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KLAUS BLUME MIT

 

 

UNVERBLÜMT

379 - (2017-05-16) Klaus Blume

Was für ein Coup!

Jan Ullrich wird Chef

von „Rund um Köln“

Niemand anderer, als der 75-jährige Rheinländer Artur Tabat (im Bild links neben Jan Ullrich), hätte eine solche verrückte Idee in die Praxis umsetzen können: Ausgerechnet Jan Ullrich (43), die Persona non grata des deutschen Sports schlechthin, wird am 11. Juni das 101. klassische Eintags-Radrennen „Rund um Köln“ leiten. Ein Mann, der vom Internationalen Sportgerichtshof (CAS) in Lausanne, wegen des Verdachtes auf Blutdoping bei dem spanischen Gynäkologen Fuentes von August 2011 an zwölf Monate gesperrt worden war. Und der dazu sagte: „Ich bestätige, dass ich Kontakt zu Fuentes hatte. Ich weiß, dass das ein großer Fehler war, den ich sehr bereue. Für dieses Verhalten möchte ich mich aufrichtig bei allen entschuldigen – es tut mir sehr leid. Rückblickend würde ich in einigen Situationen während meiner Karriere anders handeln.“

Dieser Mann (rechts) wird also extra aus dem sonnigen Mallorca, wo er seit letztem Sommer mit seiner Frau und seinen drei Kindern lebt - zwanzig Minuten von Palma und zwanzig Minuten von den Bergen entfernt - für einen Tag ins Rheinland reisen. Eine Rückkehr des einzigen deutschen Tour-de-France-Siegers (1997) in den internationalen Radsport soll es aber nicht werden, auch nicht die Wahrnehmung einer Daueraufgabe; sein Ausflug nach Deutschland sei nur eine Geste gegenüber Artur Tabat, um bei dessen Rennen den verstorbenen Rudi Altig als sportlichen Leiter zu ersetzen.

 

Was für ein Coup! Aber Artur Tabat, ein Radsport-Verrückter, ein Vorzeige-Rheinländer, ein begnadetes Kölner Schlitzohr, ein Mann, der seit 43 Jahren dieses Rennen veranstaltet, hat schon öfters die Zunft verblufft. Zum Beispiel mit einem - in der ARD einst live vorgetragenen Hinweis - er zelebriere das älteste deutsche Straßenrennen. Einsprüche ließ Tabat danach nicht gelten, auch, wenn ihm alle Welt nachwies, dass „Rund um Köln“ erst seit 1908 rolle, während zwei weitere deutsche Rennen früher gestartet worden seien: 1907 „Rund um die Hainleite“, 1896 „Rund um Berlin.“ Tabat lächelte den Einwand beiseite.

 

Nun präsentiert er das 101. „Rund um Köln“ mit der Galionsfigur Jan Ullrich, was einem Paukenschlag gleichkommt, also mit dem so genannten „Markenbotschafter“ eines Bocholter Rad-Herstellers und Veranstalter verschiedener Radsport-Camps auf Mallorca, der Deutschen zuhauf bereister Lieblingsinsel. Dort wohnen die Ullrichs derzeit noch zur Miete; ihre Villa in der Schweiz, mit zehn Zimmern, wird derweil über das Immobiienportal Immoscout angeboten: für rund drei Millionen Euro. 

 

Mit Jan Ullrich hat Artur Tabat übrigens schon einmal ein sehr gutes Geschäft gemacht: Am Ostermontag 2003 verhalf er seinem Freund Jan zu einem unwahrscheinlichen Sieg und fast unglaublichem Comeback, nachdem dieser das Jahr 2002 völlig vergurkt hatte. Zuerst mit Knieproblemen, dann mit einem Autounfall unter Alkoholeinfluss und anschliessender Fahrerflucht - und schließlich mit einer Disco-Pillen-Affäre, die mit einem Dopingbefund endete. „Ich glaube, es gibt noch Wunder“, jubelte Ullrich seinerzeit. Und Tabat glaubte „Millionen über Millionen“, gesehen zu haben, die seinerzeit die Straße gesäumt hätten.

 

Mal sehen, wie es am 11. Juni wird, wenn Ullrich wieder in Köln auftritt. Ein Mann, gegen den derzeit die Staatsanwalt des Schweizer Kantons Thurgau ermittelt, weil er dort 2014 einen schweren Autounfall im alkoholisierten Zustand verursacht hat. Der Zürcher Zeitung „Blick“ gestand der Olympiasieger des Jahres 2000 danach: „Gott sei Dank hat es dabei keine Toten gegeben.“

 

KBL

378 - (2017-05-09) Klaus Blume

O bella Italia - von wegen

Überraschungssieger

aus Slowenien

als Erster auf dem Ätna

 

Kein vernünftiger Mensch setzt sich eigentlich um die Mittagszeit - in der glühenden Hitze Siziliens - freiwillig auf ein Fahrrad und fährt dort hinauf, wo einst die glühende Lava des Ätna gebrodelt hat. Wo die Feuersbrunst aus dem Inneren der Erde das Leben vernichtet hat. Wo die Hitze zur Hölle werden kann, und es oft genug für die Menschen in den Dörfern rund um diesen Vulkan auch geworden ist.

 

Doch der Mensch, dieses durch und durch vernunftbegabte Wesen, tut so etwas. Er fährt auf einem Fahrrad in der Mittagszeit in glühender Hitze

zum Ätna hinauf. 

 

 

Warum?

 

Doch nur, weil es die Direktion des 100. Giro d‘Italia so vorgesehen hat. Gestern, als es auf der vierten Giro-Etappe von Cefalu über 181 Kilometer  zum ehedem feuerspeienden Ätna hinauf ging. Nach 1967, 1989 und 2011 zum vierten Male in der Geschichte dieses dreiwöchigen Radrennens.

Gestartet wurde dabei auf einer Höhe, die gerade noch neun Meter über dem Spiegel des tiefblauen Mittelmeeres liegt. Ins Ziel gelangte der 25-jährige slowenische Etappensieger Jan Pollanc (unten) vom arabischen Team der Vereinigten Emirate jedoch erst auf einer Höhe von 1892 Metern - und das nach knapp 180 Kilometer langer Ausreißjagd. 

Was für ein Sieg!

 

Die maximale Steigung auf dem 18 Kilometer langen Schlussanstieg zum Ätna betrug immerhin zwölf Prozent.

Das alles sah - beim Frühstück im Streckenbuch des Giro gelesen - recht harmlos aus.

 

Doch von wegen!

 

Die gestrige Bergankunft fällt eindeutig unter die Rubrik Spektakel. Je ausgefallener, um so besser. Das scheint aber ohnehin seit dreißig Jahren der schlimme Grundgedanke der Giro-Verantwortlichen zu sein, wenn sie sich anschicken, den Gesamtkurs festzulegen. 

 

Denn gestartet wurde, zum Beispiel, gestern zu einer Zeit, die jedem vernünftigen Sizilianer als Siesta-Zeit heilig ist. Es ist die Zeit, in der sich Körper und Geist unter der glühenden Sonne Siziliens Ruhe wünschen.

 

Ausgerechnet aber dann begann der Kampf der Rennfahrer gegen den Ätna

 

La Montagna, den Berg, nennen die Einheimischen diesen höchsten Vulkan Europas. Was nach Ehrerbietung klingt und nicht nach Beiläufigkeit. Und wenn du unten in der Ebene, gleich hinter Cefalu, auf dein Rad steigst, dann führt dich dein Weg an hohen Steinwällen vorbei, an Weinbergen und mannshohen Kakteen. Gefällig und bequem scheint die Straße anzusteigen. Sanft und nicht allzu viel Kraft kostend, bestünde sie nicht aus einer schier nicht enden wollenden Zickzack-Kurve.

 

Du scheinst wie gefangen zu sein auf dieser merkwürdigen Straße, die scheinbar aus dem Nichts kommt und im Nichts zu verschwinden scheint. Ein Gefühl der Ohnmacht, des Ausgeliefertseins, kann sich hier des Rennfahrers bemächtigen, wenn er hinauf strebt zum Krater des Ätna. 

 

Wenn er rechts und links der Straße der steingewordenen Lava des letzten Vulkanausbruchs gewahr wird. Wenn er die letzten menschlichen Behausungen am Wegesrand hinter sch gelassen hat. Wenn wild wucherndes Heidekraut verfallene Gehöfte in einen Dornröschenschlaf versetzt haben.

 

Doch vielleicht, so hat es wohl auch gestern so mancher Fahrer wieder einmal im Ziel auf dem Ätna festgestellt, war das alles nur ein Traum. Denn im Ziel, wo die Tifosi, die Fans, lärmen und die Reporter drängeln, war dann doch wieder alles so wie immer. So, als sei man gestern irgendwo, nur nicht nicht auf dem Ätna gewesen.

KBL 

377 - (2017-05-05) Klaus Blume

Marathon unter zwei Stunden:

Hirngespinst

oder Doping-Ablenkung?

 

Ist es nur eine geniale PR-Nummer in einer Zeit, in der unter den besten Läufern der Welt Doping allgegenwärtig zu sein scheint?

 

Am 6. Mai wollen drei Afrikaner für den amerikanischen Sportartikel-Konzern Nike erstmals einen Marathonlauf (42, 195 Kilometer) unter zwei Stunden zurücklegen. An einem Tag, an dem vor 63 Jahren schon einmal eine sogenannte Schallmauer durchbrochen wurde. Seinerzeit durcheilte der britische Neurologe Sir Roger Bannister die englische Meile nach 1609 Metern als Erster unter vier Minuten - in 3:59,4.

 

63 Jahre später wollen der Kenianer Eliud Kipchoge, der Äthiopier Lelisa Desisa und Zersenay Tadese aus Eritrea 42, 195 km unter zwei Stunden zurücklegen - auf der Formel-1-Piste im italienischen Monza. Ein gigantisches Unternehmen. Insider sprechen von 35 Millionen Dollar Vorbereitungskosten. Was aber bei weltweit 500 Marathonläufen per annum unter den Volksläufern auch ein gigantisches Geschäft verspricht. Egal, ob am 6., 7. oder 8. Mai - wann, hängt vom Wetter ab - eine Siegerzeit von 1:59:59 Stunden zu Buche steht.

 

Der Umsatz des längst annoncierten Weltrekord-Schuhs wird boomen, wahrscheinlich wie kaum ein anderes Sportgerät zuvor

 

Die Marketing-Experten sagen, es sei dabei unerheblich, ob der angepeilte Rekord vom Internationalen Leichtathletik-Verband (IAAF) als regelkonform anerkannt werde oder ob die 2:02:57 Stunden, gelaufen 2014 von dem Kenianer Dennis Kimetto in Berlin, weiterhin die Spitze der Rekord-Annalen zieren; mit dem Monster-Rennen von Monza, das prophezeit auch Kipchoges als Läufer wohlhabend gewordener Trainer Patrick Sang, würde so oder so ein Hype losgetreten, den niemand mehr stoppen könne. Wobei es allerdings Kimetto war, der mit seinem Berliner Weltrekord - unbeabsichtigt - die wissenschaftliche Jagd um das Projekt „Marathon unter zwei Stunden“ eröffnet hat. 

 

Die ersten Berechnungen für einen solchen Lauf entwickelte kurz darauf Professor Yannis Pitsiladis von der Universität Brighton

 

Ein Mann, dessen wissenschaftliche Arbeiten über ähnliche Projekte schon immer viel Beachtung in der Szene gefunden haben und der seit Jahren mit den äthiopischen Olympiasiegern Haile Gebreselassie und Kenenisa Bekele zusammenarbeitet. Pitsiladis unterbreitete Bekele die Idee, einen Rekordversuch unterhalb des Meeresspiegels zu unternehmen; also dort, wo mehr Sauerstoff vorhanden ist. Pitsiladis dachte an eine Piste am Toten Meer. Doch Bekele winkte ab, auch dort hielt er allenfalls eine Zeit von 2:01:30 Stunden für möglich. Sein Vertragspartner Nike sprach ihn nie mehr darauf an.

 

Stattdessen aber wandte sich Nike an Kipchoge, Desisa und Tadese, was in der Szene erstaunt kommentiert wurde. Zumindest im Falle von Desisa und Tadese. Während Kipchoge von seinen bisher acht Marathonläufen sieben gewinnen konnte, hat Desisa seit 2013 kein herausragendes Rennen mehr gezeigt; so rangiert er in der ewigen Bestenliste nur noch auf Platz zwanzig. Tadese gilt wegen seiner Erfolge auf dieser Distanz zwar als „Mister Halb-Marathon“, doch alle Versuche über die doppelt so lange Marathonstrecke endeten stets mit einer Pleite, wie 2012 in London, wo er erst nach  indiskutablen 2:10:41 Stunden ins Ziel kam.

 

Warum also hat Nike diese Drei für ein so ungewöhnliches Projekt ausgesucht?

 

Kipchoge (32), der seit 15 Jahren im kenianischen Hochland bei Patrick Sang trainiert, einst einer der schnellsten Hindernisspezialisten der Welt, gehört zweifellos zu den talentiertesten Läufern der Sportgeschichte. Er war bereits 2003 in Paris Weltmeister über 5000 Meter und dreizehn Jahre später in Rio de Janeiro Olympiasieger im Marathonlauf. Eine ganz und gar ungewöhnliche Karriere! Aber noch etwas ist außergewöhnlich: Mit seiner 5000-Meter-Bestzeit von 12:46,53 Minuten (2004) nimmt Kipchoge in der ewigen Weltbestenliste Rang vier ein, mit 2:03:05 Stunden (2016) Platz drei in der Marathon-Geschichte. Eine Bandbreite, wie kein anderer Läufer. Wer sonst, als Eliud Kipchoge sollte also als Erster die 42,1905 km unter zwei Stunden laufen?

 

Doch was soll Tadese bei diesem Projekt?

 

Die Nike-Wissenschaftler, die in ihrer zentralen Datenbank im amerikanischen Portland alles sammeln, was über einen Athleten zu sammeln ist, sind geradezu hingerissen von dessen Daten. Er sei, verriet ein Wissenschaftler, „ökonomisch betrachtet, der Weltbeste.“ Das heißt: Tadese benötigt weit weniger Sauerstoff als jeder andere Läufer; selbst dann, wenn er dabei schneller als jeder andere laufe. Ein Phänomen! Die bei der Europäischen Universität Madrid hinterlegten Studien seines spanischen Trainers Jeronimo Bravo würden jedoch noch weit mehr offenbaren - doch die gingen die Öffentlichkeit nichts an. „Allein schon wegen dieser Daten“, so Bravo, „wird er in Monza auch nicht den Hasen für Kipchoge spielen.“

 

Als „Hasen“, als Pacemaker für die drei Rekord-Aspiranten, sind 18 andere Läufer vorgesehen, die sich ständig abwechseln sollen, und die teilweise erst in der Schlussphase einsteigen werden, um Kipchoge und Co. als Windschatten zu dienen. Wie der bereits 42-jährige Amerikaner Bernard Lagat, ein gebürtiger Kenianer. 2007 als Doppel-Weltmeister über 1500 und 5000 Meter superschnell, 2013 beim New Yorker Halbmarathon aber auch erstaunlich ausdauernd. Ihm zur Seite steht der 21-jährige Schweizer Julien Wanders. Er hat extra in Kenia für Monza trainiert, und ist derzeit der schnellste Europäer im 10-Kilometer-Straßenlauf.

 

Nirgendwo scheint es demnach eine Schwachstelle zu geben, wäre da nicht Lelisa Desisas äthiopischer Coach Haji Adillo, bekannt auch als Trainer der zehnmaligen Weltmeisterin und dreimaligen Olympiasiegerin Tirunesh Dibaba. Ein Mann mit bemerkenswerten Fähigkeiten, aber auch mit geradezu unheimlichen Verbindungen in dieser nur schwer durchschaubaren Szene. Zum Beispiel zu dem somalischen Trainer Jama Aden. Zu dessen Schützlingen gehört Tirunesh Dibabas Schwester Genezbe. Sie, die Weltmeisterin über 1500 Meter, wurde 2015 zur „Weltsportlerin des Jahres“ gekürt; Jama Aden indes verschwand 2016 in einem spanischen Gefängnis. Er soll neben anderen Medikamenten auch das Blutdopingmittel EPO vertrieben haben.

 

Ist also das, was in den nächsten Tagen in Monza geplant ist, doch nur ein großer PR-Gag, um vom weltweiten Leichtathletik-Doping abzulenken?

 

Könnte sein. Doch wie auch immer: Nike-Konkurrent Adidas scheint auch auf diesen Zug aufspringen zu wollen. Mit Weltrekordler Kimetto und Ex-Weltrekordler Patrick Makau aus Kenia. Alles noch ungeheuer geheim. Doch auch, wenn derzeit (noch) niemand über dieses Projekt spricht, muss es ja kein Hirngespinst sein.

KBL

Images: Nike 

376 - (2017-05-01) Klaus Blume

Radsport in Frankfurt:

Ein Volksfest mit

Rick Zabel und

John Degenkolb

 

Beschwerde statt Begeisterung. Das Radrennen von Eschborn nach Frankfurt war kaum eine Stunde alt, da quengelten beim Hessischen Rundfunk die ersten Anrufer. Wieso man eine derart doping-verseuchte Sportart, wie den Radsport, live im Fernsehen zeigen könne? Zusätzlich wurde gezetert: Und noch dazu am 1. Mai, einem der schönsten Feiertage - weltweit. Polternde Beschimpfungen ähnlicher Art mussten jene zehn ausländischen TV-Anstalten, die das 56. World-Tour-Rennen aus Frankfurt in 170 Länder auf fünf Kontinente live übertrugen, nicht ertragen.

 

Der Hessische Rundfunk zeigte das klassischste aller klassischen deutschen Radrennen, trotz dieser schon üblichen Beschwerden, ungerührt fünfeinhalb Stunden lang - und zwar live! Es war eine spannende Übertragung bei Dauerregen, das an der Alten Oper in Frankfurt nach 218,7 Kilometer zum dritten Mal der Norweger Alexander Kristoff vor zwei deutschen Profis, vor Rick Zabel (u.l.) und John Degenkolb (u.r.), gewann.

 

Doch zurück zu den Doping-Kritikern, die im vorigen Jahr auch die ARD während der Tour de France immer wieder am Telefon beschwichtigen musste. In den letzten vier Jahren gehörte der Radsport weltweit, und damit auch hierzulande, zu jenen Sportarten, bei denen die wenigsten Dopingfälle registriert wurden. Ganz im Gegensatz zum Biathlon, Skilanglauf, zur Leichtathletik, zum Profi-Boxen, zum Ringen und Gewichtheben. Der Fall des Amerikaners Lance Armstrong, dem wegen seines ausgeklügelten Dopings alle sieben Siege in der Tour de France (von 1999 bis 2005) aberkannt wurden, lässt sich nicht verallgemeinern. Vor allem nicht zwölf Jahre nach dessen letzter Betrugsaffäre.

 

Zwölf Jahre danach treten 29 deutsche Berufs-Rennfahrer für 13 internationale Teams der World--Tour - hochklassig wie im Fußball die Champions-League - in die Pedale. Darunter auch zwei deutsche Mannschaften. Die Besten bei Bora-Hansgrohe sind Weltstars ihrer Sportart: der zweimalige Weltmeister Peter Sagan aus der Slowakei und Rafal Majka aus Polen. Majka gewann 2014, 2015 und 2016 jeweils das Bergklassement der Tour de France. 

 

Aber auch deutsche Super-Stars sind gefragt: Tony Martin, viermal Weltmeister im Zeitfahren, verdient sein Geld als Kapitän der schweizerischen Equipe Katusha-Alpecin. Marcel Kittel ist mit neun Etappensiegen auf der Tour de France der Super-Star der belgischen Equipe Quick Step Floors, des erfolgreichsten Rad-Teams der Welt. John Degenkolb, bei der amerikanischen Mannschaft Trek-Segafredo unter Vertrag,  gewann bereits vier weltberühmte Eintagsrennen: 2013 Paris-Tours, 2014 Gent-Wevelgem, 2015 Mailand-San Remo und Paris-Roubaix. 

 

 

Aber deutsche Profis sind auch als zuverlässige Helfer der Weltstars gefragt. Das bewies am 1. Mai in Frankfurt auch der 23-jährige Rick Zabel (o.r.), Sohn des früheren Tour-Stars Erik Zabel (o.l.). Er führte am 1. Mai seinen norwegischen Kapitän Alexander Kristoff zum Sieg in der Main-Metropole. Zabel junior „Ich wusste, ich hatte alles für Alexander zu tun, vor allem zum Schluss. Da musste ich für ihn eine Lücke reißen. Das war meine Aufgabe. Aber eines Tages will ich auch selber gewinnen, und ich glaube, ich bin auf dem richtigen Weg.“

 

Doch nicht nur deutsche Rennfahrer sind gefragt, auch deutsche Teamchefs stehen bei internationalen Spitzenmannschaften hoch im Kurs: Andreas Klier bei Cannondale (USA), Torsten Schmid bei Katusha (Schweiz), Rolf Aldag bei Dimension Data (Südafrika) und Grischa Niermann bei Lotto NL (Niederlande).

 

Und weil der deutsche Radsport weltweit hoch angesehen ist, startet denn in diesem Jahr die Tour de France auch hierzulande, und zwar am 1. Juli in Düsseldorf. Veranstaltet wird die Tour von der französischen Amaury Sport Organisation (ASO), die seit dem 1. Januar auch den deutschen Klassiker in Frankfurt übernommen hat. 2018 wird die ASO zusätzlich die Deutschland-Tour wieder beleben - der deutsche Radsport, so  scheint‘s, ist kaum noch aufzuhalten.

KBL

375 - (2017-04-24) Klaus Blume

Michele Scarponi:

Tod eines Doping-Spezialisten

 

Gestern am Sonntag, auf den Straßen zwischen Lüttich und Bastogne, wäre Michele Scarponi nur allzu gerne mitgefahren. Schon 2003 hatte er beim ältesten Klassiker der Radsport-Geschichte Platz vier belegt - diesmal war er in Hochform und hatte sich viel vorgenommen. Doch beim Training zuvor, im heimischen Filottrano, ist der Italiener am Samstag bei einem Autounfall ums Leben gekommen. Mit 37 Jahren. So, wie 2006 schon der Australier Scott Peoples. Und wie dessen Landsfrau Amy Gillett, die 2005 bei einer Trainingsfahrt in Thüringen ums Leben gekommen ist.

 

Der Tod auf der Straße - er scheint im Radsport fast schon alltäglich zu werden und wird wohl nur noch wahrgenommen, wenn es dabei einen Prominenten ereilt. Wie jetzt Michele Visconti, der seit fünfzehn Jahren einer der Stars der Szene gewesen ist. So, wie sein Landsmann Vincenco Nibali, der Tour-Sieger von 2014. Oder der slowakische Doppel-Weltmeister Peter Sagan. Oder wie der Spanier Alberto Contador.

 

Scarponi zählte seit 2003 zu den Ausnahmekönnern der Branche. Und damit auch zu jenen, die stets im Zentrum schlimmer Dopingskandale standen. Vom 13. Juli 2007 bis zum 3. August 2008 suspendierte ihn deshalb sein Team Aqua Sapone; Scarponi gehörte nämlich zu jenen Profis, die sich tief in die spanische Affäre „Operacion Puerto“ verstrickt hatten. Unter den Decknamen „Zapatero“ und „Il Presidente“ hatte er bei dem Madrider Gynäkologen Eufemiano Fuentes zahlreiche Depots mit Eigenblut deponiert. Zwar konnte er glaubhaft behaupten, dieses Blut sei zu keiner Zeit mit verbotenen Dopingmitteln angereichert worden, doch gleichfalls sagte er aus, sein ehemaliger spanischer Teamchef Saiz habe ihn zum Blutdoping geraten. Eine Aussage, die man ihm beim Internationalen Sportgerichsthof (CAS) in Lausanne zugute hielt und die zur Verhaftung von Manolo Saiz beitrug.

 

Doch Scarponi löste sich dennoch nicht aus der Doping-Szene. Vier Jahre später wurde er erneut erwischt. Diesmal wies man ihm Geschäfte mit dem italienischen Doping-Dealer Michele Ferrari, genannt „Dottore EPO“, nach. Was für das dritte Quartal 2012 eine erneute Dopingsperre nach sich zog. Womit Visconti sogar den kasachischen Olympiasieger Alexander Winokurow übertrumpft hatte, dessen Doping-Vergangenheit eigentlich nicht einzuholen schien.

Einer, wie Scarponi musste Winokurow damit enorm beeindruckt haben, und so kam es, wie es kommen musste: 2014 heuerte Scarponi bei Winokurows berüchtigten kasachischen Rennstall Astana an. Ein Team, dem der Weltverband (UCI) schon mehrmals wegen sich häufender Dopingfälle die Lizenz entziehen wollte. Unter der Führung seines italienischen Teamleiters Guiseppe Martinelli, des einstigen Vertrauten des 2004 unter mysteriösen Umständen zu Tode gekommenen Tour-Siegers Marco Pantani, produzierten die Astana-Profis nämlich Dopingfälle fast im Akkord; so wurden einst innerhalb von drei Monaten gleich fünf Kasachen überführt. Scarponi aber geriet nie mehr in Verdacht.

 

Am Samstag ist Michele Scarponi mit 37 Jahren gestorben. Er hinterlässt seine Frau und zwei Söhne.

KBL 

374 - (2017-04-20) Klaus Blume

 

Der April - wenn Geschichten

zur Geschichte werden

Lüttich oder London - das ist hier die Frage

 

Ob‘s sinnvoller ist, am Sonntag die besten Rad-Profis beim Balancieren durch die verschneiten Ardennen zu beobachten oder in London die schnellsten Marathonläufern zu sehen, wie sie gegen harsche Atlantik-Winde ankämpfen. Ein verrückter Monat, dieser April. Nicht nur wegen der Nachtfröste und tagsüber plötzlicher Schneeböen. Vor allem, weil ausgerechnet in diesen scheußlichen Wochen die hohe Zeit der Ausdauer-Athleten zelebriert wird. 

 

Die großen klassischen Radrennen ebenso wie die schnellen Marathonläufe

 

Die Rad-Profis kämpfen sich dabei über einhundert Jahre alte Straßen, was wie Kulissen historischer Filme wirkt; die Marathonläufer bewegen sich hingegen auf allerfeinstem Asphalt. In Rotterdam hatte Ex-Stundenweltrekordler Jos Hermens obendrein vor vielen Jahren die Stadtväter rumgekriegt, manche Straßenecke im Sinne eines schnellen Marathons kurzerhand umzubauen. So wurden denn aus bremsenden Neunzig-Grad-Ecken Kurven, in denen so richtig zum Tempo ausgeholt werden kann.

 

Lüttich-Bastogne-Lüttich oder London Marathon?

 

Im Jahre 2000 hatte sich unsereins kurzerhand für LBL entschieden, wo sich die beiden italienischen Welt-Stars Paolo Bettini und Davide Rebellin bekriegten; mit der kenianischen Marathon-Läuferin Tegla Loroupe hatte ich für den selben Tag ein Telefonat, direkt nach dem London Marathon, verabredet: „Denk‘ dran, die BBC kann warten.“ Es wurde völlig irrsinnig. In einer zugigen kalten Halle am Stadtrand von Lüttich standen Paolo - der spätere Doppel-Weltmeister und damalige Sieger - sowie Davide, der Drittplatzierte, um mich herum, und redeten ohne Punkt und Komma in ihrem merkwürdigen italienischen Französisch auf mich ein. Das aus dieser „Renn-Analyse“ doch noch ein druckbarer Kommentar geworden ist, erscheint mir noch heute wie ein Wunder.

 

Denn mitten in Paolos blumenreiche Verklärung des letzten Rennkilometers, augenrollend und gestenreich vorgetragen, platzte Teglas Anruf aus London: Kleinlaut, enttäuscht, am Boden zerstört! Da wollte jemand - auf der Stelle, versteht sich ! - aufgerichtet werden. Warum, die Agenturen hatten doch einen glorreichen Sieg vermeldet? Also gratulierte ich pflichtschuldigst, doch nicht überschwänglich. Und hörte ihre Analyse: Auf den letzten drei Kilometern hätte sie ein starker Seitenwind fast von der Straße geweht, versicherte aber im selben Atemzug, bis dahin sei sie klar auf Rekordkurs gewesen. Die 2:21.26 Stunden der Norwegerin Ingrid Kristiansen aus dem Jahre 1985 hätte sie mühelos pulverisiert - doch geschafft habe sie die 42, 195 Kilometer „nur“ in 2:24:33 Stunden. Dann folgte eine ganze Suada kenianischer Schimpfwörter . . .

Ich habe sie dann in der zurückhaltenden Neuen Zürcher Zeitung, gerade deshalb, besonders gefeiert. Sie hatte mir doch schon soviel beigebracht; nicht nur übers Laufen oder wie man „kenianischen Tee“ kocht: mit Milch, statt mit Wasser. „Denn du weißt ja nie, was im Wasser drin ist.“ Jedenfalls nicht in Kenia. Denn um die Wasserqualität daheim hat sie sich bis heute gekümmert. Und damit um die Gesundheit, vor allem um die der Kinder. Vor einigen Jahren hat sie, eigentlich zwischen Kenia und Uganda, ihre „Peace and Leadership School“ errichtet.

 

Ein Lebenstraum!

 

Es geht der heute 44-Jährigen dabei nicht nur um Bildung, sondern vor allem um Schutz vor Missbrauch, Zwangsheirat und  Genitalverstümmelung. 

 

In Detmold, von wo aus sie einst jahrein, jahraus zu ihren großen Rennen aufbrach, sammeln sie inzwischen für dieses wegweisende Unternehmen. Denn ihr selbst wurden vom deutschen Fiskus an die 300 000 Euro gepfändet. Begründung: Ihr Lebensmittelpunkt sei zu ihrer Glanzzeit nicht Kenia, sondern in Detmold gewesen. Also müsse sie dafür Steuern zahlen. Für den London Marathon, den New York Marathon und, und, und . . .

 

Davide Rebellin wiederum, der als Einziger im Jahre 2004, in nur einer Woche die drei Ardennen-Klassiker Amstel Gold Race, Fleche Wallonne und Lüttich-Bastogne-Lüttich gewann, sammelte damals bereits jahrelang für ein Kinderhilfsprojekt in Bolivien, weil ihm das der Pfarrer seiner Heimatgemeinde ans Herz gelegt hatte. Er tut das noch heute, weil diese Kinder, mit einem genetischen Defekt geboren, ohne Hilfe sterben müssten. Hilfe, die jedoch jahrelang gefährdet war. Denn Rebellin sollte für die Zeit von 2002 bis 2008 insgesamt 6,8 Millionen Euro an Steuern nachzahlen. Weil er als Rad-Profi, des Wetters und der Straßen-Profile wegen, mitunter wochenlang in der Toskana trainiert, mochte der römische Fiskus seinen Hauptwohnsitz in Monte Carlo nicht als solchen anerkennen, sondern irgendwelche Dörfer an seiner Trainingsstrecke. Doch am 1. Mai 2015 wurde er vom Verdacht der Steuerhinterziehung freigesprochen. 

 

Er habe ja ohnehin noch genug zu büßen, sagt Rebellin dazu - und meint damit den Verlust der olympischen Silbermedaille von 2008 in Peking. Die hatte er nämlich mit Hilfe des Blutdopingmittels EPO gewonnen.

 

April - das ist auch der Monat, in dem Geschichten zur Geschichte werden können

 

Wie am Ostermontag, beim 121. Boston Marathon. Den gewann die Kenianerin Edna Kiplagat in beachtlichen 2:21:52 Stunden - und auch dahinter verbirgt sich eine besondere Geschichte. Edna gehörte nämlich bis 2008 in Boulder (Colorado) der Trainingsgruppe Dieter Hogens und Uta Pippigs an, und Uta, die sich in Boston mit drei Siegen hintereinander ein eigenes Denkmal gesetzt hatte (1994, 1995, 1996), war vor elf (!) Jahren schneller als Kiplagat heute: Ihr gelang 1996 der dritte Sieg in 2:21:45 Stunden. Heute berät sie Dieter Hogen, dessen kenianischer Schützling Allan Kiprono am 9. April den Hannover Marathon in 2:09:52 Stunden gewann. Nun möchte der gebürtige Thüringer seinen kenianischen Schützling Kiprono im Herbst gern in Frankfurt präsentieren. Angestrebte Zeit: 2:06 Stunden. Na, wenn das kein seriöses Angebot ist . . .

 

Übrigens, Ostern 2017

 

Da verzockte ein Pole , der es als Ex-Weltmeister und geübter Klassiker-Jäger eigentlich besser kann, den sicheren Sieg im niederländischen Amstel Gold Race. Der große Michal Kwiatkowski sprintete fünfzig Meter zu früh zum Ziel, immer feste gegen den Wind - und gab fünf Meter vor dem Zielstrich auf, als der Belgier Philippe Gilbert an ihm vorbei brauste.

 

Da hatte es einst ein anderer Pole besser gemacht: Jean Stablinski. 1966 fuhren wir dieses Rennen zum ersten Mal und es schien überhaupt kein Ziel in Sicht, weil sich die Veranstalter vermessen hatten. Am Ende stand auf dem Tacho unseres Begleitautos eine Distanz von sage und schreibe 302 Kilometern! Eigentlich sollte das Rennen gut siebzig Kilometer kürzer sein. Doch Stablinski, dieser Fuchs, hatte sich nicht irre machen lassen.

 

Erst Jahre später haben wir darüber gesprochen. Am Vorabend der Pavé-Classique Paris-Roubaix, in einem kleinen Traditionshotel. Draußen heulte und tobte der Sturm um das verwinkelte Haus, rüttelte an Türmchen, Zinnen und Fensterläden. Und der Regen klatschte wie Sturmfluten an die alten Mauern. Damals erzählte ich ihm, wie ich 1953 in der damaligen DDR - auf der „Friedensfahrt“, dem anspruchsvollsten Amateur-Etappenrennen der Welt - wegen eines Autogramms hinter ihm her war. Übrigens vergeblich. „Stab“, 2007 verstorben, lächelte gerührt.

 

Er war 1953 unter seinem polnischen Namen Jan Stablewski für das Team „der in Frankreich lebenden Polen“ angetreten, hatte zwei Etappen der „Friedensfahrt“ gewonnen, drei Tage lang das Gelbe Trikot getragen und am Ende Platz drei im Gesamtklassement belegt.

 

Der April, und die Geschichten, aus denen Geschichte werden kann

 

Beim London Marathon am Sonntag, dem prestigereichsten Rennen des Frühjahrs, wird Vorjahrssiegerin Jemina Sumgong aus Kenia fehlen. Die Olympiasiegerin von Rio de Janeiro wurde am 7. April des EPO-Dopings überführt. Das hatte man innerhalb eines speziellen Testprogramms für Straßenläufer festgestellt. Schon 2012 war die Dame als Zweite des Boston Marathon unangenehm aufgefallen, weil sie eine gehörige Kortison-Dosis benutzt hatte. Doch ihr umtriebiger italienischer Manager Federico Rosa konnte dafür das Attest eines bei ihm angestellten Arztes herbeizaubern - und alles war in Ordnung.

 

Ebenfalls am Sonntag schickt sich der 37-jährige Spanier Alejandro Valverde an, den Klassiker Lüttich-Bastogne-Lüttich zum vierten Male zu gewinnen. Die Veranstalter, die schließlich auch die Tour de France inszenieren, hoffen auf einen anderen Sieger. Denn Valverde, von 2010 bis 2012 gesperrt, stand jahrelang im Mittelpunkt der „Operacione Puerto“, des größten Doping-Skandals Spaniens. Eines nie beendeten Skandals! Und was sagt Valverde zu alledem? Er verbitte sich, dieses Thema auch nur im Ansatz zu erwähnen.

 

Der April, ein Monat, in dem Geschichten zu Geschichte werden können.

KBL

373 - (2017-04-14) Klaus Blume

Wenn aus Sport Mord wird

Gefährliche Schützen-Geschäfte

Wer die Website des Sportschützenverein Hameln anklickt, stößt als Erstes auf den Hinweis: „Wir sprechen Deutsch, Englisch, Russisch, Italienisch, Türkisch.“ Ein Hinweis, der misstrauich macht und deshalb auch einen verdeckten Ermittler des Landeskriminalamtes Niedersachsen angelockt hat. Dank dessen Recherche wissen wir nun, dass die Sportschützen aus der Rattenfängerstadt keine neuen Mitglieder, sondern zahlungskräftige Kunden für Waffenbesitzerkarten mit diesem Hinweis geködert haben.

 

Für bares Geld - man spricht von 1500 Euro pro Karte - aber ohne korrekte Prüfung und ausreichende Schießübungen bekam man das begehrte Papier. Womit die Hamelner Sportschützen nur auf einen schon seit zwei, drei Jahren stärker werdenden Trend aufgesprungen sind: Auf den boomenden Waffenkauf. Immer mehr deutsche Bürger wollen sich bewaffnen - möglichst einigermaßen ordnungsgemäß; also mittels der Waffenbesitzerkarte eines Sportschützenvereins.

In Hameln schreitet nun die Staatsanwaltschaft ein, vielleicht aber auch andernorts. Denn schon im Mai 2016 wurden in 90 Wohnungen verschiedener Bundesländer gegen Geld ausgegebene Waffenbesitzerkarten beschlagnahmt. Die Initiative „Keine Mordwaffen als Sportwaffen!“ fordert auch deshalb seit vielen Jahren in Deutschland ein Verbot aller tödlichen Sportwaffen - doch vergeblich. Obwohl die sorgfältig recherchierten Zahlen bis heute nicht widerlegt werden konnten - seit 1990 sind hierzulande mindestens 234 Menschen mit Schusswaffen von Sportschützen getötet worden - hält sie der Deutsche Schützenbund für „haltlose Diffamierung und Kriminalisierung.“ Das Bundesinnenministerium wiederum erfreut sich lieber an den Medaillen deutscher Sportschützen, die regelmäßig - wie 2016 in Rio de Janeiro die Niederbayerin Barbara Engleder - für olympischen Lorbeer sorgen.

 

Die treffsicheren Damen und Herren vertreten immerhin den viertgrößten deutschen Sportverband, denn dem Deutschen Schützenbund (DSB) in Wiesbaden gehören derzeit 1,4 Millionen Sportschützen an. Doch die wirkliche Zahl hiesiger Sportschützen ist weit höher, denn es wird obendrein noch in anderen Verbänden geschossen. Als da wären:

 

Der Bund der Militär- und Polizeischützen in Paderborn mit 28.400 Mitgliedern.

 

Die Deutsche Schießsport Union in Weißenthurm mit 13 600 Mitgliedern.

 

Der Verband der Reservisten der Deutschen Bundeswehr in Bonn mit 115 613 Mitgliedern.

 

Der Bund Deutscher Sportschützen in Ahrensfelde mit 50 000 Mitgliedern.

 

Der Kyffhäuserbund in Rüdesheim mit 20 000 Sportschützen. Der SPIEGEL ordnet ihn übrigens  am rechten politischen Rand ein. Sein Motto: „Wir bekennen uns zur Kameradschaft in einem überzeitlichen Volksbund“ könnte auch in einem AfD-Papier stehen.

Der Verband der historischen deutschen Schützenbruderschaft in Leverkusen verweist sogar auf 250 000 Mitglieder. Der SPIEGEL kommentierte dessen Anspruch Für Glaube, Sitte und Heimat mit den Worten: "Der christliche Glaube ist Fassade, genau wie Uniformen und Ballkleider, wie Hochsteckfrisuren und Orden. Nach außen fromm und bieder, doch eigentlich Mensch und Sünder.“

 

Dass Sportschützen mit Rechtsradikalen gekungelt haben und womöglich das immer noch tun, zeigte vor einem Jahr ein Vorgang aus Hamburg-Harburg. Zwei aktive Sportschützen hatten enge Verbindungen zu NPD-Mitgliedern. Ob sie der rechten norddeutschen Szene Waffenbesitzkarten oder sogar tödliche Sportwaffen geliefert haben, konnte angeblich nicht ermittelt werden. Strafverfahren gab es denn auch nicht. Nicht allzu weit entfernt, im niedersächsischen Landkreis Lüchow-Dannenberg wiederum besitzen die Bewohner mehr registrierte Waffen als sonstwo in Deutschland: Pro 1000 Einwohner gibt es dort 168 Pistolen und Gewehre. Warum? Es gäbe in dieser Gegend nun einmal viel Wald und entsprechend auch viele Jäger; schließlich gehören dem Deutschen Jagdverband auch noch mal 287 284 Schützen an.

Das alles könne prinzipiell zur Gefahr werden, sagt Christian Pfeiffer, ehedem Direktor des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen in Hannover. „Denn ein eifersüchtiger Jäger ist genauso gefährlich wie ein eifersüchtiger Müller. Der Jäger kann aber auf ein Gewehr zurückgreifen.“ Ähnlich sieht er es auch bei den Sportschützen. „Je mehr Waffen es gibt, desto wahrscheinlicher ist es, erschossen zu werden.“

 

Ein nicht zu widerlegendes Argument. Eines, das seit 2013 mit Zahlen untermauert werden kann, denn seitdem gibt es ein Nationales Waffenregister (NRW). Demnach sind derzeit in Deutschland 5,83 Millionen private Waffenbesitzer registriert, allerdings auch 15 (!) Millionen erlaubte Schusswaffen. Dem gegenüber stehen noch einmal schätzungsweise 15 bis 18 Millionen Schusswaffen im privaten Besitz, die nirgendwo registriert worden sind. Vor allem nicht in den neuen Bundesländern, also in der ehemaligen DDR. Denn dort waren Schützenvereine nicht erlaubt.

 

Zum Schluss noch diese wichtige Zahl: In der Bundeswehr sind derzeit 178 334 aktive Soldaten beschäftigt.

 

KBL

372 - (2017-04-09) Klaus Blume

Greg van Avermaet

gewinnt 115. Paris-Roubaix

Tom Boonens

tapfere letzte Dienstfahrt

 

 

Es passte ins Bild. Während Tom Boonen vor der internationalen Presse von seinem letzten Rennen träumte, beugten sich staatliche Experten andernorts skeptisch über dessen neueste Steuerunterlagen. Doch Boonen, dessen durchschnittliches Monatseinkommen seit 2012 auf rund 83 000 Euro geschätzt wird, hatte die Sache bereits zuvor aus der Welt geschaffen. Mit einer generösen Millionenzahlung, wie es heißt.

 

Also kein Thema für die Öffentlichkeit. Erst recht nicht in seiner belgischer Heimat, wo über ihn - seit 2002 - etwas mehr als 65 000 Stories gedruckt oder gesendet worden sind. Kein Künstler, kein Wissenschaftler, kein anderer Sportler, erst recht kein Politiker - nicht einmal der König hat es je zu dieser Popularität gebracht. 

 

Am Palmsonntag vor Ostern startete Tom Boonen, im reifen Rennfahreralter von 36 Jahren, nun zu seiner letzten Dienstfahrt: beim Horror-Klassiker Paris-Roubaix, der aber seit Jahren in Compiegne gestartet wurde; mithin zu einer Fahrt über 257 Kilometer, von denen 55 Kilometer teils über unbehauene, teils über restaurierte Kopfsteine führte.

 

Für Boonen war es die 14. Tour durch die „Hölle des Nordens“. Die erste hatte er 2002 mit 21 Jahren für Lance Armstrongs US-Postal-Team absolviert: immerhin als Dritter. Schon damals drängelten sich fast mehr Reporter um ihn, als um seinen siegreichen Landsmann Johan Museeuw. Denn Boonen erzählte, schwärmte, flunkerte - mal auf Flämisch, dann auf Deutsch, schließlich auf Französisch und Italienisch und oft auch auf Englisch. Er gab sich charmant und avancierte im Nu zu everybody‘s Darling. Wie er sich seine sportliche Karriere vorstelle, wurde er seinerzeit gefragt, und „Tommeken“ antwortete, mit Dreißig wolle er sein Geld auf keinen Fall mehr mit Radfahren verdienen.

Von wegen. Als er im vorigen Jahr in Abu Dhabi bei einem Sturz einen Schädelbruch erlitt und einen dauerhaften Hörschaden davon trug, sagte er, deshalb könne er doch nicht aus dem Sattel steigen. Schließlich heiße es: The Show must go on! Stürze mit gravierenden Folgen würden ja obendrein zum Business gehören, und so zählte er denn kurz auf: einen Beinbruch, zwei gebrochene Rippen, einen gebrochenen Zeh, einen gebrochenen Finger. Gehöre alles zum Beruf.

 

Aber nicht deshalb stand seine Karriere öfters vor dem Aus. Sondern 2008 und 2009 wegen des Gebrauchs von Kokain und Ecstacy, auch schon mal wegen des einen oder anderen Steuerskandals. Aber sein flämischer Teamchef Patrick Lefevere, der ein Faible für „fragile Roleurs“, wie er schwierige Rennfahrer nennt, mit Hingabe pflegt, hielt stets seine schützende Hand über ihn. Auch als dieser wegen eines Verhältnisses zu einer 16-Jährigen angefeindet wurde. Auch Boonens kostspielige Autounfälle - 2007 fuhr er, zum Beispiel, einen Lamborghini zu Schrott, der an die 280 000 Euro gekostet haben soll - schien Lefevere zu tolerieren.

 

Tom Boonen - der Janusköpfige: Skandale („Ich habe ein Probleme, wenn ich zuviel trinke“) und sensationelle Siege prägen das Leben des Familienvaters. Allein in Roubaix stand er sieben Mal auf dem Siegerpodest, davon viermal als Erster. Er gewann das Grüne-Trikot des Punktbesten der Tour de France und 2005 in Madrid die Weltmeisterschaft. Er saß 42-mal bei den fünf großen Eintagsrennen im Sattel - so oft, wie kein anderer.

Am Palmsonntag, als es zum 115. Mal von Paris nach Roubiax ging, hatten sie, ihm zu Ehren, die vier Flügel der Windmühle von Vertrain, entsprechend seiner Siege geschmückt. Um ihm dann im Velodrom zu Roubaix zu feiern - während sich Olympiasieger Greg van Avermaet, der 56. belgische Sieger, vor ihm verbeugte. Vor einem tapferen Tom Boonen, der ein großes Rennen nicht unter den besten Zehn beenden konnte.

KBL 

371 - (2017-04-02) Klaus Blume

Philippe Gilbert -

ein Wallone düpiert

die Flamen

101. Ronde van Vlaanderen

„Ein Rennen für Krieger.“ So lesen sich Laurent Fignons Erlebnisse, wenngleich der 2010 verstorbene zweimalige Tour-Sieger die Flandern-Rundfahrt niemals gewonnen hat. Dieses „Hochamt des flämischen Radsports“, wie Briek Schotte, der Sieger von 1942 und 1948, voller Hochachtung die Knüppelei über 260 Kilometer, 18 steile Anstiege und fünf Abschnitte über unbehauene Steine genannt hat, gilt schließlich als härtestes Radrennen der Welt. Am Sonntag schlug der Wallone Philippe Gilbert nach 54 Kilometer Alleinfahrt den flämischen Olympiasieger Greg van Avermaet. Doch wie auch immer: Gilbert gelang am Sonntag auf der „Ronde“ der 69. belgische Sieg.

In den flämischen Ardennen, dem Herz dieses unbarmherzigen Rennens, entschied sich auch die 101. „Ronde van Vlaanderen“

 

Am berüchtigten Koppenberg, wo wieder einmal das Chaos ausbrach; schließlich am Oude Kwaremont, dessen 18-prozentige Steigung, 1500 Meter lang, jeden noch so hartgesottenen Profi „langsam aber sicher tötet“ (Eddy Merckx) und 13 Kilometer vor dem Ziel am Patberg, den die Rennfahrer wegen seiner gnadenlosen 20 Prozent Steigung die „Guillotine“ nennen.

 

Ein Spektakel zwischen Antwerpen und Oudenaarde

 

An die verrücktesten Episoden erinnert das „Ronde“-Museum am Zielort Oudenaarde. Das Schlimmste ereignete sich 1987 am Koppenberg. Der Däne Jesper Skibby hängt mit dem Vorderrad in einer Fuge zwischen den unbehauenen Steinen fest, stürzt und rutscht unter das Auto das Kursdirektors. Der 2015 verstorbene Sieger Claude Criquelion fluchte: „Boureau“ und „Boulot“, was, frei übersetzt, „zum Henker“ oder auch „Dreckskerl“ heißen kann. Und jahrelang erbitterte Auseinandersetzungen über Sinn und Zweck einer solchen Veranstaltung freisetzte. Erst 2002 durfte danach wieder über den Koppenberg gefahren werden.

 

 

Aber die Flandern-Rundfahrt

 

Das ist wohl doch weit mehr als nur irgendein Radrennen. "Irrational, ähnlich dem amerikanischen Super-Bowl", behauptet Rik Vanwalleghem, der in Oudenarde das "Ronde"-Museum leitet. Was treibt die Leute hierher, zum Beispiel ins „Café Koppenberg“? Ein abgegriffener Tresen aus Holz und Messing. Wie für die Ewigkeit gezimmert. Davor blanke Holztische. Doch am Sonntag hat in diesem proppenvollen Schankraum jeder sein Bier nur noch mit angewinkelten Armen trinken können. So eng war es. Schon am sehr frühen Nachmittag, als die "Ronde" noch Stunden bis nach Oudenaarde brauchte.

Wohl, weil es sich in solchen Kneipen trefflich über die "Ronde" schwadronieren lässt. In solcher Runde geht sogar Docteur DeSmet aus sich heraus, der Tierarzt aus dem nächsten Dorf, von dem niemand so recht weiß, wovon er lebt, weil er nur noch kranke Wellensittiche oder altersschwache Katzen therapiert. Monsieur le Docteur - graue Haut, graues Haar, grauer Sweater - hat am liebsten mit einem anderen Freund debattiert, der ein Vermögen mit edelster Seide gemacht hat und uns in seinem altersschwachen Bentley über die Kopfsteine der flämischen Rennen geschaukelt hat, sprach dabei gern vom wichtigsten Pionier des flämischen Radsports: von Karel Van Wijnendaele. Als Rennfahrer mittelmäßig, als Teamchef ein erstklassiger Stratege, als Journalist ein Großer und als Organisator ein Unsterblicher - so ging der 1892 Geborene und 1961 verstorbene Flame aus Gent in die Annalen des internationalen Radsports ein. Karl Steylaert, wie er wirklich hieß, hatte 1911 in Gent und Brügge die Einrichtung abendlicher Volkshochschulen betrieben, in denen die Flamen, des Französischen überdrüssig, in ihrer Sprache lesen und schreiben lernten. Er erfand 1913 - was sonst?


Die Ronde van Vlaanderen

 

Dass hinter der Doping-Affäre Lance Armstrong mit dessen Alter Ego Johan Bruyneel ein Flame stand, dass mit Willy Voet 1998 ebenfalls ein Flame die berüchtigte Doping-Affäre um das Team Festina losgetreten hatte, dass am Sonntag mit dem Antwerpener Tom Boonen ein Flame in die Pedale trat, dessen Kokain-Affären von den Fans einfach verziehen wurden - auch das ist Belgien. So gehörte der Ex-Weltmeister am Sonntag, als er nach zwei technischen Pannen geschlagen hinterher fahren musste, zu denen, die am meisten umjubelt wurden.

Denn schließlich bilden die 260 Kilometer der Flandern-Rundfahrt zweifellos das Unerbittlichste, was Menschen anderen Menschen als sportlichen Wettkampf zumuten. Der Kurs erinnert an einen Faden, den eine Katze aus einem Knäuel gezogen hat. Er führt - schier willkürlich, scheint es - durch enge Gassen und über ungepflegte Feldwege; mitunter scheint es an einer Kreuzung genau in jene Richtung zurückzugehen, aus der man gerade gekommen ist. Trotzdem weht einem der Wind erneut mitten ins Gesicht. Also doch eine andere Richtung? Nicht nur Neulinge fragen sich dann: Verdammt noch mal, wo geht‘s eigentlich zum Ziel? Auf jenen windumtosten Straßen, denen der große belgische Chansonnier Jacques Brel mit seinem unvergesslichen Lied „Mijn Vlakke Land“ einst ein musikalisches Denkmal gesetzt hat.

 

So 2. April 2017, Antwerpen - Oudenaarde
Ergebnis der 101. Auflage Ronde van Vlaanderen / Tour de Flandres (259,5km)

 1. Philippe Gilbert (BEL)     - Quick Step Floors        6:23:45
 2. Greg van Avermaet (BEL)    - BMC                        +0:28
 3. Niki Terpstra (NED)        - Quick Step Floors        gl.Zeit
 4. Dylan van Baarle (NED)     - Cannondale-Drapac        gl.Zeit
 5. Alexander Kristoff (NOR)   - Katusha-Alpecin            +0:52
 6. Sacha Modolo (ITA)         - UAE-Emirates
 7. John Degenkolb (GER)       - Trek-Segafredo
 8. Filippo Pozzato (ITA)      - Wilier-Selle Italia
 9. Sylvain Chavanel (FRA)     - Direct Energie
10. Sonny Colbrelli (ITA)      - Bahrain-Merida

 

KBL

370 - (2017-03-29) Klaus Blume

Homiyu Tesfaye aus Äthiopien

Deutschlands schnellster Irrläufer

 

Er laufe künftig nur noch auf eigene Faust, verkündete Deutschlands große Olympia-Hoffnung Homiyu Tesfaye beim Düsseldorfer Hallen-Meeting am 1. Februar - und wurde fortan nicht mehr gesehen.

Doch selbst, wenn der gebürtige Äthiopier keinem Kader des Deutschen Leichtathletik-Verbandes (DLV) mehr angehört, lebt, trainiert und läuft er dennoch nicht auf eigene Faust. 

 

Für den renommierten Berliner Halbmarathon am kommenden Sonntag (2. April) hat ihn nämlich, völlig überraschend, sein belgischer Manager Marc Corstjens gemeldet. Berlins Renndirektor Mark Milde reagierte einigermaßen erstaunt, als dieser ausgerechnet für den international angesehenen 1500-Meter-Spezialisten Testaye um einen Startplatz in einem über 20 Kilometer langen Straßenlauf bat. Zumal Tesfaye bislang nur ein einziges Rennen auf dieser Distanz bestritten hat - bei den Deutschen Meisterschaften 2012 in Griesheim. Der damals 19-jährige durcheilte die Strecke in 1:07:17 Stunden. Seinerzeit nicht gerade langsam. Mark Milde: „Wir sind gespannt, was er bei uns in Berlin zustande bringt.“

 

Zumal Tesfaye Anfang Februar in Düsseldorf angekündigt hatte, im August bei den Weltmeisterschaften in London zu starten. Auf welcher Strecke und für welches Land? Da zuckte der noch immer für die LG Eintracht Frankfurt laufende Ostafrikaner die Schultern. Doch wie auch immer: Sollte er in London eine Medaille gewinnen, werde er unverzüglich seine Verlobte Maryam Yusuf Jamal ehelichen. Sie wurde übrigens als Zenebech Tola ebenso in Äthiopien geboren, wie ihr angeblich neun Jahre jüngerer Lebensgefährte. Das tatsächliche Alter Tesfayes, der 2010 in Deutschland erfolgreich um politisches Asyl bat und 2013 eingebürgert wurde, ist bis heute unklar. Landsleute, die ihn angeblich von Kindesbeinen an kennen, halten ihn für älter.

 

Dass er seine Heimat aus politischen Gründen verlassen musste, wurde schon bald nach seiner Ankunft in Deutschland in Frage gestellt.

Denn der „politische Flüchtling“ Tesfaye „floh“ des Öfteren - ohne Abmeldung bei seinem damaligen Trainer Wolfgang Heinig im

Odenwald - in ein äthiopisches Trainingscamp. Zumeist nach Arsi,

woher nicht nur die Lauflegende Haile Gebrselassie, sondern auch

Maryam Yusuf Jamal stammt.

 

Auch im Februar hat Tesfaye wieder dort trainiert, das berichteten uns Augenzeugen aus Äthiopien und Europa. Er habe ihnen auch versichert, keineswegs - wie seine Lebensgefährtin Maryam Yusuf Jamal - künftig für das Königreich Bahrain zu starten, sondern auch künftig für Deutschland. Er habe auch nie etwas anderes im Sinn gehabt, als er am 1. November 2016 aus der Sportförderung der Bundeswehr ausgeschieden sei. Doch sein ehemaliger Coach Wolfgang Heinig warnt: „Er ist nicht steuerbar.“

 

Wäre schade, denn nach Thomas Wessinghage (1980: 3:31, 58 Minuten) und Harald Hudak (1980: 3:31,96 Minuten) ist Tesfaye mit einer Bestleistung von 3:31,98 Minuten Deutschlands drittschnellster

1500-Meter-Läufer aller Zeiten. Eine Leistung, mit der er 2014 zugleich zweitschnellster Europäer auf dieser klassischen olympischen

Mittelstrecke war.

 

Dass Maryam Yusuf Jamal als zweimalige Weltmeisterin über 1500 Meter (2007 und 2009) sowie als olympische Silbermedaillen-Gewinnerin auf dieser Distanz 2012 in London eine hervorragende Partnerin für ihn ist, beim Training als auch privat - keine Frage. Zumal beim gemeinsamen Training im schweizerischen Nobel-Kurort St. Moritz, wo die schnelle Dame zu Hause ist. 

 

Doch kann man den beiden vertrauen? Ähnlich wie Tesfaye verwickelt auch sie sich in ihren sparsamen Erzählungen in Widersprüche. Die Schweiz habe sie nicht einbürgern wollen, behauptet sie. Ebenso hätten sich Frankreich, Katar und sogar die Türkei, die den gesamten Läufer-Mark leerfegt, gesperrt. Skepsis bleibt da angebracht. Als Christin habe sie natürlich auch keine Chance gehabt, daheim in Äthiopien ins Nationalteam zu laufen. Was sogar regime-kritische Äthiopier bezweifeln.

 

Ungeachtet dessen beharrt sie darauf, nur Bahrain als Zuflucht gehabt zu haben. Geld sei dabei zu keiner Zeit geflossen, nur Tränen der Freude über ihre Siege. Das erweckt schon deshalb Misstrauen, weil Tesayes belgischer Manager Marc Corstjens seit vielen Jahren intensive Geschäftsbeziehungen mit dem Königreich Bahrain unterhält. Corstjens, einst schnellster belgischer Meilenläufer, verhökert nämlich hochtalentierte aber bettelarme Läufer aus Ostafrika in die arabische Welt. Gewinnbringend für alle Seiten. Wer garantiert also, dass Homiyu Tesfaye fürderhin für Deutschland, und nicht, wie seine Verlobte, für Bahrain startet.

 

KBL 

369 - (2017-03-27) Klaus Blume

Greg Van Avermaet

gewinnt 79. Gent-Wevelgem

Wettfieber: Wo auf Finken, Brieftauben und John Degenkolb gesetzt wird

 

"Nein, Monsieur, das würde ich Ihnen nicht raten." Carl Deprez aus Staden in Flandern zwirbelt seinen gewaltigen grauen Schnauzbart, dann erklärt er, warum: "Sehen Sie, mit dem einst großen Tom Boonen könnten Sie bei mir sehr viel Geld gewinnen. Sechzig zu Zwanzig steht die Quote. Ein absoluter Außenseiter-Tipp. Doch ich glaube nicht, dass Tommeke nachher als Erster hier vor uns über die Ziellinie sprintet."

 

Ein fairer Tip des zugelassenen Buchmachers Carl Deprez. Die Favoriten für den Traditions-Klassiker über Kopfsteine und Naturstraßen in Westflandern sind andere: die beiden Belgier Jens Keukelaere und Jens Debuschere - vor allem aber Weltmeister Peter Sagan vom deutschen Bora-Team Telekom. Wer auf einen dieser drei setze, könne deshalb nicht viel Geld gewinnen. Und Aussenseiter? "Nehmen Sie den Deutschen John Degenkolb, der kann viel", rät Deprez. Überredet. Aber gewonnen hat der belgische Olympiasieger Greg Van Avermaet.

Zocker und Radrennen: Auf dem Fahrrad, neben dem Fahrrad, in den Begleitfahrzeugen der "Directeur sportifs", der Team-Chefs - und am Straßenrand. Überall wird gewettet. Und zwar bis eine Minute vor Schluss eines Rennens. In etwa. Denn offiziell heißt es, bis der Sprint vor dem Ziel „lanciert“ ist. Wann dieser Moment eintritt, entscheidet der Buchmacher, bei dem Sie gewettet haben. In Belgien, in Frankreich. Bei zugelassen und illegalen Buchmachern, auf der Straße, in der Kneipe. Überall stehen in diesen Tagen jene Kreidetafeln, auf denen die Werte der Rennfahrer auf- und absteigen.

Am Vormittag vor dem Sprint-Klassiker Gent-Wevelgem steigt das Wettfieber ganz besonders. Denn alle setzen auf Außenseiter, doch zumeist gewinnt einer der Top-Favoriten. Zuletzt gab’s 1997 einen ganz verrückten Aussenseitersieg, mit dem niemand gerechnet hatte: durch den Franzosen Philippe Gaumont. Damals war die Enttäuschung bei den "Prognostiekern" groß, wie sie in Flandern die Zocker nennen. Denn Gaumont, so erinnert sich Buchmacher Carl Deprez, stand weder bei ihm, noch bei seinen Kollegen auf der Schiefertafel. "Da sind wir alle gut davon gekommen."

Die besten Quoten, so heißt es aber in der Szene, gäbe es bei den illegalen Buchmachern, in verschwiegenen Cafés und Bistros, tief in der flämischen Provinz. Da müsse man sich freilich auf die Tips der belgischen "Directeur sportifs" verlassen. Die wüssten, wo man richtig Geld machen könne.

 

Also hielten wir uns dran. Doch im ersten Wirtshaus gibt man uns den Tip, lieber auf den Außenseiter der ersten flämischen Provinzklasse im Fußball zu setzen: "Mijnher, ich mache Ihnen auch eine verdammt gute Quote." Nur raus hier, dachten wir. Endlich, irgendwo hinter Zottegem, was fast schon in Frankreich liegt, wurden wir fündig: Ob wir uns nicht auch beim flämischen Championat im Finken-Singen als "Prognostieker" betätigen wollten? Oder beim Schelde-Preis der Brieftauben-Züchter? "Da, Mijner," sagt der Wirt vom Sport-Café, "können Sie richtiges Geld gewinnen, vor allem bei Kombinations-Wetten."

 

Wir verstünden aber nichts von Brieftauben und singenden Finken. Der Wirt erklärte. Endlich bekamen wir unseren kombinierten Wettschein fürs Finken-Schlagen plus Gent-Wevelgem. Wir schrieben zehn Namen drauf und zahlten sechzig Euro. Ein vornherein verlorener Einsatz.

 

KBL

368 - (2017-03-25) Klaus Blume

Schreck in der Morgenstunde:

Wenn der

falsche Kommissar

ans Ersparte will

 

Weil ich glaube, was mir widerfahren ist, kann jedem passieren, schreibe ich es auf. Um zu warnen! Auf dass man sich schütze. Und, um zu wissen, was in einem solchen Fall zu unternehmen ist. Denn in deutschen Großstädten gehen derzeit Trickbetrüger um, die absolut professionell arbeiten; deshalb ist es schwierig, ihnen entgegen zu treten. Sie zu durchschauen. Zumal diese Banden sich ihre Opfer erst dann vorknöpfen, wenn sie diese zuvor wochenlang minutiös ausgekundschaftet haben.

In meinem Falle meldete sich in aller Herrgottsfrühe, ich war noch gar nicht ansprechbar, denn ich trocknete mich gerade nach dem Duschen ab, ein „Kommissar Schulz vom Landeskriminalamt Hamburg“. Ich hätte sicher mitbekommen, dass am Abend zuvor, um punkt 23.15 Uhr, direkt vor meiner Haustür, zwei Syrer von ihm verhaftet worden seien. Ich verneinte und fragte, was das mit mir zu tun habe. Denn als Zeuge käme ich ja wohl nicht in Frage.

 

„Doch, doch, denn wir haben“, so „Kommissar Schulz“, „bei den zwei Tätern zwei Ausweise gefunden: einen von ihnen, der ihnen abhanden gekommen sein muss (Mir ist noch nie ein Ausweis abhanden gekommen!) sowie einen gefälschten Ausweis, der auf ihren Namen ausgestellt wurde aber mit einem falschen Passbild versehen ist. Unter diesen Ausweisen sind bei der HASPA (Hamburger Sparkasse) mehrere Konten unter ihrem Namen eröffnet und geführt worden. Insgesamt sind von diesen Konten ungefähr 30 000 Euro nach Rumänien und Bulgarien transferiert worden.“

Ich war erstmal sprachlos.

 

Dann antwortete ich: „Wir haben noch nie in unserem Leben Konten bei der HASPA besessen.“ Die andere Seite, sehr wohl darauf bedacht, Informationen für ihre Zwecke von mir zu erhaschen, konterte: „Aber sie haben Kontos (er sagte nicht Konten, was mich skeptisch stimmte!) bei der Commerzbank.“ Nein, antwortet ich, sondern bei . . . und nannte ihm, dummerweise, den Namen meiner Bank.

 

Also reingelegt! Womit die Sache noch krimineller wurde; ich spürte, wie der Gangster am anderen Ende der Leitung das sofort zu nutzen versuchte. „Dann bitte ich sie, über die Sache mit niemanden zu reden. Nicht mit ihrem Kundenberater, nicht mit ihren Kontoführern. Denn wir wissen, dass dort ein Maulwurf sitzt, der mit einer Frau namens Sonja Kontos (er sagte wieder: Kontos, nicht Konten!) Ihrer Bank leer räumt. Wir ermitteln verdeckt, also deshalb zu niemanden ein Wort. Nicht zu Ihrer Bank , nicht privat. Aber mir sollten Sie jetzt - aus Sicherheitsgründen - die Namen ihrer Kundenberater und Kontoführer nennen. Damit wir ihnen schon mal habhaft werden können, falls das notwendig sein sollte.“ Was ich strikt verweigerte, auch mit dem Hinweise, dass ich das deshalb nicht wüsste, weil alle Geschäfte von meiner Frau getätigt würden. 

 

Darauf sagte er: „Das kriegen Sie doch raus! Ich nenne Ihnen jetzt mal meine Rufnummer: 226 116 93. Das ist eine sichere Leitung, die kann niemand abhören. Aber deshalb kann ihnen auch kein Amt diese Rufnummer bestätigen.“

Dann legte er auf.

 

Ich war völlig durcheinander; dann versuchte ich mich zu beruhigen und suchte im Internet die Rufnummer des LKA Hamburg heraus. Sie lautete: 040 428650. Es war also ein ganz anderer Anschluss, als jener, der mir von „Kommissar Schulz“ genannt worden war. In dem Moment, als der falsche Kommissar erneut anrief und drängeln wollte, kam meine Frau heim, übernahm das Gespräch, entlarvte im Nu „Kommissar Schulz“ als falschen Polizisten - denn sie hatte zuvor eine Informationssendung über Trickbetrüger im Fernsehen gesehen - und legte dann rigoros auf. Danach rief sie das LKA an, ließ sich mit der entsprechenden Abteilung verbinden, nannte alle Fakten des gerade Erlebten  und die uns genannte Rufnummer des falschen Kommissars. Beim richtigen LKA  sagte man uns, wir hätten genau richtig gehandelt.  Denn derzeit seien in Hamburg Banden unterwegs, die in gewissen Ortsteilen ältere Menschen, wie eben mich, mitunter über Wochen auskundschaften würden, um an deren Geld oder an den vererbten Schmuck zu gelangen.

 

Noch am selben Abend lief im „Hamburg Journal“ des NDR ein entsprechender Beitrag, in dessen Mittelpunkt einer 65-jährigen Dame  falsche Kriminalbeamte die halbe Wohnung ausgeräumt haben. Sie kamen mit dem Hinweis, eine ihrer Nachbarinnen hätte besorgt angerufen, und deshalb wollten sie auch ihre Wohnung aus Sicherheitsgründen überprüfen. Während sich der eine „Beamte“ mit ihr unterhielt und sie ablenkte, sucht der andere nach Geld und Schmuck - Gott sei Dank vergeblich.

 

Doch der Schock saß bei der älteren Dame ebenso tief wie bei mir. Man glaubt immer, man sei cool und clever und solchen Vorgängen mit links gewachsen - aber von wegen: Pustekuchen!

 

Bei mir ging es wohl darum,  dem sogenannten „Kommissar Schulz“ das notwendige Geld  in bar auszuhändigen, um die fiktiven Konten der Betrüger bei der HASPA auszugleichen. Er sprach zwar noch nicht davon, aber wir erfuhren, dass dies das übliche Muster sei.

 

Nun zurück, zu den Beiträgen, die Fernsehen und Radio zu solchen Vorgängen derzeit bringen: Melden Sie sich in solchen Fällen immer sofort bei ihrer nächsten Polizeidienststelle. Die Beamten, in Uniform, kommen sofort und stehen ihnen bei. Zweitens: Erzählen sie überall dort, wo sie sich ständig aufhalten, was Ihnen widerfahren ist - im Wartezimmer ihres Arztes, beim Friseur, beim Apotheker, beim täglichen Einkaufen, beim Fleischer, in  ihrer Stammkneipe. Denn je mehr Leute davon wissen, um so mehr können sich auch schützen. Und: Wenn Trickbetrüger erfahren, dass Ihr Kiez ganz besonders untereinander vernetzt ist und die Bewohner dort aufeinander aufpassen, kann das auf Betrüger oft abschreckend wirken.

 

In diesem Sinne, viel Glück!

KBL

367 - (2017-03-19) Klaus Blume

Die Lüge über die Lüge

Jeder Fünfte hält mich für

einen notorischen Lügner

 

Denn ich bin Journalist. Obendrein aus Überzeugung. Ich halte Aufklärung für unser täglich Brot - und halte mich daran. Seit nunmehr dreiundfünfzig Jahren. Deshalb gehöre ich in den Augen eines jeden fünften Bundesbürgers zur „Lügenpresse“. 

Das geht aus einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Infratest Dimap für den Hörfunk-Sender WDR 5 hervor. Wenn ich also im Wartezimmer meines Hausarztes sitze, zähle ich jetzt immer ab, wer wohl dieser Fünfte sein könne. Oder in der Schlange bei unserem hervorragenden türkischen Gemüsehändler. Oder auf dem Weg in die Apotheke. Ich zähle die mir entgegen Kommenden ab - und auf einmal steht die Nummer Fünf vor mir und sagte: „Hallo Klaus! Lange nicht gesehen. Wie geht es dir?“

Ausgerechnet Jochen fragt das. Einer, der Zeit seines Lebens immer nur gelogen hat: vor seinen Angestellten, seiner Frau, seinen Kindern; vor seinen Kunden, seinen so genannten Freunden; vor dem Finanzamt, der Handwerkskammer, den Lieferanten. Einer, der mich schon deshalb - hohnlachend - als Versager eingestuft hat, weil ich Journalist bin. „Das ist doch kein Beruf für anständige Leute“, hatte er sich über mich lustig gemacht - und seine falschen Freunde haben vor Vergnügen gegrölt.

Kein Wunder, denn schon 2014 glaubten 47 Prozent der Bundesbürger, die Medien würden einseitig berichten und seien von „den da oben“ gelenkt. Das schrieb damals die ZEIT. Also nicht irgendein Jux-Blatt. Doch woher kommt so etwas? Woher rührt unser schlechter Ruf? Vielleicht daher, dass viele Bundesbürger von uns etwas erwarten, was wir gar nicht erfüllen können: Eine ungefilterte Berichterstattung, also die reine Wiedergabe der Fakten. Stellen Sie sich mal die Reportage über ein Länderspiel in einer solchen Form vor - oder den Bericht über einen Parteitag der SPD. Würden Sie das wirklich lesen wollen? 

Aber keine Bange, Medien sind keine Aufbereitungsanlagen der Wirklichkeit. Sie sind, übrigens aus gutem Grund, Tendenzbetriebe; sie haben also eine Richtung und auch eine Haltung. Zwar haben sich alle wichtigen deutschen Verlage dem Pressekodex des Presserates angeschlossen, doch damit endet unsere Arbeit nicht. Unsere Aufgabe ist die Einordnung und Interpretation des Geschehenen. Ob beim Fußball oder in der Außenpolitik. Deshalb beurteilen, zum Beispiel, die „taz“ und die „FAZ“ dasselbe Geschehen meist unterschiedlich. 

 

Vielen Bürgern ist das allerdings kein Beleg für Vielfalt und Meinungsfreiheit, sondern für Lug und Trug. Sie sehen deshalb in uns Journalisten notorische Lügner. 

 

Es ist ihre Lüge über die so genannte Lüge.

Auch ihre Annahme, was in den sozialen Netzwerken stehe, sei die reine Wahrheit. Aber Trumps nächtliche Wut-Tweets beinhalten, zum Beispiel, selten Wahres. Doch jetzt mal im Ernst: Im „Netz“ bewegt man sich doch nur in jenen Gruppen, die die jeweilige Meinung oder die sorgfältig gebildeten eigenen Vorurteile stets aufs Neue bestätigen. Danach ist man ungeheuer stolz, dass man nicht mehr auf die „Lügenpresse“ hereinfällt. Meine Frage, wie diese „Nachrichten“ ins „Netz“ geraten, beantwortete mir Nachbarin Renate übrigens so: „Na, die sind eben drin! Das weiß doch jeder, oder?“ Mit den Nachrichten im Netz sei es eben ähnlich wie mit dem elektrischen Strom. Beides käme nun einmal aus der Wand. Und niemand würde fragen, wie es hinein gekommen sei.

 

Übrigens, der Fluch über uns Journalisten wurde schon in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts von dem, auch von mir, hoch verehrten dänischen Philosophen und Theologen Sören Kierkegaard ausgestoßen. Auch der Vorwurf, wir Journalisten seien ein verlogener Haufen, der sich von bestellten und gut bezahlten Wahrheiten ernähre, ist nicht neu. Ihn haben nach dem Ende des Ersten Weltkriegs die sozialistischen Arbeiter- und Soldatenräte verbreitet. Ob Donald Trump das weiß? Oder die Sprecher der Duisburger Pegida? Aber die skandieren lieber: „Lügenpresse halt die Fresse“.

 

Ich weiß, viele dieser Leute, also jeder Fünfte im Wartezimmer meines Hausarztes, hat noch nie eine Zeitung gelesen. Und erst recht kein Buch. Sonst wäre er irgendwann in seinem Leben einmal auf Immanuel Kants Satz gestoßen: „Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!“ Allein dieses Satzes wegen lohnt es sich, mal wieder Kant zu lesen.

KBL

366 - (2017-03-16) Klaus Blume

Die Besten verzichten aufs Nationaltrikot

 

Warum vergrault die deutsche Leichtathletik

ihre Spitzenläufer?

Eigentlich wollte Arne Gabius (links) bei den Leichtathletik-Weltmeisterschaften im August in London für Deutschland im Marathonlauf starten, doch aus Ärger über den Deutschen Leichtathletik-Verband (DLV) will der Arzt aus Stuttgart nun nicht mehr das deutsche Nationaltrikot tragen.

 

Die Wertschätzung der Läufer im Verband sei „sehr schlecht“ geworden, weil bei der Neuordnung der Bundestrainer vieles ins Arge geraten sei.

Das alles erzeuge Stress, „und Stress kann ich nicht gebrauchen.“ 

Auch der Zahnarzt Florian Orth (rechts) aus Regensburg, 15-mal deutscher Meister im Mittel- und Langstreckenlauf, will nicht mehr ins deutsche Nationaltrikot schlüpfen. Orth argumentiert: „Ich muss ganz ehrlich feststellen, dass ich für einen Verband, der mir als Athlet weder vertraut, noch meine Leistung respektiert, und ein Land, das mich nach meinem besten Jahr 2016, dank ,Spitzensportreform‘, sowohl für Trainingslager, Sporthilfe als auch Verdienstausfall in meiner dualen Karriere nicht mehr für förderungswürdig hält, vorerst nicht mehr an den Start gehen möchte.“

 

Andere deutsche Spitzenläufer sprechen bereits von „zwielichtigem Verhalten“ im Verband, sogar von einer „neuen Art Feudalismus“. Denn da heiße es gegenüber den Vereinen: Bringt uns euren Besten auf unsere Burg, sprich: unserem Verband, dann kann er als Aushängeschild dienen. Wie Gesa Krause, die Europameisterin und Olympiasechste über 3000 Meter Hindernis. Sie - nicht die Werfer - seien das Gesicht der deutschen Leichtathletik. Sie gelte als Galionsfigur des hiesigen Verbandes.

 

Doch gerade an ihrem Beispiel zeigt sich, wie schwer sich die neuen Bundestrainer mit den erfahrenen Stars tun. Thomas Dreißigacker, mit 29 Jahren der neue leitende Bundestrainer in Sachen Lauf, schwärmt zwar: „Athleten, wie Gesa Krause haben gezeigt, dass auch deutsche Läufer mit der absoluten Weltspitze mithalten können.“ Doch in diesem Satz schwingt vor allem viel Hoffnung, weil Gesa Krause (unten) von den Schnellsten der Welt - den Afrikanerinnen - noch ein ganzes, weites Stück entfernt ist.

Verwirrt hat die 24-Jährige obendrein mit ihrem Vereinswechsel von der renommierten Frankfurter Eintracht zum kleinen Verein Silvesterlauf Trier. Der Tageszeitung „Trierscher Volksfreund“ zufolge ging es dabei in erster Linie um Geld, und zwar aus vielen Taschen. Den Wechsel sollen sich die Trierer einen „höheren vierstelligen Betrag“ per annum kosten lassen. Zusätzlich flössen Mittel des Landessportbundes und des Leichtathletik-Verbandes Rheinland-Pfalz in Krauses Vereinswechsel. Der Vertrag hat eine Laufzeit von vier Jahren, also bis einschließlich der Olympischen Spiele 2020 in Tokio.

 

Nun ist per se nichts dagegen einzuwenden, wenn eine Berufsläuferin, und als solche ist Gesa Krause einzuordnen, vor allem dort läuft, wo es sich finanziell lohnt. Wie zum Beispiel am 10. Januar in Ras Al Khaimah in den Vereinigten Arabischen Republiken. Dort stand ein Weltrekord-Versuch im Halbmarathon (21.0975 km) auf dem Programm. Im hochklassigsten Rennen der Leichathletik-Geschichte stellte Peres Chepchirchir aus Kenia mit 1:05:06 Stunden dort den bestellten Weltrekord auf, während Gesa Krause, die zuvor im Wettkampf niemals länger als zehn Kilometer gelaufen war, nach 15 Kilometern aufgab. Ihre Analyse: „Ich hatte schon nach fünf (!) Kilometern gemerkt, dass ich das Tempo nicht halten kann.“ Und dann: „Ich hatte aber zuvor mit meinem Heimtrainer Wolfgang Heinig in Kenia gut trainiert.“

 

Meinetwegen, doch was sollte dieser Unsinn? Präziser gefragt: Was hat eine 3000-Meter-Spezialistin bei einem 21 Kilometer langem Straßenlauf verloren,vor allem, wenn dort die nachweislich sechs schnellsten Spezialistinnen aller Zeiten laufen? Thomas Dreißigacker, der neue deutsche Lauf-Chef, versucht, zu erklären: „Dieses Rennen war geplant, um neue Reize anzugehen, vor allem im mentalen Bereich. Ich halte diesen Einsatz, auch im Nachhinein, nicht für verkehrt.“

 

Zumindest finanziell gesehen. Zwar wird es ein Geheimnis bleiben, was die Scheichs von Ras Al Khaimah den afrikanischen Super-Stars wirklich an Startgeldern und Laufprämien gezahlt haben - doch für ein Taschengeld wird auch Gesa Krause ihren guten Namen nicht aufs Spiel gesetzt haben.

 

Derzeit trainiert sie mal wieder in Kenia, nachdem sie mit Wolfgang Heinig zuvor nach Äthiopien geflogen war. Doch schon nach zwölf Stunden haben beide das Land fluchtartig in Richtung Kenia verlassen, „da unser Hotel von vielen Häusern, Verkehr, Lärm und Smog umgeben war“, erklärt Gesa Krause Ein Desaster! Was Dreißigacker aber gar nicht so sieht: „Auch dabei ging es um neue Reize. Aber das war in Äthiopien zu riskant, also dann doch lieber wieder nach Kenia.“

 

Beim Deutschen Leichtathletik-Verband, so der erfahrene Marathonläufer Arne Gabius, gehe derzeit vieles durcheinander. Vor allem für die Läufer. Deshalb fordern andere Spitzenathleten „eine Lobby für uns Läufer“, auf das man endlich wahrgenommen werde. Vor allem fachlich. Einen Rechtsanwalt, der auch läuferisch beschlagen sei, habe man schon mal in der Hinterhand.

KBL 

365 - (2017-03-01) Klaus Blume

Kultstätte und Mahnmal des Skisports

„Skvidfinnar“: 

Leute, die auf dem Ski gut 

springen und gleiten können

 

Karneval nach Aschermittwoch? Auf offenen Lastwagen fuhren sie durch die „Aleksanterinakatu“ - die prächtigste Straße Lathis. Geschminkt wie Narren am Rhein oder Main und gekleidet wie nordische Wald-Trolle. Finnische Abiturienten bei ihrer Abschlussfeier und beim ausgelassenen Fest der Nordischen Ski-Weltmeisterschaften in ihrer Stadt. 

 

Nirgendwo wurden die Welttitelkämpfe im Nordischen Skisport häufiger veranstaltet als in Lahti. Dieses Jahr ist es - seit 1926 - bereits das siebte Mal.

 

700 Athleten aus 61 Ländern und mehr als eine Viertelmillion Zuschauer an den Loipen und Schanzen haben die Stadt am Vesijärvi-See einmal mehr in ein Mekka des Skisports verwandelt. Denn Lahtis 120 000 Einwohner leben seit eh und je vom, für und mit dem Skisport. In der berühmten Sibelius-Halle spielt mit dem Lahti.-Sinfonieorchester zwar eines der besten Nordeuropas und zur „Kirche des Kreuzes“, gebaut vom legendären Alvar Aalto, pilgern täglich einige hundert Architektur-Gläubige - doch bekannt wurde Lahti in erster Linie als jene Stadt, in der Zehntausende dem Skisport frönen.

 

Nirgendwo anders werden Langläufer und Skispringer so begeistert gefeiert und inbrünstig verehrt wie in dieser Stadt, die heutzutage von Helsinki aus ganz bequem in einer Stunde mit der S-Bahn zu erreichen ist. 

 

WM-Fieber in Lahti: In diesen Tagen sind wieder alle Schaufenster weltmeisterlich geschmückt. Zwischen Pelzmänteln und Staubsaugern, zwischen antiquarischen Büchern und Kochherden - überall lugt etwas Weltmeisterliches hervor. Ob Puppen oder Puzzlespiele, Würfel oder Schlüsselanhänger, Postkarten oder Wimpel. 

 

Das kennt man zwar auch andernorts, doch hier zeigt es sich, dass der Skisport Bestandteil einer Kultur ist, deren Wurzeln schon über zwei Jahrtausende zurück reichen. Bereits die Wikinger berichteten in ihren Sagen über ein Volk, das sie „Skvidfinnar“ nannten - was frei übersetzt soviel heißt wie: Die Leute, die auf dem Ski gut springen und gleiten können. Kultstätte dieses Volkes ist die Stadt Lahti.

 

Eine Stadt, die heute außer ihren Ski-Stadien mit drei Sprungschanzen und rund 60 000 Plätzen fürs Publikum noch vierzehn weitere Schanzen gebaut hat. Wie Öl-Fördertürme ragen sie vor der Stadt in den winterlichen Himmel hinein.

Eine Stadt, durch deren Wälder und Hügel sich ein 250 Kilometer langes Netz von Langlauf-Loipen zieht. Auf der jedermann dem Langlauf frönen kann. Eine Stadt, die neben einer Halle auch noch 16 Eishockey-Plätze unter freiem Himmel unterhält. Eine Stadt, in der 30 000 Menschen in 78 Sportklubs organisiert sind. Die meisten von ihnen in Eishockey-Vereinen. Und viele von ihnen in Ski-Klubs.

 

Keine Frage war es also, warum ausgerechnet in Lahti das erste finnische Ski-Museum eingerichtet wurde und nicht andernorts. Hier finden sich auch Hinweise auf die einst von Elias Lönnrodt beim Skilaufen in Karelien gesammelten 22 795 Verse über den finnischen Skilauf. Es wird auch bewiesen, dass am 23. März 1879 in Tyrnävä der damals im ganzen Lande hochgerühmte Steinheber Antti Ollila den ersten großen finnischen Skilanglauf gewonnen hat, und dass damals - mithin vor 138 Jahren - als Dritte des Rennens eine Frau einlief.

 

Es wird auch dokumentiert, dass Eero Mäntyranta aus Pello im hohen Lappland noch immer als größter aller finnischer Skiläufer verehrt wird, wenngleich man ihn bereis 1972 des Dopings mit Aufputschmitteln überführt und diesen umrühmlichen Tatbestand bis heute niemanden mitgeteilt hat.  Stattdessen erfährt der geneigte Besucher, dass der Doppel-Olympiasieger von Innsbruck 1964 in seiner lappländischen Heimat mit großer Leidenschaft dem schnellen Skirennen am langen Zügel hinter Rentieren gefrönt habe - dem Skijöring. 

 

Vor allem wird in diesem Ski-Museum von jener geheimnisvollen Kampfkraft berichtet, die man in Finnland seit Alters her Sisu nennt. Sisu habe seit jeher finnische Sportler zu außergewöhnlichen Taten beflügelt, wie den Langläufer Matti Heikkinen, der 2011 in Oslo Weltmeister über 15 Kilometer wurde, zehn Jahre nach dem größten Langlauf-Skandal der Sportgeschichte; zugetragen hatte er sich ausgerechnete bei den Welttitelkämpfen in Lahti. Er hat damals, in der Hoch-Zeit skandinavischer Blut-Panscher, fast die gesamte finnische Nationalmannschaft ausgehebelt. 

 

Umso größer war jetzt die Begeisterung, als Krista Parmakosi am letzten Sonntag hinter der umstrittenen Norwegerin Marit Björgen die Silbermedaille im Skiathlon gewann. Dennoch wundert es die meisten Fans, dass sich - wider Erwarten - in diesen Tagen ausgerechnet die angeblich des Dopings verdächtigen Russen zur führenden Langlauf-Nation aufschwingen könnten. Wobei es die Bürger Lahtis, der Stadt an der Eisenbahnlinie Helsinki-St. Petersburg, wenig tröstet, dass Finnland noch vor 130 Jahren ein russisches Großfürstentum war.

KBL 

364 - (2017-02-28) Klaus Blume

Der Trumpismus oder:

 

Wer Wind sät,

wird Sturm ernten

 

Recep Tayyip Erdoğan ist schon einen ganzen Schritt weiter als Donald Trump. Schon lange! Erdogan handelt nämlich. Er redet nicht mehr über Journalisten, Wissenschaftler, Künstler und Intellektuelle - er steckt sie einfach ins Gefängnis. Ohne Federlesens. Wie den WELT-Korrespondenten Deniz Yücel. Jemand, der einen deutschen und einen türkischen Pass besitzt und im gemütlichen Flörsheim bei Frankfurt zu Hause ist.

Wie weit ist Trump davon entfernt? Dessen Chef-Ideologe Stephen Bannon (rechts) hat übers Wochenende - auf der berüchtigten Zusammenkunft amerikanischer Rechtsradikaler, am Stadtrand von Washington - klar gemacht, wohin der Weg führen soll: Dorthin, wo sich Erdogan bereits befindet. 

 

Dieses, das jetzige Amerika, müsse endlich gründlich „gesäubert“ werden, legte Bannon die Marschroute offen. Ohne Hemmungen - und die Super-Rechten - also Ku-Klux-Klan-Anhänger, Waffen-Lobbyisten, Anti-Semiten, Scharfmacher der besonderen Güte - brüllten vor Begeisterung. Zuerst - so Bannon - müsse die angestrebte „Säuberung“ in den Medien erfolgen, also in den TV- und Radio-Sendern; parallel dazu in den Zeitungen; vor allem aber an den Hochschulen und Universitäten. Im Klartext: Bannon will an den Elite-Universitäten rund 40 (!) Nobel-Preisträger rausschmeißen, weil diese ja zu einem großen Teil Ausländer sind. 

 

Von Hollywood hat er noch nicht gesprochen. Jedenfalls nicht öffentlich. Aber es gibt ja gerade einen wunderbaren Erklär-Film darüber, wie Hitlers Propagandachef Joseph Göbbels die gesamte UFA-Filmproduktion in Babelsberg für seine Propaganda-Maschinerie eingespannt hat. Das ist zeitlose Schulung - da lässt sich in Amerika von Trump und Bannon viel übernehmen. Handwerklich war das von den deutschen Nazis erstklassig gemacht, das werden Trump und seine Spießgesellen neidvoll anerkennen müssen. Auch, wie die Nazis deutsche Produktiongesellschaften enteignet haben. Müsste in Hollywood doch auch klappen . . .

 

„Juden raus“ hieß die Marschroute zu Hitlers und Göbbels Zeiten; zu Trumps und Bannons neuen „patriotischen“ Zeiten heißt es „Mohammedaner raus.“ Wo ist da der Unterschied? Historisch betrachtet, verschwimmen ohnehin die Grenzen zwischen Juden und Mohammedanern. Also, nur keine Hemmungen, Mister President! Warum auch, er hat ja ohnehin schon klar gemacht, was er vom ständigen Krisenherd Israel-Palästina hält. Die sollen sich dort ruhig gegenseitig die Köpfe abschlagen - Trump baut indessen eine große Mauer um die USA und schaut von dort aus in aller Seelenruhe zu. Und wenn es ihm doch zu bunt werden sollte, schickt er schnell mal John Wayne vorbei . . .

Oder wie stellt sich der „größte Präsident aller Zeiten“ (Bannon) das sonst vor? Die Journalisten, vulgo: Lügen-Presse, hat er zu seinen Feinden erklärt. Und weil er die republikanische Partei jetzt kurzerhand zur Arbeiter-Partei ausgerufen hat, sind Journalisten damit auch die Feinde aller Arbeiter, nach Trumps Lesart also die des amerikanischen Volkes.

Nicht nur amerikanische Qualitätszeitungen in New York, Washington, Chicago, Los Angeles; auch ausländische Redaktionen hat er damit gemeint. Vor allem den mutigen britischen Guardian und die altehrwürdige BBC in London. Damit wir uns richtig verstehen: Die BBC ist nicht irgendein privater Dudel-Sender, sondern DER öffentlich-rechtliche TV- und Radio-Sender, nach dem sich redlich arbeitende Journalisten in aller Welt seit 1922 ausrichten. Sie war während des Krieges Hitlers und Göbbels schmerzhaftester Dorn im nationalsozialistischen Auge - und sendete unermüdlich Nachrichten nach Deutschland. Und heute? Die BBC gehörte am Freitag zu jenen Institutionen, die vom täglichen Presse-Briefing im Weißen Haus ohne Angabe von Gründen ausgeladen wurden.

Etwa zwei Wochen zuvor hatte ein Trump-Berater die BBC besucht und dem diensthabenden Polit-Moderator rundheraus erklärt, künftig würde auch sein Sender nur noch jene Nachrichten bringen dürfen, die Herr Trump Nacht für Nacht höchst persönlich per Twitter verbreite. Alles andere würde man abschaffen, auch in London. „Nur, weil sie so einen schönen Briefkopf haben, werden sie auch nicht mehr senden dürfen, was sie so wollen.“ Mit diesen Worten zog der Trump-Abgesandte von dannen.

 

Jetzt hat Trump erklärt, Nachrichten dürften künftig in den USA nur noch dann veröffentlicht werden, wenn zuvor der Quellenschutz abgeschafft würde. Per Gesetz! Doch das ist freilich barer Unsinn, weil das die amerikanische Verfassung gar nicht erlaubt. Der Schutz der Informanten ist ein zu hohes Gut, um damit zu spielen. Watergate und der Sturz Nixons wären, zum Beispiel, nie erfolgt, hätte die Washington Post seinerzeit aufdecken müssen, wer sich hinter der Formel „Deep Throat“ verborgen hat. Wir wissen es bis heute nicht.

Man könnte also über Trumps Ansinnen laut lachen, doch das Lachen bleibt einem im Halse stecken, angesichts dessen, was in den USA derzeit vor sich geht. Zur stärksten Atommacht will Trump die USA aufrüsten. Und alle sollen dabei jubeln. Klar, der Dummheit wird ohnehin bereits Vorschub geleistet. Trumps Erziehungsministerin, so hört man, arbeite an einem Entwurf, der den Einfluss der Schulen weitgehend begrenzen soll. Nur zu Hause lerne man doch wirklich etwas. Durch Eltern und Privatlehrer. 

 

Herrn Bannon freut das alles. Dessen Hinwendung zum Ku-Klux-Klan, der seit einigen Jahren auch in Deutschland wieder begeisterten Zulauf verzeichnet, zeigt deutlich, wohin die Reise geht. In Philadelphia wurden in der Nacht auf den Montag hunderte jüdischer Gräber geschändet. Fake-News, Mister President? Oder: Wer Wind sät, wird Sturm ernten?

KBL

363 - (2017-02-22) Klaus Blume

Weltmeisterschaften ohne die Besten

der Welt?

Doping: Wie das Schlimme in den Skilanglauf kam

 

Am Donnerstag gibt es bei den Nordischen Ski-Weltmeisterschaften in Lathi die erste Entscheidung. Wann es traditionell den ersten Doping-Eklat gibt - wer weiß? Geben wird es ihn schon, wenn auch hinter den Kulissen. Denn für den Heidelberger Doping-Experten Werner Franke ist der Skilanglauf, neben dem professionellen Radsport, "die versauteste Sportart überhaupt."

 

Sind die Weltmeisterschaften ohne die Olympiasieger Alexander Legkow und Therese Johaug ein Muster ohne Wert?

 

Nicht geschäftlich. Die gedopte Norwegerin Johaug wird von anderen Norwegerinnen vertreten, deren eingeplante WM-Erfolge die Ski-Hersteller als programmgemäße Verkaufsförderung deklarieren werden. Denn skandinavische Namen ziehen bei der internationalen Klientel immer; das kennt man seit dreißig Jahren. In Europa, Nordamerika, Asien - und selbstredend in Skandinavien. Russische Namen hingegen verunsichern den Käufer. Kaum aussprechbar, lassen sie sich selten merken.

 

Deshalb werben Ski-Konzerne bei den Weltmeisterschaften - wie jetzt im finnischen Lathi - lieber mit dem nachweislich gedopten Norweger Martin Johnsrud Sundby, als mit dem möglicherweise gedopten Russen Legkow. So etwas hat sich immer bewährt. Als sich bei der WM 1991 in Val di Fiemme der Russe Alexej Prokurorow anschickte, die Königsdisziplin - den 50 Kilometer langen Skimarathon - zu gewinnen, verwachsten die Techniker dessen Ski auftragsgemäß derart, dass nur Rang sechs möglich wurde. So siegte, wie geplant, der smarte Schwede Torgny Mogren - noch heute ein willkommener Verkaufsförderer.

 

Schließlich geht‘s im Skilangauf in erster Linie um Marktvorteile, um Umsätze. Während jetzt in Finnland die Weltmeisterschaften laufen, laufen sich beim schwedischen Wasaloppet 64 000 Hobby-Läufer aus 58 Ländern die Lunge aus dem Leib. Alle fünf Kilometer fühlt sich die Luft zwar an, als werfe einem jemand eine Tüte Reißzwecken in den Hals - trotzdem halten die meisten die 90 Kilometer durch. Sie eifern schließlich den Stars von Lathi nach: Sundby, Hellner oder Heikkinen. Auf einer riesigen, clever konzipierten Messe für Langlauf-Freaks aller fünf Kontinente. Auf der alles zu haben ist, was das Herz des Langläufers begehrt. Synergie-Effekt nennt man so etwas. Und das funktioniert seit den frühen 1970er Jahren. Inzwischen per annum auf 36 solcher Veranstaltungen - von Australien bis Island. Dort steppt der Bär, nicht auf irgendeiner WM.

 

Doping bei den Stars?

 

So etwas hat bisher - nachweislich - nur dem finnischen Tourismus geschadet. Aber niemals den Herstellern von Skibrettern, Bindungen, Schuhen, Stöcken oder Anoraks. Obwohl es seit 1991 keine WM, keine Olympischen Spiele ohne Langlauf-Skandale gegeben hat. Wann dieses Schlimme begonnen hat? Aktenkundig 1974, mit dem Staatsplan 14.25 in der DDR, parallel dazu in der Sowjetunion, unterstützt vom thüringischen Doping-Forscher VEB Jenapharm. Doch bereits früher in Skandinavien. Der dreimalige Olympiasieger Eero Mäntyranta - DIE Legende des Langlaufs schlechthin - wurde, zum Beispiel, schon 1972 positiv auf Amphetamine getestet; doch der Verband verschwieg es. Bis heute. Denn bis 1997 galt ohnehin nur der Tod als Doping-Grenze. Dabei wusste der Internationale Ski-Verband (FIS) bereits in den 1990er Jahren, dass - weltweit - 185 Männer und 165 Frauen gefährlich hohe Blutwerte aufwiesen. Aber es herrschte die Omerta, auch heute noch. Zum Beispiel in Sachen Wladimir Smirnow, der bei der WM 1995 im kanadischen Thunder Bay sein Leben für drei Goldmedaillen riskiert hat. So dick war damals sein Blut! Später arbeitete der Kasache für die Welt-Anti-Doping-Agentur (WADA) und als Vize-Präsident der Internationalen Biathlon-Union (IBU).  Ähnlich schlimm stand es in den 1990er Jahren um die erfolgreichsten Athleten der Langlauf-Histoire, die Norweger Björn Daehlie (12-mal OS, 17-mal WM) und Vegard Ulvang. Daehlie gilt beim Norge Skiforbund als sakrosankt; er sei eben genetisch anders veranlagt als unsereins. Außerdem gäbe es aus den 1990er Jahren keine Unterlagen mehr. Und Ulvang? Ein Ehrenmann! Er erfand für die FIS nicht nur die Tour de Ski. „Vegard“ heißt auch jener Jet, mit dem betuchte Osloer allwöchentlich zum Shopping ins Londoner „Harrod‘s“ fliegen.  

 

Wer findet sich in diesem Irrgarten zurecht?

 

In keiner anderen Sportart gibt es schließlich ein so enges Netzwerk zwischen Athleten und Funktionären, Doping-Kontrolleuren und Team-Ärzten, Firmen-Managern und Politikern. Wird mal ein Athlet wegen Dopingbetrugs zu sechs Monaten Gefängnis auf Bewährung verurteilt, wie 2001 der finnische Weltmeister Harri Kirvesniemi, findet er sich im Führungsteam eines Ski-Herstellers wieder.

Und weil das immer wieder funktioniert, verlängern sich Karrieren auch nach dem Rücktritt vom aktiven Sport. Wie bei der Südtirolerin Manuela di Centa. Sie startete am 21. Dezember 1993 im schwedischen Falun - ohne aufzufallen - mit einem Hämatokritwert von 51,3 %; normal sind 45 Prozent. Bei Olympia 1994 in Lillehammer, wo sie zwei goldene, zwei silberne und eine bronzene Medaille gewann, wurde ihr Hämatokritwert, mit Hilfe von EPO, auf über 50% angehoben. Unbemerkt. Von 1997 bis 1999 arbeitete sie dann in der Anti-Doping-Kommission des IOC, dessen Ehrenmitglied sie seit 2010 ist. Im NOK Estlands wiederum spielt die zweimalige Olympiasiegerin Kristina Smigun noch immer eine wesentliche Rolle, wenngleich seit drei Jahren ein Dopingverfahren gegen sie läuft. 

 

„Kein Kommentar“, sagt der Schwede Bengt-Erik Bengtsson zu alledem

 

Weit über 20 Jahre lang hat er mit einem geradezu unheimlichen Netzwerk als FIS-Ressortchef den internationalen Skilanglauf nach Gutdünken gesteuert. Er nahm, wie im Dezember 2000 in Italien, mit der gedopten Finnin Virpi Kuitunen, schon mal jemanden vorzeitig aus dem Rennen, um sie vor Kontrollen zu bewahren. Dass sie 2001 dennoch des Dopings überführt wurde, konnte er nicht verhindern. Sechs Jahre darauf kürten finnische Journalisten sie ohnehin zur „Sportlerin des Jahres“. Heute schreibt sie in Helsinkis angesehensten Blättern erregte Kommentare über gedopte Russen und angeblich asthmakranke Norweger. Pensionär Bengtsson wiederum mischt sich in seinem Blog ein. Über den aktuellen Super-Star Petter Northug aus Norwegen verkündet er: „Seine Erfolge sind das Ergebnis einer Art Blutmanipulation, ganz klar! Aber welcher Art, kann ich nicht sagen.“ Ja, wer dann? 

KBL  

362 - (2017-02-14) Klaus Blume

Fischer-Ski wirft Therese Johaug raus

Olympia-Start passè

 

 

Der österreichische Konzern Fischer-Ski hat aufgrund der Doping-Klausel in seinen Verträgen der norwegischen Skilangläuferin Therese Johaug (28) gekündigt. Noch vier Tage zuvor glaubte sich die siebenmalige Weltmeisterin auf dem Weg zu den nächsten Olympischen Winterspielen 2018 im südkoreanischen Pyeongchang. Denn am letzten Freitag hatte der norwegische Sportbund die Olympiasiegerin von 2010 in Vancouver wegen Dopings lediglich für 13 Monate gesperrt - theoretisch wäre demnach ein Start bei Olympia 2018 (9. bis 25. Februar) für Johaug möglich gewesen. Doch mit welchem Material?

Ihr Manager Jörn Ernst empört sich: „Es heißt in Österreich, Therese hätte einen Millionenvertrag gebrochen, da müsse man eben so handeln. Aber nun gibt es keine sportliche Zukunft, weil Therese nicht gemeinsam mit Fischer ihre olympischen Ski entwickeln kann. Sie weiß überhaupt nicht, mit wem sie weiter machen kann. Höchstens auf altem Fischer-Material, wenn das gestattet würde. Dort wissen sie doch, die Ski sind weitaus wichtiger als Schuhe, Bindungen, Stöcke oder Kleidung. Auch wenn es heißt, die Sache liege doch nur auf Eis, Therese braucht ja einen neuen Kontrakt.“

 

Ein anderer Hersteller wird ihr bei den derzeit unklaren Verhältnissen keinen Vertrag anbieten. Schließlich will man niemanden in der Szene verärgern. Vor allem nicht das Haus Fischer im österreichischen Ried, dem unumstrittenen Weltmarktführer im nordischen Skisport. Bei den Olympischen Winterspielen 2014 in Sotschi registrierte der Konzern 39 Gold-, 36 Silber- und 35 Bronzemedaillen durch Sportler auf Fischer-Ski. Die meisten davon in den nordischen Ski-Disziplinen. 

 

Am Mittwoch nun wird der Internationale Ski-Verband (FIS) über die Causa Johaug diskutieren. Die Norwegerin war seit dem 18. Oktober 2016 suspendiert gewesen, nachdem sie im September positiv auf das Steroid Clostebol getestet worden ist, das sich in einer Lippencreme befunden haben soll. 

 

Gleichfalls am Mittwoch wird in Oslo eine Kommission aus Wissenschaftlern, Rechtsanwälten und Sportfunktionären nochmals den Fall Johaug beraten, auch, weil die norwegische Anti-Doping-Agentur für Johaug eine 14-monatige Sperre gefordert hatte. Johaug, deren internationaler Werbewert von Marketing-Experten noch im Herbst letzten Jahres auf rund 30 Millionen Euro geschätzt wurde, will in jedem Fall den Internationalen Sportgerichtshof (CAS) in Lausanne anrufen.

KBL

So                 21.05.2017 

Nr.             2.410 - 1.107

Aktualisierung        08:55

Übrigens,

 

… für die Vereinigten Staaten von Amerika würde die derzeitige Klassifizierung von HTS als terroristische Organisation das Eingeständnis bedeuten, dass sie hochentwickelte Waffen, darunter TOW-Panzerabwehrraketen an „Terroristen“ geliefert haben, und würde Aufmerksamkeit auf die Tatsache ziehen, dass die Vereinigten Staaten von Amerika weiterhin islamistische Milizen in Syrien mit Waffen beliefern.

Sie haben richtig gelesen: der Grund, warum die Vereinigten Staaten von Amerika al-Qaeda in Syrien nicht als terroristische Gruppierung einstufen können, liegt darin, dass das die Vereinigten Staaten von Amerika gesetzlich dafür haftbar machen würde, eine terroristische Gruppe mit extrem hochentwickelten Waffen und Ausbildung versorgt zu haben.

Die Vereinigten Staaten von Amerika bewaffnen Terroristen in Syrien und bilden sie aus, aber statt sich einfach zurückzuziehen geben sie vor, dass al-Qaeda keine terroristische Organisation ist.

AKTUELLE LOTTOZAHLEN

Ziehung vom 20.05.2017

   15    29    34   37   44    SZ: 7

Spiel 77:  4072 755

 

Super 6: 718 112   

(ohne Gewähr)

Seit  2010-09-07

Aktueller Stand:

1924 (2017-05-21) 

Honoré de Balzac 

und Heinrich Seidel 

 

Liebe zur Natur

ist die einzige Liebe,

die menschliche Hoffnungen nicht enttäuscht.

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