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DAGOBERT KOHLMEYER

Dagobert Kohlmeyer gehört zu den bekanntesten Schachreportern Deutschlands. Er berichtet in Wort und Bild von WM-Kämpfen, Olympiaden und Turnieren der Schachelite. Der Berliner schrieb 18 Schachbücher und übersetzte über 40 Titel u.a. von Anatoli Karpow, Garri Kasparow und Viktor Kortschnoi. 2006 wurde er mit dem Deutschen Schachpreis ausgezeichnet. Sein Buch „Schach kurios“, das 2012 im Marlon Verlag erschien, wurde ein Bestseller. Anbei eine Leseprobe.

Im Laptopwerk informiert „Dago“ ab und an über das aktuelle Schachgeschehen.

Leseprobe Schach kurios.pdf
PDF-Dokument [732.1 KB]

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ZUG 6 (2014-01-31)

Magnus Carlsen greift wieder an

Vor Superturnier in Zürich war Bill Gates Sparringspartner des Schachgenies

Von DAGOBERT KOHLMEYER

Nach seinem WM-Sieg gegen Anand im November hatte Magnus Carlsen eigentlich eine längere Erholungspause eingeplant. Doch der neue Schachweltmeister wurde sofort von der Öffentlichkeit in Besitz genommen. Mit einem Mal gehörte der beliebteste Norweger auch zu den prominentesten Persönlichkeiten auf dem Globus. Als Fußballfan freute sich Carlsen besonders über eine Einladung von Real Madrid. Dort durfte er am 30. November 2013, nur eine Woche nach dem WM-Finale in Chennai, den symbolischen Anstoß in einem Spiel der Primera División ausführen. Es war genau an seinem 23. Geburtstag. So ein Angebot seines Lieblingsklubs konnte er einfach nicht ausschlagen.

Anstoß im Bernabèustadion. Fotos: Archiv Kohlmeyer

 

Mitte dieses Monats gab Norwegens Sportler des Jahres im kalifornischen Silikon Valley eine Simultanvorstellung. Keiner konnte ihn besiegen, auch nicht Facebook-Gründer Mark Zukerberg. Carlsen fegte alle Gegner gnadenlos vom Brett. Vorige Woche in London traf er dann auch Microsoft-Guru Bill Gates. In einer Talk Sow forderte der reichste Amerikaner den Figurenkünstler vor laufenden Kameras zu einer Partie heraus. Carlsen bekam nur 30 Sekunden auf der Uhr für das ganze Spiel, aber diese reichten ihm, um Gates locker in neun Zügen mattzusetzen.

 

Showpartie Gates - Carlsen, Nimzowitsch-Verteidigung: 1.e4 Sc6 2.Sf3 d5 3.Ld3 Sf6 4.exd5 Dxd5 5.Sc3 Dh5 6.0-0 Lg4 7.h3 Se5 8.hxg4 Sfxg4 9.Sxe5? Dh2 matt.

 

Carlsen besiegt Gates

Seit gestern greift Magnus Carlsen wieder ernsthaft zu den Figuren. Im Savoy Hotel von Zürich begann am Nachmittag das stärkste Schachturnier aller Zeiten. Star des Wettbewerbs ist natürlich der neue Weltmeister. Bei seinem ersten Start nach dem Titelgewinn trifft der Norweger auch auf seinen Vorgänger Viswanathan Anand (Indien), der schlicht auf Revanche sinnt. Weitere Gegner sind der Weltranglisten-Zweite Levon Aronjan (Armenien), der in Berlin lebt, Hikaru Nakamura (USA), Fabiano Caruana (Italien) und Boris Gelfand (Israel). Sie alle werden besser vorbereitet sein als Zukerberg und Gates.

 

Gespielt werden bis zum 3. Februar fünf Runden mit klassischer Bedenkzeit. Danach gibt es noch ein Schnellturnier, dessen Ergebnis in die Gesamtwertung einfließt. Mit einem ELO-Durchschnitt aller Teilnehmer von 2801 erreicht das Turnier die in der Schachgeschichte noch nie erzielte Wertungskategorie 23. Die klare Favoritenrolle gehört Magnus Carlsen. Der stärkste Schachspieler der Gegenwart führt seit 2010 die Weltrangliste der Denksportler mit großem Vorsprung an.

ZUG 5 (2013-11-23)

Fotos: FIDE/Dagobert Kohlmeyer

Der Schlacks trägt nur Markenware

Norweger Magnus Carlsen ist Schachkönig

Von DAGOBERT KOHLMEYER

Die Schachwelt hat einen neuen König. Zum ersten Mal in der Geschichte des edlen Denksports hat mit Magnus Carlsen ein Norweger den Weltmeistertitel gewonnen. Dem jungen Großmeister (22) genügte in der 10. Partie am Freitag ein Remis gegen Titelverteidiger Viswanathan Anand (Indien) zum vorzeitigen Sieg. Beim Stand von 6,5:3,5 war Carlsen in dem auf 12 Spiele angesetzten Kampf nicht mehr einzuholen.


Nach vier Remis zum Auftakt des Duells im indischen Chennai gewann der Norweger die 5. und 6. Partie und sorgte mit diesem Doppelschlag für eine Vorentscheidung. Titelverteidiger Anand lief während des ganzen Matchs seiner Form hinterher. Besonders im Endspiel leistete er sich unerklärliche Fehler. Als der Inder auch noch die neunte Partie verlor, war der ungleiche Kampf praktisch entschieden. Carlsen konnte sich zuletzt mit einer Punkteteilung begnügen und war am Ziel seiner Wünsche.


Der Norweger dankte allen, die ihn vor und während des WM-Matchs unterstützt haben. Als Weltranglisten-Erster galt er ohnehin als Favorit. Besonders gelobt wird von den Fachleuten Carlsens natürliches Talent, die optimale Aufstellung der Figuren weit im Voraus zu erkennen. Schwache Züge kommen bei ihm äußerst selten vor, sein Spiel befindet sich konstant auf einem hohen Niveau.


Das US-Magazin „Time“ zählte Carlsen schon in diesem Frühjahr zu den 100 berühmtesten Menschen der Erde. Schachlegende Garri Kasparow über ihn: „Ich hatte Gelegenheit, Carlsen zu trainieren. Sein intuitiver Stil bewahrt das Geheimnisvolle des Schachs. Magnus ist ebenso charismatisch und unabhängig wie talentiert. Wenn er die Faszination für das Schach wiedererweckt, dann werden wir in der Carlsen-Epoche leben“.


Unmittelbar nach seinem Titelgewinn sagte der Hochgelobte: „Es war eine Ehre für mich, gegen einen der größten Schachmeister aller Zeiten anzutreten. Ich bin glücklich, das Match gewonnen zu haben.“


Die Schach-WM erfuhr eine weltweite Resonanz. Im Net gab es die Partien live, die großen Zeitungen berichteten ausführlich. Für die komplizierte Denksportart, sonst kein Publikumsmagnet, interessierten sich während des Duells um die Krone auch viele Nicht-Schachspieler. Zwei Magazine in Deutschland hatten Liveticker eingerichtet und boten Großmeister-Analysen. In den Schach-Foren freuen sich die Fans über den tollen Service. Jeder Zug wurde heiß diskutiert.


Schach ist kein Massensport. Seine Faszination liegt im Verborgenen. Lauter Jubel ist selten, der Kampf spielt sich in den Köpfen zweier Kontrahenten ab. Ihre Figurenmanöver sorgen bisweilen für echte Dramen auf dem Brett. Doch selbst diese stellen nur einen Bruchteil des magischen Spiels dar. Viele Züge bleiben hinter den Kulissen bzw. in den Superhirnen der Großmeister. Jeder von ihnen versucht, die kommenden Ereignisse weiter und genauer vorauszusehen als der andere. Was Carlsen und Anand an gedanklicher Arbeit leisten, können Normalbürger kaum nachvollziehen.

 

In Norwegen ist die Carlsen-Manie ausgebrochen. Die WM-Partien wurden sogar im Fernsehen übertragen. Der Umsatz bei Schachspielen im Land stieg um das Dreifache, jetzt sind alle ausverkauft. Carlsens Manager Espen Agdestein euphorisch: „Die Angestellten arbeiteten nicht mehr. Die Studenten studierten nicht mehr, in den Schulen ließen die Lehrer den Fernseher laufen.“ Carlsen freute das: „Es ist schön, dass so viele sich für den Kampf interessieren und die Partien verfolgen. Ich will weiter mein Bestes geben.“


Trotz aller Rivalität zwischen Anand und Carlsen ging es bei dieser Schach-WM friedlich zu: „Norwegen und Indien richten keine Atomraketen aufeinander“, erklärte der Weltmeister vorab in einem Interview. 1972 in Reykjavik zwischen dem Amerikaner Bobby Fischer und dem Russen Boris Spasski ging es anders zur Sache, die Welt befand sich damals in kalten Krieg. In Chennai stehen die Partien und Akteure im Vordergrund, nicht die Politik.


Der Wunderknabe Magnus Carlsen wurde vom Sparringpartner zum Herausforderer. Im Sommer 2008 spielte er Trainingspartien mit Anand vor dessen WM-Duell in Bonn gegen Kramnik. Bei dieser Gelegenheit konnte er sich eine Menge vom Weltmeister abschauen. Wladimir Kramnik hat so etwas früher auch praktiziert. Er half Garri Kasparow 1995 in New York bei dessen Titelvereidigung gegen Anand. Fünf Jahre später in London besiegte der Russe seinen Landsmann und Lehrer. Nun kann den Figurenzauberer Anand das gleiche Schicksal wie Kasparow ereilen, wenn ihn sein junger Lehrling bezwingt.


Mit seinen dunklen Augen schaut der Schachstar aus dem Norden manchmal etwas finster drein. In einer Talk Show sagte Carlsen: „Ich glaube, es hilft mir, wenn ich schlechte Laune habe. Weil ich dann diese Energie ins Spiel einbringen kann. Das darf natürlich nicht zu weit gehen, wir spielen ja nur Schach.“ Privat ist Carlsen ein netter Kerl. Am Schachtisch ändert sich das natürlich. Dort schüttelt er geniale Züge aus dem Ärmel wie Mozart früher seine Noten.


Bisher war Norwegen vor allem als Heimat großer Wintersportler bekannt. Seine Biathleten, Langläufer und Skispringer gehören zu den besten der Welt. Carlsen hat durch seine Erfolge auch das Schachbrett in die Herzen seiner Landsleute gerückt. Nächstes Jahr findet in Tromsø sogar die Schacholympiade statt. Das Nationen-Turnier soll den Schach-Boom weiter befördern.


Carlsen wird ständig von norwegischen Boulevardblättern beobachtet. Eine Freundin von ihm haben sie bisher nicht ausmachen können. Dabei war Magnus schon mal mit dem Hollywood-Star Liv Tyler zu sehen. Das hatte jedoch geschäftliche Gründe: Zusammen mit ihr wirbt er für eine holländische Jeansfirma. Deshalb trägt der Schlacks in der Öffentlichkeit nur Markenkleidung.


Das Werbegeld und seine Schach-Honorare haben Carlsen schon zum Millionär gemacht. Mit dem Gewinn der Weltmeisterschaft, kam noch ein dicker Batzen dazu. In Chennai ging es um 2,5 Millionen Dollar, von denen der Sieger 60 Prozent erhielt. Viel wertvoller aber ist der Titel, weil unbezahlbar. Carlsen ist der 20. Weltmeister seit Wilhelm Steinitz 1886. Mit ihm beginnt eine neue Ära im Weltschach.

 

ZUG 4 (2013-08-06)

Oben: Foto von der Partie Adams (links) gegen Kramnik; unten: Zweimal Michael Adams, der neue Schachkönig von Dortmund.

Fotos: Dagobert Kohlmeyer

Adams ist neuer

Schachkönig von Dortmund

Engländer gewinnt Chess-Meeting – Betrugsverdacht im Open Turnier nebenan

Von Dagobert Kohlmeyer

Michael Adams lächelte still, zog seine Dame auf das Feld b5 und gab das letzte Dauerschach. Der hohe Favorit Wladimir Kramnik stellte noch seinen Läufer vor den eigenen König und reichte dem Gegner die Hand zum Remis. Danach war 41-jährige Großmeister aus England am Ziel seiner Wünsche. Zum ersten Mal hatte er das Sparkassen Chess-Meeting vor dem russischen Seriensieger gewonnen.

Lob des Unterlegenen

Adams holte 7,0 Punkte aus neun Partien und verwies Kramnik (6,5) auf Rang 2. Er blieb als einziger der zehn Teilnehmer ungeschlagen und bezeichnete seinen Sieg als größten Turniererfolg seiner Karriere. „Ein solches Ergebnis habe ich nicht erwartet. Beim Schach kann man vorher nie sagen, was geschieht. Dass alles so gut klappte, freut mich natürlich sehr.“


Kramnik, der zuletzt alles versucht hatte, Adams noch einzuholen, lobte den Gewinner: „Michael hat den Sieg völlig verdient. Er ist ein sehr starker Spieler. Nicht umsonst gehört er seit zwei Jahrzehnten zu den besten Großmeistern der Welt.“

Viel Zeit bleibt nicht

Hinter dem Spitzenduo ist eine große Lücke in der Abschluss-tabelle. Mit je 4,5 Punkten belegten Deutschlands Nr. 1 Arkadij Naiditsch sowie der Ungar Peter Leko die nächsten Plätze. Naiditsch besiegte in der Schlussrunde seinen Teamkollegen Igor Khenkin. Die deutschen Nationalspieler nutzten das Turnier zur Vorbereitung auf die Mannschafts-EM, die im Herbst in Warschau stattfindet. Die DSB-Auswahl ist dort Titelverteidiger.

 

Viel Zeit zum Ausruhen bleibt Dortmunds neuem Schachkönig Michael Adams und den anderen Superstars nicht. Am kommenden Freitag reist der Engländer wie Wladimir Kramnik und Peter Leko bereits zum Schach-Weltcup ins norwegische Tromsø.

Unmenschliche Züge

Während die Schachwelt auf Dortmund schaute, ereignete sich im dortigen Open-Turnier nebenan Schockierendes. Der Bundesligaspieler Jens Kotainy soll während der Partien unerlaubte technische Hilfsmittel verwendet haben und wurde daraufhin in der vorletzten Runde disqualifiziert. Der Schiedsrichter beobachtete, wie Kotainy während des Spiels häufig in seine linke Hosentasche fasste, wo sich sein Handy befand. Mobiltelefone sind bei Schachturnieren verboten, weil mit ihnen Spielzüge von außerhalb empfangen werden können. Kramnik & Co bringen sie gar nicht ans Brett mit oder geben ihr Handy vor dem Spiel bei der Turnierleitung ab.

 

Die Organisatoren des Opens forderten von Kotainy die Herausgabe des Handys, das ausgeschaltet war. Dennoch vibrierte es plötzlich in der Hand des Schiedsrichters. Daraufhin wurden Kotainis Partiezüge mit dem des weltbesten Schachprogramms „Houdini“ verglichen - sie waren fast identisch. Das reichte für eine Disqualifikation.

Schach keine Insel der Glückseligen

Der Präsident des Deutschen Schachbundes Herbert Bastian, Schirmherr der Schachtage, kündigte an, in einem formellen Verfahren den Sachverhalt aufzuklären und gegebenenfalls weitere Schritte zu unternehmen.


Veranstaltungsleiter Gerd Kolbe bedauerte, dass durch diesen Vorfall ein Schatten auf den 40. Geburtstag der Dortmunder Traditionsveranstaltung fällt: „Wir erkennen, dass Schach keine Insel der Glückseligen ist. Dortmund hat es sich von Anfang an auf die Fahnen geschrieben, ein deutliches Zeichen für Sauberkeit und Fairness im Schachsport zu setzen. Diese Devise gilt für alle Turniere im Chess-Meeting. Das sind wir den Spielern, den Besuchern und den Sponsoren schuldig.“ Der Schach-Bundesligist SF Katernberg war schneller. Er hat Kotainy, der schon in früheren Turnieren manipuliert haben soll, bereits vor dessen Start in Dortmund aus seinem Kader genommen.

ZUG 3 (2013-05-21)

WM-Schiedsrichter Lothar Schmid (1928-2013)

 

Er schrieb Schachgeschichte

Von Dagobert Kohlmeyer

 

Lothar Schmids Leben hat sich vollendet. Der Großmeister und Karl-May-Verleger starb am Pfingstsamstag in Bamberg, wenige Tage nach seinem 85. Geburtstag. Dieses Jubiläum konnte er nur noch still im engsten Familienkreis begehen, zu sehr war seine Krankheit an dem Ehrentag (10. Mai) schon fortgeschritten. Der Verstorbene hinterlässt seine Ehefrau, zwei Söhne, eine Tochter und fünf Enkel.

 

Der Präsident des Deutschen Schachbundes Herbert Bastian sprach in einer ersten Reaktion von einem großen Verlust für das Schach und im Namen des Verbandes der Familie Schmid sein herzliches Beileid aus. „Wir sind Lothar Schmid in Dank-

barkeit verbunden, weil er viele Jahre für unsere Nationalmannschaft gespielt hat. Darüber hinaus trug er als Schiedsrichter sehr zum Ansehen des deutschen Schachsports in der Welt bei.“

 

Lothar Schmid. Fotos: Dagobert Kohlmeyer

Lothar Schmid hat mehr als ein halbes Jahrhundert Schachgeschichte mitge-

schrieben. Er war Großmeister, Fern-

schachspieler und Schiedsrichter - und auf allen Gebieten sehr erfolgreich. Schmid zählte zu den besten deutschen Spielern der Nachkriegszeit, auch im Fernschach. Der leidenschaftliche Sammler hinterlässt die weltweit bedeutendste Kollektion von Schachpublikationen.


Ich lernte Lothar im September 1990 in Leipzig beim Vereinigungskongress der beiden deutschen Schachverbände persönlich kennen. Alle Größen der Zunft, nicht nur aus unserem Land, waren angereist, darunter Wolfgang Unzicker, Wolfgang Uhlmann, Edith Keller-Herrmann, um nur die bekanntesten Persönlichkeiten zu nennen. Auch FIDE-Präsident Florencio Campomanes kam. Spontan ging Lothar Schmid ans Rednerpult und hielt eine geschliffene Rede, in der er seine Freude über das wiedervereinte Schach-Deutschland zum Ausdruck brachte.


In Radebeul bei Dresden geboren, siedelte Lothar 1947 mit der Familie nach Bamberg über. Dies hatte zur Folge, dass er später nach dem Bau der Mauer seinen sächsischen und ostdeutschen Schachfreunden nur bei Olympiaden am Brett begegnen konnte. Schmid spielte bei elf Schacholympiaden für die Bundesrepublik und zählte später viele Jahre zu den renommiertesten Schiedsrichtern für das königliche Spiel.

 

Legendär war vor allem sein Einsatz beim spannungsgeladenen WM-Match Fischer - Spasski 1972 in Reykjavik. Seit frühester Jugend sammelte er mit Leidenschaft Schachliteratur und -figuren. Nach einigen Jahrzehnten besaß er die wertvollste private Schachbibliothek der Welt.


Lothars Liebe zu Büchern und zum Schach hielt sein ganzes langes Leben an, seine Erzählungen und Anekdoten über die Begegnungen mit den Großen der Zunft bereiteten dem Verfasser dieser Zeilen immer wieder Vergnügen. Der Bamberger sagte mir einmal: „Das Verlegen von Büchern ist eine schöpferische Sache. Ich setze die Ideen des Autors in die Realität um. Schach ist auch sehr kreativ. Im Sammeln von Büchern vereint sich beides.“


Lothar Schmid war - wie auch sein Freund und Großmeisterkollege Wolfgang Unzicker - niemals Schachprofi, dafür ließ ihm sein Verlegerberuf einfach keine Zeit. Der Großmeister gehörte jedoch viele Jahre zu den spielstärksten Amateuren der Welt. Dabei hatte er erst spät mit dem Schach begonnen. Zuerst spielte er nur mit Freunden. „Ging eine Partie unentschieden aus, ermittelten wir den Sieger dann im Ringkampf“, erzählte Schmid.


Mit 13 Jahren wurde er Mitglied im Schachklub seiner Geburtsstadt Radebeul. Zwei Jahre später war er schon Stadtmeister von Dresden und Gaumeister von Sachsen. 1943 belegte er bei der Jugend-Reichsmeisterschaft in Wien den geteilten zweiten Platz. Dort lernte Lothar auch Alexander Aljechin kennen („Ich spürte das ganze Faszinosum seiner Persönlichkeit und war sehr beeindruckt.“)


Nach dem Krieg war die Familie Schmid nach Bamberg umgezogen und führte dort den Verlag weiter. 1948 nahm Lothar erstmals an der deutschen Meisterschaft der Herren teil und belegte dabei den vierten Platz. 1950 gewann er im Finale gegen Walter Niephaus den zum ersten Mal ausgetragenen „Deutschen Schachpokal“. Für seinen Sieg beim Turnier in Zürich 1954 (vor dem Schweizer Nievergelt und dem Holländer Euwe) wurde ihm später der Großmeistertitel verliehen.


Als Karl-May-Verleger konnte Schmid sich, wie eingangs schon erwähnt, dem Schach nie als Profi widmen. So musste er 1958 aus beruflichen Gründen auf die Teilnahme am Interzonenturnier in Jugoslawien verzichten. Aber Lothar Schmid vertrat die BRD zwischen 1950 und 1974 bei elf Schacholympiaden und kam auf 278 Einsätze in der Nationalmannschaft. Mit dem SC 1868 Bamberg wurde er dreimal deutscher Mannschaftsmeister.

 

Jahrhundertschiedsrichter

Weltweit bekannt wurde Lothar Schmid vor allem als Schachschiedsrichter. So leitete er den legendären WM-Kampf 1972 in Reykjavík zwischen dem sowjetischen Titelträger Boris Spasski und dessen amerikanischem Herausforderer Bobby Fischer. Dieses „Match des Jahrhunderts“ wurde damals zum Kampf der politischen Systeme hochstilisiert. Es ist dem um-

sichtigen Verhalten von Lothar Schmid zu verdanken, dass dieses brisante Duell trotz aller Spannungen ordnungsgemäß beendet werden konnte. Ohne sein diplomatisches Geschick wäre das Match wohl schon nach der zweiten Partie gescheitert.


Schmid: „Fischer und Spasski waren zwar Schachfreunde, aber eben aus West und Ost. Dieser Zusammenprall machte es kompliziert und hatte zugleich einen besonderen Reiz. Das Match hing am seidenen Faden - Fischer kam ja nicht pünktlich. Es gelang aber auf diplomatischem Wege und durch die Finanzspritze eines Engländers, ihn doch nach Reykjavik zu holen. Aber Bobby trat zur zweiten Partie nicht an und verlor sie kampflos. Er wollte dann unbedingt in einem separaten Raum spielen. Dem wurde entsprochen, aber vor dem dritten Spiel machte er wieder Theater. Da packte ich ihn und Spasski bei den Schultern, drückte sie in ihre Sessel und sagte: „Spielt jetzt!“, Spasski machte wie automatisch den ersten Zug. Es war der schwerste Augenblick, aber das WM-Match gerettet.“


Als es 1992 in Jugoslawien überraschend zu einem Revanche-Wettkampf zwischen Fischer und Spasski kam, war Schmid erneut als Schiedsrichter mit von der Partie. Außerdem leitete er die WM-Kämpfe Karpow-Kortschnoi (Baguio 1978), Kasparow-Karpow (London/Leningrad 1986), das Kandidatenfinale Fischer-Petrosjan 1971 in Buenos Aires sowie vielen andere Top-Ereignisse. Auf Grund dieser Meriten wählte man Lothar Schmid zum Schachschiedsrichter des Jahrhunderts. Die Auszeichnung wurde ihm 2005 im Beisein von Exweltmeister Anatoli Karpow verliehen.      

                                                                  

Ich bin Lothar Schmid bei vielen Gelegen-heiten begegnet, auch beim Match Fischer -Spasski 1992 in Jugoslawien. Oder beim Millennium-Turnier in Wien 1996, das ich mit organisiert habe. Besonders oft trafen wir uns zu den Dortmunder Chess-Meetings, die Schmid häufig geleitet hat. Der Kontakt war immer angenehm und sehr freund-

schaftlich. Zuletzt sahen wir uns im August 2012 beim „Chess Summit“ in Dresden, einem Gipfeltreffen berühmter Großmeister über 75 Jahre. Lothar hielt auch dort noch eine Ansprache. Er freute sich einfach sehr, seine alten Weggefährten Juri Awerbach, Wolfgang Uhlmann, Fridrik Olafsson, Mark Taimanow, Burkhard Malich, Jewgeni Wasjukow und Andreas Dückstein nach langer Zeit begrüßen zu können. Keiner wusste zu diesem Zeitpunkt, dass es das letzte Mal sein sollte.

 

Lothar Schmid und Wolfgang Uhlmann

Lothar Schmid hinterlässt eine Sammlung von über 50.000 Schachpublikationen, welche die größte in Deutschland und weltweit die bedeutendste Privatsammlung von Schachliteratur ist. Zu den kostbarsten Stücken gehört das erste gedruckte Schachbuch von Lucena, das 1497 erschien. Es heißt „Abhandlung über die Liebe zum Schach und dessen Kunst“ und war sündhaft teuer. Lothar Schmid überlegte ein halbes Jahr, ob er das Buch kaufen sollte. Dann flog er nach Brasilien und erwarb es bei einer Auktion. Die Schachlegende Lothar Schmid wird nicht vergessen. Hier sein feiner Sieg gegen einen Exweltmeister.

 
Botwinnik – Schmid
Königsindisch 
Hamburg 1965
1.d4 Sf6 2.c4 d6 3.Sc3 e5 4.Sf3 Sc6 5.d5 Se7 
6.e4 g6 7.g3 Lg7 8.Lg2 0-0 9.0-0 Sd7 10.Se1 f5
11.Sd3 h6 12.f4 Kh7 13.Ld2 fxe4 14.Sxe4 Sf5
15.Kh1 exf4 16.Sxf4 Se5 17.Tc1 c5 18.b4 b6
19.bxc5 bxc5 20.Se6 Lxe6 21.dxe6 De7
22.Sc3 Dxe6 23.Sd5 Tab8 24.Sf4 Dd7 25.Dc2 Sd4
26.De4 Tb2 27.Lc3 Txa2 28.Tb1 Df5 29.Tb7 Tf7
30.Lxd4 cxd4 31.Txf7 Dxf7 32.Sh5 Tf2 33.Sf4 Txf1+
34.Lxf1 Df5 35.Dxf5 gxf5 36.Lh3 Sg4 37.Lg2 Se3
38.Lc6 Le5 39.Sd3 Sxc4 40.Lb5 Se3 41.Sb4 a5
42.Sc6 0-1

 

 

 

ZUG 2 (2013-04-02)

Oben: Der Norweger Magnus Carlsen gewann das WM-Kandidatenturnier in London; unten: Unter den Bezwungenen der Russe Wladimir Kramnik (links) und der Armenier Levon Aronjan.

Fotos: Archiv Kohlmeyer

 

Als der Springer sich verirrte...

Magnus Carlsen: "Schach ist psychologische 

Kriegführung"

 

Von Dagobert Kohlmeyer

London - Mit dem Sieg im Kandidatenturnier zur Schach-WM ist der Weltranglisten-Erste Magnus Carlsen seiner Favoritenrolle gerecht geworden. Nach 14 Runden beendete der 22-jährige Norweger den Wettbewerb von acht Super-Großmeistern am Ostermontag mit 8,5 Punkten. Er hat nun das Recht, den amtierenden Weltmeister Viswanathan Anand (Indien) herauszufordern. Zweiter wurde der Russe Wladimir Kramnik mit ebenfalls 8,5 Punkten, aber einer Gewinnpartie weniger.  


Dramatik in der Schlußrunde

 

Das gab den Ausschlag zugunsten von Carlsen, der sich im direkten Vergleich zweimal remis von Kramnik getrennt hatte. Die Schlussrunde war an Dramatik nicht zu übertreffen, weil die Nerven der beiden Spitzenreiter blank lagen. Kramnik setzte mit Schwarz gegen den Ukrainer Wassili Iwantschuk alles auf eine Karte, um Carlsen noch zu überholen, wurde aber ausgekontert. Carlsen verlor als Weißer überraschend gegen den Russen Peter Swidler, sein Springer hatte sich in der feindlichen Stellung verirrt. Doch die beiden Turnierbesten besaßen vor dem letzten Spieltag schon 1,5 Punkte Vorsprung, so dass sie von der Konkurrenz nicht mehr eingeholt werden konnten.

 

Tragischer Held des Turniers war neben dem knapp geschlagenen Exweltmeister Kramnik der Armenier Levon Aronjan. Der in Berlin lebende Großmeister hatte bis zur achten Runde gemeinsam mit Carlsen das Achterfeld angeführt, kassierte dann aber in der Rückrunde zwei Niederlagen. Das reichte am Ende nur zu 8,0 Punkten und dem dritten Platz.  

Euphorie in Norwegen

 

Magnus Carlsens Sieg löste in seiner Heimat Norwegen große Begeisterung aus. Seit dem Höhenflug des jungen Schachgenies ist der Denksport in dem skandinavischen Land unglaublich populär geworden. 2014 richtet das norwegische Tromsoe auch die nächste Schacholympiade aus. Nach dem Turnier zeigte sich Magnus Carlsen erleichtert und froh. Er kündigte an, dem Weltmeister Vishy Anand im November einen großen Kampf zu liefern. Der Spielort steht noch nicht fest.

Carlsen war der Besuchermagnet in London, er stand am meisten im Fokus der Medien. Fotoreporter, Fernsehanstalten und Radiosender interessierten sich vorrangig für das Schachgenie. Trotz seiner Jugend führt Carlsen schon seit 2010 die Schach-Weltrangliste an. Seine Züge sehen leicht aus, sind jedoch tief durchdacht. Carlsens Gegner in London, die alle in der früheren Sowjetunion geboren wurden, kamen damit nur schwer zurecht.

Das Ego des Gegners

 

Was den Norweger neben dem Spielverständnis auszeichnet, ist seine große Kampfkraft. Auch in scheinbar gleichen Stellungen ringt er die Gegnerschaft nieder, vor allem, wenn eine Partie über sechs oder sieben Stunden geht. Psychologie spielt für den Norweger im Schach eine wichtige Rolle. Er zaubert unangenehme Züge aufs Brett, die seine Kontrahenten nicht widerlegen können und sagt: „Das ist der Teil, den ich am Schach besonders mag, die psychologische Kriegsführung.“

Außerhalb des Turniersaals zeigt sich der junge Mann dann wieder umgänglich, Gegner und Zuschauer mögen ihn. Mit seiner kompromisslosen Einstellung im Wettkampf aber wandelt der Norweger auf den Spuren des früheren Weltmeisters Bobby Fischer. Diesem ging es beim Schach vor allem darum, das Ego des Gegners zu zerstören.

Fan von Real Madrid

 

Die Randsportart Schach braucht Helden, die ihr in der Öffentlichkeit bescheidenes Image aufpolieren. Im Jahre 1972 war es der Amerikaner Fischer, der nach seinem WM-Sieg in Reykjavik über Boris Spasski (UdSSR) einen Schachboom in den USA auslöste. Und Carlsen erinnert in seiner ganzen Art nicht wenig an den Amerikaner. Er fläzt mitunter wie Fischer in seinem Sessel, während in seinem Kopf unzählige Denkprozesse ablaufen. Neben seinem Brett auf dem Schachtisch stehen Orangensaft und Milch.

Carlsen lebt sportlich wie einst Fischer. Er mag Fußball und ist Fan von Real Madrid. Längst stehen die Sponsoren Schlange bei dem Figurenkünstler, der schon für eine Jeansmarke geworben hat. Kein Wunder, seit Fischer gab es keinen derartigen Schachhelden aus dem Westen mehr wie Carlsen.



ZUG 1 (2013-03-11)

Bobby Fischer - Genie zwischen Ruhm und Wahn

Von Dagobert Kohlmeyer



Alle Fotos: Archiv Kohlmeyer

Bobby Fischer wäre am 9. März 70 Jahre alt geworden. Auch wenn der 11. Schachweltmeister bereits seit fünf Jahren tot ist, bleibt die Erinnerung an ihn lebendig. Die Erklärung ist einfach:

 

Dieser Mann gehört zu den erstaun-lichsten Figuren der Schachgeschichte. Zum ersten Mal hörte ich seinen Namen 1960. Da spielte der Amerikaner als 17-Jähriger bei der Schacholympiade in Leipzig. Seine spektakuläre Remis-Partie im Ringmessehaus gegen den Schachzauberer Michail Tal ist bis heute unvergessen.



Das legendäre WM-Duell zwischen Bobby Fischer und Boris Spasski im Sommer 1972 in Reykjavik konnte ich wie Millionen Schachfreunde nur aus der Ferne verfolgen. Zu gern wäre ich als junger Journalist nach Island gefahren, aber eine Reise dorthin war mir seinerzeit nicht möglich. Ich lebte auf der anderen Seite des eisernen Vorhangs.

 

In unserer Berliner Rundfunk-Redaktion schlossen wir damals Wetten über den Ausgang des Matchs ab. Ich setzte auf Spasski, weil er bis dato immer gegen Fischer gewonnen hatte. Mit diesem Tipp lag nicht nur ich falsch.


Zwanzig Jahre später beim Re-Match der zwei Schachlegenden in Jugosla-

wien nutzte ich die Chance und beobachtete das brisante Treffen live an den beiden Schauplätzen Sveti Stefan und Belgrad. Das Geschehen an der Adria und in der serbischen Hauptstadt schilderte ich in dem Buch „Bobby Fischer - ein Schachgenie kehrt zurück“. Der Beyer Verlag druckte damals eine große Auflage, die rasch vergriffen war.



Inzwischen sind mehr als zwei Jahrzehnte vergangen. Ich habe Fischers ungewöhnlichen Lebensweg weiter aufmerksam verfolgt und mit vielen namhaften Zeitzeugen sowie Kollegen des Schachgenies gesprochen, die seinen Weg kreuzten. Heraus kam das Profil eines Menschen, der auf seinem Spezialgebiet Außergewöhn-liches leistete und die größten Triumphe feierte, aber im normalen Leben nicht zurechtfand. Bis zu seinem Tode am 17. Januar 2008 blieb Fischers Verhalten rätselhaft, seltsam und den meisten Normalbürgern unverständlich.


Er hatte einen höheren Intelligenzquo-tienten als Albert Einstein und war wohl die schillerndste Person des Schachs. Kein Weltmeister beeinflusste das Spiel so wie Bobby Fischer. Gleichwohl war der Amerikaner auch umstritten wie kein anderer Schachspieler. In den Turniersälen wurde Bobby Fischer von Konkurrenten und Zuschauern bewundert, seine Partien wurden weltweit mit Begeisterung verfolgt, für sein eigensinniges Verhalten erntete er jedoch nur Kopfschütteln.


Nach dem WM-Sieg 1972 tauchte Fischer unter, hatte Psychosen und schockierte die Welt mit bizarren politischen Äußerungen. Zeit seines Lebens war er auf der Flucht vor der Wirklichkeit. Eine Heimat hatte der Ruhelose nicht. Das bestätigten mir viele Persönlichkeiten, die Fischers Weg kreuzten. Sein Zuhause war allein das Schach. Bobby Fischers wahres Testament sind seine genialen Partien.

 

Anlässlich des 70. Geburtstages von Bobby Fischer kommt im Beyer Verlag noch in diesem Monat ein neues Buch des Autors mit dem Titel „Bobby Fischer - Genie zwischen Ruhm und Wahn“ heraus. (Preis: 19.80 Euro). Gezeigt werden dort seine besten Partien, darüber hinaus schildern viele Zeitzeugen ihre Erlebnisse mit dem Amerikaner sowie ihre Eindrücke von seiner Persönlichkeit.

Mi                 22.11.2017 

Nr.            2.585 - 1.282

Aktualisierung:        16:30

Übrigens,

 

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(ohne Gewähr)

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2092 (2017-11-22) 

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