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KLAUS BLUME MIT

 

 

UNVERBLÜMT

404 - (2017-09-07) Klaus Blume

Der Kampf um Fairness in der Leichtathletik 

Wann ist eine Frau eine Frau?

 

Nun laufen sie wieder. In der Schorfheide, im estnischen Tallinn, in Chikago, im englischen West York Shire - auf der ganzen Welt. Woche für Woche. Über zehn, zwanzig oder 42,195 Kilometer. Und überall gehe es dabei fair zu. Das will uns zumindest eine neue gemeinsame Studie des Internationalen Leichtathletik-Verbandes (IAAF) und der Welt-Anti-Doping-Agentur (WADA) weismachen. Darin steht, nur „über 400 und 800 Meter haben weibliche Athleten mit hohem Testosteronspiegel einen Wettbewerbsvorteil gegenüber anderen weiblichen Konkurrenten mit normalem Androgenspiegel.“ Das heißt: Langstrecken-Läuferinnen sind davon ausgenommen?

 

Das wären freilich Erkenntnisse, die gegen alle historischen Erfahrungen sprechen. Denn bereits in den 1960er Jahren haben DDR-Wissenschaftler im sächsischen Doping-Labor zu Kreischa den Testesteronspiegel aller Läuferinnen künstlich angehoben. Jenen der 100-Meter-Sprinterinnen wie den der Marathon-Spezialistinnen. Und immer mit bemerkenswertem Erfolg, erinnern sich noch heute die Kenner vom Fach. Sowohl im Wettkampf wie in Regenerationpause nach Verletzungen oder Krankheiten. Erkenntnisse, die die - in praxi - nicht nur in der DDR, sondern hinterm Eisernen Vorhang auch andernorts fleißig die Runde machten.

 

Und heute? „Ich denke, es ist mein Vorteil, wenn ich bei Olympia nicht über 800 Meter starte, weil es Caster Semenya (siehe oben), Francine Niyonsaba und Margaret Wambui tun,“ begründete Brenda Martinez, die amerikanische WM-Zweite von 2013, voriges Jahr in Rio ihren Startverzicht auf ihrer Paradestrecke.  Gegen diese drei Läuferinnen aus Südafrika, Burundi und Kenia hätte sie in der Tat keine Chance gehabt, so, wie der Rest der Welt. Was sich bei den Weltmeisterschaften im letzten August in London dann wiederholt hat. Noch nie zuvor seien sie so oft gegen so viele „Männer“ gelaufen, wie bei der WM 2017, klagten denn auch amerikanische Läuferinnen.

 

Was sie gemeint haben, zeigt das Beispiel der Südafrikanerin Caster Semenya. Noch in der Saison 2015 musste sie, einer IAAF-Regelung zufolge, ihren Testestoron-Spiegel den der anderen Frauen angleichen. So rangierte sie mit 1:59,59 Minuten lediglich an 29. Position der Weltbestenliste über 800 Meter - und damit sogar zwei Plätze hinter der Münchnerin Christina Hering (1:59,54 Minuten). Als der Internationale  Sportgerichtshof (CAS) am 24. Juli 2015 in einem 161-seitigen Bericht jedoch die sogenannte Hyperandrogenismus-Verordnung aufhob, gab es vor allem für Semeneya kein Halten mehr. Denn ohne fortan ihren Testestoron-Spiegel senken zu müssen, lief sie 2016 die 800-Meter-Distanz gleich sechsmal unter 1:57 Minuten; 2017 war sie mit 1:55;16 Minuten sogar schneller als ihre legendäre Trainerin Maria Mutola aus Angola (1994: 1:55,19 Minuten). Ein Sturm auf den Weltrekord schien nur noch eine Frage der Zeit.

 

Womit die Debatte um intersexuelle Frauen in der Leichtathletik aufs Neue entbrannt war. Dabei ist das alles nicht neu. Deshalb gibt es auch viele Erfahrenswerte; nur müssten sie herangezogen werden. Die Älteren unter uns erinnern sich, zum Beispiel, an die Debatte um die Nordkoreanerin Shin Kim-dan, die am 3. Juli 1938 geboren, in den frühen 1960er Jahren geradezu wahnwitzige Zeiten erzielt hat: 1962 sprintete sie als erste Frau der Welt die 400 Meter unter 52 Sekunden; am 21. Oktober 1964 gelangen ihr in Shanghai sogar ein inoffizieller Weltrekord mit 51,2 Sekunden! Bereits 1963 hatte sie als erste Frau die 800 Meter unter zwei Minuten (1:59,1 Minuten) durcheilt. 1964 drückte sie diesen Rekord sogar auf 1:58,0 Minuten und war damit schneller als Olympiasiegerin Hildegard Falck mit ihrem offiziellen Weltrekord von 1:58,45 Minuten 1971 in Stuttgart.

 

Doch die Rekorde der Nordkoreanerin wurden niemals anerkannt. Denn erstens gehörte Nordkorea nicht der IAAF an und zweitens blieb Shin Kim-dans Geschlechtsstatus stets umstritten. Sogar die nachweislich gedopten Russinnen weigerten sich standhaft, gegen sie anzutreten. Und Shin? Als 1966 Geschlechtskontrollen bei internationalen Wettkämpfen obligatorisch wurden, hatte sie sich längst zurückgezogen. Die Zeiten von Caster Semenya, Francine Niyonsaba und Margaret Wambui aber werden anerkannt. Doch wie lange noch?

 

IAAF und WADA wollen nämlich den CAS-Beschluss von 2015 mit einer neuen Studie kippen. Erarbeitet wurde sie von den monegassischen Wissenschaftlern Stéphane Bermon und Pierre-Yves Garnier. In diesem Bericht empfiehlt der Ausschuss, dass künftig keiner Athletin erlaubt werden darf, als Frau zu starten, wenn ihr Testosteron-Spiegel 10 nmols/Liter oder mehr übersteigt. Es sei denn, sie kann eine angeborene Testestoron-Unempfindlichkeit nachweisen, die ihre sportliche Leistungsfähigkeit nicht signifikant erhöht.

 

Das klingt alles sehr wissenschaftlich. Doch in praxi heißt es nur, wenn eine intersexuelle Frau künftig zusammen mit Frauen starten will, muss sie ihren Testestoron-Spiegel tatsächlichen Frauen auch angepasst haben. So, wie es bis 2015 der Fall war. Aber künftig in allen leichtathletischen Disziplinen. Also auch bei Sprüngen und Würfen. Womit die Chancengleichheit wieder hergestellt wäre.

KBL 

403 - (2017-09-04) Klaus Blume

Dopingmißbrauch

Professor Perikles Simon wirft hin

 

Perikles Simon will nicht mehr. Der international hoch geschätzte Doping-Experte von der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz wird sich AB SOFORT nicht mehr öffentlich zu den Themen Doping und Medikamentenmissbrauch äußern. Eine schlimme, eine niederschmetternde Nachricht. Denn Professor Simon ist Initiator und Mitautor der WADA-finanzierten Studie „Doping in Two Elite Athletics Competitions Assessed by Randomized-Reponse Surveys.“

 

Für diese Studie wurden bei den Leichtathletik-Weltmeisterschaften 2011 in Daegu (Südkorea) Aktive befragt, ob sie vor den Titelkämpfen bewusst gedopt hätten. Obgleich niemand namentlich genannt wurde, bejahten immerhin 30 Prozent diese Anfrage! Woraus sich schließen lässt, dass die Dunkelziffer der tatsächlich gedopten Leichtathleten weltweit weitaus höher anzusetzen ist. Eine Erkenntnis, worauf sowohl die Welt-Anti-Doping-Agentur (WADA) als auch der Internationale Leichtathletik-Verband (IAAF) jahrelang die Veröffentlichung der nun doch öffentlich bekannt gewordenen Studie hintertrieben haben. Als die Arbeit jedoch in diesem Jahr in einer renommierten britischen wissenschaftlichen Zeitschrift zu lesen war, gab es kein Halten mehr.

 

Perikles Simon, der auch uns über Jahre hinweg regelmäßig Rede und Antwort gestanden hat, schreibt zu diesem ungeheuerlichen Vorgang: „Die Welt-Anti-Doping-Agentur hat offensichtlich direkt im Nachgang der Erfahrung mit unseren Dopingquoten bereits 2012 eine interne Kommission damit beauftragt, die Gründe für die Ineffektivität des weltweiten Anti-Dopingkampfes zu benennen. Herausgekommen ist ein denkwürdiger Bericht, in dem die oberste Testinstanz den weltweiten Testagenturen und dem Kontrollsystem an sich ein mangelndes Interesse unterstellt, überhaupt Doper zu finden und Doping zu verhindern. Wenn die Öffentlichkeit will, dass auf dem Gebiet Doping geforscht wird, dann muss das anders organisiert werden – mit echter Unabhängigkeit.“

 

Wir haben seit Jahren die Rolle der WADA hinterfragt und auch infrage gestellt und immer wieder mit Belegen versucht, ein internes Zusammenwirken der WADA mit internationalen Sportverbänden nachzuweisen: Im Skilanglauf, im Biathlon, im Radsport, im Eisschnelllauf, in der Leichtathletik. Nicht selten schienen diese Hinweise erdrückend zu sein.

 

Doch wer nimmt so etwas schon wahr? Offenbar will man immer rasantere Fußballspiele sehen, ohne zu hinterfragen, warum so etwas vor allem in der Schlussphase funktioniert.  Offenbar wundert sich auch niemand darüber, wenn Weltrekorde nachweislich gedopter ehemaliger DDR-Athleten oder chinesischer oder russischer Sportler mit leichter Hand geradezu zerpflückt werden. 

 

Und niemand fragt nach, warum der Betrug zum Zwilingsbruder des großen, vor allem des olympischen Sports geworden ist? Weil es gar nicht um den sportlichen Wettkampf, sondern um politische und materielle Gewinne geht. Nicht erst seit gestern, sondern seit eh und je. Denn alle spielen mit, weil jeder Jeden in der Hand zu glauben scheint und hofft, mit diesem Pfund wuchern zu können. 

 

Und die Sportler? Sie sind die Bauernopfer, ob gewollt - wie Lance Armstrong - oder ungewollt, die auf diesem imaginären Schachbrett nach Belieben hin- und hergeschoben werden. 

 

Zum Schluss dieser Erkenntnis nun Perikles Simons offizielles Statement:


„Sehr geehrte Damen und Herren, 

öffentlich werde ich mich nicht mehr zu dem Thema Doping im Spitzensport äußern. Es kommen noch 1-2 kleinere Verpflichtungen, die ich selbstverständlich wahrnehmen werde, wenn es für die, die damit geplant hatten, erforderlich und auch hilfreich sein sollte. Medikamtentenmissbrauch in der Gesellschaft ist hingegen nach wie vor ein Thema, das es für mich auch wissenschaftlich zu bearbeiten gilt. Ich wünsche den vielen ernsthaften Anti-Doping-Aktivisten aber viel Erfolg und bleibe für die, die das interessiert im Hintergrund und alleine schon auf Grund der beruflichen Verpflichtung treu. Ansonsten bedanke ich mich für Ihr Verständnis! Perikles Simon“ 

Weil wir uns zum Kreis der ernsthaften Anti-Doping-Aktivisten rechnen, werden wir auch künftig nicht locker lassen, wenn es gilt, Ross und Reiter zu nennen.

KBL

402 - (2017-08-28) Klaus Blume

Carlo Thränhardt

Das exklusive Gefühl

des Fliegens und die

Endlichkeit der Existenz

 

Obwohl der schmerzende Rücken ihn niederdrückt, mag er nicht sitzen. Denn mehr noch plage ihn der lädierte Hintern. Und die linke Achillessehne. Resümee nach einem mißglückten Rekordsprung über gerade mal 1,81 Meter. Fazit des 60-jährigen Münchners Carlo Thränhardt, seit 1988 mit 2,42 Metern Europarekordhalter in der Halle. Dennoch werde er es 2018 im württembergischen Weindorf Eberstadt erneut angehen; dort, wo sich seit 39 Jahren die weltbesten Hochspringer treffen.

Schon vor 38 Jahren flog Thränhardt in Eberstadt über 2,30 Meter: ein blonder Beau, ein Bonvivant; charmant, lässig, redegewandt. Ein völlig anderer Typ Sportler. Vieles schien ihm geradezu zuzufliegen. Bis zum 30. März, als die Ärzte ein sieben Zentimeter langes Herz-Aneurysma bei ihm diagnostizierten: Lebensgefahr. Not-OP. Thränhardt, der Genuss- und Erfolgsmensch auf der Überholspur sah sich urplötzlich mit der Endlichkeit der Existenz konfrontiert. 

 

Dabei hatte er doch ganz andere Dinge im Kopf: Altius, citius, fortius. Wollte höher hinaus, als alle anderen 60-Jährigen. Wollte zumindest 1,81 Meter überspringen, wie 2012 der Russe Wladimir Kunsevich, der Iwan Uchows Höhenflüge steuerte. Der Olympiasieger von 2012 hatte obendrein 2014 Thränhardts Hallen-Europarekord von 1988 egalisiert. Auch das trieb ihn nach seiner Herz-OP wieder ins Trainingslager.

 

Außerdem finde sich in den Annalen der Altersspringer ein ganz prominenter Name: Thomas Zacharias. Der 70-Jährige, dessen Vater Helmut als Violonist weltweit 14 Millionen Schallplatten verkauft hat, hält mit 1,80 Metern den deutschen „Ü-60-Rekord.“ Bekannt geworden ist er aber vor allem durch Golfbücher. 

 

Und Thränhardt? Einmal noch wolle er über 1,80 Meter springen. Warum? Es sei eben ein ganz und gar exklusives Gefühl, sich beim Fliegen selber zu spüren.

KBL 

401 - (2017-08-20) Klaus Blume

 

Soccer first in Print, TV und online

Fußball ist zu ernst für eine Glosse

 

Weser-Kurier relauncht seine "Mein Werder"-App zum Fußballclub Werder Bremen als eigenes Ressort mit elfköpfigem Team. Die App soll nach der beginnenden Saison kostenpflichtig werden und beliefert den "Weser-Kurier" in Print und online mit Werder-Inhalten.

Fußball über alles, überall und seit Jahrzehnten

 

Ich habe 19 Jahre lang als Zeitungsredakteur dort gearbeitet, wo samstags eine Sonntagszeitung mit dem Schwerpunkt Fußball-Bundesliga produziert wurde: Bei der nicht mehr existenten Abendpost/Nachtausgabe in Frankfurt am Main und 15 Jahre lang (!) bei der Welt am Sonntag. Dort durfte ich den Zirkus um Fußball und Auflagen-Entwicklung ständig mitgetragen. Und nicht begriffen! Frankfurter Niederlagen, zum Beispiel, wurden vom Leser der Abendpost/Nachtausgabe mit NICHTKAUF des abendlich in den Kneipen feilgebotenen Blattes quittiert. Dennoch: Fußball über alles, hieß es deshalb schon in den frühen siebziger Jahren in der dortigen Chefredaktion. Selbst in den Sommerferien, wenn der Ball endlich nicht mehr rollte, hatte ich den Auftrag, täglich die Sportseite mit einem Artikel über Eintracht Frankfurt aufzumachen. Mit einem positiven Beitrag, versteht sich. 

Egal, was sich auch sonst noch in der Welt des Sportes ereignete

 

Innerhalb der Sportredaktion der WELT, zum Beispiel, bearbeiteten drei Redakteure täglich das Thema Fußball - auch im Sommer; während ich 16 (!) Sportarten zu betreuen hatte - vom Schach bis zum Skispringen. Von der Leichtathletik bis zur olympischen Sportpolitik. Und ob dieser - wie es die Kollegen sahen - unwichtigen Dinge nur belächelt wurde. Ich erinnere mich: Es stand mal wieder ein DFB-Pokalfinale im Berliner Olympiastadion auf dem Programm und gleichzeitig der sogenannte Olympische Tag im Ost-Berliner Jahn-Sportpark. Einige der Fußball-Kollegen übernachteten im selben Hotel wie ich, und fragten, ob ich zum Pokal-Finale mitkäme. Ich verneinte, und klärte sie auf: Heute geht es um die ganz große Leichtathletik . . . und erntete ein nicht enden wollendes höhnisches Gelächter.

Macht der sich etwa lustig?

 

Später habe ich elf Jahre lang für DeutschlandRadio Kultur in Berlin alle vierzehn Tage einen Bundesliga-Kommentar der ganz anderen Art geschrieben und gesprochen: eine Glosse, live nach dem letzten Schlusspfiff und vor den Nachrichten um 17.30 Uhr über den Sender gejagt. Das war eine Schweinearbeit, weil ich - entsprechend der aktuellen Lage auf den Liga-Plätzen - bis zur Aufnahme ständig meinen Text verändern musste. Aber es war eben auch eine ganz andere Art, sich dem Fußball vor einem großen Publikum nähern zu dürfen. Schade, dass irgendwann einmal ein Intendant meinte, man müsse den Fußball ernst nehmen, man könne ihn nicht glossieren. Damit war meine Rubrik gelöscht. Ersatzlos. Wie sagte doch Franz Beckenbauer: „In einem Jahr habe ich mal 15 Monate durchgespielt!“

KBL

400!! Gratulation! - (2017-08-18) Klaus Blume

„Nischensport“ Fußball

Die Fußball-Bundesliga - nichts weiter als aufgeblasener Zirkus?

Am Donnerstag jubelte der KICKER, das Zentralorgan aller deutschen Fußball-Pyromanen, künstlich-kindisch: „Nur noch einmal schlafen, dann startet die Bundesliga.“ Darüber kann lächeln, wer mag. Der KICKER kann nicht anders. Ganz andere Töne schlagen da die Marktschreier von ARD und ZDF, Sky und RTL, von Nitro, DAZN oder Eurosport an. Und wer nicht alles noch. Es soll sich schließlich lohnen. Auch für Sie, Herr und Frau Fußball-Fan. Wenn sie ordentlich berappen, können sie schließlich jeden Tag vierundzwanzig Stunden lang gucken, wohin irgendwo der Ball rollt. Simsalabim - und schon sind sie dabei!

 

Doch wer will das überhaupt?

 

Schließlich interessieren sich lediglich 42 Prozent aller Deutschen überhaupt nicht für Fußball. Er ist ihnen WURSCHT! Das erfragte jetzt die FORSA Gesellschaft für Sozialforschung in Berlin. Aber die Einschaltquoten am frühen Samstagabend - zwischen 18 und 20 Uhr - seien doch sehr hoch, werden Sie jetzt einwenden. Stimmt! Doch dafür gibt es auch eine simple Erklärung: Wenn in dieser Zeit in der ARD der Ball rollt, fesselt auch kein Konkurrenz-Programm irgendeinen Zuschauer. 

 

Aber die Millionen, ja sogar Milliarden, die dieser Tage im Fußball-Business ausgegeben werden, locken sie nicht die Fans in immer größeren Massen ins Stadion, in die Fernseh-Kneipen oder vor den heimischem Flimmerkasten?

 

Überall auf der Welt?

 

Immerhin hat die teuerste Liga der Welt, die englische Premiere League, gerade rund 1,2 Milliarden Euro für neue Spieler ausgegeben, und deren Darbietungen können auch wir hierzulande bewundern. Sogar live! Dennoch macht diese Art der Geldverbrennung vor allem den besonders erfahrenen Experten Bange. „Der Fussball gleicht der Immobilienblase. Es gibt zwei Gefahren, denen dieser wunderbare Sport ausgesetzt ist: das Übermass an Business und ein zu grosser Geltungsdrang. Wir erleben gerade, wie er Opfer von beidem gleichzeitig wird.“ Das sagte kein Geringerer, als Arrigo Sacchi (71); einst Trainer in Mailand und Sportdirektor in Madrid. 

 

Aber zurück zur Bundesliga, die ja, laut ARD und ZDF, gewissermaßen das Synonym für Sport aller Art geworden ist. Doch als das ZDF während der Leichtathletik-Weltmeisterschaften in London auf einmal mittenmang seine Live-Übertragung unterbrach, um urplötzlich irgend ein europäisches Fußball-Spiel - ohne jegliche deutsche Beteiligung - live zu zeigen, stagnierte die bis dahin erreichte Einschaltquote bei 3,5 Millionen. So viele hatten sich bis dahin die Leichtathletik angesehen, die ja angeblich niemanden interessiert. Als das Spiel endlich vorbei war, und es endlich zurück zur Leichtathletik ging, blieb die Quote weiterhin stabil: bei 3,5 Millionen.

Also alles nur fauler Zauber, der groß ausgeblasene Zirkus um die großen Ball-Zauberer?

 

Laut FORSA sind lediglich 14 Prozent aller Deutschen wirklich am Fußball interessiert; nur zehn (in Zahlen: 10) Prozent begeistern sich ganz stark dafür. Warum dann dieser Aufwand für nur zehn Prozent unserer Landsleute? Und andernorts? Als jetzt Paris Saint Germain mit seinem 222 Millionen Euro teuren brasilianischen Super-Star Neymar in der 7300 Einwohner zählenden bretonischen Gemeinde Guincamp spielte, erlebten zwar 18 378 Fans den 3:0-Erfolg der Gäste, doch die meisten von ihnen waren dafür extra aus Paris angereist. Die meisten Bretonen interessierte es nicht die Bohne.

 

Womit zutrifft, was der deutsche Fußball-Experte Philipp Köster jetzt in der Neuen Zürcher Zeitung schrieb: „Diese hektische, bunte, aufgeblasene Medienwelt gibt es, seit der Fussball Anfang der neunziger Jahre entdeckte, dass er mit sich selber viel Geld verdienen kann. Seither verstehen sich die grossen Klubs als global agierende Unternehmen auf der Suche nach immer neuen Märkten. Afrika, Nordamerika, Südostasien, natürlich China und Indien, überall sollen sie Arsenal-Trikots kaufen, den FC Barcelona im Pay-TV schauen und sich die englischsprachige App des FC Bayern aufs Handy laden.“

 

FORSA brachte Kösters Erkenntnisse in der Woche vor dem Bundesliga-Start in nüchternen Statistiken auf diese Punkte: Bei den 14- bis 29-jährigen Deutschen ist der Fußball am wenigsten präsent, denn dort interessieren sich allenfalls 17 Prozent für diesen Sport. Bei den kaufkräftigen 30- bis 44-jährigen gaben 78 Prozent (!) an, nur wenig oder gar kein Interesse am Fußball zu hegen. Seine größte Fan-Schar findet die Bundesliga ausgerechnet bei den über 60-Jährigen, also bei denen mit der geringsten Kaufkraft und auch Kauflust.

 

Und dafür dieser irrsinnige mediale Aufwand?

 

Denn längst sind ja viel zu viele Fußball-Reporter klammheimlich zu inoffiziellen Mitarbeitern großer Vereine geworden, die deren Werbebotschaften über ihre Kanäle und Blätter verbreiten. Und deren Redakteure dabei alle Augen kräftig zudrücken. Da werden dann ganz banale Geschichten zu Sensationen hoch gejazzt, während wirkliche Nachrichten, zum Beispiel über Korruption, Steuerskandale oder Homophobie, als viel zu kompliziert und sperrig im Papierkorb landen. Wer will das denn auch so genau wissen? Philipp Köster, Chefredakteur des jedem ans Herz gelegten Fußball-Magazins „Elf Freunde“, schrieb mal, wer sich anders verhalte, würde in der Branche gemieden. Auch von den eigenen Kollegen. 

 

Wer sich hingegen für den Ruf des Fußballs einsetzt, gilt als Held - wie der bisherige ARD-Experte Mehmed Scholl. Als Scholl über einen Doping-Bericht im Fußball moserte, kam es zum Bruch. Scholl verließ die ARD, stolz erhobenen Hauptes. Und von den „Kollegen“ gefeiert.

 

KBL 

399 - (2017-08-13) Klaus Blume

Leichtathletik-WM - eine Bilanz

„Ich kann nicht einordnen, was ich mit eigenen Augen gesehen habe.“

 

Was bleibt von den 16. Leichtathletik-Weltmeisterschaften?

 

Woran werden wir uns erinnern? An Usain Bolts ruhmlosen Abschied als Geschlagener und Gefallener? Oder lieber in die Zukunft blicken? Doch auch dabei wird so manchem bange. Die Chinesen würden doch künftig alles überrollen, hieß es in London immer wieder. Und so mancher glaubte sich noch am letzten Tag bestätigt, als die chinesische Geherin Hang Yin nach 50 Kilometern die Silbermedaille vor ihrer Landsfrau Shuging Yang gewann. Obendrein vor dem altehrwürdigen Buckingham Palace!

Ein toller Erfolg, aber nun machen Sie - bitte! - nicht die Pferde verrückt

 

Lassen Sie uns stattdessen sachlich betrachten, was geschehen ist. Es gab in London Gold für die seit vielen Jahren in der Weltspitze vertretenen erfahrenen Kugelstoßerin Gong Lijiao und Silber für die Hammerwerferin Zheng Wang. Beide Athletinnen werden von deutschen Erfolgstrainern gecoacht: vom Neubrandenburger Dieter Kollark und vom Frankfurter Michael Deyle. In beiden Fällen helfen dabei ehemalige deutsche Ex-Weltmeisterinnen ihren früheren Trainern: Im Kugelstoßen Astrid Kumbernuß, im Hammerwerfen Betty Heidler. Warum der nicht sonderlich erfolgreiche Deutsche Leichtathletik-Verband (DLV) sich dieser Fachleute nicht mehr bedient? Da gilt es, ein weites Feld zu beackern. 

 

Doch zurück zur „gelben Gefahr“

 

So verunglimpfen einige Unverbesserliche das Vorrücken der chinesischen Leichtathleten. Bei aller Angstmacherei, es ist halb so schlimm! Natürlich bedient man sich in Peking gern der Erfahrung ausländischer Trainer. Dass, zum Beispiel, Chinas Sprinter in London Platz vier in der 4 x 100-Meter-Staffel belegt haben, hat durchaus etwas mit ausländischer Entwicklungshilfe zu tun; und zwar mit der des Amerikaners Randall Huntington, dessen Meisterschüler Mike Powell mit 8,95 Meter noch immer den Weltrekord im Weitsprung hält. Der Mann ist aber nicht nur auf Leichtathletik fixiert, er trainierte auch schon weltberühmte Eishockey-Cracks und Tennis-Stars der Extraklasse - aber eben auch Su Bingtian, Chinas ersten Weltklasse-Sprinter. Am Samstagabend in London raste dieser Su Bingtian, einem Irrwisch gleich, durch die Zielkurve.

 

So richtig in Fahrt kam aber die chinesische Leichtathletik eigentlich erst, als deren Verband im Jahre 2012 seine Zusammenarbeit mit der niederländischen Global Sports Communication beschloss. Deren Begründer, der frühere Stunden-Weltrekordhalter Jos Hermens, stellte dabei bald fest, dass es den Chinesen vor allem um zwei Dinge geht: Um Kontakte zu ausländischen Trainern und Sportwissenschaftlern und um die Konzentration auf Disziplinen, die daheim auch tatsächlich faszinieren. Es geht dabei vor allem um jene Disziplinen, deren technische Abläufe besonders knifflig sind. Auch deshalb stehe der Stabhochspringer Changrui Xue, WM-Sechster in London, daheim besonders hoch im Kurs.

 

Das Interesse am Mittel- und Langstreckenlauf hält sich hingegen in engen Grenzen

 

Das bemerkte schon vor Jahren der italienische Lauf-Papst Renato Canovo. Alle seine Versuche, auch die seines umtriebigen Chefs Gabriele Rosa, die führende chinesische Sportartikel-Firma Li Ning, für ein gemeinsames Laufprojekt zu gewinnen, schlugen fehl. Um so interessanter: Hermens gelang es, das von dem dreimaligen Turn-Olympiasieger Li Ning (1984 in Los Angeles) 1989 gegründete Unternehmen als einen der Sponsoren für die Marathonläufe in Hamburg und Zürich zu gewinnen. Ein Unternehmen, das übrigens von den Cayman Islands aus seine Millionen-Geschäfte betreibt.

Doch zurück zur Leichtathletik

 

Es erstaunt auch Hermens, dass die Chinesen zwar keine besondere Vorliebe für Marathonläufe hegen, aber bei stundenlangen Geher-Wettbewerben geradezu ausflippen können. Noch heute würden im Reich der Mitte die beiden Damen Liu Hong und Yan Wang verehrt, wie in Europa allenfalls Fußball-Stars der Extraklasse. Liu Hong hatte von Yan Wang bei den 7. Weltmeisterschaften 1999 in Sevilla das Gehen über 20 Kilometer gewonnen. Sie war damit die erste Leichtathletik-Weltmeisterin Chinas.

 

Doch wenn wir schon bei Jos Hermens sind: Dessen äthiopische Klientin Almaz Ayana vollbrachte bei diesen 16. Weltmeisterschaften über 10 000 Meter das Kunststück, mit 360 Metern Vorsprung Gold zu gewinnen; und dabei auch noch die letzten fünf Kilometer in der zweitbesten Zeit auf dieser Strecke zu durchlaufen - ohne Pacemaker und innerhalb eines Rennens über die doppelte Distanz. Das machte nicht nur uns sprachlos, sondern auch jene Experten, die wir befragten. Die Engländerin Paula Radcliff, Weltrekordlerin im Marathonlauf: „Ich bin mir nicht sicher, wie ich das verstehen soll.“ Ihr Landsmann Brendan Foster, 1974 Europameister über 5000 Meter: „Ich kann beim besten Willen nicht einordnen, was ich mit eigenen Augen gesehen habe.“ 

Wobei wir es belassen sollten.

KBL

398 - (2017-08-10) Klaus Blume

Eine Marke wankt

Gibt‘s in London den letzten Zehnkampf der WM-Geschichte?

 

 

Feiern wir am Sonnabend den letzten Zehnkampf-Weltmeister der Leichtathletik-Geschichte? Vielleicht ist es dann sogar Rico Freimuth aus der traditionellen Mehrkampf-Hochburg Halle? Der WM-Dritte von 2015 in Peking und Weltjahres-Beste 2017, gehört zweifellos zu den Top-Favoriten - obendrein ist er noch erblich vorbelastet: Freimuths Vater Uwe hatte bei den ersten Weltmeisterschaften -1983 in Helsinki - Platz vier erreicht. Gold gewann damals der Engländer Dailey Thompson, inzwischen schon fast zur historischen Figur der Sportgeschichte geworden.

Doch wer sich in London zum „König der Athleten“ krönt, wird - ganz im Gegenteil zu Dailey Thompson - ein König ohne Volk sein. Denn die Leichtathletik, die Königin Olympias, tut sich seit Jahren schwer, die breite Öffentlichkeit für sich zu gewinnen - und ganz besonders die einst geradezu wie Helden verehrten Zehnkämpfer und längst auch schon die Siebenkämpferinnen. Ein Wettkampf über zwei Tage - das scheint nur noch etwas für eine immer kleiner werdende Schar tapferer Enthusiasten zu sein. Also für jene Kenner, die selbst noch dann Spannung wittern, wenn sich das Gros der Betrachter längst langweilt.

Deshalb sagt Paul Meier, 1993 WM-Dritter und Präsident des seit 1993 bestehenden gemeinnützigen Zehnkampf-TEAMS: „Ein König der Athleten sollte weitsichtig sein und diese Zeichen der Zeit erkennen.“ Meier zielt dabei auf Ideen, die bereits seit zwei Jahren im Internationalen Leichtathletik-Verband (IAAF) zur Debatte stehen: Man möchte im Zehnkampf der Männer die vom Bewegungsablauf her komplizierten Disziplinen, also  Stabhochsprung und Diskuswurf, rigoros streichen. So erreiche man anstelle des 105-jährigen Zehn- einen kürzeren Achtkampf - einen Oktatlon. Dass sich Meier mit der IAAF und obendrein auch mit dem europäischen Verband unter der Hand über diese Änderungen einig geworden sei, ohne darüber mit den derzeitigen Aktiven zu debattieren, wird in der Zunft der Zehnkämpfer zwar emsig kolportiert, entbehrt aber schlicht der Wahrheit.

Doch wie auch immer, Meiers dargelegte Gedanken haben vor allem unter Deutschlands besten Zehnkämpfern und deren profilierten Trainern zu wütenden Reaktionen geführt: Am 4. Juli - also mit Beginn der WM in London - traten Rico Freimuth und Kai Kazmirek, 2017 Sieger des weltberühmten Zehnkampfes von Götzis in Österreich, ebenso aus dem renommierten  Zehnkampf-Team aus, wie die Bundestrainer Rainer Pottel (Zehnkampf) und Wolfgang Kühne (Siebenkampf). „Für uns ist der Zehnkampf eine Ideologie. Er ist seit seiner Olympischen Einführung vor 105 Jahren zu einer Marke in Deutschland und aller Welt geworden“, argumentierten sie in einem offenen Brief. Jürgen Hingsen, als ehedem dreimaliger Weltrekordler, noch immer einer der bekanntesten deutschen Sportler überhaupt, wetterte gegenüber dem Sport-Informationsdienst (SID) über Meiers Gedanken: "Das ist Schwachsinn, den Vorschlag finde ich voll daneben. Der Zehnkampf ist die Königsdisziplin der Leichtathletik, die sollte man nicht beschneiden. Der König der Athleten sollte auch ein König bleiben."

 

Typisch Hingsen! Laut, deutlich - und mal wieder alles außer acht gelassen, was dem Zehnkampf seit Jahren zusetzt: Nämlich die Tatsache, dass die Starterfelder allerorts kleiner werden, dass sich zunehmend weniger Athleten für den Zehnkampf entscheiden und die Mehrkämpfe - also auch der Siebenkampf der Frauen - gerade bei Großereignissen, wie der aktuellen WM in London, zunehmend zu Randerscheinungen schrumpfen. Was die Londoner Starterliste mit Athleten aus 22 Nationen auch deutlich beweist, denn in der IAAF sind weltweit 214 (!) Nationen vertreten. Warum interessiert der Zehnkampf in 192 Mitgliedsländern nicht?

Paul Meier glaubt zu wissen, für viele Länder, Vereine, Trainer und auch Talente wäre es eine deutliche Erleichterung, wenn Stabhochsprung und Diskuswurf wegfallen könnten, um den dafür notwendigen hohen Aufwand an Trainingsmethodik und Infrastruktur, um den Geräte- und Zeitaufwand entscheidend zurückzuschrauben. Überdies könne ein Achtkampf auch in ein internationales Meeting eingebaut werden; Überlegungen, die bei den Organisatoren der Diamond-League-Serie schon beredet werden.

 

Doch der Begriff „Zehnkampf“ präge nicht nur eine leichtathletische Disziplin, er sei auch eine „Marke“, heißt es allenthalben. Und dabei wird gern auf jene verwiesen, die diese Marke geprägt haben: Auf den Amerikaner Bob Matthias, der 1952 in Helsinki mit nur siebzehn Jahren Olympiasieger wurde; auf den Halbindianer Jim Thorpe, der 1912 Gold im damals noch ausgetragenem Fünf- aber gleichzeitig auch im neuen Zehnkampf gewann; an den Schweriner Torsten Voss, seit 1987 der bisher einstige deutsche Weltmeister im Zehnkampf geblieben ist; an „Kuddel“ Kurt Bendlin, der 1968 nach seinem Weltrekord 24 Stunden wie vom Erdboden verschluckt blieb, bis ihn ein besonders hartnäckiger Rechercheur ausfindig machte - und, und, und. Man könnte Buch um Buch mit ähnlichen Geschichten füllen.

 

Trotzdem, ob es nun zehn oder nur acht Disziplinen braucht, um auch künftig den vielseitigsten Athleten der Welt zu ermitteln - es wird seinen Ruf als „König der Athleten“ nicht mindern. Und das scheint derzeit das Wichtigste zu sein.

KBL 

397 - (2017-08-07) Klaus Blume

Botswana: Ostafrikas Talent- oder Doping-Kreuz?

„Wir werden die USA mit unserer 4x 400-Meter-                                                             Staffel schlagen“

 

Wer öfters mit ostafrikanischen Läufern zu tun hat, lernt bald, was sich hinter deren üblicher Großsprecherei verbirgt. Jetzt hat Isaac Makwala aus Botswana in London angekündigt: „Wir wollen die 400-Meter-Strecke nach Afrika bringen und zu einem afrikanischen Rennen machen. Es war bisher ein amerikanisches Rennen, doch jetzt wird alles anders. Wir werden die USA auch am letzten WM-Tag mit unserer 4x 400-Meter-Staffel schlagen.“

Wie bitte? Seit es Leichtathletik-Weltmeisterschaften gibt, also seit 1983, gab es über 400 Meter zehn amerikanische Weltmeister; mit ihren 400-Meter-Staffeln siegten die USA neunmal. Eine Überlegenheit, die es in keiner anderen Disziplin gegeben hat. Und nun kündigt ein Mann aus Botswana deren Ende an. Und kann es auch noch begründen.

 

Also: Isaac Makwala, 30, 32 oder 33 Jahre alt - wer weiß das schon? - verblüffte die Leichtathletik-Welt am 14. Juli in Madrid mit einem „Weltrekord“ der besonderen Art: Er sprintete innerhalb von 75 Minuten die 200 Meter in 19,77 und die 400 Meter, jenes männermordende Monster, in 43,92 Sekunden. „Historisch“ nannte Spaniens Weltblatt „El Pais“ diese Sturmläufe. Zumal Makwala anschließend verkündete: „Ich bin zufrieden, denn jetzt weiß ich, dass ich noch schneller laufen kann. Mein Ziel bei den Weltmeisterschaften in London heißt Gold!“ Ob das nicht alles zu hoch gegriffen sei, wurde er gefragt. Makwala lächelte nachsichtig und verwies auf eine ähnliche Vorstellung 2014 im schweizerischen Uhren-Städtchen La Chaux-de-Fonds. Dort habe er an einem Tag 19,96 und 44,01 Sekunden erreicht. Und auch damals keine Müdigkeit verspürt.

 

Dienstagabend soll nun sein erster WM-Sturmlauf erfolgen, über 400 Meter - im Duell mit dem südafrikanischen Weltrekordler Wayde van Niekerk (43,03 Sekunden), den er „meinen Bruder“ nennt, und deshalb den Sieg nicht neiden würde. „Wirklich nicht.“ Auch seinem Landsmann Baboloki Thebe traue er den WM-Titel zu, immerhin sei dieser der zweitschnellste 20-jährige 400-Meter-Läufer der Sportgeschichte. In einer Hochglanzbroschüre, ausgelegt in den Botschaften dieses afrikanischen Landes, findet sich der Satz: „Sie machen uns stolz, Botswana zu sein.“

 

Mit zehn Athletinnen und Athleten ist das Team Botswanas nach London gekommen - ausschließlich aus 400-Meter-Spezialisten bestehend; bis auf den Staffelläufer Nijel Amos, der als das vielleicht größte Talent auf der 800-Meter-Distanz gerühmt wird. Frankreichs berühmtes Sportblatt „L‘Equipe“ fragte deshalb verwundert: „Ist Botswana das neue Talent-Drehkreuz der Leichtathletik?“

 

Zumal ständig unbekannte Nachwuchsläufer auftauchen. Was aber auch notwendig sei, erklärt Makwala, weil nicht jedes Talent bei der Stange bleibe. Der 19-jährige Karabo Sibanda, zum Beispiel, im vorigen Jahr schon Olympia-Fünfter, überlegt ernsthaft, ob er sich nicht doch lieber dem Schachspiel zuwenden sollte; immerhin führt ihn der Welt-Schachverband (FIDE) als besten Junior seines Landes. Und das, obwohl er kaum Zeit zum Üben findet.

 

Übrigens: Wenn Sie am Dienstagabend die Leichtathletik-WM im Fernseher einschalten sollten, lassen Sie sich neben dem 400- auf keinen Fall den 800-Meter-Lauf entgehen. Den Nijel Amos, in Rio schon Olympia-Fünfter mit der 400-Meter-Staffel, ist ein geradezu begnadetes Talent. Der junge Mann ist erst 22 Jahre alt, doch er scheint mit seinen Konkurrenten zu spielen wie ein ausgebuffter Routinier. Vom 1. bis 16. Juli stellte er sich auf den Diamant-League-Meetings in Paris, Rabat und London vor - jeweils mit eindrucksvollen Siegen. Mit einer Bestzeit von 1:41,17 Minuten nimmt er übrigens neben IAAF-Präsident Sebastian Coe Platz drei in der ewigen Weltrangliste ein. Coe, seiner Zeit weit voraus,  schaffte das schon 1981.

 

Das Super-Talent Nijel Amos aber wird von vielen mit Argusaugen beobachtet, auch von Coe. Denn er gehört zum Rennstall des umstrittenen Italieners Federico Rosa, der sich wegen der Doping-Betrügereien seiner kenianischen Klientin Rita Jeptoo beinahe eine längere Gefängnisstrafe eingehandelt hätte. Und: Zu Rosas Laufstall gehört auch Botswanas erste Leichtathletik-Weltmeisterin, Amantie Montsho. Sie hatte 2011 den Titel über 400 Meter gewonnen; 2014, bei den Commonwealth-Spielen in Glasgow, fanden die Doping-Experten in ihrem Blut dann das verbotene Medikament Methylhexanamin - und sperrten sie für zwei Jahre. 

Ist Botswana tatsächlich nur das neue Talent-Drehkreuz der internationalen Leichtathletik?

 

KBL

396 - (2017-08-06) Klaus Blume

Almaz Ayanas Wunderlauf

Sehr weit weg von dem,

was ehrlich ist?

 

Alle Welt hatte nur Augen für Usain Bolt, da konnte die Äthiopierin Almaz Ayana, fast unbemerkt, für eine Sensation - oder für ein Wunder? - sorgen: Sie gewann den 10 000-Meter-Lauf nach 16 Runden (!) Sololauf mit 46 Sekunden Vorsprung vor ihrer Landsfrau Tirunesh Dibaba, der erfolgreichsten Langstreckenläuferin aller Zeiten. Hätte die 25-Jährige die ersten neun Runden nicht verbummelt, hätte sie ihren eigenen Weltrekord (29:17,45 Minuten) mühelos verbessern können.

Aber das lässt sich ja nachholen.

 

 

Die New Yorkerin Molly Huddle (32), seit vielen Jahren eine der schnellsten Langstrecklerinnen der Welt, wurde in London Achte und dabei von Ayana sogar überrundet. Im Ziel klagte sie, sie sei sich vorgekommen wie eine Anfängerin. Dann kritisierte sie: „Es fehlt in Äthiopien jegliche Doping-Testinfrastruktur“, und echauffierte sich: „Es scheint mir, als seien sie dort sehr weit weg von dem, was ehrlich ist.“

 

Im Falle der Olympiasiegerin und Weltmeisterin Almaz Ayana führt dieser Gedanke direkt zu ihrem Trainer Jama Aden, der am 20. Juni 2016 in der Nähe Barcelonas, im abgelegenen Drei-Sterne-Hotel Sabadell, ebenso von der spanischen Polizei festgenommen wurde, wie 22 seiner Athleten. Neben dem Blutdopingmittel EPO, das die Beamten im Zimmer von Adens marokkanischen Physiotherapeuten fanden, wurden weitere Medikamente beschlagnahmt. Darunter auch anabole Steroide. Im Hotel befand sich unter den Athleten übrigens auch die äthiopische 1500-Meter-Weltmeisterin Genzebe Dibaba. Sie gehört ebenso wie Almaz Ayana zum Laufstall des niederländischen Managers Jos Hermens. 

Von Doping in Äthiopien hat Hermens, der einst auch die des Dopings überführten deutschen Sprinterinnen Katrin Krabbe und Grit Breuer betreut hat, angeblich nie etwas gehört. Dabei braucht man dort nicht einmal ein Rezept, um sich Verbotenes zu besorgen; zum Beispiel das Blutdopingmittel EPO. Reporter der renommierten britischen Tageszeitung „The Guardian“ wünschten, zum Beispiel, in der Gishen-Apotheke in Addis Abeba, gleich gegenüber dem National-Stadion, ein Medikament gegen Blutarmut - und prompt bekamen sie EPO angeboten. Ohne das nach einem Rezept gefragt wurde. Sie zahlten ungefähr dreißig Euro für drei Ampullen; Kollegen wiederholten den Einkauf mehrmals innerhalb von 26 Minuten - und immer erfolgreich.

 

Geht so etwas nur in Äthiopien? Der amerikanische Doping-Jäger

Travis Tygart, er überführte den US-Rad-Profi Lance Armstrong, sagte vor fünf Tagen, der Internationale Leichtathletik-Verband IAAF) benehme sich in der Dopingfrage doch „wie der Fuchs im Hühnerstall.“ Eine These, die offenbar auch auf Dibabas und Ayanas Coach Jama Aden zutrifft, der längst auf Kaution freigekommen ist, und gegen den die spanischen Justizbehörden nun wegen einer angeblich fehlerhaften Krankenversicherung ermitteln. In Sachen Doping, so heißt es bei der IAAF, könne sie in der Causa Aden wirklich nichts unternehmen.

Rein gar nichts.

Zumal auch die Welt-Anti-Doping-Agentur (WADA) scheinbar nicht allzu viel tut. Obwohl man dort weiß, dass es in ganz Afrika nicht ein einziges Anti-Doping-Labor gibt, hatte sie im vor-olympischen Jahr 2015 in Äthiopien nicht eine einzige Trainingskontrolle durchgeführt. Man habe, so erfuhren wir, Äthiopien einfach vergessen. Aber keineswegs absichtlich. Im Jahr drauf brach Almaz Ayana dann den 23 Jahre alten 10 000-Meter-Weltrekord der Chinesin Junxia Wang. Die angeblich einst mit besonderem Schildkrötenblut aufgepäppelte Chinesin hatte diese Distanz am 8. September 1993 in 29:31.78 Minuten zurück gelegt, Anyana schaffte sie 2016 in Rio in unglaublichen 29:17.45 Minuten.

 

Manager Hermens jubelte damals: „Sie ist beeindruckender als Haile Gebreselassie und Kenenisa Bekele.“ Auch diese beiden äthiopischen Olympiasieger, noch gelten sie als die größten Läufer der Geschichte, stehen längst unter Dopingverdacht.

 

KBL

395 - (2017-08-04) Klaus Blume

Amerikas neuer

Star Evan Jager:

„Wahrscheinliches Doping; weitere Daten nicht erforderlich.“

Ob Carl Lewis, Maurice Green oder Justin Gatlin - jahrzehntelang führte ein Sprinter das US-Team in eine Leichtathletik-Weltmeisterschaft. Es waren Männer, populär wie Hollywood-Stars. Bei den 16. Welttitelkämpfen (4. bis 13. August) in London ist alles anders, dort steht auf einmal ein Hindernisläufer an der Spitze der amerikanischen Crew. 

 

Sie haben richtig gelesen, ein Hindernisläufer. Kein Hürdensprinter, wie es sie in den USA wie Sand am Meer gibt. Vielmehr ein Athlet, der auf der 3000 Meter langen Distanz über feste Hindernisse und obendrein Runde um Runde über einen Wassergraben hechtet. Dabei ist dieser Evan Jager aus Algonquinn in Illinois kein Kenianer, wie der eingebürgerte Bernard Lagat, der 2007 für die USA WM-Gold über 5000 Meter gewann; Jager ist gebürtiger Amerikaner, mit schulterlangem blonden Haar, das er beim Laufen mit einem breiten Stirnband bändigt. Lässig. Selbstbewusst. Erfolgreich. Ein Mädchen-Schwarm.

Achtundzwanzig ist er jetzt, also im besten Läufer-Alter - und seit dem 20. Juli steht er, und nicht wie sonst, irgendein Afrikaner, an der Spitze der Weltjahres-Bestenliste über 3000 Meter Hindernis. Denn am 20. Juli, beim Diamond-League-Rennen in Monaco, siegte er in atemberaubenden 8:01.29 Minuten, und zwar vor dem hoch-renommierten Kenianer Jairus Birech; ein Mann, der die klassische olympische Distanz schon zweimal unter acht Minuten zurückgelegt hatte. Der Schock saß danach tief in Kenia. Elf Olympiasieger und elf Weltmeister aus diesem Land hatten jahrzehntelang die sogenannte „kenianische Strecke“ dominiert - nun wurde bei einem Diamond-League-Rennen, also vor aller Welt, erstmals einer ihrer Allerbesten besiegt. Götterdämmerung?

 

Von wegen, denn urplötzlich kamen den Kenianern die berüchtigten Fancy Bears zur Hilfe. Deren Motto: „Wir werden Ihnen sagen, wie olympische Medaillen gewonnen werden.“ Diese Internet-Spione, denen eine Nähe zum russischen Militärgeheimdienst GRU nachgesagt wird, die aber auf ihrer Anonymität beharren, hackten nämlich beim Internationalen Leichtathletik-Verband (IAAF) Jagers Bio-Pass. Und siehe da, in der Spalte „Hämatologische Gutachten“ stand: „Wahrscheinliches Doping; weitere Daten nicht erforderlich.“ Dem amerikanischen Läufer-Portal „LetsRun.com“ entgegnete Jager daraufhin wie üblich: „Ich habe niemals eine verbotene Substanz genommen. Ich werde niemals die Anti-Doping-Regeln brechen oder beugen.“

Doch die Reporter von „LetsRun.com“ bohrten weiter. Hartnäckig, unbeugsam. Und so erfuhren sie, dass Evan Jager wegen seiner Allergien einen „genehmigten“ Inhalator benutzt. Wegen welcher Allergien? Wisse er nicht. Seit wann er „genehmigte“ Medikamente benutze? Jager: „Seit 2012.“ Also seit er vom Langstrecken- zum Hindernislauf gewechselt hatte und bei den Olympischen Spielen 2012 in London überraschend Sechster geworden war. Seitdem vollzog sich sein Aufstieg unaufhaltsam: 2015 schob er sich mit beeindruckenden 8:00,45 Minuten, gelaufen in Paris, auf Platz zwei der Weltjahres-Bestenliste, und verwirrte damit die Experten.

 

John Cook, zuvor Coach der US-Marathonläuferin Shalane Flanagan, sagte damals, im Nike Oregon Projekt seines Kollegen Jerry Schumacher, in welchem Flanagan und Jager trainieren, würden Athleten ermutigt, verschreibungspflichtige Medikamente zu nehmen. Es gab keinen Widerspruch in der Branche. 2016 gewann Jager bei denOlympischen  Spielen 2016 in Rio dann Silber, Flanagan beendete den Marathonlauf als Sechste.

 

Wie es jetzt weiter geht ? Sein von den Fancy Bears gehackter Bio-Pass bereite ihm „ein wirklich beschissenes Gefühl“ gestand Jager „LetsRun.com“.  Aber was soll‘s? Bis heute habe sich weder die Welt-Anti-Doping-Agentur (WADA), noch die IAAF bei ihm gemeldet. 

 

Doch auch bei den Konkurrenten in Kenia geht die Angst um. Nicht nur bei Asbel Kiprop, dem dreimaligen Weltmeister über 1500 Meter, der - so behaupten die Fancy Bears - ebenfalls „genehmigte Medikamente“ benutzt habe, auch unter den Hindernisspezialisten - so hören wir - grassiere die Angst, überführt zu werden. Zumal Moses Kiptanui, dreimal Weltmeister, später ein hoch geachteter Trainer, 2015 endgültig seinen Job aufkündigte - wegen des grassierenden Doping-Missbrauchs in seinem Lande. Kiptanui, auch Coach des viermaligen Hindernis-Weltmeisters Ezekiel Kemboi, sagte der BBC: „Informationen beweisen, dass es eine gute Anzahl an Athleten gibt, die Drogen benutzen. Sie wollen mit allen Mitteln Geld verdienen. Entweder auf echte Art oder auf andere Weise.“ Und damit wollte Kiptanui nichts mehr zu tun haben.

 

KBL 

394 - (2017-08-02) Klaus Blume

Schicht im Schacht

für Usain Bolt

Verehrt, verdächtigt -

und bald vergessen?

 

Würde Bob Marley noch leben, hätte er über mich das Lied geschrieben: Der Größte aller Zeiten.“

So berauschte sich Usain Bolt in Murdochs Londoner „Sun“ an sich selbst. Wonach dem Reggae-Revoluzzer aus Jamaika - er starb 1981, fünf Jahre vor Bolts Geburt - allerdings nie der Sinn gestanden hätte. Marley ging‘s stets um Widerspruch und gesellschaftliche Umwälzung: „Get up. Stand up.“

 

Sein Landsmann Usain Bolt hingegen verkörpert jene Laufmaschine, die der Gewinnmaximierung wegen hemmungslos die Öffentlichkeit bedient. „Womit er ein Phänomen ist, das wir weiterhin brauchen“, klagte Sebastian Coe, der Präsident des Internationalen Leichtathletik-Verbandes (IAAF), Jamaikas Premier Andrew Holness. Denn der 30-jährige Usain Bolt hat beschlossen: Am 5. August, nach dem WM-Finale über 100 Meter in London, ist Schicht im Schacht. Egal, ob er Erster oder Letzter wird.

 

Danach reduziert sich sogar Bolt nur noch auf Zahlen und Daten

 

Acht olympische Goldmedaillen, elf WM-Titel, drei Weltrekorde; wobei ihn die 9,58 Sekunden (2009 in Berlin) vorerst noch als schnellsten Mann dieses Planeten ausweisen. Zugleich aber tritt mit ihm auch einer der umstrittensten Athleten der Sportgeschichte ab. Zwar wurde das 1,95 Meter große und 95 Kilo schwere Kraftpaket nie des Dopings überführt, doch in seinem Umfeld gibt es niemanden, der nicht wegen Medikamenten-Betrugs gesperrt wurde: Yohan Blake (Doppel-Olympiasieger und Doppel-Weltmeister), Nesta Carter (Olympiasieger, dreimal Weltmeister), Steve Mullings (Weltmeister 2009) sogar lebenslänglich; auch Raymond Stewart, der WM-Dritte von 1987, wurde auf Lebenszeit ausgeschlossen - wegen Dealens für das US-Doping-Unternehmen Balco.

 

Eine illustre Truppe!

 

Bolt will von alledem nie etwas mitbekommen haben. Über sich behauptet er ohnehin stereotyp: „Ich bin sauber. Das war ich schon immer.“ Trotzdem: Nicht nur für den erfahrenen Mainzer Mediziner und Doping-Forscher Perikles Simon sind Bolts Leistungen „einfach nicht plausibel“, auch nicht für andere Wissenschaftler. Und der Mexikaner Angel Heredia, er vertickte einst im großen Stil Dopingmittel um die ganze Welt, bevor er als Kronzeuge für amerikanische Kriminalbehörden aussagte, wird noch deutlicher. Im April 2017 erinnerte er sich vor der ARD-Doping-Redaktion an die Jahre 2007 und 2008: „Trainer aus Jamaika haben mich kontaktiert und mich gefragt, ob Clenbuterol für Sprinter geeignet sei.“ Dass sich jamaikanische Sprinter bei den Olympischen Spielen 2008 in Peking mit dem Kälbermastmittel Clenbuterol gedopt haben, schätzte Heredia als „hundertprozentig“ ein. Bolt gewann seinerzeit zwei Goldmedaillen: Über 100 und 200 Meter. Das dritte Gold - mit der 4x100-Meter-Staffel - wurde ihm aberkannt, weil Staffelkamerad Nesta Carter des Doping mit 4-Methyl-2-Hexamidin überführt wurde. Bolt verlor kein Wort darüber.

 

In Europa leben 413 Millionen Menschen, 14 davon liefen die 100-m-Distanz schneller als in 10 Sekunden. Kontrolliert werden alle Athleten von 18 europäischen Doping-Instituten. Auf der karibischen Insel Jamaika leben 2,8 Millionen Menschen. Sechszehn von ihnen sprinteten die 100 Meter bereits schneller als in zehn Sekunden. Ein Anti-Doping-Labor gibt es dort nicht. Vielleicht liegt Jamaika auch deshalb bei den größten Sportskandalen ganz vorn: Am 24. September 1988 wurde bei den Olympischen Spielen in Seoul der gebürtige Jamaikaner Ben Johnson, im Trikot Kanadas, nach dem Sieg über 100 Meter des Dopings überführt. Der Urknall der olympischen Doping-Geschichte! Linford Christie wiederum, geboren und aufgewachsen in Andrew Parish auf Jamaika, gewann bei den Spielen 1992 in Barcelona über 100 Meter ebenso Gold für Großbritannien wie im Jahr drauf bei den Weltmeisterschaften in Stuttgart. 1999, im bereits fortgeschrittenen Sprintalter von 39 Jahren, wurde er in Dortmund des Nandrolon-Missbrauchs überführt. Danach stieg er zum Cheftrainer der englischen Sprinter auf.

 

Aber zurück zu Usain Bolt

 

Bei den Olympischen Spielen 2016 in Rio de Janeiro gewann er gemeinsam mit seinem großen Vorbild Asafa Powell Gold mit der 4x100-Meter-Staffel. Powell war schon 33 Jahre alt und hatte zuvor vier Weltrekorde über 100 Meter aufgestellt, den letzten 2007 mit 9,74 Sekunden im italienischen Rieti. Dass er 2014 wegen der Einnahme der verbotenen Stimulans Oxilofrin sechs Monate lang gesperrt worden war, störte im Olympischen Komitee von Jamaika niemanden; es stellte Powell für Rio auf.

Für Bolt, den stets Unbescholtenen, ist nun am 5. August Schicht im Schacht. Für einen Athleten, dessen Werbewert das amerikanische Wirtschaftsmagazin „Forbes“ - ob er sprintet oder nur posiert - derzeit auf 34,2 Millionen Dollar beziffert. Einer, der auch nach seinem Rücktritt als einer der „marktfähigsten Sportler überhaupt“ (Forbes) gilt. Lord Coe, der Mann, der die Welt der Leichtathleten regiert, wird auch deshalb bange, wenn er an Bolts Rücktritt denkt. Doch dieser sieht schon einen neuen Weltstar am Firmament auftauchen, einen, der sogar ihn vergessen machen könnte: Wayde van Niekerk (oben) aus Bloemfontein in Südafrika. Ein Mann, der über 100, 200 und 400 Meter alles in Grund und Boden rennen kann. Was selbst Bolt nicht geschafft hat.

 

KBL 

393 - (2017-07-23) Klaus Blume

Begeisterung rund

um den Globus

Spannend wie seit

fünfzehn Jahren nicht mehr -

doch die Skepsis bleibt

 

Dramatik wie seit fünfzehn Jahren nicht mehr - so lautet das erste Fazit der 104. Tour de France. Spannung pur - bis zum vorletzten Tag. Erst das Zeitfahren in Marseille entschied zwischen dem Kolumbianer Rigoberto Uran und dem Franzosen Romain Bardet über Platz zwei und drei. Sogar der nunmehr viermalige Tour-Sieger Chris Froome musste in Marseille einmal mehr seine körperlichen Grenzen überschreiten. Der Lohn: Rang drei in der Tages-, Platz eins in der Gesamtwertung. Das begeistert rund um den Globus.

 

Doch wie sauber waren die gebotenen Leistungen wirklich?

 

Mancher bleibt da skeptisch. Mangelnde Transparenz wirft, zum Beispiel, der dreimalige amerikanische Tour-Sieger Greg Lemond dem überlegenen englischen Team Sky vor, Arbeitgeber des Tour-Gewinners Chris Froome. Ein Mann, der sich mit Erlaubnis des Radsport-Weltverbandes UCI und der Welt-Anti-Doing-Agentur WADA extra ihm genehmigter Medikamente bedienen darf. Lemond sagt: „Da bleibt das Mißtrauen, und ich frage mich: Ist Froome wirklich der beste Rad-Profi der Welt?“ Geraint Thomas, Froomes wichtigster Helfer, meint zu diesem Thema, er würde nie ein Ausnahme-Attest in Anspruch nehmen! Aber er könne natürlich nicht für die gesamte Mannschaft sprechen. Der frühere deutsche Profi Rolf Aldag, Chef der afrikanischen Equipe Dimension Data, verweist gelassen darauf, dass allein in diesem Jahr rund 1000 Dopingproben für zehn Jahre eingefroren werden, um sie erst dann zu öffnen, wenn die wissenschaftlichen Erkenntnisse dafür vorhanden sind. 

 

Doch wie auch immer

1,2 Millionen Fans säumten vor drei Wochen beim Tour-Start in Düsseldorf die rheinischen Straßen. Und später am Fernsehen? Im Schnitt haben 0,33 Millionen Zuschauer allein bei Eurosport die ersten 15 Etappen gesehen – das bedeutete eine Steigerung gegenüber 2016 um 28 Prozent. Seinen Marktanteil konnte Eurosport bei den Live-Übertragungen sogar um 36 Prozent ausbauen – auf 3,0 % (Marktanteil 2016: 2,2%).

Besonders Marcel Kittels fünf Etappensiege und dessen Kampf ums Grüne Trikot des Punktbesten haben die Fernseh-Zuschauer, bis zu dessen sturzbedingtem Ausscheiden auf der ersten Alpen-Etappe, in den Bann gezogen. Sowohl bei der ARD, wie bei Eurosport. Wie und vor allem wo es mit Kittel künftig weiter geht? Im Peloton wabern die Gerüchte, der Thüringer würde das belgische Spitzenteam Quick Step in Richtung Katjuscha-Alpecin verlassen. Dort könnte er, wie einst bei Quick Step, wieder mit seinem Freund Tony Martin gemeinsame Sache machen. Nur verfügt Katjuscha-Alpecin in dem Norweger Alexander Kristoff bereits über einen Sprinter der absoluten Extraklasse. Und sollte dieser obendrein am 24. September im norwegischen Bergen vor eigenem Publikum Weltmeister werden, hätte er zwangsläufig die besseren Argumente, wenn‘s um die Teamführung bei Katjuscha geht.

 

Die Sprinter und die Tour

 

Der zweimalige Weltmeister Peter Sagan vom deutschen Team Bora-hansgrohe streckte am 4. Juli den früheren Weltmeister Mark Cavendish (Team Dimension Data) mit einem Ellbogen-Check zu Boden - ob beabsichtigt oder nicht, wurde er danach von der Jury vom Rennen ausgeschlossen. Was dessen Konkurrent Kittel durchaus in Ordnung fand, weil die Jury zuvor mitgeteilt hatte, man würde gleich in den ersten Tour-Tagen hart durchgreifen, auf das es danach untereinander fair zugehe. Sagan, aber ebenso der trickreiche Cavendish, waren also vorgewarnt. Doch noch vor fünf Tagen moserte Sagan: „Ich kann die Entscheidung noch immer nicht akzeptieren.“ Geht es jetzt also vor ein ordentliches Gericht, nachdem der Internationale Sportgerichtshof (CAS) in Lausanne den Einspruch von Bora-hansgrohe abgelehnt hatte?

 

Im Internet lästerte derweil Lance Armstrong über die Tour de France, die er einst mit unzulässigen leistungssteigernden Mitteln sieben Mal gewonnen hat; Erfolge, die ihm allesamt aberkannt wurden. Beleidigt reagierte er, als er - ebenso wie Jan Ullrich - von Tour-Direktor Christian Prudhomme nicht zum Tour-Start nach Düsseldorf eingeladen wurde - und jagte daraufhin ein kräftiges „Fuck you“ um den Globus. Wobei sich der 45-jährige Texaner noch immer als intimer Kenner einer Szene sieht, die schon seit Jahren von ihm abgerückt ist und sich ganz anders als zu seinen Zeiten entwickelt. Dessen ungeachtet, verkündete Armstrong, als exklusive Neuigkeit ausgerufen, was die Branche seit Wochen kolportiert: Der Spanier Mikel Landa verlasse zum Jahresende das englische Super-Team Sky. 

 

Ein Gerücht, das um die spanische Spitzen-Equipe Movistar entstand, nachdem dessen Spitzenmann Alejandro Valverde schon nach einem Sturz beim Auftakt-Zeitfahren in Düsseldorf gestürzt war und vorzeitig aufgeben musste. Für den mittlerweile 37-Jährigen scheint wegen eines dabei erlittenen Bruchs der Kniescheibe nicht nur diese Saison gelaufen zu sein. Es heißt, Valverde denke ans Aufhören. Movistar sucht also, neben dem schwächelnden Kolumbianer Nairo Quintana, händeringend einen zweiten Superstar. 

 

Und Frankreich?

 

Über Romain Bardets dritten Platz in der Gesamtwertung jubelt die Fünfte Republik ebenso wie über den Gewinn des Bergtrikots durch Warren Barguil vom deutschen Team Sunweb. Wobei aber vor allem zu beachten ist, dass diesmal gleich fünf französische Mannschaften in die 104. Tour de France eingerückt sind, darunter mit der Crew Direct Energie eine Equipe, die ausschließlich mit französischen Profis bestückt war. Dessen talentierter Fahrer Lilian Calmejane aus Albi - das die Franzosen gern „Schlaraffenland“ nennen - brachte es sogar zu einem Etappensieg. 

 

Calmejanes Team-Chef Jean-René Bernadeau, 1979 Tour-Fünfter, baut in der traumhaften Vendée, wo 2018 die Tour beginnt, seit vielen Jahren mit großem Wissen und noch größerem Engagement Jugend- und Profimannschaften erster Güte auf. Vielleicht setzen sie ihm, dem Unermüdlichen, zum Tour-Start 2018, irgendwo in Noirmoutier-en-I‘ile, sogar ein Denkmal.

 

KBL

392 - (2017-07-19) Klaus Blume

Kittel gestürzt

und raus!

Doch wer gewinnt in Paris?

 

Ex-Skispringer siegt nach Alleinfahrt

 

Dass der Australier Michael Matthews - nach Marcel Kittels sturzbedingtem Ausstieg aus der 104. Tour de France - am Sonntag in Paris das Grüne Trikot gewinnen wird - keine Frage. Dass Primož Roglič  aus Slowenien, der frühere Junioren-Weltmeister im Skispringen, als Gewinner der Königsetappe der Held des Tages in den Alpen war - auch keine Frage.

 

Doch wer gewinnt am Sonntag das Gelbe Trikot dieser Frankreich-Rundfahrt?

 

Nur vier Podest-Anwärter für Paris waren noch übrig geblieben, als es am Mittwoch hinauf auf den Col de la Croix (2067 Meter), den Col du Telegraph (1566 m) und über das Dach der diesjährigen Tour, den Col du Galibier (2642m) ging. „Ein großes Spectacolo“ hatte der im Gesamtklassement als Zweiter platzierte Sardinier Fabiu Aru prophezeit. In der Tat: Am Galibier büßte er seine Chancen auf das Gelbe Trikot womöglich endgültig ein.

 

Nur 29 Sekunden trennten die vier Besten des gesamten Pelotons vor dem Start zu dieser Vorentscheidung noch voneinander.

 

Eine historische Situation in der 104-jährigen Geschichte der Frankreich-Rundfahrt

 

Im Gelben Trikot des Gesamtführenden begab sich der dreimalige Tour-Sieger Chris Froome aus England auf die Strecke. Wie ein Schatten folgte ihm anfangs Aru, hinter seinen AG2R-Teamkollegen verbarg sich der Franzose Romain Bardet und irgendwo im Feld rollte auch - locker und entspannt, als ginge ihn das Ganze nichts an - Der Kolumbianer Rigoberto Uran mit.

 

Ein Team, das ihm bedingungslos folge, sei Froomes Unterpfand für den möglichen vierten Tour-Triumph, sagt der Pole Michel Kwiatkowski. Doch hat der Weltmeister von 2014, der Froome bei dessen Panne auf der 15. Etappe uneigennützig sein Hinterrad zur Verfügung stellte, damit recht? Jeder konnte weltweit am Fernsehgerät verfolgen, wie Froomes spanischer Edelhelfer Mikel Landa in den Pyrenäen auf einmal davon zu fahren schien, bis ihn Teamchef David Brailsford energisch zurückpfiff. 

 

Das Wegfahren sei ihm aus Versehen passiert, versuchte sich Landa im Ziel an einer fadenscheinigen Entschuldigung. Antwortete dann aber spanischen Kollegen auf die Frage, ob er sich, anstelle Froomes, den Tour-Sieg zutraue: „Ja, ich habe die Beine dafür, ich habe aber nicht den Status.“ Als nachgefragt wurde, wer denn nun die 104. Tour gewinne, wurde Landa noch deutlicher: „Chris, und wenn nicht, dann ich!“

 

Verhältnisse, die Fabio Aru im kasachischen Team Astana schon deshalb nicht kennt, weil der zweite Mann in dieser Equipe, der Däne Jakob Fuglsang, längst verletzt nach Hause gefahren ist. Aru gab sich beim Start in La Mure nachdenklich: „Die dritte Tour-Woche ist ein Rennen für sich selbst. Und keiner von uns weiß, wie es gehen wird. Drei von uns vier Bestplatzierten müssen angreifen, weil wir Froome am Samstag beim Zeitfahren über 23 Kilometer in Marseille nicht schlagen können.“ Aber so kam es nicht.

 

Macron auf dem Gipfel

 

Präsident Emmanuel Macron war extra aus dem Elysée in Paris in die Alpen geeilt, um Frankreichs großer Tour-Hoffnung, Romain Bardet, zu huldigen. 32 Jahre nach dem legendären Bretonen Bernard Hinault könnte der Kapitän der Crew AG2R für einen französischen Tour-Erfolg sorgen. Ein Mann, der beim Start in die Alpen, bei 1,84 Meter Körpergröße nur noch 59 Kilo wog! Die Tour hat an ihm gezehrt, doch Bardet wirkt trotzdem noch immer ruhig, ja sogar zuversichtlich. Er habe auch diesmal wieder in der Höhe, in der spanischen Sierra Nevada trainiert, das habe ihm eine maximale Leistungssteigerung von drei Prozent beschert. Vor allem aber glaube er fest daran, dass das Gehirn den Körper über dessen natürliche Grenzen hinweg heben könne.

 

Chef Rigoberto

 

Philosophische Gedanken solcher Art sondert der Kolumbianer Rigoberto Uran nie ab, wenngleich sein amerikanischer Teamkollege Taylor Phinney erzählt: „Meditiert gern und viel, aber allein. Doch wir glauben im Team an ihn.“ So, wie daheim mindestens dreißig Millionen Velo-Fanatiker, die fest auf den ersten kolumbianischen Tour-Erfolg hoffen. Immerhin ist der 30-Jährige schon zweimal Zweiter (2013, 2014) des ebenfalls dreiwöchigen Giro d‘Italia gewesen. Sein amerikanische Teamchef Jonathan Vaugthers in der US-Equipe Cannondale schwärmt: „Rigoberto ist die beste Führungsperson, die wir jemals gehabt haben.“

 

Hinter Froome platzieren sich nun, mit nur 27 Sekunden Rückstand, Uran und Bardet zeitgleich auf den Positionen zwei und drei. Eine verrückte Tour!

 

KBL

391 - (2017-07-18) Klaus Blume

Der Giro-Sieger blieb zu Hause

Das deutsche Team Sunweb:

„Jeden Abend Champagner“

Im Peloton sind sie längst zum Tagesgespräch geworden, die Mannen des deutschen Tour-Teams Sunweb, doch in Deutschland spricht niemand von ihnen. Nicht von dessen Kapitänen Warren Baguil und Michael Matthews, noch von deren Adjudanten Simon Geschke und Nikias Arndt. Vielleicht, weil hierzulande kaum jemand weiß, dass es sich beim Team Sunweb um eine deutsche Equipe handelt. Eine, für die einst Marcel Kittel und John Degenkolb für Furore sorgten.

 

Möglicherweise wird Sunweb außerhalb des internationalen Pelotons aber auch deshalb nicht als Mannschaft mit deutscher Lizenz wahrgenommen, weil der Geldgeber, das Rotterdamer Reiseunternehmen Sunweb, ebenso seinen Sitz in den Niederlanden hat, wie das von ihm gesponserte Rad-Team; dieses firmiert in der Eisschnelllauf-Stadt Deventer. 

 

48 Rennfahrer stehen dort unter Vertrag, darunter sechs Deutsche; einer von ihnen, der Berliner Simon Geschke, ist als Tour-Etappensieger 2015, in aller (Radsport)-Welt hoch angesehen. Beim Bund Deutscher Radfahrer (BDR) wiederum steht das Team Sunweb deshalb besonders hoch im Kurs, weil es neben einer erfolgreichen Frauen-Mannschaft, mit der Junioren-Europameisterin Liane Lippert aus Friedrichshafen, auch noch eine Nachwuchs-Mannschaft im Continental-Team beschäftigt und damit nachdrücklich den deutschen Radsport-Nachwuchs fördert.

 

Einer jener Nachwuchsfahrer, der 23-jährige Phil Bauhaus aus Bocholt, platzierte sich im Mai beim dreiwöchigen Giro d‘Italia gleich dreimal unter den besten Zehn einer Etappe und gewann auf der Tour-Generalprobe Dauphiné Libéré den fünften Tagesabschnitt im Massensprint vor Frankreichs Super-Star Arnaud Demare. Jetzt wird er geschont, doch 2019 möchte auch er zur Frankreich-Rundfahrt. So, wie der renommierte Niederländer Tom Dumoulin, der in diesem Jahr den Giro gewann - und deshalb jetzt pausiert.

 

Unumstrittener Star des Teams Sunweb ist in Frankreich deshalb Dumoulins französischer Kollege Warren Barguil, der derzeit seine dritte Tour bestreitet; derzeit im rotweiß gepunkteten Trikot des besten Bergfahrers. Der 25-Jährige, Ende April auf der Tour de Romandie noch schwer gestürzt, wobei er sich das Becken brach, vollbrachte ausgerechnet am französischen Nationalfeiertag, am 14. Juli, das Kunststück, einen Tagessieg zu feiern. Für jemanden, wie ihn, sagte Barguil spöttisch, sei dieser Triumph deshalb so besonders gewesen, weil er ja gewissermaßen zwei Staatsbürgerschaften besitze - neben der im Pass eingetragenen französischen vor allem die bretonische. Immerhin stamme er aus Hennebont, was im wunderschönen Südwesten der Bretagne liegt. Und unter den besonderen Persönlichkeiten des kleinen Ortes wird Barguil im Rathaus nun bereits neben dem 2010 verstorbenen Schauspieler Bruno Cremer geführt, der in fünfzig Filmen den dickköpfigen Kommissar Maigret verkörpert hat.

 

Wie Barguiel es geschafft hat, nach seinem schweren Sturz ein solches Comeback wie jetzt zu feiern, vermag Sunweb-Manager Iwan Spekenbrink denn auch nur so zu erklären: „Bretonen haben nun einmal eine geradezu unglaubliche mentale Stärke.“ Wobei der Mann mit dieser Stärke aber auch davon profitiert, dass ganz Frankreich derzeit auf einen Landsmann blickt, auf Romain Bardet vom französischen Team AG2R, der sich anschickt, nach 1985 als erster Franzose die Frankreich-Rundfahrt zu gewinnen. Barguil: „Ich neide ihm seine Popularität schon deshalb nicht, weil man mich auch deshalb in Ruhe lässt. Das kommt mir zugute.“

 

Zugute kommt ihm auch, dass ihm Teamchef Rudi Kemna zwei deutsche Spitzenfahrer als Adjudanten an die Seite gestellt hat: neben dem erfahrenen Simon Geschke den Tour-Neuling Nikias Arndt aus Buchholz in der Nordheide, der nun in Köln zu Hause ist. Ein Fahrer, dem die Tour bislang „unheimlich viel Spaß, aber auch ganz schön müde Beine“ gebracht hat.

Wenn es jedoch darum geht, sich gegenseitig aufzurütteln, dann schaffen das Barguil und der Australier Michael Matthews (26) am Besten. Deshalb teilen sie auch stets ein Doppelzimmer auf dieser Tour miteinander. Matthews, der schon zuvor auf allen großen dreiwöchigen Rundfahrten, ob in Frankreich, Italien oder Spanien, Etappen gewonnen hat, feierte auf der 104. Frankreich-Rundfahrt 24 Stunden später als sein Kumpel Barguil endlich auch einen Tagessieg, was Simon Geschke zu der Bemerkung veranlasste: „Bei uns gibt es ja schon jeden Abend Champagner.“

 

Könnte es womöglich auch am Sonntag, am Schlussabend der Tour in Paris geben, wenn Barguil sein Bergtrikot verteidigt und Matthews dem Thüringer Marcel Kittel auch noch das grüne Hemd des schnellsten Sprinters abgejagt hat. Erfüllbare Ziele. Doch wie sieht es mit einem Gesamtsieg aus? Manager Spekenbrinck: „Eines Tages werden wir auch um Gelb kämpfen. Tom Dumoulin hätte in der Form, in der er dieses Jahr den Giro gewonnen hat, auch auf der Tour mit den Besten mitfahren können.“ 

 

KBL 

390 - (2017-07-14) Klaus Blume

Tour-Favorit Bardet: „Es ist doch nur Radsport . . .“

Französischer Sieg am französischen Nationalfeiertag

 

Vincent Lavenu ist ein hoch verehrter Mann. Weil sich nämlich Romain Bardet, der Star seines französischen Teams AG2R, gerade anschickt, die 104. Tour de France zu gewinnen; aber eben auch, weil Franzosen vergessen können. Auch Schlimmes aus der Vergangenheit.

 

1998, als Monsieur Lavenus Equipe noch „Casino“ hieß, hatte die Polizei auf der 16. Etappe alle Hotelzimmer seiner Fahrer durchsucht. Und siehe da, in den Taschen des Italieners Rodolfo Massi, genannt „der Apotheker“, fanden die Polizisten das gesuchte Dopingmittel Kortikosteroid. 

 

Am 29, Juli 1998 wurde Massi deshalb, als erster Rad-Profi überhaupt, verhaftet - und Lavenu fiel ob dieses Skandals in meisterhaft gespielter Entrüstung aus allen Wolken. So, wie auch 2006, als zum Tour-Start in Straßburg sein spanischer Kapitän Francisco Mancebo - wegen dessen Nähe zum Madrider Doping-Arzt Fuentes - vom Rennen ausgeschlossen wurde. Aber die Franzosen vergessen gern und vor allem gründlich. So wurde denn Monsieur Lavenu am 2. Januar 2015 die höchste  französische Auszeichnung gewährt, die Ernennung zum Ritter der Ehrenlegion. Schließlich hatte seine EquipeAG2R, sie vertritt eine Versicherung in dem Ort La Motte-Servolex, 2014 die Mannschaftswertung der Frankreich-Rundfahrt gewonnen.

In La Motte-Servolex, wo die knapp 12 000 Einwohner eigentlich in erster Linie dem örtlichen Handballclub zujubeln, drücken sie in diesen Tagen nun ihre Daumen Romain Bardet, einem französischen Rad-Profi, der eigentlich in Grenoble zu Hause ist - aber für AG2R in die Pedale tritt.

 

Und wie! Am Vortag des 14. Juli gewann er eine üble Pyrenäen-Etappe, schraubte aber unversehens die allzu großen Erwartungen der Grand Nation herunter: „Ich weiß nicht, ob ich die Tour gewinnen kann. Es wird sehr kompliziert.“ Und daran erinnert, dass er mit einem Sieg in Paris einen historischen Triumph feiern könne, antwortete er: „Als Bernard Hinault als bisher letzter Franzose 1985 die Tour gewann, war ich noch gar nicht geboren . . .“  Ergo sähe er sich  keineswegs als legitimer Nachfolger des legendären Bretonen.

 

Auch, dass er schon im vorigen Jahr, als Tour-Zweiter, auf einer Etappe im Mont-Blanc-Gebiet dem als unschlagbar geltenden Briten Chris Froome im Alleingang 36 Sekunden abgenommen und ihn auch am 13. Juli 2017 kräftig düpiert hat, hebe ihn nicht auf den Favoritenschild. Er wolle darüber auch gar nicht erst diskutieren, schließlich sei alles nur Radsport, und sonst nichts weiter. Er trainiere zwar gewissenhaft, doch er verliere dabei niemals sein Lebensziel aus den Auge: Eine Führungsposition im Management. Nach dem Jura-Studium hat er deshalb in Grenoble die entsprechende Fachrichtung studiert und letztens zehn Wochen lang in der Verwaltung des Rugby-Clubs ASM Clermont Auvergne praktiziert. Dort habe er überhaupt erst erfahren, wie Sport tatsächlich funktioniere.

Übrigens, der 14. Juli: Es war im Jahre 2005, als es durch David Moncoutié den bis Freitag letzten französischen Sieg an diesem Ehrentag gab. Im zauberhaften Digne-les-Bains, der „Hauptstadt des Lavendels“ an der Route Napoleon. Doch am 14. Juli 2017 triumphierte in Foix in den Pyrenäen mit Warren Barguil vom deutschen Team „Sundweb“ nach zwölf Jahren endlich erneut ein Franzose.

 

KBL

389 - (2017-07-12) Klaus Blume

Ein Prosit auf die Vergesslichkeit

Hamburgs

Rechts-Links-Schwäche

 

Olympia und G20 - was hat denn das miteinander zu tun?

 

Nichts, wird Hamburgs Erster Bürgermeister Olaf Scholz behaupten. Mit steifer hamburgischer Lippe, von oben herunter. Und selbstverständlich auch das Kanzleramt in Berlin. Es wird, auch in dieser Causa, wie so meist, beredt schweigen.

Merkwürdig, dass sich heute niemand mehr an diese internen Absprachen von damals erinnern will. Auch nicht die vornehme Hamburger Wochenzeitung „Die Zeit“. Die hat ja mal ein früherer Bundeskanzler herausgegeben, und da war sie auch recht mutig. Aber heute arbeitet die „Zeit“ in einem Blog gaanz eng mit dem Bundesjustiz-Ministerium zusammen, und hält nicht nur in solchen Fällen - staatstragend - den Mund. So ändern sich die Zeiten, auch bei der „Zeit“.

 

Also erinnern wir uns statt ihrer

 

Es hat in grauer Vorzeit, so wurde uns seinerzeit aus erster Quelle mit Daten und Fakten zugetragen, zwischen Berlin und Hamburg eine Absprache gegeben, die der (noch immer) aktuelle US-Präsident einen ordentlichen „Deal“ genannt hätte. Dessen Inhalt: Die feine und freie Hanse-Stadt Hamburg richtet 2017 den G20-Gipfel mit allen seinen Konsequenzen aus und bekommt dafür - ebenfalls mit allen Konsequenzen - aus Berlin jedwede Hilfe bei der Ausrichtung und vor allem Ausgestaltung Olympischer Sommerspiele.

 

Berlin gewann diesen Deal, haushoch; Hamburg verlor - und zwar niederschmetternd. Zum einen stimmten dessen Bürger im November 2015 gegen eine Olympia-Party hinter ihren Deichen, zum anderen mussten die ehrbaren hanseatischen Handelsleute obendrein zum anderen Teil des Deals stehen, also zum G20-Gipfel in ihrer schönen Stadt.

 

Dumm gelaufen. Ganz dumm

 

Zumal jetzt viel zu viel unter einen viel zu kleinen Teppich zu kehren ist. Denn, was die Stadt in der vorigen Woche erfahren hat, wird deren Bürger prägen wie die Sturmflut von 1962. Es wird aber hoffentlich auch eine ganze Reihe hiesiger Salon-Linken endlich einmal nachdenken, statt großmäulig bramarbasieren lassen; nachdenken darüber, dass Juristen vor Gericht niemals über „Links“ oder „Rechts“, sondern hoffentlich auch in ferner Zukunft über Recht und Unrecht entscheiden werden.

 

Sie werden hoffentlich auch erkennen, dass die „Rote Flora“, ein ganz und gar rechtsfreier Raum inmitten eines freien „Tor zur Welt“, alles andere als rechtsfrei ist. Und sie werden dabei unter Schmerzen feststellen, dass es tatsächlich überall auf dieser Welt nicht nur Rechts-, sondern eben auch Linksradikale gibt. Denen ein Menschenleben nicht viel wert scheint.

 

Und sie werden sich - zum Teufel auch - hoffentlich nicht auf die Historie zurück und daraus weiterhin falsche Schlüsse ziehen. Also lieber daran denken: die Jakobiner, die Pariser Urzelle aller links Denkenden, hielt sich in der Französischen Revolution nicht mit Debatten auf. Von wegen! Kopf ab, hieß es damals.

 

Und so ging es weiter. Bei Lenin, Stalin, bei Mao, Castro und so weiter, und so weiter.

Am Montag hatten wir in Altona zu tun, in der Großen Bergstraße. Der Haupt- und Einkaufs-Straße zwischen dem dortigen Bahnhof und einem berühmt-berüchtigten skandinavischen Möbelhaus, dessen Begründer einst die Rechtsradikalen in seinem Lande nicht nur finanziell gefördert haben soll. Interessiert heutzutage ebenso wenig wie der Deal Olympia – G20.

 

Also gehen wir lieber einen trinken, irgendwo gegenüber der

„Roten Flora“ (siehe oben), wo sie schon aufgeräumt haben.

Zu einem Prosit auf die Vergesslichkeit.

 

KBL

388 - (2017-07-09) Klaus Blume

Sky bleibt unter Doping-Verdacht

Kapitän Froome steht vor viertem Tour-Triumph

Kopf an Kopf:

Rigoberto Uran (r.) sichert sich den Sieg vor Warren Barguil 

© Getty Images 

Dreißig Prozent der ARD-Zuschauer tippten am Sonntagmorgen auf den Engländer Chris Froome als Sieger der 181,5 Kilometer langen Königsetappe im französischen Jura. Ausgerechnet auf einen Mann, umstritten wie kein zweiter im internationalen Radsport. 

 

Der Amerikaner Greg Lemond, dreimal Tour-Triumphator, zweimal Gewinner der Weltmeisterschaft, sagte dem konservativen britischen Telegraph: „Es gibt in Froomes Team Sky einen Mangel an Transparenz. Mein Vertrauen ist aber schon seit Jahren erschüttert worden. Ich bleibe deshalb auch 2017 gegenüber Sportdirektor David Brailsford und dessen Mannschaft skeptisch.“ Im angesehenen französischen Weltblatt Le Monde fragte Lemond dann nach: „Ist Froome wirklich der talentierteste Fahrer, den es in diesem Sport jemals gegeben hat?“

 

Fragen, die - wen wundert‘s? - pünktlich zur Königsetappe der 104. Tour de France gestellt worden sind. Vor einem Tagesabschnitt, der über 4600 Höhenmeter führte und auf dem Froomes wichtigster Helfer - Geraint Thomas - auf einer schwindelerregenden Abfahrt stürzte, das Schlüsselbein brach und ins Krankenhaus geflogen wurde. Sein Kapitän Chris Froome sicherte sich durch Platz drei im Etappenziel Chambery - hinter dem Kolumbianer Rigoberto Uran - weiterhin das Gelbe Trikot.

Hat Froome damit vorzeitig seine vierte Tour gewonnen?

 

Vor seinem Unfall hatte Geraint Thomas im Gespräch mit BBC Wales in Cardiff sein Team Sky und dessen einstigen Kapitän Bradley Wiggins heftig kritisiert: „Ich würde niemals ein Ausnahme-Attest in Anspruch nehmen. So, wie es Wiggins getan hat. Aber ich kann nicht für ihn und auch nicht für die anderen in unserer Mannschaft sprechen.“ Derart angegriffen, verteidigte sich Froome bei der BBC in London, von den 55 Dosen des Schmerzmittels Triamcinolon - einem Cortison - die das Team Sky zwischen 2010 und 2013 bestellt habe, „habe ich nichts angeboten bekommen.“ Und dann verstärkte er diese Aussage noch einmal: „Nein! Dieses Mittel wurde in unserem Team nicht frei angeboten.“

Übrigens, Triamcinolon wirkt antiallergisch, entzündungshemmend und immunsuppressiv. Sky‘s früherer Arzt Richard Freeman hat vor einem Untersuchungsausschuss des Englischen Unterhauses ausgesagt, während der Dauphiné-Rundfahrt 2011 dieses Mittel extra für Wiggins, den Tour-Sieger 2012, angefordert zu haben. Im Protokoll des Untersuchungsausschusses kann man überdies auch nachlesen, Freeman habe in seiner Privatpraxis die Mehrheit des Sky-Teams mit Triamcinolon behandelt.

 

Also mit einem Dopingmittel!

 

Keine Frage, dass Wiggins‘ Nachfolger Chris Froome und das gesamte Team Sky - nicht nur wegen seiner Überlegenheit - unter ständigem Dopingverdacht stehen. Dabei bemüht sich der Radsport in Sachen Doping intensiv um Schadensbegrenzung. Der deutsche Zeitfahr-Weltmeister Tony Martin hat zu Beginn der Tour sogar mutig behauptet, 98 Prozent seiner Kollegen würden nicht dopen - was aber allenfalls ein Traum sein kann. Glaubt man nämlich der Welt-Anti-Doping-Agentur WADA, greifen zumindest zwanzig Prozent zu unerlaubten Mitteln. Damit stünde der Radsport - nach unseren Recherchen - mit der Leichtathletik, dem Skilanglauf, dem Biathlon, dem Gewichtheben, dem Schwimmen, dem Triathlon und dem Eisschnelllauf auf einer Ebene.

Doch, was wird heute im Radsport genommen?

 

Vor allem noch immer EPO, Insulin und sogenannte Releasing-Hormone. Diese regen die Produktion der körpereigenen Wachstumshormone an und lassen sich nur schwer feststellen. Solche Präparate werden hauptsächlich in Schwellenländern hergestellt - für den Schwarzmarkt. Und den Spitzensport.

 

Beschließen wir diese Etappe also mit einem Satz Wildor Hollmanns, einst Welt-Präsident der Sportmediziner: „Wer einen Sport ohne Doping für möglich hält, hält auch eine Gesellschaft ohne Kriminalität für möglich.“

 

KBL

387 - (2017-07-05) Klaus Blume

Peter Sagan -

alles für die Katz'?

Alle wollten ihn - und

zahlen dafür Millionen

 

Der Küchenabzugs-Hersteller Bora; der Produzent hochwertiger Badezimmer-Armaturen, Hans Grohe; der amerikanische Fahrrad-Hersteller Specialized. Sie alle setzen auf den Slowaken Peter Sagan, auf das dieser mit seinen Sprintsiegen, vor allem aber mit seinen Show-Einlagen auf Pressekonferenzen und Siegerehrungen den Verkauf ihrer Produkte weltweit voran treiben würde. In 190 Ländern blitzten ihre Firmen-Logos am Montag auf, als Sagan die dritte Etappe der Tour de France gewonnen hatte. 

 

In der Tat - was für ein Investment!

 

Nun ist Sagan nicht mehr dabei; die Jury hat ihn wegen angeblich unverhältnismäßig unsportlichen Verhaltens im Schluss-Sprint der vierten Etappe der Tour verwiesen. Sagan, den zweimaligen Weltmeister, den fünfmaligen Gewinner des grünen Punkte-Trikots. Sagan, der die Quälerei des Radsports in eine Show ohnegleichen zu verwandeln schien. Ausgerechnet ihn.

 

Ralph Denk, der Teammanager der deutschen Mannschaft Bora-hansgrohe, hatte noch am Montag gejubelt, die Media-Werte seien urplötzlich extrem hoch, "denn Peter ist ein spezieller Typ, deshalb bezahlen wir ihm auch relativ viel Geld." Im Peloton kursieren Gehaltszahlungen zwischen drei und fünf Millionen Euro per annum. Wobei "Specialized" am höchsten hingelangt haben soll. Ohne Sagan, so hieß es aus den USA, hätte man sich an Bora-hansgrohe niemals beteiligt. 

 

Viel Geld für einen 27-Jährigen, dem zu Ehren die slowakische Post 2016 sogar eine Sonderbriefmarke herausgegeben hat. Viel Geld für jemanden, der nicht nur hervorragend auf dem Rennrad zu sprinten vermag, sondern zudem in der Werbung eine herausragende Rolle zu spielen versteht. Ob er aber in den nächsten Wochen für Bora in deren TV-Spots noch am Herd posieren wird? Oder ob uns Hans Grohe künftig - via Internet - weiterhin mit seinen Werbetexten über Wasserhähne und Duschköpfe auf die Nerven geht?

 

Das alles ist nun fraglich

 

Weil so viel von Peter Sagan abhängt. Denn wie nur wenigen Weltklasse-Sportlern wird ihm ja vor allem Charisma zugeschrieben. Jene von den Göttern aus Wohlwollen gespendete Gabe, die aber im knallharten Sprint, Mann gegen Mann, noch niemanden geholfen hat.

 

KBL

386 - (2017-07-02) Klaus Blume

Grün ist die Zukunft

Nicht nur für Marcel Kittel allein

 

Zehn Etappensiege auf der Tour de France - da braucht sich der Arnstädter Marcel Kittel eigentlich keine Sorgen um seine berufliche Zukunft zu machen. Doch ob sein belgisches Team Quick-Step Floors am Ende der Frankreich-Rundfahrt noch besteht, das weiß derzeit noch nicht einmal dessen Chef Patrick Lefevere. 38 Siege hat die schon seit 2002 - unter verschiedenen Sponsoren - bestehende Mannschaft bisher in diesem Jahr eingefahren, dennoch sucht Kittels 62-jähriger flämischer Chef händeringend nach einem neuen Sponsor. Denn der Teppichboden-Fabrikant Quick-Step Floor möchte sich zum Ende der Saison aus dem Radsport-Business zurückziehen. Sein Bekanntheitsgrad sei groß genug.

Marcel Kittel, auf der ersten Etappe der 104. Tour de France, auf einem 14 Kilometer langen Zeitfahren am Düsseldorfer Rheinufer Neunter, auf dem zweiten Tagesabschnitt, im Massensprint von Lüttich, dann imponierender Sieger und somit Träger des Grünen Trikots, trägt damit auf einmal eine Bürde, die den 1,88 Meter großen Mann eigentlich niederdrücken könnte. Denn Lefevere weiß, seine ursprünglich auf Eintags-Klassiker ausgerichtete Equipe kann nur dann weltweit erfolgreich auf der Suche nach Sponsoren bestehen, wenn sie künftig hauptsächlich in den dreiwöchigen Rundfahrten reüssiert: im Giro d‘Italia, vor allem aber in der Tour de France.

 

Doch das wird schwierig. Nachdem der Belgier Tom Boonen - er gewann 2007 für Quick Step das Grüne Trikot - im Frühjahr seine Karriere beendet hat, nachdem zuvor schon Zeitfahr-Weltmeister Tony Martin zur schweizerischen Crew Katjuscha-Alpecin gewechselt hatte, hängt nun alles an Marcel Kittel. Er selbst weiß das, und er kennt die daraus erwachsenden Schwierigkeiten. Denn er hat im siegreichen Sprint von Lüttich die Schwächen des angeblich stärksten Rad-Teams der Welt überaus deutlich zu spüren bekommen: „Auf den letzten fünfhundert Metern hat bei uns gar nichts mehr funktioniert, da gab es keinen Helfer mehr für mich, da bin ich nur noch von Hinterrad zu Hinterrad gesprungen und habe nach Lücken gesucht, durch die hindurch ich sprinten konnte.“

So könne es auf Dauer nicht gehen, solle er tatsächlich - im Kampf gegen den zweimaligen Weltmeister Peter Sagan vom deutschen Team Bora-hansgrohe - das Grüne Trikot des Punktbesten bis nach Paris tragen. Aber irgendwie müsse es gehen, hofft Lefevere; wenn es jetzt um weltweit agierende Sponsoren gehe, sei die Sachlage doch so: „Die Araber stecken die Hälfte ihres Geldes in den Fußball, die Chinesen wahrscheinlich noch mehr. Wo bleibt da der Radsport?“ Also müsse man die Tour gewinnen - mit Marcel Kittel im Grünen Trikot.

 

KBL

Di                  19.09.2017 

Nr.             2.522 - 1.219

Sollte es in diesen Tagen zu Unregelmäßigkeiten bei der Aktualisierung der Website kommen, bitte ich um Entschuldigung. Webmaster und Internet Provider primacom führen einen Vertragsstreit!

BJM

Aktualisierung        11:05

Übrigens,

 

… der Abschuss eines Wisents, eine europäische Art des Bisons (rechts), in Brandenburg am 13. September schlägt immer höhere Wellen. Der aus Polen stammende 900-kg-Bulle wurde nahe des Städtchens Lebus auf Anweisung des Ordnungsamtes abgeknallt. Ein Tierarzt mit einem Betäubungsgewehr sei vor Einbruch der Dunkelheit nicht aufzutreiben gewesen, hieß es. "Deutschland – kein Land für Wisente", titelte die regierungsnahe Zeitung Gazeta Polska Codzienna vorwurfsvoll. Nun kann den Deutschen der Schwarze Peter in Sachen Naturschutz zugeschoben werden. "Deutsche Logik – den geschützten Wisent abschießen, aber die Borkenkäfer in unserem Urwald schützen" so eine von vielen Twitter-Meldungen. Es ist der alte Vorwurf östlich der Oder, dass man in Deutschland Polen gern belehre, sich selbst jedoch mehr Freiheiten herausnehme.

AKTUELLE LOTTOZAHLEN

Ziehung vom 16.09.2017

21    26    27   31    35   47    SZ: 9

Spiel 77:  4741 600

 

Super 6: 169 673 

(ohne Gewähr)

Seit  2010-09-07

Aktueller Stand:

2035 (2017-09-19) 

Bernd Jürgen Morchutt

 

Im Süden der Insel Rügen direkt

an der Deutschen Alleenstraße

Putbus - die ehemalige Fürstenresidenz

Name kommt vom slawischen epod boz - hinter dem Holunderbusch

BREAKING NEWS

Stand: 19.09.2017 - 11.05 Uhr

 

International

 

Der frühere Wahlkampfmanager von US-Präsident Donald Trump, Paul Manafort, ist laut einem CNN-Bericht während des Wahlkampfs bis nach dem Urnengang heimlich von den Behörden abgehört worden. Manaforts Gespräche seien auf Grundlage einer geheimen Gerichtsanordnung bis mindestens Anfang dieses Jahres mitgeschnitten worden.Unter Berufung auf drei Quellen berichtete CNN, die abgehörten Gespräche hätten bei den Ermittlern den Verdacht genährt, dass Manafort Russland ermutigt habe, zugunsten von Trump in den Wahlkampf einzugreifen. Zwei der Quellen gaben demnach allerdings an, dass die Beweise nicht ausreichend gewesen seien.

 

Spanien weist den nordkoreanischen Botschafter aus. Wegen der wiederholten Weigerung des asiatischen Landes, sein Atomwaffenprogramm aufzugeben, müsse der Diplomat Spanien bis Ende des Monats verlassen, erklärte das spanische Außenministerium am Montag. Der Botschafter sei einbestellt und zur persona non grata erklärt worden.

 

Mitten in der Nordkorea-Krise haben Russland und China sowie die USA und Südkorea am Montag Militärmanöver in der Nähe des isolierten Landes gestartet.

 

Deutschland/Berlin

 

Als Angela Merkel am Montag am Rednerpult steht, im badischen Offenburg, da geht es nicht um das, was sie sagt. Es geht um das, was sie nicht sagt. Das weiß auch der Jubilar in der ersten Reihe. Wolfgang Schäuble ist gerade 75 geworden, er scheint das Brimborium um ihn zu genießen, selbst die Blasmusik, die seine CDU für ihn spielen lässt. Seit 45 Jahren sitzt er im Bundestag, ist damit nicht nur der dienstälteste CDUler, sondern auch der längstdienende Mandatar der Geschichte; und immer ist er per Direktmandat gewählt worden. Letztes Mal waren es 56 Prozent in Offenburg, wo er herkommt, wo gefeiert wird. Dass es am Sonntag ebenso viele sein werden, gilt als ausgemacht. Und dass er weitermachen will als Finanzminister, trotz der vielen Jahre in Spitzenämtern, daran lässt er selbst keinen Zweifel. Nur: Ob er noch darf, ist die Frage.


Zum zweiten Mal innerhalb weniger Tage hat das türkische Außenministerium den deutschen Botschafter einbestellt. Erst am Samstag hatte Martin Erdmann im Außenministerium in Ankara antreten müssen, weil die Türkei sich über eine Kurdendemonstration in Köln beschwert hatte.

 

Sport

 

Fussball

 

Am Tag vor dem Bundesliga-Schlager gegen Schalke hat Bayern München einen Rückschlag verdauen müssen. So verletzte sich Tormann Manuel Neuer im geheimen Abschlusstraining am Montag erneut am linken Fuß, nach Informationen der "Bild"-Zeitung droht dem Kapitän wieder eine Operation und damit eine mehrmonatige Pause. Neuer hatte erst vor drei Wochen in Bremen sein Bundesliga-Comeback gefeiert. 

 

Rad-WM in Bergen/Norwegen

 

Das deutsche Team Sunweb um Giro-Sieger Tom Dumoulin hat am Sonntag bei der Radstraßen-WM im norwegischen Bergen überraschend Gold geholt. Völlig unerwartet wurden die wesentlich höher eingeschätzten Teams wie Sky, BMC Racing und Titelverteidiger Quick-Step Floors geschlagen.

 

Sonntag: Herren, Teamzeitfahren (42,5 km): 1. Sunweb (GER/Tom Dumoulin, Lennard Kämna, Wilco Kelderman, Sören Andersen, Michael Matthews, Sam Oomen) 47:50,42 Min. – 2. BMC (USA/Rohan Dennis, Silvan Dillier, Stefan Küng, Daniel Oss, Miles Scotson, Tejay van Garderen) + 8,29 Sek. – 3. Sky (GBR/Owain Doull, Chris Froome, Wasil Kirijenka, Michal Kwiatkowski, Gianni Moscon, Geraint Thomas) 22,35. 

Profiwissen für den

privaten Bauherrn

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