusetzen waren. Bebel saß deshalb in Plötzensee und auf der Feste Königstein ein.  

 

Als es dann 1933 zum Ermächtigungsgesetz kam, da waren die KPD-Abgeordneten bereits verhaftet und konnten nicht teilnehmen. Einzig die SPD - und das ist ein historischer Verdienst, stimmte dagegen und ihr Fraktionssprecher Wels sprach die historischen Worte: "Unsere Freiheit und unser Leben kann man uns nehmen, unsere Ehre nicht"; auch der spätere Bundepräsident Heuß stimmte für das Ermächti-gungsgesetz.

 

Was ist aus der Ehre der SPD geworden, wenn sie z.B. in der Frage des flächendeckenden Mindestlohns einknickt, nur um Pöstchen zu ergattern? Was macht da eine Frauenquote in den Aufsichsträten der DAX-Unternehmen aus und vielleicht die steuerliche Besserstellung der Homos, die durch das Bundesverfassungsgericht sowieso kommen würde? - "Nebbich, hätte man früher in Frankfurt gesagt, alles Ganneffs".   

 

Ja und die gestandenen Männer waren auch mißtrauisch gegenüber den Sowjets. "Was ist in der SU mit Radek geschehen, der mit Lenin aus der Schweiz kam, wobei die Deutschen Lenin mit Geld für eine Revolution ausstatteten, damit es im Osten zu einem Separatfrieden kam?. Radek wurde wohl bei einer Säuberung umgebracht.

 

"Warum wurde Teddi nicht aus dem KZ entlassen, bei den Verhandlungen über den Nichtangriffspakt und die 4. Teilung Polens wäre es Molotow leicht gewesen, bei Ribbentrop ein Wort für Thälmann einzulegen, nein, er wurde im KZ von den Nazis umgebracht". 

 

Es gab also Zweifel bei den Männern der 1955 dann verbotenen KPD und als bekannt wurde, wie die Sowjets in den letzten Kriegstagen beim Vormarsch auf Berlin und anschließend in ihrer Besatzungszone gewütet hatten, sagte ein gestandener Vorarbeiter: "Genossen, von den Russen können wir nichts lernen, wir müssen unseren eigenen Weg gehen" - Sie haben ihn wohl bis heute nicht gefunden.  Um auf das politsche Kabarett zu kommen: Er wird ohne Hildebrandt und Priol noch steiniger werden, diese Sendungen werden fehlen.

FOLGE 143 (2013-09-28) Otto Schumann

Mit Sprung über den Hengstbach zur Kerb

Wir sind derzeit geschockt über Gewaltausbrüche auf Sportplätzen. So stehen die Offenbacher Kickers vor dem Sportgericht, weil ihre Anhänger vor zwei Wochen bei einem Spiel in Frankfurt gegen die 2. Mannschaft der Eintracht randalierten und im Stadion am Bornheimer Hang einen Schaden von rund 100.000,00 € anrichteten. Gab es früher so etwas nicht? Doch, nur gab es andere Ventile. So war es für junge Burschen gefährlich, in einem Nachbardorf die Kerb zu besuchen und gar dort mit einem Mädchen aus dem Kerb Ort zu tanzen. Das gab Schlägereien und sie konnten nur in der Gruppe, niemals alleine gehen.

 

Spur im Darmstädter Hauptbahnhof

Ich erwähnte schon einmal den Großvater meiner Frau. Sein Leben dauerte rund 82 Jahre, und da gab es einiges zu erzählen. Als junger Mensch war er ein guter Leichtathlet und gehörte 1903 zu den Mitbegründern des Fußballclubs in Egelsbach. Wenn sie die Kerb – ein großes Traditionsfest - in Sprendlingen besuchten, musste erst ein Test herhalten. Sie hatten sich den Weg für einen geordneten Rückzug überlegt und der führte über den Hengstbach, der vor Sprendlingen einige Mühlen antrieb, dort normalerweise rund 3 Meter breit ist und dann bei Mitteldick versickert. Zur Kerb nach Sprendlingen wurde nur der mitgenommen, der bei einem Test mindestens so weit springen konnte, daß der Hengstbach mühelos übersprungen werden konnte.

 

Der Opa hatte Kesselschmied gelernt und begann seine Berufslaufbahn im RAD (Reichsbahnausbesserungswerk) Darmstadt. Da er ein geschickter Handwerker war und auch organisieren konnte, stieg er auf bis zum Oberwerkmeister. Eine Spur seiner Tätigkeit sieht man heute noch im Darmstädter Hauptbahnhof. Dort steht das Modell eines Eisenbahnzuges, den die Lehrlinge des RAD unter seiner Leitung erbaut haben. Ja und wenn man 50 Cent einwirft, setzt sich der Zug für einige Minuten in Bewegung.

 

Ausgang gab es selten

In der Hoch-Zeit der Tieffliegerangriffe 1944 kam er oft spät nach Hause. Erst musste die letzte Lok, die kam fahrplanmäßig aus Worms, geprüft werden. Sie musste am Morgen wieder einsatzbereit sein: dorthin oder nach Mainz, das waren die wichtigsten Strecken von Darmstadt aus –heute tote Hose, denn Rheinhessen wurde nach 1945 abgetrennt und zur Besatzungszone der Franzosen geschlagen .Das Rheinhessische Mainz ist die Hauptstadt von Rheinland-Pfalz, hat Koblenz in dieser Funktion abgelöst.

Ja in Mainz hatte er vorher in seiner aktiven Zeit drei Jahre meist auf dem Übungsplatz zwischen Fort Gonsenheim und Mombach gelitten. Ausgang gab es selten und er war auch nicht sonderlich erstrebenswert. Vorher mussten sie sich einer Kontrolle durch den Unteroffizier unterziehen. Da wurde nicht nur der Sitz der Dienstmütze, der Haarschnitt (meist ein Igel), die blitzenden Knöpfe, sondern auch die vorgeschriebene Anzahl der Nägel in den Schuh- Sohlen kontrolliert. Dort wurden erst Holznägel eingeschlagen und darauf Stahlnägel eingeklopft. Da durfte keiner fehlen.

 

Zu zweit ein Glas Bier

Natürlich wurden auch die Hände kontrolliert (keine Trauerränder an den Fingernägeln); ja und dann mussten sie natürlich richtig grüßen können – falls sie unterwegs einem Offizier begegneten. Aber die kamen meist hoch zu Ross und wurden so rechtzeitig gehört, dass sich der Soldat in einer Seitengasse verkrümeln konnte, um nicht vor Zivilisten zur Schnecke gemacht zu werden.


Ja, und das Geld reichte meist auch nur soweit, dass sie in einem Biergarten zu zweit ein Glas Bier trinken konnten –soweit seine Erinnerungen an die aktive Militärzeit in Mainz. Ganz schmallippig wurde er dann, wenn die Sprache auf vier Jahre Fronteinsatz in Serbien und Flandern zu sprechen kam. Er prahlte nie mit Heldentaten, wie es andere taten.

 

Die Pfanne flicken helfen

Die Serben bezeichnete er kurz und knapp als „Heimtückisch“. „Dort mussten wir hin, um für die Österreicher die Pann zu placken (die Pfanne zu flicken, zu helfen). Die konnten sich in ihrer großen Armee nur auf die deutschsprachigen verlassen, die anderen liefen massenhaft zum Feind über, oft ganze Regimenter, mit dem Obersten an der Spitze“.

Diese Ansicht eines einfachen Soldaten ist verständlich.

 

Was sollen all die anderen Völker für ein Interesse haben, für den Österreichischen Kaiser zu sterben, in einer Armee, in der sie oft nicht viel mehr als „Stillgestanden, Vergatterung“ verstanden? Da half auch wenig, daß sie nach dem Tod des greisen Kaisers Franz-Josef, einen Eid auf dessen Neffen Karl leisten mussten, wobei sie bei der Eidesabgabe durch Maschinengewehre „geschützt“ werden mussten – ein so erzwungener Eid nutzt gar nichts.

 

Neue Seitengewehre

Es wird schon etwas dran sein, wenn der Opa sagte, „ja die Tiroler, die aus Kärnten und der Steiermark, die waren in Ordnung, die anderen waren Schlawiner“, obwohl sicherlich wenige aus Slawonien, im Osten Kroatiens, kamen. Mit mehr Hochachtung sprach er von den Gegnern in Flandern. Er beanstandete aber, dass Briten und Franzosen hauptsächlich Hilfsvölker (Inder, die Briten, Afrikaner die Franzosen) geschickt hatten. „Die Inder gingen ja noch, aber die Schwarzen, die waren heimtückisch mit dem Messer“ – mag stimmen oder nicht.


Die Ansicht eines einfachen Soldaten. Wenn ein neuer Rekrut kam fragten sie ihn: „welches Seitengewehr gaben sie dir bei der Einkleidung?“ War es ein dreikantiges kam der Rat: „wirf es weg, wenn du in Gefangenschaft kommst, machen die dich alle“. Die neuen Seitengewehre der Deutschen rissen nämlich Wunden, die nie mehr heilten.

 

 

So unsinnig es klingen mag: An der Front rückten sie zusammen, waren froh, einen Kameraden aus einem Nachbardorf zu treffen. Da waren frühere Kerbstreitereien vergessen. Bei Ausbruch des 2. Weltkrieges war er selbst für den Landsturm mit 55 Jahren zu alt und er wurde auch dringend in der Werkstatt in Darmstadt gebraucht. In den schweren Kriegs- und Nachkriegszeiten fand er immer einen Ausweg, um für seine Familie irgendetwas zu organisieren.


Sind die heutigen Schlägereien am Rande von Fußballspielen ein neues Ventil für frühere Kerbstreitigkeiten, die heute unvorstellbar sind?

Otto Schumann

      

FOLGE 142 (2013-09-22)

Dieses Foto von Jim Schultz aus den USA kündet von einem, der es schaffte, von Hessen nach Amerika zu kommen: Es zeigt den Grabstein von Conrad Sinner, auf dem Liberty Cemetery in Rhine Twonship in Sheboygan, Wisconsin. Er verstarb 1902. Die kleine Flagge bezeugt, dass er ein Veteran des amerikanischen Bürgerkrieges war. 

Als Urgroßmutter

nach Schlapp fragte

Hier eine wahre Begebenheit: 1945 besetzten die Amerikaner das Elternhaus meiner Frau in Egelsbach. Sie benahmen sich anständig - im Gegensatz zu denen, die unser Haus in Sprendlingen heimsuchten und dort zwei Frauen vergewaltigten. Die Urgroßmutter meiner Frau, eine abgearbeitete, fast 80 Jahre alte Frau, war zu Besuch. Sie zupfte einen Amerikaner am Ärmel und sagte: "Ich hon aach Verwandte in Amerika, Schlapp haaße se, kennt ihr net Schlapp"? Die Besatzer verstanden das nicht, blieben aber der alten Frau gegenüber höflich. Auch in Egelsbach wußte man zunächst nicht, was die alte Frau gemeint hatte.

 

Im Zuge meiner Forschungen kam ich dann dahinter, dass tatsächlich Verwandte namens Schlapp mit fünf Kindern nach den USA ausgewandert waren. Die Großmutter war ein Kind von zehn Jahren und blieb in Egelsbach zurück. Später schickten sie ihr sogar das Reisegeld und wollten sie in die USA nachholen. Die Oma fuhr mit dem Zug von Egelsbach nach Frankfurt. Dort sah sie die vielen Menschen auf dem Bahnhof und bekam Heimweh nach ihrem beschaulichen Egelsbach und kehrte um. Die Verwandten waren sauer und meldeten sich lange nicht mehr.

 

Etwas mutiger war da schon der Großvater meiner Frau. Der hatte gerade seine Lehre als Kesselschmied abgeschlossen und fuhr nach Hamburg. Dort wollte er sich die Überfahrt in die USA als Heizer verdienen. Er ließ sich tatowieren und zechte mit einige anderen. Am nächsten Morgen bekam er Reue, dachte an das viele Wasser und dass er gar nicht schwimmen konnte. Auch er kehrte nach Egelsbach zurück, überstand dann den I. Weltkrieg trotz vier Jahre Fronteinsatz - ohne befördert zu werden - Helden haben ein kurzes Leben.

 

1945 zog man ihn zum Volkssturm ein. Er marschierte mit ab, den Amerikanern entgegen - aber nur bis zum Wald. Dort versteckte er sich und wartete, bis Volkssturm und die angreifenden Amerikaner durch waren. Dann kam er zurück nach Egelsbach. Er hatte im Weltkrieg seine Lektion gelernt. Soweit zwei mißlungene Auswanderungsversuche.

 

 

FOLGE 141 (2013-09-04)

Stockfoto

Wähld mer kaa Idiode net!

Am 22. September wählen wir einen neuen Bundestag. Für mich bedeutete „Wahlrecht“ immer „Wahlpflicht“, sobald ich wahlberechtigt war. Auch diesmal werde ich wohl ins Wahllokal gehen, ob-

wohl ich mich immer mehr frage, ob das überhaupt noch Sinn macht. Im Fernse-

hen übertragene Debatten sind nur Schaufensterveranstaltungen für das dumme Wahlvolk. Längst sind die Entscheidungen in Hinterzimmern ausgehandelt worden.

 

Wasserkopf kostet Geld

Meine Erinnerung geht da zurück zu einer Generalversammlung der SKG Sprendlingen im Jahr 1949, der Verein hatte damals rund 1.000 Mitglieder, von denen etwa 200 anwesend waren. Bevor es zu Neuwahlen kam, stand ein altgedientes Mitglied auf und appellierte „Ihr Leud, wähld mer kaa Idiode net“. Das könnte auch heute verstärkt für die Wahl des überdimensionierten Deutschen Bundestags gelten.


Rufen wir uns in Erinnerung: Die USA hat mehr als dreimal so viel Einwohner als die Bundesrepublik. Der US-Kongress umfasst z.Z. 435 Mitglieder, der Senat als 2. Kammer 100 Senatoren. Das großmannsüchtige Deutschland dagegen leistet sich einen Bundestag, der 620 Mitglieder + ein sechsköpfiges Präsidium umfasst. Den Bundesrat als 2. Kammer vergessen wir einmal ganz. Dieser Wasserkopf kostet Geld – wir haben es ja – nicht!


Neun Euro mehr...

Das Bundeskabinett hat heute einen großen Beschluss gefasst. Hartz IV-Empfänger sollen 2014 9,00 € im Monat mehr erhalten – Donnerwetter, da ist die Regierung aber mutig! Das wird für den so bedachten gerade ausreichen, um die Preiserhöhung gegenüber 2012 für zehn Kilo Kartoffeln auszugleichen! – Sind wir nicht ein Sozialstaat? Ach, die Preise für Strom und Wasser sind auch kräftig gestiegen? Nebbich! Sollen die Kerle halt mehr sparen! Natürlich müssen die Parlamentarier dem noch zustimmen. Aber das ist ja wohl nur eine Formsache.


Als alter Fahrensmann befürchte ich, daß auch am 22. September wieder nur „Idiode“ gewählt werden. Weshalb da überhaupt noch hingehen? Ich werde es wohl doch tun – zähneknirschend, weil ich mich verarscht Am 22. September wählen wir einen neuen Bundestag. Für mich bedeutete „Wahlrecht“ immer „Wahlpflicht“, sobald ich wahlberechtigt war. Auch diesmal werde ich wohl ins Wahllokal gehen, obwohl ich mich immer mehr frage, ob das überhaupt noch Sinn macht. Im Fernsehen übertragene Debatten sind nur Schaufensterveranstaltungen für das dumme Wahlvolk. Längst sind die Entscheidungen in Hinterzimmern ausgehandelt worden..


Nur mit Landsknechtstrommeln

Kommen wir aber zurück zur Generalver-sammlung des Sportvereins im Jahre 1949. Vor den Neuwahlen gab es eine hitzige Diskussion darüber, ob sich der Verein wieder einen Spielmannszug leisten sollte oder nicht. Der Vorsitzende, der als Soldat ein Bein in Russland zurücklassen musste, war vehement dagegen. „Ein Spielmannszug? denkt daran was war – „vor uns marschieren mit sturmzerfetzten Fahnen, die Helden der jungen Nation – und über uns die Heldenahnen, Deutschland, Vaterland, wir kommen schon“.


Es wurde ein Kompromiss gefunden: „Spielmannszug ja, aber nur mit Landsknechts Trommeln, die beim Marschieren den Takt vorgeben. Dazu Querflöten, keine Fanfaren, keine flachen Preußentrommeln. Die Blauen Dragoner konnten also wieder reiten, wenn auch ohne Fanfahrenbegleitung, die hell zu den Hügeln empor zu hören waren. Alles nur vorübergehend, denn später kamen die fehlenden Instrumente doch wieder dazu. Wie ging es weiter?

 

5000 kilometer enfernter Sesselfurzer

 

Von dieser Entscheidung aus ist es nachzuvollziehen, dass deutsche Soldaten nach Afghanistan geschickt wurden. Natürlich hatte der falsche Befehl des Obersten Klein in Kundus eine Vorgeschichte, wie in dem Film „Mörderische Entscheidung“ dargelegt wurde. Es spricht aber für die Instinktlosigkeit der Regierung Merkel, den Obristen Klein, der eine so weitreichend falsche Entscheidung getroffen hatte, zum General zu befördern. Was, 140 Zivilisten kamen um? Warum mussten die auch Benzin klauen!


Wieder sei ein Vergleich erlaubt. Der deutsche Bundespräsident war heute in Oradur, um sich für das Massaker des Jahres 1944 zu entschuldigen. Damals wurden von Soldaten der SS-Einheit „Das Reich“ rund 600 Zivilisten in die Kirche getrieben und diese angezündet. Natürlich hatte auch das eine Vorgeschichte. Die Einheit rastete auf der Fahrt zur Atlantikküste am Dorfbrunnen, als sie von der Kirche her beschossen wurde. Natürlich rechtfertigte das nicht die Reaktion, 600 Menschen umzubringen. Aber eines ist auch klar: Es ist einfach, im Abstand von einigen Monaten oder gar Jahren einen Untersuchungsausschuss befinden zu lassen, ob ein Kommandeur in dieser Stresssituation richtig oder falsch gehandelt hat. Wie kann sich ein 5000 Kilometer entfernt sitzender Sesselfurzer in die Situation eines Menschen hineindenken, der vor Ort der Gefahr eines Hinterhaltes ausgesetzt ist (war das in Oradur viel anders?) Gehören nicht die Politiker auf die Anklagebank, die junge Menschen überhaupt diesen Gefahren aussetzen? An all das denke ich, wenn ich an Wählen oder Nichtwählen denke

Otto Schumann      

FOLGE 140 (2013-08-29)

Repro: Archiv LWP

Kandidat sattelt die Kavallerie

Was wäre die Welt ohne Visionen? Wenn diese auch oft an den Tatsachen zerbrechen. Luther King war ein Visionär. Er wollte ein besseres Amerika. An den Hardlinern zerbrach sein Traum. Ich nehme an, dass auch Obama eine Vision hatte - auch die ist zerbrochen.

 

Schmidt mit Zivilcourage 

Die Pfarrerin in „Dem Tag auf den Puls gefühlt“ zitierte Helmut Schmidt. Das war kein Illusilionär, sondern ein "Macher", ein Mann mit Mut. Als Hamburg in einer Sturmflut zu ertrinken drohte war er dort Innensenator. Ohne dazu befugt zu sein bewies er Zivilcourage und schickte die Bundeswehr an die Brennpunkte und denen gelang tatsächlich, die Fluten einzudämmen.

 

Als die Landshut entführt, der Pilot Schumann umgebracht wurde, bestellte er den Chef der bis dahin unbekannten GSG 9 zu sich. Er schickte die Truppe dort hin und sagte dem Oberst: "Ich übernehme die Verantwortung, auch wenn es schief geht" - Die Befeirung der Geiseln gelang. Zum Vergleich: Vor einiger Zeit wurde im Roten Meer ein deutsches Schiff gekapert. Die GSG 9 machte sich zur Befreiung bereit, da sagte ein Berater zur Kanzlerin: "Das dürfen sie nicht, sie haben keine Befugnis, die GSG 9 im Ausland einzusetzen"-Die Befreiung mißlang.

 

Abwatschen riskiert 

Ein ganz anderer Typ war Herbert Brahm, Kampfname Willy Brandt. Der hatte Illusionen, war ein Idealist. Er zerbrach letzendlich daran, daß ihm die DDR einen Spion ins Nest gesetzt hatte. Zu seiner Zeit bekam die SPD so viel Wählerstimmen wie nie zuvor und danach. Wenn man diese beiden Kanzler mit den Aussitzern Helmut Kohl und Angela Merkel vergleicht, könnte man weinen. Beide sind jedoch Glückskinder. Kohl stand vor der Abwahl in der alten BRD. Er hätte die nächste Bundestagswahl nicht überstanden. Da machten die DDR-Bürger Druck unter dem Kessel. In Ungarn versammleten sich an der Grenze zu Östereich, wollten nicht mehr zurück in die DDR. Der damalige Ministerpräsident Nemeth rief Kohl an (Außenminister war der kürzlich verstorbene Gyulia Horn) und sagte, daß er den Grenzzaun öffnen werde. Kohl erschrak und rief Gorbi an. "Was werdet ihr tun, werden eure Soldaten eingreifen?" Die Antwort wurde von Kohl richtig gedeutet: "Nemeth ist ein guter Mann" - das war der Beginn der Wende, die ohne die DDR-Bürger und ohne Rußland nicht zustande gekommen wäre. Sicher, Bush sen. stimmte auch zu, Franzosen und Engländer, die ein vereintes Deutschland fürchteten, waren dagegen. Das Glück war mit Kohl, aber ohne das geht es in der Politik nicht.

 

Vom dritten SPD-Kanzler Schröder bin ich zwar innenpolitisch enttäuscht. Aber der Mann hatte Mut, den ein Kohl und eine Merkel nie aufgebracht hätten. Einmal widerstand er dem Verlangen der Amerikaner, im Irak einzumarschieren, dann setzte er die Agenda 2010 durch, wohl wissend, daß ihn die Wähler dafür abwatschen würden.

 

Kabinett der Mittelmäßigen 

Angela bewies sich als gelehrige Schülerin des dicken Kohl, abwarten, die Dinge entwickeln lassen, niemals die Fahne in die Hand nehmen und voran marschieren! Der Erfolg gab ihr Recht, die Agenda 2010 war ein Erfolg (auf Kosten der kleinen Leute), den sich Frau Merkel anheften konnte. Die zeigt nur dann Entschlossenheit, wenn es gilt, Menschen, die ihr auf dem Weg zur Macht gefährlich werden könnten, auszuschalten. Deshalb hat sie ein Kabinett der Mittelmäßigen um sich geschart.

 

Am Ende stehen die FDP-Leute, die aber im September wohl doch überleben werden. Sie wetteifern mit der Alibifrau aus Hessen, Schröder, um die rote Laterne der schlechtesten Ministerin. Aber auch die Bajuwaren haben nicht ihre besten Leute geschickt. Wer bleibt? Die besten aus einem schlechten Team sind noch die von der CDU. Schäuble ist ein harter Brocken. Man muß sich wundern, wo dieser Mann die Kraft hernimmt. Der Kriegsminister hat sich als Lügner herausgestellt. Eigentlich ist er untragbar. Bleibt Frau von der Leyen, geborene Albrecht (Ihr Vater war lange Ministerpräsident in Niedersachsen). "Vor Rehen wird gewarnt". Diese Frau ist geschmeidig und klug. Die neue Ministerin für Kultur kann man nicht einordnen.

 

„Entscheidung bei Kunduz“ 

Zusammenfassung: Alle drei SPD-Kanzler waren um Längen besser als die zwei Zauderer von der CDU. Den SPD-Kandidaten kann man nicht recht einordnen. Er hat wohl auch keine Chance, obwohl ihm die Linke heute avisiert hat, daß sie ihn unterstützen würde. Er wählt klare Worte, wohl wissend, daß´er damit nicht immer ankommt. Jetzt will er die Kavallerie satteln lassen, um den Steuerbetrügern auf die Spur zu kommen. Wer hat den Wahlkampf von Frau Merkel (um Längen das höchste Spendenaufkommen 2013!) finanziert? Bestimmt nicht die Arbeiter und ihre Gewerkschaften.

 

Übrigens: In den nächsten Tagen gibt es bei Arte und auch im Kino den Film „Entscheidung bei Kunduz“ über die Tötung von Zivilisten in Afganistan auf Wunsch der Deutschen. Matthias Brandt, einer der drei Söhne von Willy, spielt die Rolle des Obersten Klein, der den verhängnisvollern Befehl gab - er wurde jetzt zum Brigadegeneral befördert. Brandt soll die Rolle einfühlsam ausfüllen - ich bin gespannt.

Otto Schumann  

FOLGE 139 (2013-08-25)

Repro: Archiv LWP

Was Brecht jetzt fragen würde

Wenn Bertolt Brecht noch leben würde, hätte er seinen Fragenkatalog vor den Bundes-

tagswahlen im September wohl erweitert. Dabei ist der Standort des fragenden Arbeiters abhängig für die Frage. Die Antworten werden aber am Ende für alle gleich sein - wenn überhaupt welche kommen.


Was nicht gesagt wurde

Beginnen wir mit dem Arbeiter in der ehemaligen DDR. Ihm hatte man bei der Wende versprochen, dass er Reisefreiheit genießen, Bananen verspeisen und auf blühende Landschaften blicken könne. Nicht gesagt hatte man ihm, dass er diese Wohltaten mit dem Wirken der Treuhand, er persönlich mit dem Verlust des Arbeitsplatzes bezahlen müsse. Zumindest müsse er bereit sein, der Arbeitsstelle über viele hundert Kilometer nachzureisen, seine Familie vielleicht nur am Wochenende sehen zu können.


Dem Arbeiter in Duisburg, Essen und Umgebung hatte man versprochen, dass über dem Pott endlich wieder der blaue Himmel zu sehen sei, dass seine Frau wieder die Wäsche im Freien zum Trocknen aufhängen könne ohne zu befürchten, daß sie dadurch von Ruß und Dreck befleckt würde. Nicht gesagt hatte man ihm, dass er danach in einer Ruinenstadt leben würde, dem langsamen Verfall preisgegeben, die Straßen voller Schlaglöcher, die Brücken baufällig und nur noch im Schritttempo befahrbar.


Was nicht fährt

Nehmen wir den Arbeiter in Mainz und Umgebung. Vielleicht hatte er das frühe Werk des Nobelpreisträgers Heinrich Böll „Der Zug kam pünktlich“ gelesen, in dem Böll den Urlauberzug zwischen Brest und Lemberg beschreibt. Erst wurden an der französischen Atlantikküste Urlauber eingeladen, die ins Reichsinnere wollten. Dort stiegen die Urlauber ein, die am Urlaubsende wieder an die Ostfront mussten.


In seiner kleinen Welt, im Dreieck zwischen Worms, Darmstadt und Mainz, stellt sich derzeit nicht die Frage, ob der Zug pünktlich im Mainzer Hauptbahnhof ankommt - der kommt nämlich überhaupt nicht an. Aber im September sollen die Probleme, entstanden durch Personalmangel bei der Bahn, behoben sein.


Was früher ging

Vielleicht erinnert er sich auch der Erzählungen seiner Großeltern wonach die Züge auch noch fuhren, wenn ihnen unterwegs Tiefflieger (Luftgangster) auflauerten. Nicht immer konnte die Flak, von 16-jährigen Helfern bedient, die Flieger abhalten, deren Bordwaffen Kinder auf dem Schulweg umbrachten oder auch die Dampflok beschädigten. Dann wurde in der Nacht gehämmert und geschweißt, und am Morgen war die Lok wieder fahrbereit.

 

Die Arbeiter betrachteten die Reichsbahn aber nicht als einen fernen Kapitaleigner, für die war das „ihre“ Bahn. Sie setzten ihren ganzen Ehrgeiz daran, daß diese auch 1944 noch einigermaßen pünktlich fuhr.  


Was Brüche erzeugte

Kommen wir aber nun zum Arbeiter im Rhein-Maingebiet. Im Jahre 1976 hatte er seine Facharbeiterprüfung abgelegt. Damals konnte ein Facharbeiter heiraten, zwei Kinder haben, ein Grundstück kaufen und darauf ein Haus bauen. Die Mutter, bis dahin als Verkäuferin in einem Schuhgeschäft tätig, das es heute nicht mehr gibt, blieb zuhause. Bis beide Kinder aus dem Gröbsten heraus waren.


Niemand machte sie darauf aufmerksam, dass dieser Bruch im Arbeitsleben später einmal eine Niedrigrente bedeuten wurde. Zum Glück konnte sie damals ihre Rentenansprüche nicht mehr verkaufen, etwas ältere Arbeiterinnen hatten das bei ihrer Hochzeit getan. Sie bekamen einige hundert Mark ausgezahlt, aber die erworbenen Rentenansprüche wurden gestrichen.


Was es nicht gab

Die Kinder bekamen regelmäßig ihr Mittagessen und die Familie aß gemeinsam zu Abend. Eine Person (in diesem Fall von vier) zahlte Beiträge zur Krankenkasse, Rentenversicherung und bekam seine Lohnsteuer vom Gehalt abgezogen. Die Mehrwertsteuer betrug 1980 13 %, die Staatsverschuldung war in vorstellbarer Höhe und das Wort „Mindestlohn“ gab es nicht, denn der von den Gewerkschaften erkämpfte Tariflohn war die Lohnuntergrenze. Oft wurde „über Tarif“ bezahlt.


Gleich bei der Hochzeit hatte die Familie einen Bausparvertrag

abgeschlossen, wobei sie zwischen Tarifen entscheiden konnten, die bei der Ansparung 3% Habenzinsen bei späteren 5% Sollzinsen und 2,5 % Habenzinsen bei 4,5 % Sollzinsen vorsahen. Nach zehn Jahren war das Bauspardarlehen getilgt, wobei der Staat in den ersten acht Jahren erhebliche Steuerbegünstigungen gewährte. Auf dem Sparkonto gab es 3 % Habenzinsen, die zum Bau des Hauses erforderliche Hypothek wurde mit 6% verzinst. Bei 1% + ersparte Zinsen, ergab das eine Annuität von 7 % und nach 30 Jahren war die Hypothek abbezahlt.


Was Zinsen unterscheidet

Also: Mietfreiheit im Alter, die Nebenkosten für Strom, Heizung, Wasser konnte man vernachlässigen. Auf dem Sparkonto erhält man heute noch 0,5 % Zinsen, wenn man eine Durststrecke durch einen Dispokredit überwinden muß, zahlt man 12%. Die Nebenkosten stellen eine erhebliche Belastung dar.


Heute kauft ein Facharbeiter kaum noch ein Grundstück und baut nur noch selten ein Haus. Viele Kinder haben kein Mittagessen zu Hause und viele Familien kein gemeinsames Abendessen. Vater und Mutter müssen arbeiten, zwei Personen zahlen Steuern und Sozialabgaben. Die Mehrwertsteuer beträgt 19%, die Staatsverschuldung hat eine astronomische Höhe erreicht, es werden Mindestlöhne gefordert und die so entlohnten, werden nie von ihrer Rente leben können.


Was vorgebetet wurde

Vielleicht ist dem Arbeiter noch in Erinnerung, dass der damalige Arbeitsminister Blüm gebetsmühlen-

artig verkündete „Die Renten sind sicher“. – Was der Nobby, der so gerne von sich behauptete: „Ich bin einer von euch, ich habe noch bei Opel am Band gearbeitet“, nicht sagte, dass die zu erhoffende Rente niedrig sein werde. Einfach deshalb, weil er nicht verhindern konnte, daß die gut gefüllten Rentenkassen durch sachfremde Leistungen geplündert wurden, durch Leistungen, die eigentlich der Bundeshaushalt hätte tragen müssen.


Die Fragen und Antworten (wenn überhaupt welche kommen) mögen unterschiedlich sein, je nach Standort in Deutschland. Eines steht aber fest: Alle etablierten Parteien behaupten gerne, dass gerade der Facharbeiter das Rückgrat unserer Arbeitswelt sei. Sie haben es aber zugelassen, daß gerade diese Elite in Deutschland in einer einzigen Generation ausgeplündert und ihrer Zukunftsaussichten im Rentenalter beraubt wurde. Ob diese bei der Bundestagswahl daran denken werden? Werden Sie enttäuscht einfach zu Hause bleiben?

Otto Schumann

FOLGE 138 (2013-08-19)

Foto: Flickr

Wer den Karren aus

dem Dreck zieht

Ist die von den USA beabsichtigte Einkreisung Russlands misslungen?

Man muß ein Langzeitgedächtnis haben, um manche politische Entwicklungen richtig einzuordnen. Als in den USA die beiden Zwillingstürme am 11.09.2001 von Selbstmördern vernichtet und viele sechstausend Menschen zu Tode kamen, waren viele Menschen erschüttert.


Spontanitäten

Claus Cleber, der Sprecher vom ZDF-Journal, der vorher 15 Jahre lang in den USA arbeitete, schreibt in seinen Erinnerungen, dass er im Auto in New –York auf dem Weg zu seinem Arbeitsplatz war, erfuhr er die Neuigkeit im Autoradio und seine erste Reaktion war: „Wie kannst Du das jetzt noch schnell nach Deutschland bringen, damit das dort bekannt wird?“ – Dann habe er an die gestorbenen Menschen gedacht und habe sich für seine erste Reaktion geschämt.


Ähnlich erschüttert war wohl der damalige Kanzler Gerhard Schröder und spontan sagte er den USA jedwede Hilfe Deutschlands zu. Unter anderem wurde die Zusammenarbeit der Geheimdienste verstärkt – heute streitet man sich im Wahlkampf darüber.

 

Den Präsident getäuscht

Schröder merkte wohl nach einigem Nachdenken, dass seine spontane Zusage gefährlich war und stemmte sich gegen das Ansinnen der USA, im Irak einzumarschieren. Heute wissen wir, dass selbst der US-Präsident von seinen Hardlinern getäuscht wurde. Man scheute nicht davor zurück, im Konzept einer Rede von Bush-jr. einfach den Hinweis zu streichen, dass der Krieg das letzte Mittel sei, wenn ein Beschluss der Vereinten Nationen keine Wirkung zeige.


Zur Ehrenrettung des Präsidenten muss man sagen, dass er in letzte Sekunde merkte, dass man ihm einen veränderten Text untergeschoben hatte. Von sich aus fügte er den Zusatz ein, dass erst die UN gefragt werden solle, bevor es zum Krieg käme.


Keine Leichtmatrosen

Aber wie ging es weiter? In einem Telefongespräch des damaligen US-Außenministers Powell mit Joschka Fischer beklagte sich der Amerikaner darüber, dass es Deutschland an Unterstützung mangeln lasse. Fischer machte einen Fehler als er sagte: „Sprechen Sie mit Ihrem Präsidenten, er möge in dieser Frage Jacques Chirac, den Präsidenten Frankreichs, kontaktieren“. Jetzt gingen bei den Amerikanern alle Warnlampen an.


Dass Frankreich Schwierigkeiten machte, war man in den USA seit 200 Jahren gewohnt. Dass aber die Achse Berlin: Paris so eng war, dass man nur noch gemeinsam handeln wollte, erschien gefährlich. Deutschland, das war der getreue Vasall, der alles mittrug, was in den USA ausgeheckt wurde. Paris und Berlin vereint, das waren keine Leichtmatrosen, ja und wie war die Männerfreundschaft Schröder-Putin einzuordnen? Kam da eine ganz neue Bedrohung auf?


Schröders Vergesslichkeit

Als Schröder dann in einer Rede Bush jr. als einen Abenteurer bezeichnete, sprach er sein politisches Todesurteil – Schröder musste weg. Dass da die deutsche Justizministerin einen Vergleich zwischen Bush jr., Adolf Hitler und Josef Stalin anstellte… und keinen fand, war da nur noch eine Randerscheinung. Die Regierung Schröder hatte keine Chance mehr, sie mußte durch Angela Merkel ersetzt werden. Im Mainzer Karnevalszug zeigte man sie dann, wie sie versuchte, Bush jr. in den Allerwertesten zu kriechen – aber der Platz war schon von Tony Blair und Silvio Berlusconi besetzt.


Dass innenpolitisch die Agenda und Hartz IV ein weiteres Hindernis für die deutsche Regierung waren, ist auch klar. Es erscheint unerklärlich, dass ungerechterweise allein die Arbeitnehmer und Rentner so belastet wurden. Hatte Schröder vergessen, dass er von ganz unten kam? Der Vater in Rumänien gefallen, die Mutter schuftete als Putzfrau, um ihm sein Studium zu ermöglichen. Trotzdem mußte er mehrmals Nachbarn um kleine Darlehen bitten, damit sie genug zum Essen hatten.


Spitzname „Acker“

Sobald es möglich war, zahlte er zurück, wie die Nachbarn berichteten. Natürlich ackerte er auch, um das Studium mit beiden Staatsexamen zu beenden, erhielt den Spitznamen „Acker“. Aber gerade deshalb wusste er, dass nur „die kleinen Leute“, nicht das satte Bürgertum, den Karren aus dem Dreck ziehen konnten. Dies als Erklärung für sein eigentlich unerklärliches Handeln.


Die löffelten die Suppe aus, die sich als Radikalkur erweisen sollte. Merkwürdig: Portugal übernahm jetzt die Agenda 1:1 und es zeigten sich die ersten wirtschaftlichen Erfolge. Geht es nur auf die ungerechte Art und Weise, dass alleine „der kleine Mann“ den Karren aus dem Dreck ziehen muss, in den ihn Großmannssucht früherer Regierungen hineingefahren hat?


Scholl-Latour zählte auf

Kommen wir aber auf die Einkreisungspolitik der USA gegenüber Russland zurück. Peter Scholl-Latour hat sie Punkt für Punkt aufgezählt – wurde aber als alter Mann abgetan. Nur, diese Politik klappte nicht überall, in der Ukraine nicht, in Georgien und anderswo. Außenpolitisch erlebte die USA ein Desaster nach dem anderen. Afrika ging längst verloren, hauptsächlich an China, wenn auch die Franzosen sich in ihren ehemaligen Kolonien einmischen.


Der Nahe Osten? Die Revolutionen in Nordafrika brachten nicht das von den USA gewünschte Ergebnis. Im Irak hinterließen sie ein Chaos, in dem sich Schiiten und Sunniten umbringen. Wenn sie in Afghanistan wirklich abziehen, werden sie kein einziges ihrer Kriegsziele erreicht haben. Die Atommacht Pakistan der nächste fallende Dominostein?


Meine zwei Taxi-Fahrer

Die Türkei? Zu meinen Arztbesuchen in Darmstadt fahren mich in der Regel zwei Taxi-Fahrer, einer stammt aus Marokko, ging hier zur Schule, machte seinen Bachelor und spricht besser Deutsch als ich, da kommen geschliffene Ansichten. Der andere ist Mustafa aus der Türkei. Dieser lebt seit 20 Jahren hier, spricht Gastarbeiterdeutsch. Er ist ein glühender Anhänger von Erdogan.


„Der hat es richtig gemacht, er hat die Generäle entmachtet, viele ins Gefängnis geworfen, von denen (meist in den USA ausgebildet) kommt keine Gefahr mehr“. Daß Deutschland den EU-Beitritt der Türkei blockiert? „Darüber lachen wir nur, wie brauchen die EU nicht, wir haben andere Freunde“. Die Vermittlungsversuche der USA zwischen den Palästinensern und Israel? Da haben sich schon ganz andere (Schwergewichte) die Zähne ausgebissen.


Der Mückenschiss

Mit anderen Worten: Deutschland wird sich auch nach den Wahlen im September am Gängelband der USA führen lassen, koste es, was es wolle! Natürlich ist Deutschland alleine „ein Mückenschiss auf der Landkarte der Welt“. Die Zusammenarbeit mit anderen Nationen wird nicht funktionieren, wobei Europa eine Macht wäre, wenn es zusammenhielte. Vor allem Groß-Britannien wird nicht mitspielen. Eine Zusammenarbeit mit Russland wäre wohl zu gefährlich, obwohl die Geschichte beweist, dass Preußen immer dann bei den Gewinnern war, wenn die Allianz mit Russland funktionierte, z.B. 1813 in Leipzig, dem Ausgangspunkt für Waterloo, das 1815 für Napoleon das Ende bedeutete.


Also deshalb gilt im September „weiter so, Michel schlaf weiter“. So wird es wohl kommen. Die Lebensmittelpreise sind 2013 um 11 % gestiegen, Kartoffeln für sich genommen um 31%, die Rentner Schauen in die Röhre? Angela wird es schon richten! Aber wo ist der Volkstribun, der dagegen halten könnte? Ich sehe ihn nicht!


Gott schütze Amerika

Allerdings sollte man bei allen weltpolitischen Überlegungen eines nicht unterschätzen: Die US-Bürger stehen in Zeiten der Gefahr fest zusammen und scharen sich um ihren jeweiligen Präsidenten. Noch nie wurde ein Präsident in Notzeiten abgewählt, möge er innenpolitisch noch so viele Fehler begangen haben. Bush jr. verstand es vorzüglich, nach dem 11.09. 2001, die Flüstertüte in die Hand zu nehmen, auf einem Trümmerberg einen Feuerwehrmann zu umarmen und voranzugehen – die Bürger folgten ihm auf dem Kreuzzug gegen die Gegner, mögen seitdem auch noch so viel junge Menschen den Tod gefunden haben. „Right or wrong, my country“– alles andere zählt nicht. In Deutschland wäre das undenkbar. Das mußte schon Kaiser Wilhelm und Adolf Hitler einsehen.


Als ich in den USA sah, wie Schulkinder vor dem Unterricht antreten, die Fahne aufgezogen wird, sie die Hand ans Herz legen und voller Inbrunst die Nationalhymne singen, dachte ich: „Diese Kinder werden kaum eine Chance im Leben haben, aber sie glauben fest an ihr Land“. Dazu kommt eine manchmal verquarzt empfundene Religiosität. Wenn sie singen „Gott schütze Amerika“, dann glauben sie fest daran. Das erinnert an das Lied, das man in Preußen sang, als der siebenjährige Krieg verloren schien: „Es helfe uns der Herre Gott, zum Sieg aus aller Not“. Daraus ziehen sie die Kraft zu ihrem Sendungsbewusstsein, sie sind überzeugt, die Welt verbessern zu müssen.


Was Rice meinte

Kaiser Wilhelm meinte einst: „Am deutschen Wesen, soll die Welt genesen“ – in den USA haben sie das voll übernommen. Wenn dort ein Familienvater seine Familie nur deshalb ernähren kann, weil seine Frau und er mindestens zwei, wenn nicht drei Jobs haben, so findet er das richtig. Er meint, dass das System richtig, er selbst aber versagt habe.


Wie sagte doch die damalige Außenministerin Condoleezza Rice: „Entscheidend ist nicht unsere Stärke. Entscheidend ist, wer in der Epoche nach dem zweiten Weltkrieg auf der richtigen Seite des Geschehens stand. Das waren Länder, die gemeinsam an Werte glauben – Werte wie Demokratie, Meinungsfreiheit, Religionsfreiheit – und die das Streben nach einem Wohlstand fördern, der die Menschenwürde sichert. Wir wollen mit unserer Stärke diese Werte dorthin tragen, wo sie noch nicht verbreitet sind.“ Die Frage muss erlaubt sein, ob sich die USA unter Bush und Obama selbst an diese hehren Ziele hält.


Es mag sein, dass man in den Neu-England-Staaten liberaler denkt. Aber Wahlen werden nicht in New-York oder im Osten entschieden, sondern im mittleren Westen. Dort wo schnurgerade Straßen nach Westen führen und man vergeblich erwartet, dass nach dem nächsten Hügel außer grasenden Rindern etwas zu sehen wäre. Ja man sieht vielleicht eine Erinnerungstafel, auf der steht, daß hier im 19. Jahrhundert der Santa Fe`-trail von Indianern überfallen wurde, und man findet vielleicht noch Pfeilspitzen aus Feuerstein.             

Otto Schumann

FOLGE 137 (2013-08-14)

Foto: Archiv LWP

In Offenbach wurden den Kickers die Beine schwach

Jahrhundertelang sahen die Frankfurter Bürger verächtlich auf den Nachbarn Offenbach herab. Ein Ausspruch: „Krieh die Krenk Offebach, die Plasterstaa binne se a, die Hunde lasse se laafe“. Frankfurt, das war die alte Handelsstadt, Offenbach wurde im 19. Jahrhundert zur Industriestadt, zur Stadt der Malocher, mit Schwerpunkt Lederwaren und Maschinenbau.

 

Finanziell übernommen

 

Beide Zweige nagen seit etwa 1970 am Hungertuch, die Zahl der Arbeitslosen und Sozialhilfeempfänger stieg dramatisch an. Wer sich nicht auskennt: Im Osten trennt der Main die beiden Städte, das Nordufer zählt zu Frankfurt, das Südufer zu Offenbach und im Westen, am Kaiserley, verlaufen die Grenzen so verschachtelt, daß man nicht genau weiß, welches Haus noch zu Frankfurt oder zu Offenbach zählt.


Im Fußball versucht Offenbach seit etwa 50 Jahren vergeblich, dem großen Nachbarn Eintracht Frankfurt Paroli zu bieten. Dabei haben sie sich finanziell übernommen. Im Jahr 2010 wurde der Profifußball aus dem eingetragenen Verein Kickers Offenbach 1901 ausgegliedert und in eine GmbH überführt. Nach der Bilanz hatten die Fußballer damals etwa vier Millionen € Schulden. Daraus wurden bis 2012 über neun Millionen, die GmbH mußte Insolvenz anmelden, es kam zu Untersuchungen der Staatsanwalt-schaft, zur Beschlagnahmung von Akten, eine für Anfang September vorgesehenen Mitgliederversammlung des Vereins mit Neuwahlen zum Präsidium muß verschoben werden.

 

Ab in die Regionalliga

 

Die wundersame Vermehrung der Schulden ist zum Teil auf unterschiedliche Bilanzierungen zurückzuführen. Einige Gläubiger hatten auf ihre Forderungen verzichtet, deshalb „nur“ vier Millionen Schulden im Jahre 2010. Aber der Verzicht war nicht endgültig, denn sie hatten „Besserungsscheine“ erhalten, d.h. die Forderung sollte wieder in der alten Höhe aufleben, wenn sich die Einnahmen des Schuldners, z.B. durch höhere Fernsehvergütungen nach einem Aufstieg in die 2. Liga, verbessern würden.

Der neue Vorstand war demgegenüber 2012 der Meinung, daß es richtiger sei, die Verbindlichkeiten in der alten Höhe auszuweisen. Folge: Erhebliche Überschuldung, Insolvenz musste angemeldet werden, die Mannschaft wurde vom Verband von der dritten Liga in die Regionalliga Südwest versetzt.

 

Einer klagte ein

 

Auf die Arbeitsverträge der Spieler, Trainer und sonstigen Mitarbeiter hatte das zur Folge, daß sie gegenstandslos wurden. Wer bereit war, zu geringeren Bezügen weiterzumachen, mit dem wurden neue Verträge abgeschlossen.

Nun hat zumindest ein Spieler da nicht mitgemacht und klagte vor dem Arbeitsgericht auf Weiterbeschäftigung zu den vereinbarten Bezügen, Grundgehalt monatlich 17.000,00 € + Einsatz- und Punktprämien.

 

Der 36 Jahre alte Kicker kam so in der 3. Liga auf ein Bruttogehalt, das etwa dem des Bundespräsidenten gleicht. Man muß davon ausgehen, daß dies kein Einzelfall ist, sondern den Gepflogenheiten in der 3. Liga entspricht. Ist es da verwunderlich, daß viele Mannschaften der 3. Liga finanziell vor dem Abgrund stehen?

 

Paragraphengewusel

 

Wie schlampig man in Offenbach aber arbeitete, sieht man daraus, daß der Anwalt des Spielers darauf hinwies: „Mein Klient hat gar keinen Arbeitsvertrag mit der GmbH, sondern mit dem eingetragenen Verein und der ist ja nicht insolvent“. Abgesehen davon, daß auch der Verein inzwischen zwei Millionen Schulden ausweist, ist die Stellungnahme der Kickers interessant: „In dem Vertrag erscheint zwar der Verein als Vertragspartner, unterschrieben als Arbeitgeber hat aber nur der Geschäftsführer der GmbH. Der ist für den Verein überhaupt nicht vertretungsberechtigt“. Es erhebt sich also die Frage, ob sich ein Arbeitnehmer versichern muß, ob sein Gegenüber überhaupt vertretungsberechtigt für den Arbeitgeber ist.


Wie oft üblich versuchte die Richterin, beide Parteien zu einem Kompromiss zu bewegen. Der Arbeitnehmer sollte der Vertragsauflösung zwar zustimmen, dafür sollte er aber eine saftige Entschädigung erhalten. Das wollten die Kickers aber nicht, und Anfang September soll nun in der Sache entschieden werden. Ich gehe mal davon aus, daß der Spieler dabei die besseren Karten hat. Mir ging es aber hier nur darum aufzuzeigen, wie leichtfertig im Fußballsport (und sicherlich auch in anderen Sportarten) mit dem Geld der Mitglieder, Zuschauer und Sponsoren umgegangen wird.

Otto Schumann    

 

FOLGE 136 (2013-08-07)

Quelle: Schule in Weimar

Schulesel und Prügelstrafe

Nun beginnt ein neues Schuljahr. Das ist eine Gelegenheit, um Vergleiche mit der gar nicht so fernen Vergangenheit anzustellen, in der die Schulkinder oft drakonischen Strafen der Lehrer aus-

gesetzt waren. Zu meiner Überra-schung fand ich bei einer Urlaubsreise in die USA, dass die Aussiedler aus Deutschland dorthin auch die Organisation des Schulwesens mitgebracht hatten, z.B. den Schulesel, auf dem die Schüler sitzen mussten, wenn sie etwas „fixiert“ hatten.


Dass ein Lehrer einen Schüler zu Tode prügelte, das gab es in der jüngsten Vergangenheit wohl nicht mehr. Aber so lange ist das nicht her, und dass die Kinder schmutzig zur Schule kamen haben wohl nachhaltig erst die Lehren von Pfarrer Kneipp verändert – „Wasser ist zum Waschen da“ – ein Grundrecht der Menschen, das man in Ungarn erst in diesen Tagen aus der Verfassung strich. Dort ist Wasser jetzt nur für denjenigen da, der es auch bezahlen kann. Nun aber mein vor einigen Jahren abgefasster Bericht:

Erzhäuser Schule im

Wandel der Zeit

Bald nach Beginn eines neuen Schuljahres werden die ersten Klassenarbeiten fällig um die Schüler zu benoten. Von den Schülern werden diese Arbeiten gefürchtet, oft mehr als die früher üblichen Zwangsmittel der Lehrer. Zum Beispiel das Sitzen der Kinder auf dem "Schulesel“ als Strafe oder als mildere Ausgabe des „Prangers“, das Eckenstehen oder das Stehen vor der Tür, der vorrübergehende Ausschluss vom Unterricht, insbesondere aber die Prügelstrafe.

 

„Die Blutblas“

Undenkbar wäre heute ein Lehrer, wie ihn der Frankfurter Lokal-Dichter Stoltze in seinem Gedicht „Die Blutblas“ skizziert ... „stets nach Prüchel stand sein Sinn“... und dem der listige Metzgersohn Mohr dadurch begegnete, dass er sich eine mit Blut gefüllte Schweinsblase unter die Hose band, wodurch ihm das Blut die Beine herabfloss, als ihm Lehrer Diehl mit dem Rohrstock die übliche Abreibung verpasste.

 

Danach dämmerte dem Lehrer, was passieren könnte, wenn er seinem Zorn zu sehr freien Lauf lassen würde. Dieses Gedicht spielt Ende des 19. Jahrhunderts, aber ältere Einwohner erinnern sich heute noch lebhaft daran, dass die Prügelstrafe in der Schule erst vor gut 50 Jahren abgeschafft wurde. Geprügelt wurde vom Lehrer durch Schläge mit der flachen Hand ins Gesicht oder mit dem Rohrstock, gelegentlich auch mit einem langen Holzlineal mit Stahlkante.

Tragischer Unfall

Dabei machten die Lehrer Unterschiede zwischen Buben und Mädchen. Den Jungens schlugen sie auf den Rücken und das Gesäß. Für Mädchen gab es eine subtilere Art der Strafe. Sie mussten mit der Hand „Pfötchen“ machen und empfingen ihre Schläge auf die Fingerkuppen. Selten berichteten die Kinder von diesen Strafen zu Hause, denn es war weit verbreitet, dass der Vater dann seinen ledernen Gürtel, den Leibriemen, nahm und die Züchtigung ohne größere Rückfrage wiederholte.    

 

Drakonische Strafen gehörten auch zum Schulalltag in Erzhausen. Die Chronik berichtet jedoch von einem besonders tragischen Unfall im Jahre 1857. Lehrer Georg Wilhelm Kuhlmann, der sein Amt 1825 als Nachfolger seines Vaters Johann Nikolaus angetreten hatte, traf den Sohn des Gemeindehirten Heinz (das gemeindliche Hirtenhaus stand in der Weihergasse, neben der dort 1911 eingerichteten kaiserlichen Poststation – bis dahin mussten die Bürgermeister die Postgeschäfte mit erledigen) mit Schlägen so unglücklich, dass das Kind an den Folgen verstarb.

Lehrer mit 150 Schülern

Es kam zu einer öffentlichen Untersuchung. In dem danach veröffentlichten Bericht heißt es wörtlich: „Der Lehrer an der Schule, Gg. Wilhelm Kuhlmann, zeigte sich exakt und willig in seinem Dienste, vermochte aber, da er schon im höherem Alter (67) vorgeschritten und die Zahl seiner Schüler bis auf 150 (Anmerkung: heute werden an der Erzhäuser Lessingschule etwa 250 Schüler in zwölf Klassen von 16 Lehrern unterrichtet) angewachsen war, den Anforderungen an das Schulamt nicht mehr zu genügen“.

 

Die Gemeinde wollte zunächst einen Aufschub erreichen. Sie wollte den Lehrer bewegen, auf seine Kosten einen Gehilfen einzustellen, was dieser aber ablehnte. Sein Jahresgehalt betrug zu diesem Zeitpunkt 311 Gulden, sowie Naturalien im Werte von 28, insgesamt 339 Gulden.

Russisch-grüner Rock

Kuhlmann wurde, nach 34-jähriger Dienstzeit, schließlich 1859 in den Ruhestand versetzt. Der Text der Entlassungsurkunde lautet: „Im Namen seiner königlichen Hoheit des Großherzogs von Hessen und bei Rhein etc. - Nachdem seine Königliche Hoheit der Großherzog durch Allerhöchste Entschließung vom heutigen Tage geruht haben, den Schullehrer zu Erzhausen im Kreise Darmstadt, Georg Wilhelm Kuhlmann, auf sein Ersuchen mit einer aus der Schuldotation zu entnehmender Pension von zweihundert Gulden, worüber ihm eine angemessene Rate zugestellt werden wird, in den Ruhestand zu versetzen, so ist hiernach gebührend zu beachten und wird im Allerhöchsten Auftrage hierüber gegenwärtiges Dekret ausgefertigt. Darmstadt, den 14. Juni 1859, Großherz. Ministerium des Inneren“.

 

Trotz dieser hohen Schülerzahl wurde erst am 12. Juli 1865 in Erzhausen eine 2. Lehrerstelle eingerichtet. Geld war knapp, Schulbildung der Kinder hielt man nicht für vordringlich. Kuhlmann starb am 3. Oktober 1870, kinderlos, im Alter von 80 Jahren, 4 Monaten, 27 Tagen. Erzhausen zählte damals 829 Einwohner. Überliefert ist, dass er mit Vorliebe einen russisch-grünen Rock trug, der wahrscheinlich beim Durchzug russischer Einheiten im Jahre 1813 hier zurückgeblieben war. Solche Kleidungsstücke waren eine Seltenheit. Auch Pfarrer Hager berichtete in seinen Lebenserinnerungen, dass ihm ein russischer Mantel gute Dienste tat, wenn er bei schlechtem Wetter zwischen Wixhausen und Erzhausen zu Fuß seinen Amtsgeschäften nachging.

Kredit beim Handelsjuden

Lehrer Kuhlmann war 1858 die treibende Kraft zur Gründung einer Spar- und Leihkasse in Erzhausen. Bis dahin war alleine die 1844 als selbständige Anstalt öffentlichen Rechts gegründete Bezirkssparkasse Langen (vorher gab es in Langen schon eine Filiale der Groß-Gerauer Sparkasse) für die Erzhäuser Bankgeschäfte zuständig. Für die Erzhäuser, die noch keine Bahnstation hatten, bedeutete dies, dass sie acht Kilometer zu Fuß (Fahrräder gab es noch nicht) oder mit dem Fuhrwerk nach Langen fahren mussten, wenn sie ihre Geldgeschäfte erledigen wollten.

 

Oft zogen sie es vor, diese Geschäfte mit Handelsjuden abzuschließen, die zudem als diskreter galten, wenn ein Einwohner ein Darlehen benötigte. Bei Sparkassen und Genossenschaftsbanken mussten ehrenamtliche Gremien über Kreditvergaben entscheiden. In diesen saßen oftmals Nachbarn des Kreditsuchenden. Das war nicht jedermanns Sache und mit ein Grund, weshalb man lieber „beim Juden“ Kredit aufnahm. Der Jude half rasch, unbürokratisch und diskret, sicherte sich natürlich durch Wechsel oder Hypotheken ab.

Ungewaschen zur Schule

Als die Sparkasse dann nach einem heftigen Unwetter, bei dem ein Großteil der Ernte vernichtet wurde, den Landwirten aus der Nachbargemeinde Egelsbach, aber nicht denen aus Erzhausen, eine Spende zur Verfügung stellte, war die Aufregung in Erzhausen groß. Selbst der Pfarrer wetterte gegen den Sparkassenvorstand, titulierte ihn als „Gesindel“, weil er den Erzhäusern nichts geben wollte. Am 1. April 1859 wurde schließlich die Spar- und Leihkasse Erzhausen errichtet. Zum Geschäftsbereich der Bezirkssparkasse Langen gehörte Erzhausen aber noch bis zu einer Neugliederung im Jahre 1937.

 

Interessant ist auch ein Hinweis in der Chronik, dass im Sommer Schulbeginn morgens um 5 Uhr war. Lehrer und Kinder mussten halt neben dem Unterricht auch noch Zeit für landwirtschaftliche Arbeiten haben. Die Berichte besagen, dass 150 ungewaschene Kinder, mit Läusen, Hautausschlägen und Kopfkrätze behaftet, oft in zerrissene Kleider gehüllt, mit dem Lehrer zum Unterricht in einem Raum von 70 qm weilten, in dem ein unerträglicher Geruch herrschte.

Zeichen mit drei Kreuzen

Nicht jedes Wohnhaus hatte damals eine eigene Wasserstelle, einen Born oder eine Pumpe. Eine Wasserleitung und damit sauberes Wasser erhielt Erzhausen erst 1926, sogar noch fünf Jahre später als zu dem Zeitpunkt, an dem erstmals elektrisches Licht in Erzhausen erstrahlte. Das moderne Zeitalter hatte nun Einzug in Erzhausen gehalten. Körperpflege war deshalb für die einfachen Leute bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts ein Luxus. Krankheiten und Seuchen fanden deshalb leichter einen Nährboden. Mit Misstrauen sah man, dass jüdische Mitbürger seltener erkrankten. Dass dies auch damit zusammenhing, dass jüdische Einwohner aus religiösen Gründen reinlicher waren, erkannte man nicht.

 

Im Jahre 1863 wurde in Erzhausen ein zweiter Schulsaal gebaut. Ob die Kinder jetzt wesentlich mehr lernten? Die große Mehrheit konnte sicherlich nicht viel mehr als ihren Namen schreiben. Trotzdem finden wir in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts unter Dokumenten oftmals ein Handzeichen mit drei Kreuzen und den Hinweis, dass dies das Zeichen von dieser oder jener Person sei, die des Schreibens ungewohnt sei. Noch im 1. Weltkrieg wurden den Soldaten zur Erleichterung des Schriftverkehrs Feldpostkarten für die Familien in der Heimat ausgehändigt, bei denen die Texte schon weitgehend vorgegeben waren.

Kinder als Sozialhilfe

Mitte des 19. Jahrhunderts gab es in Südhessen einige Missernten (Kartoffelfäule) und es herrschte bittere Not in Erzhausen, ja in ganz Deutschland. Deshalb wanderten alleine zwischen 1849 bis 1858 26 Erzhäuser Familien in die USA aus. Die geschilderten Verhältnisse sind kaum 150 Jahre her und wir sollten daran denken, wenn wir uns heute über Lehrermangel und fehlende Unterrichtsräume an unseren Schulen beklagen.

 

Wir sollten uns aber auch nicht darüber mokieren, dass in den vielen Slums und Townships dieser Welt heute noch Verhältnisse herrschen, die wir auch erst vor wenigen Jahrzehnten überwunden haben. – Deutschland zählt heute zu den reichsten Nationen der Welt- trotz Armutsbericht, trotz Diskussionen über die Höhe von Sozialhilfen usw. Vor 150 Jahren bestand die Sozialhilfe der Familien hier in acht bis zehn Kindern, die im Alter für ihre Eltern sorgen sollten. Diese Notzeiten wollen wir nicht wieder haben. Etwas Realitätssinn ist jedoch angebracht, ehe wir in lautes Jammern ausbrechen.

 

Erzhausen im August 2001

Otto Schumann

      

FOLGE 135 (2013-07-30)

Caspar Wannemacher

auf der Spur

Familienforschung ist spannend wie ein Krimi

Dieser Tage, draußen war es fast 40 °, erhielt ich eine Mail von einem Ed Schultz aus Ohio. Sein Urgroßvater Caspar Wannemacher stamme aus Erzhausen. Er habe gehört, dass ich Hobbyhistoriker sei, ob ich ihm da weiterhelfen könne. Nun ich gestehe, dass ich eigentlich zu faul war, um tiefer in die Materie einzusteigen und einen schwierigen Text in englischer Sprache zu verfassen.

Alte Festplatte musste her

Zwar habe ich in der Tat im Jahre 2003 ein Büchlein über Erzhäuser Familien geschrieben. Das 570 Seiten umfasst. Ich dachte, „kannst ja mal nachsehen, ob Du einen Caspar Wannemacher findest, der in die USA ausgewandert ist.“ Aus Platzgründen schrieb ich seinerzeit nur die Fakten auf, aber keine Quellen. Wenn ich also da einsteigen soll, dann muß ich auf eine längst ausrangierte Festplatte zurückgreifen, auf der ich seinerzeit alles kopiert hatte, ja und dann suchte ich doch.

Man muß dabei daran denken, dass ich damals in monatelanger Arbeit, oft mit der Lupe, entziffert habe, was vor 200 oder 300 Jahren niedergeschrieben wurde, in einer Handschrift, die junge Menschen heute gar nicht mehr lesen können. Der Protokollant war damals in der Regel einige Jahre tätig und mühsam hatte ich mich an seine Eigenheiten gewöhnt, wusste, was er zum Beispiel mit Abkürzungen meinte. Sobald ich so weit war ihn zu verstehen, kam ein anderer und ich begann von vorn. Mit anderen Worten, es war ein mühsames Geschäft und eigentlich hatte ich keine Lust, mir diese Unterlagen noch einmal anzusehen.

Viele ohne Genehmigung

Aber dann packte mich doch wieder das Jagdfieber, und ich ging auf Spurensuche. Da war z.B. zu klären, ob Caspar Wannemacher mit behördlicher Genehmigung auswanderte oder nicht. Die gesetzliche n Vorschriften füge ich bei. Hatte er die erfüllt, dann war die Ausreise wahrscheinlich über Bremen oder Hamburg erfolgt und dann sind wir auf der sicheren Seite, denn mit deutscher Gründlichkeit sind diese Passagierlisten erhalten geblieben.

Aber es sind ja auch viele junge Männer ohne Genehmigung abgehauen. Vielleicht hatten sie ihren Militärdienst noch nicht absolviert, hatten Schulden oder waren irgendwie mit dem Gesetz in Konflikt gekommen. Dann konnten sie den Weg über Hamburg oder Bremen nicht nehmen, denn dort wurden Papiere streng kontrolliert. Also mussten sie einen Hafen in den Niederlanden oder in England erreichen und dort mit einem Schiffskapitän über den Passagierpreis einig werden.

Reise in den Westen

War dies geschafft, gab es in den USA kein Problem bei der Einreise. Der Beamte sprach sowieso kaum Deutsch und um Spuren zu verwischen, gab der Siedler einen falschen Namen an. Dem Beamten war das egal, Hauptsache der Mann hatte noch so viel Geld, das es für die Reise in den Westen reichte. Dort war genügend Land vorhanden (das man den Indianern abgenommen hatte). Das konnten ja die Ankömmlinge beackern.

Die US-Regierung stellte ihnen kostenlos Land zur Verfügung und gewährte einige Jahre Steuerfreiheit. Während des 3. Reiches sagte man deshalb bei uns: „Amerika ist von Verbrechern gegründet worden, von Menschen, die hier mit dem Gesetz in Konflikt gekommen waren. Im Einzelfall mochte das stimmen, aber in der Regel lag die Genehmigung zur Auswanderung vor.

Mit fünf Kindern

Eine Möglichkeit, von hier wegzukommen, war rheinabwärts mit einem Floss in die Niederlande. Im Schwarzwald stellten Flößer Baumstämme zusammen und ließen sie flussabwärts reiben. In den Niederlanden verkauften sie dann das Holz. Diese Flößer nahmen gerne für kleines Geld einen Flüchtling mit, der in die USA wollte.

Caspar Wannemacher reiste mit Frau und fünf Kindern am 14.05.1847 mit der Anna Paulowna und kam am 26.07.1847 in den USA an. Die Spur ließ sich in den USA weiter verfolgen bis zu seinem Tode am 15.04.1869 in Matteson an Magenkrebs.

Strafe wegen Holzfrevel

 Nicht immer gelingt es, solche Forschungen zu einem positiven Abschluss zu bringen. So ist im Jahre 1860 ein Vorfahr von mir, der Schuster Heinrich Feller, mit Frau und Kind ohne Genehmigung nach Australien abgehauen. Hier hatte er eine Strafe wegen Holzfrevel zu erwarten, weil er im hochfürstlichen Wald Holz geholt hatte, um eine warme Stube zu haben. Ich gab sogar in Australien in Zeitungen Suchmeldungen auf, aber die Familie blieb verschollen.

Hier aber einige Quellenangaben zu Caspar Wannemacher. Jim Schultz bedankte sich bei mir und so war ich im Grunde doch froh, daß ich nicht meiner Faulheit nachgab, sondern mich auf Spurensuche machte.

Otto Schumann        

FOLGE 134 (2013-07-28)

Zur Einführung ins "Land der Kartoffeln" nach Barr im Elsass.

Foto und Repro: Schumann

Nicht die Beeren -

nur die Knollen!

Gedanken zum Volksnahrungsmittel Kartoffeln

Vor etwa zehn Jahren bereitete ich mit einigen Mitstreitern in Erzhausen eine Ausstellung um die Kartoffel vor. U.a. schrieb ich den nachfolgenden Artikel „Rund um die Kartoffel“ für die Heimatzeitung, den Erzhäuser Anzeiger.


Spaziergang durch Barr

In der im Jahre 1860 errichteten Schillerschule, die heute kulturellen Zwecken dient, bereiteten wir eine Ausstellung vor. Im Schulhof wollten wir u.a. mit einem alten Gerät Kartoffelpuffer backen. Aber da hatten wir den Bürokratismus deutscher Prägung unterschätzt. Es gibt tausend Vorschriften, z.B. hinsichtlich Hygiene, die ein derartiges Vorhaben fast unmöglich machen. Nun, die Ausstellung wurde trotzdem zum Erfolg.


Im Vorfeld hatte ich mich umgeschaut, wo es vielleicht auch anderswo Ausstellungen rund um die Kartoffel gibt. Ja und im elsässischen Barr, das sich „Land der Kartoffel“ nennt, wurde ich fündig. Deshalb spazierte ich mit meiner Frau eines Tags durch die dortigen „grand rue“, die früher einmal „Hauptstraße“ hieß. Im Schaufenster eines kleinen Antiquitätengeschäfts fand ich zu meiner Überraschung Bilder von Markttagen, die in elsässer-duetsch kommentiert waren. So hieß es z.B. „Preis und Qualität spielen beim Kartoffelkauf eine Rolle. Man kauft mit Überlegung“.

Viel Zeit mitbringen

Ich fragte den Geschäftsinhaber, ob er mir die Bilder verkaufen würde und wie hoch der Preis sei. Nach dem er uns etwas misstrauisch betrachtet hatte („Was will denn der Schwob von mir? dachte er wohl), sagte er „ich kann ihne a Kopie mache lasse. Aber das dauert, ich muß jetzt erst mei Mirabelle ernte und destiliere un dann hab ich Zeit“.


Dazu muß man sagen, daß man grundsätzlich als Gast im Elsass Zeit mitbringen muss, wenn man ein Menü verzehren will. Ganz gleich ob das in einem Restaurant, wie im „Roten Löwen“ der Familie Sühner, in der Taufliebgassee 9 in Barr, einer „Wertschaft“ mit gerade mal zehn Stühlen oder einer Wiestubb geschieht, wo es nur kleine Leckereien gibt. Speisen werden nicht vorgekocht und eingefroren, folglich auch nicht in der Mikrowelle verzehrfertig gemacht, sondern das dauert eben. Ja und zum Abschluss, nach dem Käse, von dem nur gekostet, nicht die ganze Platte weggeputzt wird, gibt es einen kräftigen Schluck „Quetsch“ oder „Mirabell“ zur Abrundung. Nun, ich ließ Monsier Mangold natürlich Zeit für die Bereitung seines Mirabell und dann schickte er mir die Bilder mit der Post, wobei er sich für die Verspätung entschuldigte. Hier ist aber mein damaliger Artikel.  

  

Rund um die Kartoffel, ein Volksnahrungsmittel

 

Beginnen wir mit dem, was Schulkinder auch heute noch in der 3. Klasse über die Kartoffel lernen, wobei die Viertklässler „Kartoffelmännchen/Frauchen“ basteln sollen. Den Eltern und Großeltern der heutigen Schülergeneration werden diese Zeilen das in Erinnerung rufen, was sie selbst vor Jahren an der Lessing-, Friedrich-Ebert- oder Schillerschule in Erzhausen gelernt haben.

Tartufolo mit Nachtschatten

Die Kartoffel (von ital. tartufolo „Trüffel“) ist eine Erd- (Hack) Frucht und gehört (wie die Tomate) zur Familie der Nachtschattengewächse. Andere Bezeichnungen sind oder waren: Erdäpfel, Tartuffel, Grundbirne, Grumbiere, Bodenbirne, Tüft (von it.-span. Patate, deshalb im englischen auch Potatoes). Sie liebt lockeren, etwas sandigen, nicht zu nassen Boden. In normalen Jahren werden in unseren Breiten je Hektar etwa 200 Doppelzentner geerntete, im Odenwald spricht man aber auch von Rekordernten von 305 Dz. je ha.


Dabei schwört man auf die Sorten „Woltmann 31“, „Böhms Erfolg“, „Vater Rhein“, „Geheimrat Haas“, „Hassia“ und „Schnellerts“, während man in anderen Gegenden Deutschlands mehr auf „Holländer Erstlinge“, „Sieglinde“, „Mittelfrühe“, „Ackersegen“, „Voran“ setzt.

Frost mag sie nicht

Die Kinder lernen, daß die Kartoffel stärkereich ist und zu 20 % aus Kohlehydrate, 2 % Roheiweiß, 1 % Rohfaser, 0,2 % Fett, 1% Asche, 75 % Wasser, Vitamine A, B und C besteht und daß z.B. Vitamin C beim Kochen nur zu ca. 40 % zerstört wird. Ein Kilo Kartoffel ergibt ca. 950 Kalorien, kann also den täglichen Nahrungsbedarf eines „Schreibtischarbeiters“ fast völlig decken.

Die Kartoffel ist gegen Zuviel Nässe und vor allem Frost empfindlich. Schon Temperaturen knapp unter 0° sorgen dafür, daß sie mit einem widerlich-süßen Geschmack behaftet und fast unverkäuflich wird.


Die Kartoffel wird zu vielerlei verarbeitet. So zu Kartoffelmehl, Kartoffelflocken, Trockenkartoffel (ältere Menschen erinnern sich sicherlich noch der Zeit nach 1945, als die heimische Ernte nicht ausreichte und aus den USA Trockenkartoffeln, z.B. mit den Carepaketen, eingeflogen wurden. Sie sahen nach der Auflösung in Wasser rötlich aus und schmeckten süß, was nicht jedermanns Sache war). Auch heute noch destilliert man, besonders in Bayern, aus Kartoffeln Branntwein (bereits 1750 wird aus Darmstadt-Eberstadt berichtet, daß in neun Branntweinbrennereien jährlich 8000 Malter (Doppelzentner) Kartoffeln verarbeitet wurden; sie werden außerdem zu Klebstoff, Schuhcreme und Gummi verarbeitet.

Wegen Fäule ausgewandert

Wir lernen weiterhin die Bedrohungen, denen die Kartoffeln durch Krankheiten und Schädlingen ausgesetzt waren und sind. So können Blattroll-, Kräusel-, Mosaik-, Strichelkrankheit, Kraut- und Knollenfäule, Kartoffelschorf, Kartoffelkrebs zum völligen Ausfall der Ernte führen und das bedeutete in der Vergangenheit regelmäßig eine Hungerkatastrophe. Sie führten zu Auswanderungswellen in Irland (in den USA leben heute mehr Irländer als auf der grünen Insel), aber auch in unsrer Gegend.


Schlimm waren die Jahre 1845 bis 1847. Durch die schlechte Witterung kam es in Südhessen zur Kartoffelfäule, die 50 bis 60 % der Kartoffelernte vernichtete und zu einer Hungersnot führte, in deren Verlauf zum Beispiel in der kleinen Gemeinde Großzimmern rund 600 Personen zur Auswanderung in die USA gezwungen wurden. Karlheinz Großmann aus Egelsbach, ein profunder Kenner der Auswanderungsproblematik für Egelsbach, hat rund 350 Auswanderer namentlich ermittelt und berichtet, daß es wegen der Großzimmerer Auswanderer sogar zu diplomatischen Verwicklungen kam. Der Großherzog hatte zwar deren Überfahrt bezahlt, aber die Zimmerer saßen dort mittellos und zudem unwillig herum und die US-Behörden waren keinesfalls glücklich über diese Zuwanderer.

Als der Coloradokäfer kam

Drahtwürmer und Engerlinge sind als Schädlinge gefürchtet und den Kartoffelkäfer muß man gesondert erwähnen. Er frisst das Kartoffelkraut kahl. Durch 2 - 3 Bruten pro Jahr vermehrt er sich rasend schnell, wobei die letzte Brut bis zu 70 cm tief im Boden überwintert. Eine andere Bezeichnung des Schädlings ist „Coloradokäfer“, da er dort erstmals auftrat. Für Europa wurde deshalb Ende des 19. Jahrhunderts ein Einfuhrverbot für Kartoffeln aus den USA verhängt. Irgendwie (angeblich durch Truppentransporter) müssen aber einige Schädlinge während des 1. Weltkrieges nach Frankreich gekommen sein.


In Deutschland breitete er sich während des letzten Krieges schlagartig aus. Unbewiesen ist dabei die Ansicht, daß britische Bomber den Käfer bewusst in Massen abgeworfen hätten, um die Ernährung der Bevölkerung zu beeinträchtigen. Auf jeden Fall wurden während und nach dem Krieg Erwachsene und Schulklassen regelmäßig eingesetzt, um auf den Feldern Eier, Larven und Käfer abzusuchen und zu vernichten. Richtig Herr wurde man der Plage nach dem Krieg aber erst durch massiven Einsatz von Schädlingsbekämpfungsmit-

teln wie Kalarsen, Gesarol, Nexit, Potasan oder des Fraß- und Berührungsgiftes E 838 -, wobei das Mittel „Jakutin“ besonders erfolgreich war. -Bös muß bös vertreiben.

Was Urhessen so stönten

Auf jeden Fall war die Beseitigung der Kartoffelkäferplage eine Riesenaufgabe und so mancher Urhesse stöhnte nach 1945 verzweifelt: „Die Kartoffelkäfer un die Flichtling, die kriehe mer nie mehr los“. Nun, die Kartoffelkäferplage ist Geschichte und die Flüchtlinge wurden längst integriert, haben erheblichen Anteil am deutschen Wirtschaftswunder der Nachkriegszeit.


Sie wurden integriert, wie vorher die Hugenotten und Waldenser, die wichtige Berufe wie Feintäschner, Strumpfwirker, Zwieback Bäcker nach Hessen brachten; die erste Gastarbeitergeneration aus Südeuropa trug zumindest durch die Einführung ihrer Kochgewohnheiten zu einer Belebung der heimischen Küche bei und ist längst hier heimisch geworden. Umgekehrt hat mancher „Mehlspeisesser“ hier den Geschmack von Kartoffelgerichten lieben gelernt.

Aus Südamerika

Natürlich sind Schüler auch immer gespannt darauf zu erfahren, wie die Kartoffel überhaupt ins Hessenland kam. Manche Legenden wurden hier gewoben. Gesichert ist jedoch, daß die Spanier anfangs des 16. Jahrhunderts in Nordchile und Peru erlebten, daß die Einheimischen diese Früchte verzehrten. Sie brachten die Pflanze dann nach Europa. In den Schlossparks pflanzte man sie zunächst als Zierpflanze, der weißen, rosa und violetten Blüten wegen.

Als man die daraus entstehenden grünen Beeren essen wollte, stellte man fest, daß diese wie alles Grüne an Nachtschattengewächsen hochgiftig sind.

 

Das Gift Solanin verursacht Magenkrämpfe und Übelkeit. Erst später berichteten Südamerikareisende, daß die Indios nicht die Beeren, sondern die blattlosen Erdtriebe (Stolonen) verzehrten, die im Frühjahr aus Vertiefungen Keime (Knospen oder Augen) austreiben.

Der Seeräuber war es nicht

Ins Reich der Legenden gehört die immer wieder vertretene Meinung, daß der britische Seeräuber (Freibeuter im Auftrag ihrer Majestät) Francis Drake, 1545 bis 1596, die Kartoffel nach Europa gebracht hätte. Daran ändert auch eine Erinnerungsplatte in Hirschhorn/ Neckar nichts oder sein Standbild in Offenburg/ Baden, das aber während des II. Weltkrieges auf behördliche Anordnung hin niedergelegt wurde.


Sicherlich kam er auf seinen Streifzügen mit der Kartoffel in Berührung, hat wahrscheinlich sogar ihre Verbreitung gefördert. Zum Ritter geschlagen (die Königin soll den vor ihr knienden Seemann mit ihrem Schwert an der Schulter berührt und dazu gesprochen haben: „Aries, Sir Francis Drake“ ) wurde er aber nicht deshalb, sondern weil er seiner Königin von seinen Fahrten reiche Beute in Form von Gold und Edelsteinen mitbringen konnte. Beute, die er durch die Kaperung von Kauffarteischiffen oder den Überfall auf Küstenstädte gemacht hatte.

Was der Alte Fritz erzwang

Richtige Verbreitung in Europa erfuhr die Kartoffel aber erst im 18. Jahrhundert. So wurde sie in Langen erstmals im Jahre 1747 erstmals erwähnt. Sie trat ganz schnell neben das seitherige Hauptnahrungsmittel Getreide. So soll angeblich der Waldenser Theologe und Kaufmann Anton Seignoret im Jahre 1701 die Frucht aus Italien mitgebracht, sie angebaut und an Waldensergemeinden verteilt haben. Ganz schnell erkannten die Herrscher jener Zeit, daß es hier endlich eine Möglichkeit gab, den ständigen Hungersnöten Herr zu werden (wenn die Ernte nicht gerade durch die Kartoffelfäule o.ä. vernichtet wurde). Weil aber die Angst vor den grünen Früchten der Kartoffeln sich hartnäckig hielt, aß der Preußenkönig Friedrich Wilhelm, 1688 bis 1740, (der Soldatenkönig) mit seiner ganzen Familie die braunen Erdäpfel öffentlich auf dem Balkon seines Schlossen.


Sein Sohn Friedrich der II: (1712-1786) - „und wenn der alte Friedrich kommt und klopft nur auf die Hosen, dann läuft die ganze Reichsarmee, Panduren und Franzosen“ erzwang schließlich die Anpflanzung der Kartoffel in Preußen. Ein zeitgenössischer Maler (R. Wartmüller) zeigt den von der Gicht gebeugten Greis als Zuschauer bei der Kartoffelernte, wohl kurz vor seinem Tode. Auch die Landgrafen von Hessen setzten sich für die Anpflanzung der Kartoffel in Hessen ein. Landgraf Friedrich II gründete am 17.12.1765 eine Gesellschaft für Landbau. Die Gesellschaft stellte zwei Preisaufgaben, für die Prämien von 30 und 20 Dukaten ausgesetzt wurden. Die Aufgaben bezogen sich auf den neu eingeführten Kartoffelanbau, sowie auf die Verbesserung der Viehhaltung oder der Anlage von Feldwegen.

Wo die Kartoffeln blühn

Bittere Armut herrschte damals hier und so überraschen einige Verse in unserem Main-Fränkischen Dialekt keineswegs (Hessisch wird nur in Nord- und Mittelhessen gesprochen, dort wo das R. auf der Zunge und im Rachen gerollt wird, Main-fränkisch oder Mosel-fränkisch dagegen in Abwandlungen von Würzburg über Südhessen, die Pfalz, das Saarland bis nach Ostlothringen und Luxemburg ) : „Grumbiern in der Früh, `s Mittags in der Brüh, e`s Oawets metsamt de Häut, so gett`s ons oarme Leut“ oder speziell in Südhessen: „ Kennst Du das Land, wo die Kartoffeln blühn? Wo Knechte und Mägde den Pflug selbst müssen ziehn? (Anmerkung: Wenn der Pflug nicht von Ziegen gezogen wurde, deshalb der Ausdruck: „Der hot mit Gaaße gezackert“ für krumme Furchen). Wo es große Schüsseln gibt und nichts zu essen - das ist das Land der freien Hessen!“ (Die Leibeigenschaft war zwar aufgehoben, das Volk aber bettelarm).            


Seit dem hat die Kartoffel bei uns ihren Siegeszug angetreten. Ständig wurden neue Sorten gezüchtet, wurden neue Rezepte ersonnen. So wurde im Jahre 1864 in Weimar das „Kartoffelbüchlein und Kartoffelkochbuch für Reich und Arm“ mit 250 Kochrezepten veröffentlicht. Der Frankfurter Mundartdichter Friedrich Stoltze, 1816 bis 1891, schrieb das Gedicht „Gans mit Kartoffele“, in dem es im 7. Vers schreibt „... Drum wer derrmerscht Kadoffel ißt, der krieht hernach vor sei Mih des greeßte Stick vom Gänsie hie.“

Hamsterfahrten aufs Dorf

Hungersnöte schienen in Deutschland besiegt. Bis der „Steckrübenwinter“ 1917/18 kam. Die Kontinentalsperre der Alliierten hatte gewirkt, der „Reichsnährstand“ schaffte es nicht, Deutschland bezüglich Ernährung autark zu machen. Diese Situation wiederholte sich im letzten Weltkrieg und der Zeit danach. Kartoffeln wurden begehrtes Tauschobjekt zu Zeiten der „Zigarettenwährung“ bis zum 20. Juni 1948. Stadtbewohner fuhren zu „Hamsterfahrten“ auf die Bauerndörfer. Geld spielte keine Rolle und war wertlos, gefragt waren Wertgegenstände als Tauschobjekt.


Einem großen Wandel unterlagen die Geräte zum Kartoffelanbau. Anfangs kannte man nur Hacken. Die geschlossene Rodehacke zum Ausheben der Pflanzlöcher und der zwei- bis vierzinkige Karst, bei uns „Krappen“ genannt. Die Leute standen in langen Reihen auf dem Feld und hackten. Erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts kamen Maschinen als Helfer auf. Im Jahre 1862 wurde erstmals von solchen Geräten berichtet. Bei einer Ausstellung im September 1868 sollen in Darmstadt bereits 424 Produkte der Landwirtschaftlichen Maschinenindustrie ausgestellt worden sein.

Immer weniger Bauern

Um die Jahrhundertwende wurden Kartoffelrodemaschinen eingesetzt, die von Pferden gezogen wurden und die Kartoffeln aus dem Boden schleuderten. An einem Tag konnte so 6 bis 7 Morgen bearbeitet werden. 20 - 25 Personen (hauptsächlich Frauen und Kinder) waren erforderlich, um die gerodeten Kartoffeln aufzulesen. Inzwischen gibt es Legemaschinen, Kartoffelroder, Kartoffelsortierer usw. die den Menschen bei der Feldarbeit weitgehend überflüssig machten. Arbeiteten vor 120 Jahren noch rund 90 % der deutschen Bevölkerung in der Landwirtschaft, so sind es heute noch gerade 3 %.


Die Zahl der bäuerlichen Betriebe ist stark rückläufig. So kann man in Erzhausen die Zahl der Landwirte, die noch Kartoffeln anbauen, an einer Hand abzählen. Meist tun sie dies sogar nur noch nebenberuflich. Schwer ist die Arbeit nach wie vor. Der Ernteertrag hängt trotz Verwendung moderner Geräte und Düngemittel immer noch stark vom Wetter ab. Immer mehr Landwirte wägen den Arbeitseinsatz gegen den Ertrag ab und geben den Beruf ihrer Väter und Vorväter auf. Wird der Beruf des Bauern in Hessen bald nur noch Geschichte sein?

Finale mit Ringelnatz

Im Laufe des Unterrichts sind die Drittklässler dann sehr erstaunt zu hören, daß es noch anfangs der 50er Jahre im Frühsommer ein paar Tage schulfrei gab zum Kartoffelhacken bzw. Häufeln. Die Herbstferien waren ausschließlich „Kartoffelferien“ Etwas davon blieb in Bayern übrig, das traditionell als letztes Bundesland Schulferien macht, damit die Schüler bei der Ernte mithelfen können. Auch hier müssten Groß und Klein mitschaffen, damit im Winter keine Not herrschte. Ganz gespannt lauschen sie dann unwiederbringlichen Erinnerungen an die Geruchsmischung von Erde, Kartoffelfeuer, in dem Kartoffeln heiß gemacht wurden, Malzkaffee (Muckefuck) und Bohnensuppe, die aus Blechtellern am Ackerrand gegessen wurde.


Schließen wir die Ode an die Kartoffel (bald nur noch aus dem Ausland eingeführt?) mit einem Gedicht von Joachim Ringelnatz:

.... du Ausgekochte, du Zeitgeschälte

du Vielgequälte,

du Gipfel meines Entzückens -

Jetzt kommt der Moment des

Zerdrückens.

Mit der Gabel ! Sei stark ....

Otto Schumann

FOLGE 133 (2013-07-22)

Am Teufelsstein, dem "Roche du Diable". Foto: Archiw LWP

Drei Tropfen Schnaps

für den Teufel

Im Laptopwerk geht Hilmar Bürger der Bedeutung von Gothaer Straßennamen nach. Hier in Südhessen hat  man seit Jahren da von unverfänglichen Bezeichnungen, denn die Bedeutung der Namensgeber kann sich im Laufe der Zeit ändern. So wird in Darmstadt heftig darüber gestritten, ob die Hindenburgstraße so bleiben darf oder ob der Name geändert werden muß. Unverfänglich ist es dagegen, ganze Straßenviertel nach verschiedenen Vogelarten oder nach unstrittigen Komponisten zu benennen.


Wo Rappswiller leben

 

Eine Eigenart können wir im Elsass feststellen. Gut, die Urelsässer erkennt man an ihren deutschen Familien- und französischen Vornamen. Orte behielten z. Teil ihre deutsche Bezeichnung bei, wie das Kreisstädtchen Altkirch im Sundgau, andere, wie Rappoltsweiler änderten ihn in Rebauville, wobei die Einheimischen nach wie vor „Rappswiller“ sagen. Der dortige Graf war im Mittelalter der Schutzpatron der Gaukler und Spielleute. Regelmäßig findet deshalb auch heute noch dort der „Pifferdag“ als Volksfest statt.


Hier will ich an eine wichtige Straße erinnern, die vom Elsass nach Lothringen führt: Heute heißt sie „Col de la Schlucht“, in früherer Zeit einfach „Schlucht Pass“. Auf der Passhöhe in 1139 Meter Seehöhe, stehen heute moderne Hotels, die hauptsächlich auf Wintersport ausgerichtet ist. Vom 1362 Meter hohen Hohneck dorthin gibt es gute Abfahrten.


Über den Schlucht Pass

 

Die Straße, die weiter nach Geradmer führt, ist heute gut ausgebaut und bietet dem Autofahrer herrliche Ausblicke auf drei Bergseen. Ja und Ende April, Anfang Mai sind die Berge um Geradmer ein einziges Blütenmeer. Narzissen gaben einem Volksfest mit Umzug und Motivwagen ihren Namen. Gelb blühen die Wiesen rund um die Stadt.


Wichtig war der Weg über den Schlucht Pass schon immer, auch für Fuhrleute, aber er war sehr gefährlich. Glücklich waren sie, wenn sie unfallfrei am Teufelsstein, den die Franzosen „Roche du Diable“ nennen, angekommen waren. Obwohl längst das Christentum etabliert war, spendeten die Fuhrleute dem Teufel dort einen Gruß (drei Tropfen Schnaps wurden auf den Fels geschüttet) wenn sie die Stelle unfallfrei überwunden hatten.


Ein Platteschleckerdenkmal

 

Eine Erinnerung daran, wie die Gegend ursprünglich aussah, bildet der Wanderweg der am Teufel Stein beginnt und nach Süden hin dem Wanderer herrliche Ausblicke gewährt, bis nach Munster, dorthin, wo der weltbekannte Käse produziert wird. Käse stellen auch die Bergbauern der Gegend her, die auf ihren Fermen den Wanderern gerne eine n Imbiss anbieten. Zu manchem abgelegen Hof kann man auch auf winzigen Straßen mit den PKW hinfahren.

  

Für Städte- und Straßennamen hat man sich mit den geänderten politischen Verhältnissen angepaßt. So wurde ein anderer Pass, „Guter Mann“ einfach in „Bon Homme“ geändert. Manchmal ließ man alles wie es ist, man findet Straßenschilder wie „Seilergass“ oder „Hauptstroaß“, andere wurden geändert in „Rue de Illfurth“ in Heidwiller. In Buchsweiler, einst der Hauptort des Hanauer Ländchens im Norden des Elsass, steht ein „Platteschleckerdenkmal“ in Erinnerung daran, daß die Bediensteten des Grafen die Platten mit den Speiseresten wegtragen und dabei diese abschlecken durften.

 

Buchsweiler Weiberkrieg


Ich stand einst vor dem Denkmal und entzifferte mühsam die französische Inschrift, bis ich merkte, daß ich es einfacher haben konnte: Auf der Rückseite des Denkmals steht die Erklärung in deutscher Sprache. Ab und zu wird noch ein Volksstück in Mundart aufgeführt: „Der Buchsweiler Weiberkrieg“, der sich damit befasst. Dass die weiblichen Bewohner einst die schöne Geliebte Bärbel des Grafen vertrieben haben. Der saß nämlich auf seiner Burg Lichtenberg oberhalb von Buchsweiler und beobachtete die Sterne. Das Regieren in Buchsweiler überließ er der schönen Frau, was den übrigen Damen gar nicht gefiel.


Manches wandelt sich im Laufe der Zeit, anderes bleibt.

Otto Schumann    

 

FOLGE 132 (2013-07-20)

Repro: Wikipedia

20. Juli 1944, der fehlgeschlagene Aufstand der Offiziere gegen Hitler:

Was wäre, wenn?

Nun erinnern wir uns wieder einmal an den 20. Juli 1944, und erneut erhebt sich die Frage: „Was wäre geschehen, wenn der Aufstand erfolgreich verlaufen, Hitler getötet worden wäre?“ Nun, sicherlich wären hunderttausende Menschen, Soldaten und Zivilisten, weniger gestorben als bis zum aufgeschobenen Kriegsende 1945! Trotzdem ist die Antwort auf das „was wäre, wenn“ nicht so einfach. Untersuchen wir also die Dinge näher.

 

Aufstand des Militäradels

Es war in erster Linie ein Aufstand des preußischen Militäradels und er hatte schon den großen Webfehler, dass das Unteroffiziercorps, das Rückgrat der Armee, in die Planungen nicht einbezogen wurden. Wenige Zivilisten, wie der Leipziger Goerdeler und der Darmstädter Wilhelm Leuschner dienten nur als Begleitmusik.

Natürlich hatten die Offiziere nach Stalingrad und El Alamein festgestellt, dass der Krieg für Deutschland nicht mehr zu gewinnen war. Zumindest die erfahrenen Strategen im Generalstab schon zu dem Zeitpunkt, als Deutschland den Krieg gegen die Sowjetunion begann, dass dieser Feldzug nicht zu gewinnen war. Sie hatten ja aus der Geschichte gelernt.

 

Napoleon ging in die Falle

 

Schließlich war es der Preuße Clausewitz, der den Russen geraten hatte, vor einem Angreifer aus dem Westen zurückzuweichen, nur hinhaltenden Widerstand zu leisten und erst bei Moskau eine wirkliche Widerstandslinie mit frischen, ausgeruhten Truppen aufzubauen. Schließlich war Napoleon schon in die Falle getappt, die letztendlich zu seiner Niederlage in Waterloo und dem wieder erstehen des Nimbus einer unbesiegbaren Preußischen Armee führten.

Bis dahin hatte der Korse zum Beispiel in Jena und Auerstädt bewiesen, dass die preußische Armee veraltet war und dass längst nicht mehr der Spruch galt: „Und wenn der alte Friedrich kommt und klopft nur auf die Hosen, dann läuft die ganze Reichsarmee, Panduren und Franzosen“.

Mit der Roten Armee

Die Völkerschlacht bei Leipzig und die Befreiungskriege in Verbindung mit der Scharnhorstchen Heeresreform hatten jedoch eine preußische Offizierskaste geprägt, die vom König hauptsächlich mit Ländereien im Osten belohnt wurden. Z.B. in Gebieten, die bei der 3. Polnischen Teilung an Preußen kamen. Der Kongress in Wien tanzte 1815 nicht nur, sondern er veränderte auch die Landkarte Europas mit kräftigen Strichen, nicht zum Nachteil Preußens! – Drei Adler (Russland, Oestreich und Preußen) hackten und zausten den vierten, Polen, kräftig.

Die Ergebnisse des 1. Weltkrieges wurden vom preußischen Offiziersadel nie akzeptiert und sie suchten sich ihre Verbündete dort, wo sie diese finden konnten. Zum Beispiel in der Roten Armee der SU. Es kam zu gemeinsamen Manövern. In Russland konnte die Reichswehr das tun, was ihr nach dem Versailler Vertrag verboten war, sie konnte eine Panzer- und eine Luftwaffe aufbauen. An die auf 100.000 Mann beschränkte Personenstärke der Reichswehr haben sie sich sowieso nie gehalten. Es gab immer eine „schwarze Reichswehr“.   Die Generäle der Roten Armee (die alle fließend Deutsch sprachen)und der Reichswehr kannten und schätzten sich. Stalin schob dem dann einen Riegel vor, die Verbindungen wurden gekappt.

Nach Blitzsiegen besoffen

Die Deutschen konnten also sehr gut einschätzen, wie schwierig ein Feldzug gegen die SU werden würde, zumal ja der Westfeldzug nicht beendet war. Zwar hatten die Briten bei Dünkirchen Frankreich fluchtartig verlassen und dabei ihr gesamtes Kriegsmaterial zurückgelassen. Aber das war leicht zu ersetzen, zumal die Kriegswirtschaft der USA nun langsam anlief. Erinnern wir uns: In seinem Wahn hatte Hitler auch den USA den Krieg erklärt. Man braucht sich nur die Landkarte anzuschauen um festzustellen, dass dieser Krieg für Deutschland nicht zu gewinnen war.

Aber mit den ersten Blitzsiegen hatte Hitler ja seine Offiziere besoffen gemacht. Orden und Beförderungen wurden großzügig verteilt, keine Armee hatte z.B. soviel Feldmarschälle – mit Marschallstab, wie die Deutschen. Zum Vergleich: Die USA hatte bis zum Kriegsende nur zwei Fünfsternegenerale: Eisenhower und Marschall – es folgte noch der Fernostbefehlshaber Mac Arthur.

Als Gröfaz gehuldigt

Die deutsche Generalität huldigte Hitler als dem „Größten Feldherr aller Zeiten“, im Volksmund „Gröfaz“ genannt. Aber die Strippenzieher wussten natürlich die Lage richtig einzuschätzen. Also suchten sie nach einem Ausweg, bei dem natürlich die Privilegien des alten preußischen Militäradels erhalten bleiben sollten. Also: „Hitler beseitigen und Separatfrieden mit den Westmächten“.

Nur dachten die Westmächte gar nicht daran, sich auf einen Separatfrieden einzulassen, bei dem der Kern des preußischen Militäradels erhalten bliebe. Nein, sie wollten die völlige Kapitulation Deutschlands an allen Fronten, und so kam es dann auch. Zwar prägte Churchill dann den Ausspruch: „Wir haben das falsche Schwein geschlachtet“ und in Kriegsgefangenenlagern wurde plötzlich die Verpflegung besser und es ging die Latrinenparole um: „Wir kriegen jetzt unsere Waffen wieder, jetzt geht es mit den Tommies gegen die Russen“.

Churchill in Quarantäne

Mag sein, dass dies Gedankenspiele waren, vor denen die Mächtigen der Welt aber dann doch zurückschreckten. Ja und Churchill schickten die Briten erst einmal in Quarantäne – er verlor die Unterhauswahlen kräftig. Es folgte der Kalte Krieg, immer am Rande der Katastrophe, aber sie wurde glücklicherweise vermieden.

Die Westmächte wollten also mit dem preußischen Militäradel nichts mehr zu tun haben. Aber… kaum zehn Jahre später hatte die Nato in Fontainebleau ihr Hauptquartier und bei den Namen der deutschen Verbindungsoffiziere fiel mancher auf, der schon Adolf Hitler gedient hatte und seine Vorfahren dem preußischen König. Wurde also dieser Militäradel 1945 völlig machtlos?

Wir wissen also nicht, was geschehen wäre, wenn der Aufstand der Offiziere gegen Hitler erfolgreich verlaufen wäre. Klammern wir uns aber daran, dass wahrscheinlich viele Menschen den Krieg überlebt hätten, wenn es dem Grafen Stauffenberg gelungen wäre, die Bombe in seiner Aktentasche besser zu platzieren.

Otto Schumann

 

FOLGE 131 (2013-07-10)

Foto: LWP

Gegenstück zum Schwarzwald

Es ist ein interessantes Unterfan-

gen, dem Ursprung der Gothaer Straßennamen nachzuforschen. Das würde sich auch für jeden anderen Ort lohnen. Straßennamen, wie auch wohl "Vogesenstraße" oder "Lothringerstraße" sind oft willkürlich gewählt worden. Hier nahm man bewußt Abstand von Namen von Politikern, denn die mußten zu oft geändert werden. Es gibt deshalb hier ganze "Vogelviertel" oder auch "Musikantenviertel".

 

Bis zum Dreißigjährigen Krieg deutsch

 

Die Vogesen, altdeutsch auch "Wasgenwald" genannt, sind praktisch das Gegenstück zum Schwarzwald, aber etwa rauer, urtümlicher... und in den Seitentälern gibt es immer noch die Spuren blutiger Kämpfe des 1. Weltkrieges. Die "Reichsdeutschen" nannten die Bewohner  "Wackese", was die als Schimpfwort betrachteten - siehe auch die "Zaberner Affaire" aus dem Jahre 1913, die zu großen Verwicklungen Anlaß gaben und so recht den Hochmut der Preußen gegenüber den Elsässern zum Ausdruck brachten - so konnte man die Herzen der Elsässer nicht gewinnen.

 

Die Gegend war halt immer Zankapfel zwischen Frankreich und Deutschland, schon als die Erben Karls des Großen Lothringen (das Reich Lothars) im Jahre 840 unter sich aufteilten und was sie in den Straßburger Eiden prarkich bestätigten. Die Vogesen und Ost-Lothringen gehörten bis zum 30-jährigen Krieg unstrittig zu Deutschland. Danach war die Zentralmacht so gewächt, daß sich Frankreich unter dem Sonnenkönig diesen schönen Landstrich unter den Nagel riß. Im Jahre 1801 trat Das heilige römische Reich deutscher Nation im Vertrag von Luneville weite Teile Lothringens offiziell an Frankreich ab. Gefragt wurden die Bewohner, wie auch später, nicht.

 

Der letzte Gendarm kam aus Preußen

 

Aber sie fanden offentlichlich Gefallen an den Ergebnissen der französischen Revolution. Deshalb war es für viele ein Schock, als Deutschland 1871 den Anschluß Elsass- Lothringens erzwang. Allerdings hielt sich Bismarck im Prinzip an den Vertrag aus dem Jahre 840, aber er beachtete die Sprachgrenze und bestand nicht auf der Rückgabe aller 1801 abgetretenen Gebiete. Formal hatten die Elässser das Recht, für Frankreich zu optieren - rund 200.000 taten dies auch mit dem Ergebnis, daß sie das Land verlassen und nach Inner-Frankreich gehen mußten- sie wurden weitgehend durch Beamte aus Preußen ersetzt.

 

Der letzte Gendarm, der letzte Briefträger, kam aus Preußen, was gar nicht gut ankam. Die jungen Männer leisteten ihren Wehrdienst in Königsberg oder in Posen ab, dafür bestanden die Garnisionen in Colmar, Zabern usw. aus Menschen, deren Heimat weit im Osten Preußens lag. Das paßte nicht, wenn auch Wilhelm II großen Gefallen an der Gegend hatte und dort seine  Bauwut ausließ.

 

Blutzoll wurde entrichtet

 

1919 ging alles wieder andersrum, rund 200.000 Beamte mußten das Land verlassen und östlich des Rheins ihre Zelte aufbauen, der letzte Postbote, der letzte Gendarm kam jetzt aus Innerfrankreich, auch nicht immer zur Freude der Bewohner. Das ging so weit, daß die Katholiken Probleme hatten, weil sie nur gewohnt waren, in deutscher Sprache zu beichten. Jetzt kamen aber Priester, die kein deutsch verstanden.- Also war auch das nichts genaues.

 

Hitler hat dann 1940 alle Sympathien für Deutschland verscherzt. Alles wurde wieder geändert, die jungen Männer zur Wehrmacht oder der Waffen-SS eingezogen, wo sie eine riesigen Blutzoll entrichteteten. Es gab aber auch innerfranzösiche Probleme. In Oradour richtete die SS ein Blutbad an. Frauen und Kinder wurden in eine Kirche getrieben, die angezündet wurde. Nur... es war eine elsäsische Einheit. Ein junger SS-Mann berichtete, daß sie am Dorfbrunnen gerastet hätten, da seien aus der Kirche Schüsse auf sie gefallen. Daraufhin kam es zu dem Massaker. So ganz wurde die Sache nie geklärt. De Gaulle schaltete sich persönlich ein und untersagte weitere Untersuchungen.

 

Von keiner Seite gefragt

 

Ja so wurden sie immer wieder Hin- und Hergerissen, zwischen deutscher Ordnungsliebe - und auch der besseren Sozialgesetze und den französischen Freiheiten, gefragt wurden sie von beiden Seiten nicht. Übrigens gab es im Grenzgebiet einst eine eigene Sprache, das Welsch. Die ist ganz verschwunden, das "Elsässerdütsch" hat noch einige Befürworter. Als ich einst eine ältere Frau nach dem Weg fragte und höflich fragte, ob wir uns deutsch unterhalten könnten, kam die Antwort" Des is doch mei Muddersproach"- das gibt es wohl heute kaum noch.

 

 

So                 21.05.2017 

Nr.             2.410 - 1.107

Aktualisierung        08:55

Übrigens,

 

… für die Vereinigten Staaten von Amerika würde die derzeitige Klassifizierung von HTS als terroristische Organisation das Eingeständnis bedeuten, dass sie hochentwickelte Waffen, darunter TOW-Panzerabwehrraketen an „Terroristen“ geliefert haben, und würde Aufmerksamkeit auf die Tatsache ziehen, dass die Vereinigten Staaten von Amerika weiterhin islamistische Milizen in Syrien mit Waffen beliefern.

Sie haben richtig gelesen: der Grund, warum die Vereinigten Staaten von Amerika al-Qaeda in Syrien nicht als terroristische Gruppierung einstufen können, liegt darin, dass das die Vereinigten Staaten von Amerika gesetzlich dafür haftbar machen würde, eine terroristische Gruppe mit extrem hochentwickelten Waffen und Ausbildung versorgt zu haben.

Die Vereinigten Staaten von Amerika bewaffnen Terroristen in Syrien und bilden sie aus, aber statt sich einfach zurückzuziehen geben sie vor, dass al-Qaeda keine terroristische Organisation ist.

AKTUELLE LOTTOZAHLEN

Ziehung vom 20.05.2017

   15    29    34   37   44    SZ: 7

Spiel 77:  4072 755

 

Super 6: 718 112   

(ohne Gewähr)

Seit  2010-09-07

Aktueller Stand:

1924 (2017-05-21) 

Honoré de Balzac 

und Heinrich Seidel 

 

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