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KLAUS BLUME MIT

 

 

UNVERBLÜMT

413 - (2017-11-16) Klaus Blume

Olympische

Winterspiele 2018

WADA:

Führt die Stimmung gegen Russland zu dessen Ausschluss?

 

Am heutigen Donnerstag werden sich in Seoul die wichtigsten Dopingjäger der Welt gemeinsam mit der Welt-Anti-Doping-Agentur (WADA) in einer offiziellen Erklärung gegen eine Zusammenarbeit mit der russischen Anti-Doping-Agentur (Rusada) sowie gegen deren höchst umstrittenes Labor in Moskau aussprechen. Damit wächst die Möglichkeit, ALLE russischen Sportler von den Olympischen Winterspielen 2018 (9. bis 25. Februar) im südkoreanischen Pyeongchang auszuschließen. Man verwies jetzt in Seoul in diesem Zusammenhang auf die Kopie einer geheimen elektronischen Datenbank, die sich seit geraumer Zeit im Besitz der WADA befände. Die darin enthaltenen Hinweise auf die Verwendung von „Cocktails“ mit verbotenen Steroiden bei den Winterspielen 2014 in Sotschi - so war aus Seoul zu erfahren - habe im Internationalen Olympischen Komitee (IOC) zu einem starken Stimmungsumschwung im Umgang mit Russland geführt. Der deutsche IOC-Präsident Thomas Bach wollte sich dazu nicht äußern, doch die russische Regierung, so hieß es noch vor Stunden, würde sich in Sachen Sotschi bei niemanden entschuldigen. 

 

Ungeachtet dessen ringen Russlands Sportminister Pawel Kolobkow und Alexander Schukow, der Präsident des russischen Olympischen Komitees, mit der WADA derzeit um eine Wiederzulassung ihrer suspendierten nationalen Anti-Doping-Agentur RUSADA. Doch, wie zu erfahren war, will die WADA keinesfalls darauf eingehen, sondern alle Einwände am heutigen Donnerstag ebenso begründet wie offiziell zurückweisen. Travis Tygart, der Chef der amerikanischen Anti-Doping-Agentur (USADA), hatte zuvor wiederholt gefordert, russische Athleten - im Falle eines Ausschlusses, in Pyeongchang unter neutraler Flagge starten zu lassen. Schukow hatte das bisher stets empört abgelehnt.

 

Doch Tygart, der einst den Doping--Skandal um seinen Landsmann Lance Armstrong aufgerollt hat, verweist bei der Forderung nach einem russischen Olympia-Team unter neutraler Flagge vor allem auf die Vielzahl jener Athleten, die in Sotschi ihres Alters wegen noch gar nicht am Start waren, doch im Vorfeld der Spiele 2018 nun Weltspitze verkörpern. Alle diese Sportler würde man bei einem Ausschluss Russlands um die Chance ihres Lebens bringen. Gemeint sind, zum Beispiel, die Skilangläufer Natalja Nepryaera, Alexej Chervotkin und Andrej Larkow, aber auch die 23-jährige Eisschnellläuferin Natalja Voronina aus Nishni Nowgorod, die beim Weltcup-Start am letzten Wochenende im niederländischen Heerenveen als Zweite über 3000 Meter nicht nur die Berlinerin Claudia Pechstein als Zehnte, sondern auch die Weltmeisterinnen Ireen Wüst (Niederlande) und Martina Sablikowa (Tschechien) klar hinter sich ließ.

 

Wie geht es nun weiter? Russlands Präsident Wladimir Putin befindet sich kurz vor dem nächsten Wahlkampf, da kann er olympische Querelen eigentlich gar nicht gebrauchen; schon zuvor hat er davon gesprochen, Sponsoren des IOC hätten von amerikanischen Institutionen „eindeutige Signale“ erhalten, in einer „bestimmten Weise“ zu handeln. Also, Druck aufs IOC auszuüben. Was davon zu halten ist? Das alles werden wir spätestens zwischen dem 5. und 7. Dezember erfahren, wenn das IOC zu allem Stellung nimmt. Hoffentlich.

 

KBL

412 - (2017-11-05) Klaus Blume

Warum immer wieder Big Apple?

Amerikanerin

Shalane Flanagan

schlägt die Afrikanerinnen

Alle Jahre wieder dieselbe Frage: Warum steht der New York Marathon im weltweiten Fokus des Interesses? Er ist nicht der älteste City-Marathon, der findet seit 1897 in Boston statt. Er ist aber auch - beileibe - nicht der schnellste; denn dieser findet fast schon alljährlich in Berlin statt.

 

Also warum immer wieder New York?

 

Als wir nach dem feigen Attentat am letzten Dienstag in Manhattans Südwesten, bei dem es acht Tote gegeben hatte, eine New Yorker Kollegin am Telefon fragten, ob - nur fünf Tage danach - überhaupt jemand an einen Marathonlauf denken würde, fragte sie mit spitzer Zunge zurück: „Was hat denn das eine mit dem anderen zu tun?“ Um uns sogleich in Erinnerung zu rufen, wie es 2001 gewesen ist, als bei dem Flugzeug-Attentat auf das World Trade Center fast dreitausend Menschen den Tod gefunden hatten. Auch damals sei doch gelaufen worden, belehrte sie uns. 

 

Wir schalteten CNN ein, und hörten New Yorks demokratischen Gouverneur Andrew Cuomo erklären: „New Yorker ist man, um sein Leben zu leben. Nicht, um sich abschrecken zu lassen.“ Vielleicht steht das Rennen im Big Apple auch wegen dieses Lebensgefühls im weltweiten Fokus. Aber selbstredend auch, weil es jedem eine Rampe sondergleichen bietet - ob Rampen-Sau oder schüchternem Mitläufer.

Wie diesmal die Olympiadritte Shalane Flanagan (links) aus Boulder (Oregon), die vierzig Jahre nach Miki Gormans Triumph, den zweiten amerikanischen Sieg in New York schaffte und alle Afrikanerinnen abhängen konnte. Was vor einer Million jubelnder New Yorker Zuschauer natürlich den überraschenden Sieg des Kenianers Geoffrey Kamworor bei den Männern klar in den Schatten stellte.

 

Aber trotz allem

 

In New York wird man auf ewig der großen Norwegerin Grete Waitz gedenken, aber ganz besonders auch den viermaligen Sieger Bill Rodgers (1976, 1977, 1978, 1979) verehren. Grete, die im April 2011 in ihrer Heimatstadt Oslo an Krebs gestorben ist, lernten wir bei den Leichtathletik-Weltmeisterschaften 1987 in Rom kennen, bei einem Abendessen mit Ed Moses und dessen damaliger Frau. Verborgen, wie wir glaubten, hinter dichten grünen Ranken in Trastevere. Bis die sich auf einmal auseinander bogen, und dahinter das strahlende Gesicht der Grete Waitz auftauchte. 

 

Es wurde ein nachdenklicher Abend, weil Grete, die Geographie-Lehrerin, alle möglichen Ideen aufbrachte. Wie, zum Beispiel, diesen: Wir alle sollten in den großen internationalen Unternehmen dafür sorgen, dass während der Arbeitszeit immer mal wieder gelaufen würde. Oder: Gleichberechtigung für Läuferinnen - auch bei Start- und Preisgeldern - fordern. „Argumentativ“, sagte sie damals. Neunmal hat sie in New York gewonnen, niemand wird diesen Rekord je brechen; heute steht ihre Statue vor dem Osloer Bislett-Stadion. Wo sonst?

 

Bill Rodgers hat über die Frau, die wegen ihrer Vielseitigkeit - sie hielt ja die Weltrekorde von 3000 Meter bis zum Marathon - allen als ultimative Athletin gilt, einmal gesagt: „Sie ist - unbestritten - die beste Langstreckenläuferin aller Zeiten.“ Bill wird übrigens im Dezember Siebzig und läuft noch immer an die 60, 70 Kilometer pro Woche, um für etwa 15 Alters-Wettkämpfe pro Jahr halbwegs in Form zu bleiben. Aber es helfe nicht viel, denn er werde ziemlich oft geschlagen. Von Läufern, die irgendwann erst im Rentenalter mit dem Laufen begonnen haben, erzählt er kopfschüttelnd. Warum dann die ganze Plackerei? „Weil du immer Läufer bleibst, dein ganzes Leben lang.“

 

Vielleicht sagt Uta Pippig deshalb auch: „Billy wird für immer mein Held bleiben.“ Sie bleibt, damit das nicht in Vergessenheit gerät, noch immer die einzige deutsche Siegerin von New York. Das gelang ihr 1993; in den Wochen vor jenem denkwürdigen Rennen haben wir zwischen Boulder und Hamburg telefoniert, bis die Spesenkasse brannte. Wir erinnern uns noch an ihre damalige Lauf-Diät: Etwa eineinhalb Monate vor dem Rennen zweimal pro Woche Lachs, dann drei Wochen vor dem Rennen stattdessen einen neuseeländischen Fisch namens Orange-Roughy - mit nur einem Prozent Fett. Oder, empfahl sie uns, ersatzweise Viktoria-Barsch, mit nichts, als ein wenig Salz als Zugabe. Und nur sanft gedünstet! Da muss man schon sehr tapfer sein . . .

 

Apropos Telefongespräche

 

1984 war‘s, als sich die Gebrüder Manfred und Herbert Steffny auf den Weg nach New York gemacht hatten. Damals glich das Telefonieren mit Amerika noch einem Abenteuer mit unbekanntem Ausgang. Das Handy war damals noch ein Traum. Da erreichte uns in der Redaktion, mitten in der Hektik zwischen internationaler und nationaler Ausgabe der WELT, die Nachricht, der Italiener Orlando Pizzolato habe den New York Marathon gewonnen. Wir legten die Nachricht zur Seite. Erst am späten Abend tröpfelte die ganze Wahrheit durch: Dritter Herbert Steffny (Freiburg).

Wir riefen bei Manfred Steffnys Zeitschrift „Spiridon“ an. Nein, niemand wisse, wo die Gebrüder Steffny in New York untergekommen seien. Wir telefonierten mit Gott und der Welt, also sogar mit dem Deutschen Leichtathletik-Verband. Dort sagte uns der damalige Leistungssportreferent Horst Blattgerste: „Wenn du ihn erreichst, gib uns Bescheid.“ Wir erreichten ihn, irgendwo, irgendwann, und unsere Fotoredaktion reichte uns, seinerzeit ein Wunder, sogar noch ein Bild von Herbert Steffny herein, auf dem er gerade um eine New Yorker Hausecke bog. Wir hatten unsere Exklusiv-Story im Kasten - Läufer-Herz, was begehrst du mehr.

 

1999, als dann Herbert Steffnys Laufschüler Joschka Fischer als deutscher Außenminister durch New York trabte, haben wir diesen Aufwand nicht noch einmal betrieben. Joschka who?

KBL

411 - (2017-11-02) Klaus Blume

Therese Johaug:

Gedopt, gesperrt - doch die Sponsoren stehen Schlange

 

 

Selbst Gunnar-Martin Kjenner staunt. Und das will etwas heißen. Schließlich hat der renommierte Sport-Jurist aus Oslo Einiges erlebt. „Aber wie Therese Johaug, trotz ihrer Dopingsperre von achtzehn Monaten, jetzt ihre Popularität und Anziehungskraft erfolgreich verkauft - das ist einmalig.“

 

Ausgerechnet in Baerum, der reichsten Gemeinde im reichen Norwegen, stellte die bis Mitte April 2018 gesperrte Skilanglauf-Weltmeisterin ihre acht, teils weltweit operierenden Sponsoren, vor. Allen voran den chinesischen Telekommunikations-Konzern Huawei, der weltweit 170 000 Mitarbeiter beschäftigt. Gefolgt vom multinationalen Unternehmen Colgate aus New York, dessen Palette von der Zahnpasta bis zum Geschirrspülmittel reicht. Mit der siebenmaligen Weltmeisterin will das altehrwürdige Schweizer Uhren-Haus TAG Heuer obendrein ebenso seine Geschäfte vorantreiben wie ein britischer Fabrikant für seine Luxus-Limousinen Jaguar aber auch der US-Brillenproduzent Oakley.

Das Verhalten der Sponsoren aus der Oberklasse, vermuten gleich mehrere internationale Rating-Agenturen, deute daraufhin, dass sich die Welt im letzten Jahrzehnt gründlich verändert habe. Noch nach den Olympischen Winterspielen 2006 in Turin seien die gedopten österreichischen Skilangläufer Roland Diethart, Johannes Eder, Jürgen Pinter und Martin Tauber öffentlich geächtet und auf Lebenszeit von Olympia ausgeschlossen worden. Doch heute spiele Doping keine allzu negative Rolle mehr. Das unterstreiche auch die Begeisterung für Johaug in den Social-Media-Kanälen. Diese habe - rund um den Globus - geradezu extrem zugenommen. Aber auch die traditionellen Medien würden jeden Aspekt ihres Lebens genüsslich ausbreiten.

Das alles schätzen auch norwegische Unternehmen der Extraklasse. „Sie wurde von den Gerichten gesperrt, aber wir kennen sie als Person und haben sie genauso gern wie alle Norweger“, begründet der Osloer Marketing-Manager Trond-Arve Nikolaisen seine Zusammenarbeit mit der Olympiasiegerin von 2010. Nikolaisen spricht für die Firma Saltdalshyttä, einem skandinavischen Vorzeige-Hersteller von Holzhäusern. 

 

Zehn Jahre lang arbeite man nun schon mit der 29-jährigen Skiläuferin zusammen, erinnert sich wiederum Torbjörn Johannson, der Vorstandsvorsitzende des Osloer Lebensmittelkonzerns ASKO, „deshalb tun wir auch mal etwas, wenn der Partner am Boden liegt. Also werden wir sie weiter unterstützen, mit 110 Prozent.“ Und falls Therese Johaug wolle, könne sie mit ASKO auch einen Kontrakt bis zu den Olympischen Winterspielen 2022 in Peking unterzeichnen. Ähnlich denken sie auch bei United Bakeries, einem norwegischen Unternehmen, das halbgebackene französische Erzeugnisse vertreibt. Doch Johaug muss bei einem - nach Steuerunterlagen - geschätzten Bankguthaben von 5,3 Millionen Euro und einem Marktwert von drei Millionen per annum eigentlich keine kleinen Brötchen backen.

Also rufen wir uns angesichts dessen noch einmal ihre Doping-Causa ins Gedächtnis: Der erfolgreichsten Skilangläuferin der letzten Jahre wurde am 16. September 2016 nachgewiesen, im Trainingscamp das verbotene Steroid Clostebol benutzt zu haben. Diese Substanz befand sich in der Lippensalbe Trofodermin, die ihr der zurückgetretene Mannschaftsarzt Fredrik Bendiksen in Italien angeblich wegen eines Sonnenbrands besorgt haben will. Bei einer Anhörung vor dem norwegischen NOK sagte sie - verabredungsgemäß? -  die Substanz unwissentlich benutzt zu haben, obwohl sich auf der Packung eine deutliche Warnung befindet. Aber die habe sie übersehen. 89mal, klagte Johaug, sei sie getestet worden - und 88mal sauber gewesen. Wahrscheinlich habe man sie jetzt reingelegt. Wirklich?

 

Anwalt Kjenner, ebenso vertraut mit der norwegischen Sportszene wie mit der Causa Johaug, sagt dazu, er habe in seinem Anwaltsdasein erfahren, „dass man nicht alles als selbstverständlich ansehen sollte, was aus der Welt-Anti-Doping-Agentur WADA kommt.“ Klingt gewagt, doch die Jahresstatistiken der WADA stützen Kjenners Kritik: 2014 waren von rund 283 000 Tests weltweit gerademal 1,36 Prozent auffällig, 2015 sank diese Zahl auf 1,1 Prozent. Doch Analytiker rund um den Globus machen keinen Hehl daraus, dass die Dunkelziffer von Dopern im Spitzensport wesentlich höher ist. Muss also der Fall Johaug womöglich auch unter diesen Erkenntnissen zu sehen sein?

Womöglich auch ihre gestiegene Beliebtheit bei Fans und Sponsoren in aller Welt? Lediglich der österreichische Konzern Fischer-Ski hat den Super-Star der Langlauf-Szene - vertragsgemäß - vor die Tür gesetzt. Wegen des formalen Passus‘ „Doping-Betrug“. Doch sogar beim gestrengen Weltmarktführer, so hört man‘s hinter vorgehaltener Hand, könne man sich bei den Weltmeisterschaften 2019 im heimischen Seefeld durchaus ein Johaug-Comeback vorstellen- auf den ihr vertrauten Brettern, versteht sich. 

 

Nach Weihnachten, sagt sie, wolle sie ohnehin wieder wie ein Profi leben und trainieren. Und vielleicht taucht sie in den nächsten Tagen bei den internationalen Rennen in Finnland, Schweden und Norwegen schon mal inmitten der norwegischen Mannschaft auf. Schon um ihre engste Freundin Marit Bjoergen anzufeuern, die erfolgreichste Skiläuferin aller Zeiten. Und niemand, sagte man uns im Norges Skiforbund, würde Therese Johaug aus diesen Kreisen vertreiben.

KBL/Images: Pinteres u.a.

410 - (2017-10-27) Klaus Blume

 

SKI: Freispruch statt Dopingverdacht

Russlands Stars bei Olympia am Start!

Behauptet deren deutscher Rechtsanwalt

 

Wer kann schon einschätzen, was sich Nordkoreas Machthaber Kim Jon Un und US-Präsident Donald Trump noch alles an den Kopf werfen werden: Üble Schimpfworte? Raketen? Gar Atombomben? Bleibt es bei Wortgefechten, werden am 9. Februar 2018 im südkoreanischen Pyeongchang programmgemäß die XXIII. Olympischen Winterspiele eröffnet.

 

Fragt sich nur: Mit oder ohne russische Mannschaft?


Wir halten den von Thomas Bach und dem IOC beschrittenen Weg, ohne sichere Tatsachengrundlage nicht über mögliche Sanktionen gegenüber Russland und einen möglichen Ausschluss in Pyeongchang zu entscheiden, für richtig.“ Das schreibt jetzt der Bochumer Rechtsanwalt Christof Wiedemann. Seine Kanzlei vertritt die bis zum 31. Oktober wegen vermeintlichen Dopings bei Olympia 2014 in Sotschi gesperrten russischen Skilangläufer Alexander Legkow (Gold über 50 km) und Jewgenij Below (Zweiter der Tour de Ski 2015).

 

Also besteht für die Russen nun Hoffnung?


Wir haben jetzt die Anhörungen einiger Fälle geplant. Unser Ziel ist es, alle Anhörungen bis Ende November 2017 abzuschließen, wobei aktive Athleten mit bevorstehenden Wettkämpfen Vorrang haben. Ein besonderes Augenmerk liegt auf den sechs provisorisch suspendierten FIS-Langläufern, deren aktuelle provisorische Aussetzung am 31. Oktober 2017 endet. Wir können den Zeitpunkt jeder Anhörung nicht öffentlich bekannt geben. Unser Ziel ist es, dass deren Anhörungen rechtzeitig abgeschlossen werden, damit die zuständigen internationalen Verbände verhindern, dass Athleten, die gegen die Anti-Doping-Regeln verstoßen haben, an der kommenden Wintersaison teilnehmen.“ Das wiederum schrieb am 16. Oktober der Schweizer Denis Oswald an die Amerikanerin Angela Ruggiero. Oswald (1968 Olympiadritter im Rudern) steht der Disziplinar-Kommission des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) vor; die viermalige Eishockey-Weltmeisterin Ruggiero leitet die Athletenkommission des IOC.

 

Also doch Kalter Krieg statt olympischer Koexistenz? 


Und warum das alles? Die Russen sollen 2014 bei ihren Winterspielen in Sotschi gedopt und obendrein nächtens heimlich die Urinproben ausgetauscht haben. Obendrein unter Aufsicht ihres Geheimdienstes FSB. Das hat Grigorij Rodschenkow, damals Chef des Kontroll-Labors in Sotschi, im Mai 2016 der New York Times anvertraut. Rodschenkow, des schnöden Mammons wegen, ein Whistleblower? Immerhin stützt sich seitdem die Welt-Anti-Doping-Agentur (WADA) bei ihren Ermittlungen über angeblich staatlich organisiertes Doping in Russland auf Rodschenkows Hinweise.


Der kanadische Gelehrte Richard McLaren aus dem kanadischen Ontario legte bald darauf einen von der WADA bestellten Report über die angeblichen Doping-Zustände in Russland vor. Im Deutschlandfunk (dlf) erklärte er: „Ich möchte es den Menschen überlassen zu entscheiden, ob es ein staatlich unterstütztes System gibt, oder welche andere Bezeichnung man vergeben kann. Ich würde sagen, es ist ein institutionalisiertes, zentralisiertes Schema, um Dopingproben zu manipulieren und zu vertuschen. Darüber hinaus muss jeder, der den Bericht liest, entscheiden, ob es mehr ist als das.“

 

Starker Tobak, doch nun glaubt der Bochumer Rechtsanwalt Christof Wieschemann zu wissen, die Ergebnisse der von Oswald geleiteten IOC-Kommission würden nicht über jene Fakten hinaus gehen, die zuvor das Internationale Sportgericht (CAS) in Lausanne am 29. Mai 2017 für alle weiteren Erklärungen zugrunde gelegt hat. Die Bochumer Kanzlei legt sich deshalb jetzt ganz klar fest: „Die Beweise reichen nicht aus, um Alexander Legkow und Evegniyi Below nachzuweisen, dass sie von dem Austausch ihrer Probenflaschen gewusst oder daran sogar beteiligt waren.“ Die Folge: Die Sperren gegen die sechs russischen Langläufer Alexey Petukhov, Evgenia Shapovalova, Maxim Vylegzhanin, Alexander Legkow, Evgeniy Below und Julia Ivanova enden allesamt am 31. Oktober 2017. Was heißt: Nur, weil vielleicht eine Probe ausgetauscht wurde, ist noch lange nicht bewiesen, dass die darin enthaltene Doping-Probe auch positiv gewesen ist.

 

Markus Cramer, der deutsche Trainer des russischen Teams, hatte sich schon im Februar im ARD-Fernsehen heftig gegen einen Doping-Generalverdacht seiner Athleten gewehrt, um zugleich zu bedauern: "Die Sportler haben jetzt einen Stempel auf dem Kopf. Der Imageschaden ist riesig." Damit bezog sich Cramer vor allem auf Sergej Ustjugow, der mit zweimal Gold und dreimal Silber der erfolgreichste Langläufer der Nordischen Ski-WM 2017 im finnischen Lahti war. Cramer: "Es bleibt natürlich belastend, wenn das immer im Raum steht und man weiß, dass diese Sportler wirklich hart trainieren und viel dafür tun, diese Erfolge zu erreichen. Ich hoffe, dass wir mit sportlichen Leistungen zeigen, dass wir für einen sauberen Sport kämpfen."

 

Wer Cramers Crew, sechs Damen und sieben Herren, in den nächsten Wochen beim Training und den ersten internationalen Wettkämpfen im olympischen Winter beobachten will, kann das vor allem im nordschwedischen Gällivare tun, wo sie vom 5. November an in ihrem vierwöchigen Trainingscamp leben. Es lohnt sich, denn Cramer kündigt an: „Alexander Legkow macht mir schon beim Training in Südtirol einen sehr starken Eindruck - er ist fürs Team enorm wichtig, da er seine Erfahrung und seine Motivation den jüngeren Athleten umsichtig weitergibt.“

 

Und die Moral von dieser Geschicht‘?

 

Mundus vult decipi, ergo dicipiatur. Was in dieser Causa bisher ans Tageslicht kam, konnte in der Zunft der Skilangläufer niemanden überraschen. Denn alle haben gewusst, was lief und immer noch läuft. Dafür sind die internationalen Verbindungen viel zu eng - seit Jahrzehnten. Sportlich, wissenschaftlich, kommerziell. Und allem politisch. Der großen Heuchelei wird also auch künftig niemand Einhalt gebieten. Warum auch?

 

KBL

409 - (2017-10-17) Klaus Blume

Die seltsame Weltsicht des Alfons Hörmann

Die aufmüpfige Initiative „Athleten Deutschland e.V.“  

                                                passt nicht ins Konzept

 

Wladimir Iljitsch Uljanow, bekannter geworden unter seinem Kampfnamen Lenin, lästerte gern: Würden die Deutschen zu einer Revolution aufbrechen, müssten sie, brav und bieder, zuvor eine Bahnsteigkarte lösen. Stattdessen haben einige von ihnen, nämlich die olympischen Spitzensportler, einen Verein gegründet, die Initiative „Athleten Deutschland e.V.“ Er soll sie - auch außerhalb ihrer Verbände - künftig professionell vertreten. Eine Revolution, die - noch im Vorfeld - prompt zur Konfrontation mit dem Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) geführt hat.

 

Funktionäre versus Athleten

 

Ein externer Verein, schrieben DOSB-Präsident Alfons Hörmann und dessen Vorstandsvorsitzender Michael Vesper, den aufmüpfigen Athleten ins Stammbuch, könne niemals die Aufstellung von Nominierungskriterien übernehmen oder gar über Leistungssport-Reformen mitbestimmen. Und, und, und. Kurz und schlimm: Sportler sollen trainieren, Medaillen sammeln - und den Mund halten. Es sei denn, sie plappern, was ihnen ihr Verband und dessen Ausrüster vertraglich in den Mund gelegt haben.

 

Nun aber sagt der frühere Säbel-Weltmeister Max Hartung (28), als Vorsitzender der „Athleten Deutschland“ (in den Bilder oben): „Die rein ehrenamtliche Struktur der Athletenkommission genügt angesichts immer größer werdender Herausforderung nicht mehr, es gibt Bedarf für eine professionelle Athletenvertretung.“ Diese soll in Köln mit drei hauptamtlichen Mitarbeitern entstehen und mit 300 000 bis 400 000 Euro per annum vom Innenministerium bezahlt werden. Wenngleich das noch nicht sicher ist, eine solche Parallel-Gesellschaft, ähnlich einer Gewerkschaft, geführt von mündigen Athleten, scheint ganz und gar nicht ins Weltbild von DOSB-Präsident Alfons Hörmann (s.u.) zu passen.

 

Ein Weltbild, das er nur allzu vollmundig vertritt. Dabei hat der CSU-Mann aus dem Kreistag Ostallgäu, zuvor Präsident des konzernfreundlichen Deutschen Ski-Verbandes (DSV), in seiner rund vierjährigen DOSB-Amtszeit nicht allzu viele Erfolge aufzuweisen. Vor allem nicht bei der hiesigen Bevölkerung. Die Münchner lehnten Olympische Winter-, die Hamburger Olympische Sommerspiele ab. Hörmann argumentierte, mit Olympia habe das alles nichts zu tun, vielmehr habe die Flüchtlingswelle die Hamburger negativ beeinflusst. Das hat zwar in Hamburg bis heute niemand verstanden, aber sei‘s drum. Den Münchnern wiederum hatte Hörmann zuvor die umstrittenen russischen Winterspiele in Sotschi als leuchtendes Vorbild vorgegaukelt; Putins Gigantismus hätte schließlich „sportfachlich betrachtet, neue Maßstäbe gesetzt“, endlich sei dort „der Fokus in allererster Linie auf die Athleten gelegt worden.“ 

 

Gewiss, die olympische Politik ist wirklich schwer erklärbar, doch wie sieht es mit Hörmanns Manager-Fähigkeiten aus? Dass er als Ski-Boss zuvor mit den Nordischen Weltmeisterschaften in Oberstdorf (2005), mit den alpinen Welttitelkämpfen (2011) in Garmisch-Partenkirchen und mit dem World-Championat der Biathleten in Ruhpolding (2012) jeweils hohe Defizite erwirtschaftet hatte, sprach 2013 ebenso wenig gegen dessen Inthronisierung als oberster deutscher Sportpolitiker, wie seine Zurückhaltung in Dopingfragen. Auch nicht, dass er sich stets schützend vor nachweisliche Dopingbefürworter aus der früheren DDR gestellt hat. Oder, dass er bis heute zu jenen im DOSB zählt, die das jetzige Anti-Dopinggesetz wohl nur deshalb befürwortet haben, weil es Doping in einer überschaubaren Menge straffrei ermöglicht. Würde man nämlich das hiesige Dopinggesetz mit der Verordnung über Trunkenheit am Steuer vergleichen, dürften dort Proben eigentlich erst ab 2,5 Promille erlaubt sein.

 

Ab 1. Januar 2018 wird Hörmann in Baden-Baden die Position eines Vorstandsvorsitzenden der dortigen Schöck AG übernehmen, einem Bauzulieferanten. Eine Top-Position! Wir wissen nicht, was ihn dafür qualifiziert hat. Noch 2015 hatte Hörmann schließlich ein Bußgeld von insgesamt 225 000 Euro zahlen müssen, weil er seinem damaligen Arbeitgeber, den Dachziegelhersteller Creaton AG, bei illegalen Preisabsprachen begleitet hatte. Ob die Schöck AG mit ihm glücklich wird?

 

Wie auch immer, dem DOSB will Hörmann weiterhin zu seinem Glück verhelfen. In dessen Frankfurter Geschäftsräume soll dann vor allem Veronika Rücker - nach seiner Anweisung - das Zepter schwingen. Die bisherige Chefin der Führungsakademie des deutschen Sports ist zwar mit der Praxis der nationalen und internationalen Sportpolitik ebenso wenig vertraut wie ihr ehrenamtlicher Präsident, vielleicht gab es auch deshalb keine öffentliche Ausschreibung für ihre Position - aber alles passt in unsere chaotischen Zeiten. Die Initiative „Athleten Deutschland e.V.“ wird viel zu tun bekommen. 

 

KBL

408 - (2017-10-10) Klaus Blume

Turn-Weltmeisterin

Pauline Schäfer:

„Neues entdecken

ist wichtiger

als Medaillen“

 

Pauline Schäfer spricht gern von einer „Balken-Offensive“, wenn es - wie am Sonntag bei den Weltmeisterschaften in Montreal - ums Gewinnen geht. Ob das auch als Attacke gegen die eigene Angst gedacht sein könne? "Glaube ich nicht", kontert die 20-jährige Wahl-Chemnitzerin, "denn Angst hatte ich vor diesem Gerät noch nie." Sonst hätte sie jetzt auch nicht Gold am Schwebebalken gewonnen; als zweite Deutsche in der Turn-Geschichte, 36 Jahre nach der legendären Maxi Gnauck aus Berlin. Obendrein turnte Pauline in Montreal ebenso mutig wie perfekt ihren spektakulären Seitwärtssalto, ein Element, das seit Jahren ihren Namen trägt und längst im Code de Pointage steht, dem internationalen Wertungskatalog. Was im Turnen einem Ritterschlag gleichkommt.

 

Es heißt, sie hätte die Idee zu ihrem „Schäfer-Salto“ schon 2012 aus einem Trainingslager in Kanada mitgebracht. Nach Gesprächen mit der als besonders kreativ geltenden kanadischen Trainerin Carol-Angela Orchard. "Nein, nein! Ganz bestimmt nicht", wehrt sich Pauline Schäfer gegen dieses hartnäckige Gerücht und erklärt: "Wir haben es in Chemnitz gemeinsam entwickelt, zusammen mit anderen Turnerinnen. Mit praktischen Übungen und in ständigen Diskussionen, auch mit unserer Heimtrainerin Gabriele Frehse."

 

Ihretwegen ist die gebürtige Saarländerin einst nach Sachsen gegangen. Der ganz besonderen Schufterei wegen. Denn wer sich den Tagesablauf der neuen Schwebebalken-Weltmeisterin anschaut, erschrickt schon ein wenig: Denn ein solcher Tag dehnt sich von 7.30 Uhr bis 19 Uhr - inklusive Schule, Training, Massage, medizinischer Betreuung. Sicher, ohne Fleiß kein Preis; doch was in Chemnitz vor sich geht, ist schon sehr hart.

 

Aber auf diese Weise hat Pauline Schäfer auch schon viel erreicht: 2013 war sie, mit Sechszehn, bei den Europameisterschaften in Antwerpen, bereits beste Deutsche am Schwebebalken. 2015 in Glasgow, holte sie bei den Weltmeisterschaften dann Bronze - nun, in Montreal sogar Gold.

 

Doch wichtiger als Medaillen, sagt sie, sei das Entwickeln neuer Turn-Elemente und erklärt: „Es heißt ja nicht umsonst Kunstturnen. Also Fliegen, kreativ und künstlerisch sein und bleiben. Nachdenken, sich ständig neu versuchen. Also unentwegt Neues entdecken.“ Was das demnächst sein könnte, verrät sie nicht. Die Konkurrenz hört mit . . .

 

Wobei es sie natürlich reizt, dass das Turnen am Schwebebalken als besondere Herausforderung gilt. Die Technische Universität Kaiserslautern, zum Beispiel, hat in einer wissenschaftlichen Untersuchung nachgewiesen, dass die Angst bei Übungen auf dem fünf Meter langen und zehn Zentimeter schmalen Balken ungleich höher sei, als an allen anderen Geräten. Die „Komponente Besorgnis“, also die Angst runterzufallen, sei sogar extrem hoch - und bei den Frauen nicht einmal vergleichbar mit dem beim Publikum als besonders spektakulär geltenden Stufenbarren.

 

Pauline Schäfer schmunzelt, wenn sie das hört. Doch über ihren Begriff „Balken-Attacke“ will sie in diesem Zusammenhang nicht diskutieren.

KBL

407 - (2017-10-07) Klaus Blume

Ein Muskelgedächtnis von 1992

Oksana C. - eine Olympia-Siegerin

in der schwäbischen Provinz

 

Wer sie nicht kennt, wird sie mit ihren 1,53 Metern glattweg übersehen. Obwohl Oksana Chusovitina aus Taschkent eine der ganz Großen ist, in ihrer Welt, der Welt des Kunstturnens. Jetzt hat der Internationale Turnerbund (FIG) sie bei den Weltmeisterschaften in Montreal in seine Athleten-Kommission gewählt - und nie zuvor wurde danach jemand mit längerem Beifall bedacht, wie Oksana Chusovitina.

Geschehen vor drei Tagen, also 36 Stunden vor dem WM-Finale im Sprung, für das sich die 42-jährige Usbekin zum sechszehnten Male in ihrer atemberaubenden Karriere qualifiziert hatte.

 

Und das im biblischen Turn-Alter von 42 Jahren! Falls Ihnen das alles wie eine Fabel des hoch verehrten usbekisch-türkischen Eulenspiegels Nasreddin erscheinen sollte, reisen Sie doch mal ins Schwäbische. Dort turnt die Olympiasiegerin Oksana C. nämlich für den VfL Kirchheim/Teck in der zweiten Bundesliga. Dabei hatte sie nach den Olympischen Spielen 2016 in Rio de Janeiro eigentlich ihren Rücktritt verkündet. Aber sie scheint das Turnen einfach nicht loslassen zu können. Und weil die besseren deutschen Turn-Riegen bereits mit ausländischen Stars bestückt waren, meldete sich Oksana in Kircheim („Die Turnwelt ist klein, da kennt sich jeder“), wo sie nun mit einer Riege antritt, deren übrige Turnerinnen hauptsächlich zwischen elf und dreizehn Jahre alt sind. Doch was soll‘s! Mit Deutschland verbindet die gebürtige Usbekin nun einmal viel, sehr viel sogar - auch deshalb besitzt sie beide Pässe. Den usbekischen wie den deutschen. Und dabei soll es auch bleiben.

Die NEUE ZÜRCHER ZEITUNG aus der Schweiz sprach dieser Tage in Montreal mit Oksana und erzählte danach den wohl wichtigsten Teil ihrer Lebensgeschichte: „ Im Jahre 2002 erkrankte ihr Sohn Alisher, damals zwei, an Leukämie. In Usbekistan konnte ihm nicht geholfen werden, in Moskau verlangte man für eine Behandlung 30 000 Dollar Vorschuss, die sie nicht hatte. Schließlich half ein Turnfreund aus Köln, besorgte einen Platz in der Kinderkrebsklinik und bürgte für die Kosten. Fortan turnte die Mutter auch für den Sohn – um das Geld für seine Behandlung zu verdienen, die schließlich 120 000 Euro kostete. Nachdem 2002 ihr Sohn an Leukämie erkrankt war, zog sie zum Zweck einer Behandlung an der Klinik der Kölner Universität an den Rhein, wo sie wegen der besseren Trainingsbedingungen auch nach der Heilung ihres Sohnes wohnen blieb.

Sie erzählte: “Es war auch eine Art Therapie für mich. Wenn man immer nur an die Krankheit denkt, wird es schwer. In der Halle hatte ich einfach mal einen anderen Kopf.“ Nach sechs Jahren war Alishers Krebs endlich verschwunden.

 

Seit 2013 startet sie wieder für Usbekistan, wo man zu Ehren der zweimaligen Olympiasiegerin und elfmaligen Weltmeisterin längst eine Sonderbriefmarke herausgegeben hat. Und in Deutschland? Da erinnert man sich gern, wie sie bei den Olympischen Spielen 2008 in Peking am Sprung Silber für den Deutschen Turnerbund (DTB) geholt hat - trotz einer gerissenen Bizeps-Sehne.

 

Nun pendelt sie zwischen Deutschland und Usbekistan, wo ihr Mann, ein früherer Olympia-Ringer auf sie wartet - auch ihr inzwischen erwachsener Sohn und ihre Mutter. 

 

Und das Turnen? Als Coach und Beraterin steht ihr keine Geringere zur Verfügung, als die Olympiasiegerin von 1988, die frühere Weißrussin Svetlana Boginskaya. Die ein Jahr jüngere Turn-Legende lebt mit ihrem amerikanischen Ehemann im texanischen Houston, also Telefonieren und Skypen die beiden Freundinnen meist miteinander. Was die Boginskaya dabei der Chusovitina hauptsächlich mit auf dem Weg gibt? "Manchmal muss ich ihr sagen, du bist nicht mehr 14 oder 15 Jahre jung. Du solltest also nicht so viele Wiederholungen machen.“ Und erklärt uns: "Sie braucht diese vielen Wiederholungen gar nicht. Denn sie hat ein Muskelgedächtnis von 1992." Und mit diesem Gedächtnis könne sie wohl sogar mit fünfzig Jahren noch so turnen, wie heute die Zwanzigjährigen.

KBL

406 - (2017-09-26) Klaus Blume

Trumps neue Haltung oder:

„Unser Präsident

ist ein Arschloch“

 

 

Mit wem hat sich Donald Trump heute in der Wolle? Nein, nicht mit seiner Partei. Auch nicht mit den Nordkoreanern. Und erst recht nicht mit Angela Merkel. Jetzt hat er Zoff mit den Millionären aus dem Football- und Basketball-Business.

 

Aber warum denn?

 

Also: Colin Kaepernick (unten rechts), Quarterback der San Francisco 49ers, hatte als erster prominenter amerikanischer Sportler gegen Trumps rassistische Äußerungen protestiert: Er hatte sich am 14. August niedergekniet, statt - wie üblich - beim Abspielen der Nationalhymne ehrerbietig und ergriffen stehen zu bleiben.

 

Trump geriet in Wut, griff zum Telefon und twitterte, in seiner üblichen rustikalen Art: „Nehmt den Hurensohn vom Feld. Er ist gefeuert.“ Damit geriet er aber an die Falschen. Denn Kapernicks Kollege LeSeam McCoy von den hoch geachteten Buffalo Bills feuerte kurzerhand zurück: „Unser Präsident ist ein Arschloch.“ Millionen lasen diesen Satz mit - und zwar voller Begeisterung. Clevelands Basketball-Star LeBron James assistierte, und zwar wie der Präsident, per Twitter: „Er ist eben ein Penner.“

 

Typisch amerikanisch? Von wegen

 

Das Verhältnis zwischen Amerikas Sportstars und deren Präsidenten war ehedem stets von gegenseitiger Hochachtung geprägt. Sogar Trumps „Parteifreund“ George W. Bush, gegen dessen Irak-Politik in Washington selbst langgediente Beamte auf der Straße protestierten, ging niemals mit einem Sportstar in den Clinch. Im Gegenteil! Er verlieht 2003 den vor sieben Jahren verstorbenen John Wooden mit der Freiheitsmedaille sogar die wichtigste Auszeichnung der USA. Damals, so wurde im Weißen Haus kolportiert, habe die Verleihung der Presidential Medal of Freedom den Präsidenten mehr bewegt als den Ausgezeichneten selbst.

 

Denn John Wooden, der mit Abstand erfolgreichste Basketball-Coach der USA, hatte seinen Spielern unermüdlich versucht, Gleichmut, Unerschütterlichkeit und Seelenruhe anzutrainieren. Erfolg definierte er nämlich so: „Er ist der Seelenfrieden, der sich einstellt, wenn du alles gegeben hast, um der Beste zu sein, der du sein kannst.“ Wooden definierte also Erfolge nicht etwa als Siege, Titelgewinne, Medaillen oder gar als Millionengehälter - sondern als Haltung.

 

Womit Wooden, einer der Vordenker des amerikanischen Sports, im krassen Widerspruch zu Donald Trumps Lebensphilosophie - Gewinn, Geld und Gold - steht.

Ob man das im Weißen Haus überhaupt weiß?

KBL 

405 - (2017-09-24) Klaus Blume

Eliud Kipchoge verpasst den Weltrekord

Doch ist er auf dem Weg zum besten Läufer aller Zeiten

 

 

Verrückt nach Zahlen? Nach Zwischenzeiten, Bestzeiten, nach Rekorden? Der Sieg allein genüge nicht, hatte der kenianische Olympiasieger Eliud Kipchoge an der Startlinie zum 44. Berlin Marathon orakelt, um dann froh über seinen Sieg in fantastischen 2:03:34 Stunden zu sein. Schneller als Kipchoge im Regen von Berlin hat in diesem Jahr kein anderer Marathonläufer die 42,195 Kilometer durcheilt - aber den erhofften Weltrekord schaffte er auch in Berlin nicht. „Die Bedingungen waren nicht allzu gut, aber ich bin glücklich“, sagte Kipchoge im Ziel. Und freute sich, in einem unerhofften Duell um den Sieg den äthiopischen Debutanten Guye Adola bezwungen zu haben. Der Halbmarathon-Spezialist erreichte mit 2:03:47 Stunden das beste Ergebnis eines Marathon-Anfängers.

Doch wer ist der schnellste Marathonläufer aller Zeiten? Der Kenianer Dennis Kimetto, dessen 2:02:57 Stunden, gelaufen 2014 in Berlin, vom Internationalen Leichtathletik-Verband (IAAF) weiterhin als offizieller Weltrekord geführt werden oder doch dessen Landsmann Eliud Kipchoge? Er hatte am 4. Mai auf dem Formel-1-Kurs von Monza die klassischen 42,195 Kilometer bereits in 2:00:25 Stunden  geschafft, was jedoch nicht als Weltrekord anerkannt wurden. Denn Kipchoge wurde dabei von sich ständig abwechselnden Tempomachern ins Schlepptau genommen, was den Regeln widerspricht. Überdies errechneten die niederländischen Wissenschaftler Hans van Dijk und Ron van Megen, Kipchoges Monza-Resultat entspräche allenfalls 2:02:18 Stunden in einem regulären Marathonlauf.

 

Wer hat also nun wirklich den schnellsten Marathonlauf aller Zeiten geschafft?  Kimetto oder am Sonntag im Regen von Berlin Kipchoge? Zwei amerikanische Wissenschaftler, die ob ihrer waghalsigen These tunlichst ungenannt bleiben wollen, nennen den Kenianer Geoffrey Mutai als Schnellsten. Dessen 2:03:02 Stunden, gelaufen am 18. April 2011 in Boston, wären, genau berechnet, einem Weltrekordlauf von knapp zwei Stunden nicht fern gewesen. In Wirklichkeit aber wurde Mutais rasante Rekordjagd deshalb nicht anerkannt, weil der Bostoner Kurs ein regelwidriges Gefälle von 140 Metern aufweise; toleriert werden jedoch nur 42 Meter. Die nicht genannt werden wollenden amerikanischen Rechner halten dem entgegen, das talwärtige Laufen erschwere die Angelegenheit und müsse deshalb vielmehr als Handicap einberechnet werden. Ergo zu Gunsten von Mutai?

 

Wer also ist der schnellste Marathonläufer aller Zeiten? Es ist schwierig, darauf eine Antwort zu geben. Sind Zeiten im Marathonlauf überhaupt miteinander vergleichbar? Die Experten in aller Welt versuchen sich seit Jahrzehnten, vergeblich, an einer Rangliste der schnellsten Straßenkurse - doch wie man es auch dreht und wendet, es bleibt eine Mutmaßung. Allein in diesem Herbst stehen, von Warschau bis Singapur am 3. Dezember, noch 21 internationale Marathonläufe auf dem Programm.

 

Der Startort Berlin, wo vor Kipchoges Sturmlauf am Sonntag, bereits sechs Weltrekorde erzielt wurden, steht zweifellos an der Spitze. Darüber ist sich die Fachwelt einig. Doch danach? Zumeist wird der Frühjahrs-Marathon von London an zweiter Stelle genannt; hauptsächlich aber wegen Paula Radcliffs Fabel-Weltrekord  von 2:15:25 Stunden, erzielt vor nunmehr 14 Jahren! Gewiss, Kipchoges 2:03:15 von 2016 zeugen weiterhin von einem schnellen Pflaster, doch die dreimalige Weltmeisterin Tegla Lourupe warnt aus eigener Erfahrung vor den böigen Winden auf den letzten Londonern Kilometern. Sie hätten vor allem Athletinnen mit einem Körpergewicht von gerademal 38 Kilo schon fast von der Straße geweht.

 

Und wie schaut es mit Rotterdam aus? In den 1980er Jahren galt das Rennen in der niederländischen Hafen-Metropole, veranstaltet vom früheren Stunden-Weltrekordler Jos Hermens, als vorbildlich. Straßen waren begradigt und spitzwinkelige Kurven ausholend umgebaut worden - da stürmten der Portugiese Carlos Lopez und der Äthiopier Belaney Densimo einst zu Weltrekorden. Stets geführt von ausgezeichneten Pacemakern. Doch, was in Rotterdam geboten wird, wurde inzwischen fast überall eingeführt. 

 

Als Rekordpiste wurden bis vor zwei Jahren auch die Straßen von Chikago gerühmt, doch seit vor zwei Jahren in der windigen Stadt ohne Pacemaker gelaufen wird, hat dieser Marathon an Qualität eingebüßt. Dennoch will Galan Rupp, der amerikanische Olympiadritte von 2016 in Rio de Janeiro, im Oktober den Streckenrekord von Dennis Kimetto (2:03:45 Stunden) attackieren. Auch ohne im Windschatten eines Tempomachers laufen zu können. Apropos, Pacemaker: Was gern als Verbeugung vor dem Zeitgeist angeprangert wird, gehört seit nunmehr 53 Jahren zum großen Laufgeschäft. Kein Geringerer, als der Brite Sir Chris Chataway, einst Weltrekordler über 5000 Meter (13:51,6 Minuten) und später Minister für industrielle Entwicklung, führte 1954 seinen englischen Landsmann Roger Bannister in Oxford zum ersten Meilenlauf unter vier Minuten: zu historischen 3:59,4 Minuten.

 

Zurück zum Berlin Marathon 2017, zu Eliud Kipchoge. Womöglich reiht er sich schon jetzt, auch ohne Weltrekord, unter die besten Langstreckenläufer aller Zeiten ein. Man erinnere sich: Mit 19 Jahren gewann der Kenianer bereits den WM-Titel über 5000 Meter, im vorigen Jahr siegte er im olympischen Marathonlauf von Rio - eine Spannbreite, die ihresgleichen sucht. Wer sollte ihn überholen?

 

KBL

404 - (2017-09-07) Klaus Blume

Der Kampf um Fairness in der Leichtathletik 

Wann ist eine Frau eine Frau?

 

Nun laufen sie wieder. In der Schorfheide, im estnischen Tallinn, in Chikago, im englischen West York Shire - auf der ganzen Welt. Woche für Woche. Über zehn, zwanzig oder 42,195 Kilometer. Und überall gehe es dabei fair zu. Das will uns zumindest eine neue gemeinsame Studie des Internationalen Leichtathletik-Verbandes (IAAF) und der Welt-Anti-Doping-Agentur (WADA) weismachen. Darin steht, nur „über 400 und 800 Meter haben weibliche Athleten mit hohem Testosteronspiegel einen Wettbewerbsvorteil gegenüber anderen weiblichen Konkurrenten mit normalem Androgenspiegel.“ Das heißt: Langstrecken-Läuferinnen sind davon ausgenommen?

 

Das wären freilich Erkenntnisse, die gegen alle historischen Erfahrungen sprechen. Denn bereits in den 1960er Jahren haben DDR-Wissenschaftler im sächsischen Doping-Labor zu Kreischa den Testesteronspiegel aller Läuferinnen künstlich angehoben. Jenen der 100-Meter-Sprinterinnen wie den der Marathon-Spezialistinnen. Und immer mit bemerkenswertem Erfolg, erinnern sich noch heute die Kenner vom Fach. Sowohl im Wettkampf wie in Regenerationpause nach Verletzungen oder Krankheiten. Erkenntnisse, die die - in praxi - nicht nur in der DDR, sondern hinterm Eisernen Vorhang auch andernorts fleißig die Runde machten.

 

Und heute? „Ich denke, es ist mein Vorteil, wenn ich bei Olympia nicht über 800 Meter starte, weil es Caster Semenya (siehe oben), Francine Niyonsaba und Margaret Wambui tun,“ begründete Brenda Martinez, die amerikanische WM-Zweite von 2013, voriges Jahr in Rio ihren Startverzicht auf ihrer Paradestrecke.  Gegen diese drei Läuferinnen aus Südafrika, Burundi und Kenia hätte sie in der Tat keine Chance gehabt, so, wie der Rest der Welt. Was sich bei den Weltmeisterschaften im letzten August in London dann wiederholt hat. Noch nie zuvor seien sie so oft gegen so viele „Männer“ gelaufen, wie bei der WM 2017, klagten denn auch amerikanische Läuferinnen.

 

Was sie gemeint haben, zeigt das Beispiel der Südafrikanerin Caster Semenya. Noch in der Saison 2015 musste sie, einer IAAF-Regelung zufolge, ihren Testestoron-Spiegel den der anderen Frauen angleichen. So rangierte sie mit 1:59,59 Minuten lediglich an 29. Position der Weltbestenliste über 800 Meter - und damit sogar zwei Plätze hinter der Münchnerin Christina Hering (1:59,54 Minuten). Als der Internationale  Sportgerichtshof (CAS) am 24. Juli 2015 in einem 161-seitigen Bericht jedoch die sogenannte Hyperandrogenismus-Verordnung aufhob, gab es vor allem für Semeneya kein Halten mehr. Denn ohne fortan ihren Testestoron-Spiegel senken zu müssen, lief sie 2016 die 800-Meter-Distanz gleich sechsmal unter 1:57 Minuten; 2017 war sie mit 1:55;16 Minuten sogar schneller als ihre legendäre Trainerin Maria Mutola aus Angola (1994: 1:55,19 Minuten). Ein Sturm auf den Weltrekord schien nur noch eine Frage der Zeit.

 

Womit die Debatte um intersexuelle Frauen in der Leichtathletik aufs Neue entbrannt war. Dabei ist das alles nicht neu. Deshalb gibt es auch viele Erfahrenswerte; nur müssten sie herangezogen werden. Die Älteren unter uns erinnern sich, zum Beispiel, an die Debatte um die Nordkoreanerin Shin Kim-dan, die am 3. Juli 1938 geboren, in den frühen 1960er Jahren geradezu wahnwitzige Zeiten erzielt hat: 1962 sprintete sie als erste Frau der Welt die 400 Meter unter 52 Sekunden; am 21. Oktober 1964 gelangen ihr in Shanghai sogar ein inoffizieller Weltrekord mit 51,2 Sekunden! Bereits 1963 hatte sie als erste Frau die 800 Meter unter zwei Minuten (1:59,1 Minuten) durcheilt. 1964 drückte sie diesen Rekord sogar auf 1:58,0 Minuten und war damit schneller als Olympiasiegerin Hildegard Falck mit ihrem offiziellen Weltrekord von 1:58,45 Minuten 1971 in Stuttgart.

 

Doch die Rekorde der Nordkoreanerin wurden niemals anerkannt. Denn erstens gehörte Nordkorea nicht der IAAF an und zweitens blieb Shin Kim-dans Geschlechtsstatus stets umstritten. Sogar die nachweislich gedopten Russinnen weigerten sich standhaft, gegen sie anzutreten. Und Shin? Als 1966 Geschlechtskontrollen bei internationalen Wettkämpfen obligatorisch wurden, hatte sie sich längst zurückgezogen. Die Zeiten von Caster Semenya, Francine Niyonsaba und Margaret Wambui aber werden anerkannt. Doch wie lange noch?

 

IAAF und WADA wollen nämlich den CAS-Beschluss von 2015 mit einer neuen Studie kippen. Erarbeitet wurde sie von den monegassischen Wissenschaftlern Stéphane Bermon und Pierre-Yves Garnier. In diesem Bericht empfiehlt der Ausschuss, dass künftig keiner Athletin erlaubt werden darf, als Frau zu starten, wenn ihr Testosteron-Spiegel 10 nmols/Liter oder mehr übersteigt. Es sei denn, sie kann eine angeborene Testestoron-Unempfindlichkeit nachweisen, die ihre sportliche Leistungsfähigkeit nicht signifikant erhöht.

 

Das klingt alles sehr wissenschaftlich. Doch in praxi heißt es nur, wenn eine intersexuelle Frau künftig zusammen mit Frauen starten will, muss sie ihren Testestoron-Spiegel tatsächlichen Frauen auch angepasst haben. So, wie es bis 2015 der Fall war. Aber künftig in allen leichtathletischen Disziplinen. Also auch bei Sprüngen und Würfen. Womit die Chancengleichheit wieder hergestellt wäre.

KBL 

403 - (2017-09-04) Klaus Blume

Dopingmißbrauch

Professor Perikles Simon wirft hin

 

Perikles Simon will nicht mehr. Der international hoch geschätzte Doping-Experte von der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz wird sich AB SOFORT nicht mehr öffentlich zu den Themen Doping und Medikamentenmissbrauch äußern. Eine schlimme, eine niederschmetternde Nachricht. Denn Professor Simon ist Initiator und Mitautor der WADA-finanzierten Studie „Doping in Two Elite Athletics Competitions Assessed by Randomized-Reponse Surveys.“

 

Für diese Studie wurden bei den Leichtathletik-Weltmeisterschaften 2011 in Daegu (Südkorea) Aktive befragt, ob sie vor den Titelkämpfen bewusst gedopt hätten. Obgleich niemand namentlich genannt wurde, bejahten immerhin 30 Prozent diese Anfrage! Woraus sich schließen lässt, dass die Dunkelziffer der tatsächlich gedopten Leichtathleten weltweit weitaus höher anzusetzen ist. Eine Erkenntnis, worauf sowohl die Welt-Anti-Doping-Agentur (WADA) als auch der Internationale Leichtathletik-Verband (IAAF) jahrelang die Veröffentlichung der nun doch öffentlich bekannt gewordenen Studie hintertrieben haben. Als die Arbeit jedoch in diesem Jahr in einer renommierten britischen wissenschaftlichen Zeitschrift zu lesen war, gab es kein Halten mehr.

 

Perikles Simon, der auch uns über Jahre hinweg regelmäßig Rede und Antwort gestanden hat, schreibt zu diesem ungeheuerlichen Vorgang: „Die Welt-Anti-Doping-Agentur hat offensichtlich direkt im Nachgang der Erfahrung mit unseren Dopingquoten bereits 2012 eine interne Kommission damit beauftragt, die Gründe für die Ineffektivität des weltweiten Anti-Dopingkampfes zu benennen. Herausgekommen ist ein denkwürdiger Bericht, in dem die oberste Testinstanz den weltweiten Testagenturen und dem Kontrollsystem an sich ein mangelndes Interesse unterstellt, überhaupt Doper zu finden und Doping zu verhindern. Wenn die Öffentlichkeit will, dass auf dem Gebiet Doping geforscht wird, dann muss das anders organisiert werden – mit echter Unabhängigkeit.“

 

Wir haben seit Jahren die Rolle der WADA hinterfragt und auch infrage gestellt und immer wieder mit Belegen versucht, ein internes Zusammenwirken der WADA mit internationalen Sportverbänden nachzuweisen: Im Skilanglauf, im Biathlon, im Radsport, im Eisschnelllauf, in der Leichtathletik. Nicht selten schienen diese Hinweise erdrückend zu sein.

 

Doch wer nimmt so etwas schon wahr? Offenbar will man immer rasantere Fußballspiele sehen, ohne zu hinterfragen, warum so etwas vor allem in der Schlussphase funktioniert.  Offenbar wundert sich auch niemand darüber, wenn Weltrekorde nachweislich gedopter ehemaliger DDR-Athleten oder chinesischer oder russischer Sportler mit leichter Hand geradezu zerpflückt werden. 

 

Und niemand fragt nach, warum der Betrug zum Zwilingsbruder des großen, vor allem des olympischen Sports geworden ist? Weil es gar nicht um den sportlichen Wettkampf, sondern um politische und materielle Gewinne geht. Nicht erst seit gestern, sondern seit eh und je. Denn alle spielen mit, weil jeder Jeden in der Hand zu glauben scheint und hofft, mit diesem Pfund wuchern zu können. 

 

Und die Sportler? Sie sind die Bauernopfer, ob gewollt - wie Lance Armstrong - oder ungewollt, die auf diesem imaginären Schachbrett nach Belieben hin- und hergeschoben werden. 

 

Zum Schluss dieser Erkenntnis nun Perikles Simons offizielles Statement:


„Sehr geehrte Damen und Herren, 

öffentlich werde ich mich nicht mehr zu dem Thema Doping im Spitzensport äußern. Es kommen noch 1-2 kleinere Verpflichtungen, die ich selbstverständlich wahrnehmen werde, wenn es für die, die damit geplant hatten, erforderlich und auch hilfreich sein sollte. Medikamtentenmissbrauch in der Gesellschaft ist hingegen nach wie vor ein Thema, das es für mich auch wissenschaftlich zu bearbeiten gilt. Ich wünsche den vielen ernsthaften Anti-Doping-Aktivisten aber viel Erfolg und bleibe für die, die das interessiert im Hintergrund und alleine schon auf Grund der beruflichen Verpflichtung treu. Ansonsten bedanke ich mich für Ihr Verständnis! Perikles Simon“ 

Weil wir uns zum Kreis der ernsthaften Anti-Doping-Aktivisten rechnen, werden wir auch künftig nicht locker lassen, wenn es gilt, Ross und Reiter zu nennen.

KBL

402 - (2017-08-28) Klaus Blume

Carlo Thränhardt

Das exklusive Gefühl

des Fliegens und die

Endlichkeit der Existenz

 

Obwohl der schmerzende Rücken ihn niederdrückt, mag er nicht sitzen. Denn mehr noch plage ihn der lädierte Hintern. Und die linke Achillessehne. Resümee nach einem mißglückten Rekordsprung über gerade mal 1,81 Meter. Fazit des 60-jährigen Münchners Carlo Thränhardt, seit 1988 mit 2,42 Metern Europarekordhalter in der Halle. Dennoch werde er es 2018 im württembergischen Weindorf Eberstadt erneut angehen; dort, wo sich seit 39 Jahren die weltbesten Hochspringer treffen.

Schon vor 38 Jahren flog Thränhardt in Eberstadt über 2,30 Meter: ein blonder Beau, ein Bonvivant; charmant, lässig, redegewandt. Ein völlig anderer Typ Sportler. Vieles schien ihm geradezu zuzufliegen. Bis zum 30. März, als die Ärzte ein sieben Zentimeter langes Herz-Aneurysma bei ihm diagnostizierten: Lebensgefahr. Not-OP. Thränhardt, der Genuss- und Erfolgsmensch auf der Überholspur sah sich urplötzlich mit der Endlichkeit der Existenz konfrontiert. 

 

Dabei hatte er doch ganz andere Dinge im Kopf: Altius, citius, fortius. Wollte höher hinaus, als alle anderen 60-Jährigen. Wollte zumindest 1,81 Meter überspringen, wie 2012 der Russe Wladimir Kunsevich, der Iwan Uchows Höhenflüge steuerte. Der Olympiasieger von 2012 hatte obendrein 2014 Thränhardts Hallen-Europarekord von 1988 egalisiert. Auch das trieb ihn nach seiner Herz-OP wieder ins Trainingslager.

 

Außerdem finde sich in den Annalen der Altersspringer ein ganz prominenter Name: Thomas Zacharias. Der 70-Jährige, dessen Vater Helmut als Violonist weltweit 14 Millionen Schallplatten verkauft hat, hält mit 1,80 Metern den deutschen „Ü-60-Rekord.“ Bekannt geworden ist er aber vor allem durch Golfbücher. 

 

Und Thränhardt? Einmal noch wolle er über 1,80 Meter springen. Warum? Es sei eben ein ganz und gar exklusives Gefühl, sich beim Fliegen selber zu spüren.

KBL 

401 - (2017-08-20) Klaus Blume

 

Soccer first in Print, TV und online

Fußball ist zu ernst für eine Glosse

 

Weser-Kurier relauncht seine "Mein Werder"-App zum Fußballclub Werder Bremen als eigenes Ressort mit elfköpfigem Team. Die App soll nach der beginnenden Saison kostenpflichtig werden und beliefert den "Weser-Kurier" in Print und online mit Werder-Inhalten.

Fußball über alles, überall und seit Jahrzehnten

 

Ich habe 19 Jahre lang als Zeitungsredakteur dort gearbeitet, wo samstags eine Sonntagszeitung mit dem Schwerpunkt Fußball-Bundesliga produziert wurde: Bei der nicht mehr existenten Abendpost/Nachtausgabe in Frankfurt am Main und 15 Jahre lang (!) bei der Welt am Sonntag. Dort durfte ich den Zirkus um Fußball und Auflagen-Entwicklung ständig mitgetragen. Und nicht begriffen! Frankfurter Niederlagen, zum Beispiel, wurden vom Leser der Abendpost/Nachtausgabe mit NICHTKAUF des abendlich in den Kneipen feilgebotenen Blattes quittiert. Dennoch: Fußball über alles, hieß es deshalb schon in den frühen siebziger Jahren in der dortigen Chefredaktion. Selbst in den Sommerferien, wenn der Ball endlich nicht mehr rollte, hatte ich den Auftrag, täglich die Sportseite mit einem Artikel über Eintracht Frankfurt aufzumachen. Mit einem positiven Beitrag, versteht sich. 

Egal, was sich auch sonst noch in der Welt des Sportes ereignete

 

Innerhalb der Sportredaktion der WELT, zum Beispiel, bearbeiteten drei Redakteure täglich das Thema Fußball - auch im Sommer; während ich 16 (!) Sportarten zu betreuen hatte - vom Schach bis zum Skispringen. Von der Leichtathletik bis zur olympischen Sportpolitik. Und ob dieser - wie es die Kollegen sahen - unwichtigen Dinge nur belächelt wurde. Ich erinnere mich: Es stand mal wieder ein DFB-Pokalfinale im Berliner Olympiastadion auf dem Programm und gleichzeitig der sogenannte Olympische Tag im Ost-Berliner Jahn-Sportpark. Einige der Fußball-Kollegen übernachteten im selben Hotel wie ich, und fragten, ob ich zum Pokal-Finale mitkäme. Ich verneinte, und klärte sie auf: Heute geht es um die ganz große Leichtathletik . . . und erntete ein nicht enden wollendes höhnisches Gelächter.

Macht der sich etwa lustig?

 

Später habe ich elf Jahre lang für DeutschlandRadio Kultur in Berlin alle vierzehn Tage einen Bundesliga-Kommentar der ganz anderen Art geschrieben und gesprochen: eine Glosse, live nach dem letzten Schlusspfiff und vor den Nachrichten um 17.30 Uhr über den Sender gejagt. Das war eine Schweinearbeit, weil ich - entsprechend der aktuellen Lage auf den Liga-Plätzen - bis zur Aufnahme ständig meinen Text verändern musste. Aber es war eben auch eine ganz andere Art, sich dem Fußball vor einem großen Publikum nähern zu dürfen. Schade, dass irgendwann einmal ein Intendant meinte, man müsse den Fußball ernst nehmen, man könne ihn nicht glossieren. Damit war meine Rubrik gelöscht. Ersatzlos. Wie sagte doch Franz Beckenbauer: „In einem Jahr habe ich mal 15 Monate durchgespielt!“

KBL

400!! Gratulation! - (2017-08-18) Klaus Blume

„Nischensport“ Fußball

Die Fußball-Bundesliga - nichts weiter als aufgeblasener Zirkus?

Am Donnerstag jubelte der KICKER, das Zentralorgan aller deutschen Fußball-Pyromanen, künstlich-kindisch: „Nur noch einmal schlafen, dann startet die Bundesliga.“ Darüber kann lächeln, wer mag. Der KICKER kann nicht anders. Ganz andere Töne schlagen da die Marktschreier von ARD und ZDF, Sky und RTL, von Nitro, DAZN oder Eurosport an. Und wer nicht alles noch. Es soll sich schließlich lohnen. Auch für Sie, Herr und Frau Fußball-Fan. Wenn sie ordentlich berappen, können sie schließlich jeden Tag vierundzwanzig Stunden lang gucken, wohin irgendwo der Ball rollt. Simsalabim - und schon sind sie dabei!

 

Doch wer will das überhaupt?

 

Schließlich interessieren sich lediglich 42 Prozent aller Deutschen überhaupt nicht für Fußball. Er ist ihnen WURSCHT! Das erfragte jetzt die FORSA Gesellschaft für Sozialforschung in Berlin. Aber die Einschaltquoten am frühen Samstagabend - zwischen 18 und 20 Uhr - seien doch sehr hoch, werden Sie jetzt einwenden. Stimmt! Doch dafür gibt es auch eine simple Erklärung: Wenn in dieser Zeit in der ARD der Ball rollt, fesselt auch kein Konkurrenz-Programm irgendeinen Zuschauer. 

 

Aber die Millionen, ja sogar Milliarden, die dieser Tage im Fußball-Business ausgegeben werden, locken sie nicht die Fans in immer größeren Massen ins Stadion, in die Fernseh-Kneipen oder vor den heimischem Flimmerkasten?

 

Überall auf der Welt?

 

Immerhin hat die teuerste Liga der Welt, die englische Premiere League, gerade rund 1,2 Milliarden Euro für neue Spieler ausgegeben, und deren Darbietungen können auch wir hierzulande bewundern. Sogar live! Dennoch macht diese Art der Geldverbrennung vor allem den besonders erfahrenen Experten Bange. „Der Fussball gleicht der Immobilienblase. Es gibt zwei Gefahren, denen dieser wunderbare Sport ausgesetzt ist: das Übermass an Business und ein zu grosser Geltungsdrang. Wir erleben gerade, wie er Opfer von beidem gleichzeitig wird.“ Das sagte kein Geringerer, als Arrigo Sacchi (71); einst Trainer in Mailand und Sportdirektor in Madrid. 

 

Aber zurück zur Bundesliga, die ja, laut ARD und ZDF, gewissermaßen das Synonym für Sport aller Art geworden ist. Doch als das ZDF während der Leichtathletik-Weltmeisterschaften in London auf einmal mittenmang seine Live-Übertragung unterbrach, um urplötzlich irgend ein europäisches Fußball-Spiel - ohne jegliche deutsche Beteiligung - live zu zeigen, stagnierte die bis dahin erreichte Einschaltquote bei 3,5 Millionen. So viele hatten sich bis dahin die Leichtathletik angesehen, die ja angeblich niemanden interessiert. Als das Spiel endlich vorbei war, und es endlich zurück zur Leichtathletik ging, blieb die Quote weiterhin stabil: bei 3,5 Millionen.

Also alles nur fauler Zauber, der groß ausgeblasene Zirkus um die großen Ball-Zauberer?

 

Laut FORSA sind lediglich 14 Prozent aller Deutschen wirklich am Fußball interessiert; nur zehn (in Zahlen: 10) Prozent begeistern sich ganz stark dafür. Warum dann dieser Aufwand für nur zehn Prozent unserer Landsleute? Und andernorts? Als jetzt Paris Saint Germain mit seinem 222 Millionen Euro teuren brasilianischen Super-Star Neymar in der 7300 Einwohner zählenden bretonischen Gemeinde Guincamp spielte, erlebten zwar 18 378 Fans den 3:0-Erfolg der Gäste, doch die meisten von ihnen waren dafür extra aus Paris angereist. Die meisten Bretonen interessierte es nicht die Bohne.

 

Womit zutrifft, was der deutsche Fußball-Experte Philipp Köster jetzt in der Neuen Zürcher Zeitung schrieb: „Diese hektische, bunte, aufgeblasene Medienwelt gibt es, seit der Fussball Anfang der neunziger Jahre entdeckte, dass er mit sich selber viel Geld verdienen kann. Seither verstehen sich die grossen Klubs als global agierende Unternehmen auf der Suche nach immer neuen Märkten. Afrika, Nordamerika, Südostasien, natürlich China und Indien, überall sollen sie Arsenal-Trikots kaufen, den FC Barcelona im Pay-TV schauen und sich die englischsprachige App des FC Bayern aufs Handy laden.“

 

FORSA brachte Kösters Erkenntnisse in der Woche vor dem Bundesliga-Start in nüchternen Statistiken auf diese Punkte: Bei den 14- bis 29-jährigen Deutschen ist der Fußball am wenigsten präsent, denn dort interessieren sich allenfalls 17 Prozent für diesen Sport. Bei den kaufkräftigen 30- bis 44-jährigen gaben 78 Prozent (!) an, nur wenig oder gar kein Interesse am Fußball zu hegen. Seine größte Fan-Schar findet die Bundesliga ausgerechnet bei den über 60-Jährigen, also bei denen mit der geringsten Kaufkraft und auch Kauflust.

 

Und dafür dieser irrsinnige mediale Aufwand?

 

Denn längst sind ja viel zu viele Fußball-Reporter klammheimlich zu inoffiziellen Mitarbeitern großer Vereine geworden, die deren Werbebotschaften über ihre Kanäle und Blätter verbreiten. Und deren Redakteure dabei alle Augen kräftig zudrücken. Da werden dann ganz banale Geschichten zu Sensationen hoch gejazzt, während wirkliche Nachrichten, zum Beispiel über Korruption, Steuerskandale oder Homophobie, als viel zu kompliziert und sperrig im Papierkorb landen. Wer will das denn auch so genau wissen? Philipp Köster, Chefredakteur des jedem ans Herz gelegten Fußball-Magazins „Elf Freunde“, schrieb mal, wer sich anders verhalte, würde in der Branche gemieden. Auch von den eigenen Kollegen. 

 

Wer sich hingegen für den Ruf des Fußballs einsetzt, gilt als Held - wie der bisherige ARD-Experte Mehmed Scholl. Als Scholl über einen Doping-Bericht im Fußball moserte, kam es zum Bruch. Scholl verließ die ARD, stolz erhobenen Hauptes. Und von den „Kollegen“ gefeiert.

 

KBL 

399 - (2017-08-13) Klaus Blume

Leichtathletik-WM - eine Bilanz

„Ich kann nicht einordnen, was ich mit eigenen Augen gesehen habe.“

 

Was bleibt von den 16. Leichtathletik-Weltmeisterschaften?

 

Woran werden wir uns erinnern? An Usain Bolts ruhmlosen Abschied als Geschlagener und Gefallener? Oder lieber in die Zukunft blicken? Doch auch dabei wird so manchem bange. Die Chinesen würden doch künftig alles überrollen, hieß es in London immer wieder. Und so mancher glaubte sich noch am letzten Tag bestätigt, als die chinesische Geherin Hang Yin nach 50 Kilometern die Silbermedaille vor ihrer Landsfrau Shuging Yang gewann. Obendrein vor dem altehrwürdigen Buckingham Palace!

Ein toller Erfolg, aber nun machen Sie - bitte! - nicht die Pferde verrückt

 

Lassen Sie uns stattdessen sachlich betrachten, was geschehen ist. Es gab in London Gold für die seit vielen Jahren in der Weltspitze vertretenen erfahrenen Kugelstoßerin Gong Lijiao und Silber für die Hammerwerferin Zheng Wang. Beide Athletinnen werden von deutschen Erfolgstrainern gecoacht: vom Neubrandenburger Dieter Kollark und vom Frankfurter Michael Deyle. In beiden Fällen helfen dabei ehemalige deutsche Ex-Weltmeisterinnen ihren früheren Trainern: Im Kugelstoßen Astrid Kumbernuß, im Hammerwerfen Betty Heidler. Warum der nicht sonderlich erfolgreiche Deutsche Leichtathletik-Verband (DLV) sich dieser Fachleute nicht mehr bedient? Da gilt es, ein weites Feld zu beackern. 

 

Doch zurück zur „gelben Gefahr“

 

So verunglimpfen einige Unverbesserliche das Vorrücken der chinesischen Leichtathleten. Bei aller Angstmacherei, es ist halb so schlimm! Natürlich bedient man sich in Peking gern der Erfahrung ausländischer Trainer. Dass, zum Beispiel, Chinas Sprinter in London Platz vier in der 4 x 100-Meter-Staffel belegt haben, hat durchaus etwas mit ausländischer Entwicklungshilfe zu tun; und zwar mit der des Amerikaners Randall Huntington, dessen Meisterschüler Mike Powell mit 8,95 Meter noch immer den Weltrekord im Weitsprung hält. Der Mann ist aber nicht nur auf Leichtathletik fixiert, er trainierte auch schon weltberühmte Eishockey-Cracks und Tennis-Stars der Extraklasse - aber eben auch Su Bingtian, Chinas ersten Weltklasse-Sprinter. Am Samstagabend in London raste dieser Su Bingtian, einem Irrwisch gleich, durch die Zielkurve.

 

So richtig in Fahrt kam aber die chinesische Leichtathletik eigentlich erst, als deren Verband im Jahre 2012 seine Zusammenarbeit mit der niederländischen Global Sports Communication beschloss. Deren Begründer, der frühere Stunden-Weltrekordhalter Jos Hermens, stellte dabei bald fest, dass es den Chinesen vor allem um zwei Dinge geht: Um Kontakte zu ausländischen Trainern und Sportwissenschaftlern und um die Konzentration auf Disziplinen, die daheim auch tatsächlich faszinieren. Es geht dabei vor allem um jene Disziplinen, deren technische Abläufe besonders knifflig sind. Auch deshalb stehe der Stabhochspringer Changrui Xue, WM-Sechster in London, daheim besonders hoch im Kurs.

 

Das Interesse am Mittel- und Langstreckenlauf hält sich hingegen in engen Grenzen

 

Das bemerkte schon vor Jahren der italienische Lauf-Papst Renato Canovo. Alle seine Versuche, auch die seines umtriebigen Chefs Gabriele Rosa, die führende chinesische Sportartikel-Firma Li Ning, für ein gemeinsames Laufprojekt zu gewinnen, schlugen fehl. Um so interessanter: Hermens gelang es, das von dem dreimaligen Turn-Olympiasieger Li Ning (1984 in Los Angeles) 1989 gegründete Unternehmen als einen der Sponsoren für die Marathonläufe in Hamburg und Zürich zu gewinnen. Ein Unternehmen, das übrigens von den Cayman Islands aus seine Millionen-Geschäfte betreibt.

Doch zurück zur Leichtathletik

 

Es erstaunt auch Hermens, dass die Chinesen zwar keine besondere Vorliebe für Marathonläufe hegen, aber bei stundenlangen Geher-Wettbewerben geradezu ausflippen können. Noch heute würden im Reich der Mitte die beiden Damen Liu Hong und Yan Wang verehrt, wie in Europa allenfalls Fußball-Stars der Extraklasse. Liu Hong hatte von Yan Wang bei den 7. Weltmeisterschaften 1999 in Sevilla das Gehen über 20 Kilometer gewonnen. Sie war damit die erste Leichtathletik-Weltmeisterin Chinas.

 

Doch wenn wir schon bei Jos Hermens sind: Dessen äthiopische Klientin Almaz Ayana vollbrachte bei diesen 16. Weltmeisterschaften über 10 000 Meter das Kunststück, mit 360 Metern Vorsprung Gold zu gewinnen; und dabei auch noch die letzten fünf Kilometer in der zweitbesten Zeit auf dieser Strecke zu durchlaufen - ohne Pacemaker und innerhalb eines Rennens über die doppelte Distanz. Das machte nicht nur uns sprachlos, sondern auch jene Experten, die wir befragten. Die Engländerin Paula Radcliff, Weltrekordlerin im Marathonlauf: „Ich bin mir nicht sicher, wie ich das verstehen soll.“ Ihr Landsmann Brendan Foster, 1974 Europameister über 5000 Meter: „Ich kann beim besten Willen nicht einordnen, was ich mit eigenen Augen gesehen habe.“ 

Wobei wir es belassen sollten.

KBL

398 - (2017-08-10) Klaus Blume

Eine Marke wankt

Gibt‘s in London den letzten Zehnkampf der WM-Geschichte?

 

 

Feiern wir am Sonnabend den letzten Zehnkampf-Weltmeister der Leichtathletik-Geschichte? Vielleicht ist es dann sogar Rico Freimuth aus der traditionellen Mehrkampf-Hochburg Halle? Der WM-Dritte von 2015 in Peking und Weltjahres-Beste 2017, gehört zweifellos zu den Top-Favoriten - obendrein ist er noch erblich vorbelastet: Freimuths Vater Uwe hatte bei den ersten Weltmeisterschaften -1983 in Helsinki - Platz vier erreicht. Gold gewann damals der Engländer Dailey Thompson, inzwischen schon fast zur historischen Figur der Sportgeschichte geworden.

Doch wer sich in London zum „König der Athleten“ krönt, wird - ganz im Gegenteil zu Dailey Thompson - ein König ohne Volk sein. Denn die Leichtathletik, die Königin Olympias, tut sich seit Jahren schwer, die breite Öffentlichkeit für sich zu gewinnen - und ganz besonders die einst geradezu wie Helden verehrten Zehnkämpfer und längst auch schon die Siebenkämpferinnen. Ein Wettkampf über zwei Tage - das scheint nur noch etwas für eine immer kleiner werdende Schar tapferer Enthusiasten zu sein. Also für jene Kenner, die selbst noch dann Spannung wittern, wenn sich das Gros der Betrachter längst langweilt.

Deshalb sagt Paul Meier, 1993 WM-Dritter und Präsident des seit 1993 bestehenden gemeinnützigen Zehnkampf-TEAMS: „Ein König der Athleten sollte weitsichtig sein und diese Zeichen der Zeit erkennen.“ Meier zielt dabei auf Ideen, die bereits seit zwei Jahren im Internationalen Leichtathletik-Verband (IAAF) zur Debatte stehen: Man möchte im Zehnkampf der Männer die vom Bewegungsablauf her komplizierten Disziplinen, also  Stabhochsprung und Diskuswurf, rigoros streichen. So erreiche man anstelle des 105-jährigen Zehn- einen kürzeren Achtkampf - einen Oktatlon. Dass sich Meier mit der IAAF und obendrein auch mit dem europäischen Verband unter der Hand über diese Änderungen einig geworden sei, ohne darüber mit den derzeitigen Aktiven zu debattieren, wird in der Zunft der Zehnkämpfer zwar emsig kolportiert, entbehrt aber schlicht der Wahrheit.

Doch wie auch immer, Meiers dargelegte Gedanken haben vor allem unter Deutschlands besten Zehnkämpfern und deren profilierten Trainern zu wütenden Reaktionen geführt: Am 4. Juli - also mit Beginn der WM in London - traten Rico Freimuth und Kai Kazmirek, 2017 Sieger des weltberühmten Zehnkampfes von Götzis in Österreich, ebenso aus dem renommierten  Zehnkampf-Team aus, wie die Bundestrainer Rainer Pottel (Zehnkampf) und Wolfgang Kühne (Siebenkampf). „Für uns ist der Zehnkampf eine Ideologie. Er ist seit seiner Olympischen Einführung vor 105 Jahren zu einer Marke in Deutschland und aller Welt geworden“, argumentierten sie in einem offenen Brief. Jürgen Hingsen, als ehedem dreimaliger Weltrekordler, noch immer einer der bekanntesten deutschen Sportler überhaupt, wetterte gegenüber dem Sport-Informationsdienst (SID) über Meiers Gedanken: "Das ist Schwachsinn, den Vorschlag finde ich voll daneben. Der Zehnkampf ist die Königsdisziplin der Leichtathletik, die sollte man nicht beschneiden. Der König der Athleten sollte auch ein König bleiben."

 

Typisch Hingsen! Laut, deutlich - und mal wieder alles außer acht gelassen, was dem Zehnkampf seit Jahren zusetzt: Nämlich die Tatsache, dass die Starterfelder allerorts kleiner werden, dass sich zunehmend weniger Athleten für den Zehnkampf entscheiden und die Mehrkämpfe - also auch der Siebenkampf der Frauen - gerade bei Großereignissen, wie der aktuellen WM in London, zunehmend zu Randerscheinungen schrumpfen. Was die Londoner Starterliste mit Athleten aus 22 Nationen auch deutlich beweist, denn in der IAAF sind weltweit 214 (!) Nationen vertreten. Warum interessiert der Zehnkampf in 192 Mitgliedsländern nicht?

Paul Meier glaubt zu wissen, für viele Länder, Vereine, Trainer und auch Talente wäre es eine deutliche Erleichterung, wenn Stabhochsprung und Diskuswurf wegfallen könnten, um den dafür notwendigen hohen Aufwand an Trainingsmethodik und Infrastruktur, um den Geräte- und Zeitaufwand entscheidend zurückzuschrauben. Überdies könne ein Achtkampf auch in ein internationales Meeting eingebaut werden; Überlegungen, die bei den Organisatoren der Diamond-League-Serie schon beredet werden.

 

Doch der Begriff „Zehnkampf“ präge nicht nur eine leichtathletische Disziplin, er sei auch eine „Marke“, heißt es allenthalben. Und dabei wird gern auf jene verwiesen, die diese Marke geprägt haben: Auf den Amerikaner Bob Matthias, der 1952 in Helsinki mit nur siebzehn Jahren Olympiasieger wurde; auf den Halbindianer Jim Thorpe, der 1912 Gold im damals noch ausgetragenem Fünf- aber gleichzeitig auch im neuen Zehnkampf gewann; an den Schweriner Torsten Voss, seit 1987 der bisher einstige deutsche Weltmeister im Zehnkampf geblieben ist; an „Kuddel“ Kurt Bendlin, der 1968 nach seinem Weltrekord 24 Stunden wie vom Erdboden verschluckt blieb, bis ihn ein besonders hartnäckiger Rechercheur ausfindig machte - und, und, und. Man könnte Buch um Buch mit ähnlichen Geschichten füllen.

 

Trotzdem, ob es nun zehn oder nur acht Disziplinen braucht, um auch künftig den vielseitigsten Athleten der Welt zu ermitteln - es wird seinen Ruf als „König der Athleten“ nicht mindern. Und das scheint derzeit das Wichtigste zu sein.

KBL 

397 - (2017-08-07) Klaus Blume

Botswana: Ostafrikas Talent- oder Doping-Kreuz?

„Wir werden die USA mit unserer 4x 400-Meter-                                                             Staffel schlagen“

 

Wer öfters mit ostafrikanischen Läufern zu tun hat, lernt bald, was sich hinter deren üblicher Großsprecherei verbirgt. Jetzt hat Isaac Makwala aus Botswana in London angekündigt: „Wir wollen die 400-Meter-Strecke nach Afrika bringen und zu einem afrikanischen Rennen machen. Es war bisher ein amerikanisches Rennen, doch jetzt wird alles anders. Wir werden die USA auch am letzten WM-Tag mit unserer 4x 400-Meter-Staffel schlagen.“

Wie bitte? Seit es Leichtathletik-Weltmeisterschaften gibt, also seit 1983, gab es über 400 Meter zehn amerikanische Weltmeister; mit ihren 400-Meter-Staffeln siegten die USA neunmal. Eine Überlegenheit, die es in keiner anderen Disziplin gegeben hat. Und nun kündigt ein Mann aus Botswana deren Ende an. Und kann es auch noch begründen.

 

Also: Isaac Makwala, 30, 32 oder 33 Jahre alt - wer weiß das schon? - verblüffte die Leichtathletik-Welt am 14. Juli in Madrid mit einem „Weltrekord“ der besonderen Art: Er sprintete innerhalb von 75 Minuten die 200 Meter in 19,77 und die 400 Meter, jenes männermordende Monster, in 43,92 Sekunden. „Historisch“ nannte Spaniens Weltblatt „El Pais“ diese Sturmläufe. Zumal Makwala anschließend verkündete: „Ich bin zufrieden, denn jetzt weiß ich, dass ich noch schneller laufen kann. Mein Ziel bei den Weltmeisterschaften in London heißt Gold!“ Ob das nicht alles zu hoch gegriffen sei, wurde er gefragt. Makwala lächelte nachsichtig und verwies auf eine ähnliche Vorstellung 2014 im schweizerischen Uhren-Städtchen La Chaux-de-Fonds. Dort habe er an einem Tag 19,96 und 44,01 Sekunden erreicht. Und auch damals keine Müdigkeit verspürt.

 

Dienstagabend soll nun sein erster WM-Sturmlauf erfolgen, über 400 Meter - im Duell mit dem südafrikanischen Weltrekordler Wayde van Niekerk (43,03 Sekunden), den er „meinen Bruder“ nennt, und deshalb den Sieg nicht neiden würde. „Wirklich nicht.“ Auch seinem Landsmann Baboloki Thebe traue er den WM-Titel zu, immerhin sei dieser der zweitschnellste 20-jährige 400-Meter-Läufer der Sportgeschichte. In einer Hochglanzbroschüre, ausgelegt in den Botschaften dieses afrikanischen Landes, findet sich der Satz: „Sie machen uns stolz, Botswana zu sein.“

 

Mit zehn Athletinnen und Athleten ist das Team Botswanas nach London gekommen - ausschließlich aus 400-Meter-Spezialisten bestehend; bis auf den Staffelläufer Nijel Amos, der als das vielleicht größte Talent auf der 800-Meter-Distanz gerühmt wird. Frankreichs berühmtes Sportblatt „L‘Equipe“ fragte deshalb verwundert: „Ist Botswana das neue Talent-Drehkreuz der Leichtathletik?“

 

Zumal ständig unbekannte Nachwuchsläufer auftauchen. Was aber auch notwendig sei, erklärt Makwala, weil nicht jedes Talent bei der Stange bleibe. Der 19-jährige Karabo Sibanda, zum Beispiel, im vorigen Jahr schon Olympia-Fünfter, überlegt ernsthaft, ob er sich nicht doch lieber dem Schachspiel zuwenden sollte; immerhin führt ihn der Welt-Schachverband (FIDE) als besten Junior seines Landes. Und das, obwohl er kaum Zeit zum Üben findet.

 

Übrigens: Wenn Sie am Dienstagabend die Leichtathletik-WM im Fernseher einschalten sollten, lassen Sie sich neben dem 400- auf keinen Fall den 800-Meter-Lauf entgehen. Den Nijel Amos, in Rio schon Olympia-Fünfter mit der 400-Meter-Staffel, ist ein geradezu begnadetes Talent. Der junge Mann ist erst 22 Jahre alt, doch er scheint mit seinen Konkurrenten zu spielen wie ein ausgebuffter Routinier. Vom 1. bis 16. Juli stellte er sich auf den Diamant-League-Meetings in Paris, Rabat und London vor - jeweils mit eindrucksvollen Siegen. Mit einer Bestzeit von 1:41,17 Minuten nimmt er übrigens neben IAAF-Präsident Sebastian Coe Platz drei in der ewigen Weltrangliste ein. Coe, seiner Zeit weit voraus,  schaffte das schon 1981.

 

Das Super-Talent Nijel Amos aber wird von vielen mit Argusaugen beobachtet, auch von Coe. Denn er gehört zum Rennstall des umstrittenen Italieners Federico Rosa, der sich wegen der Doping-Betrügereien seiner kenianischen Klientin Rita Jeptoo beinahe eine längere Gefängnisstrafe eingehandelt hätte. Und: Zu Rosas Laufstall gehört auch Botswanas erste Leichtathletik-Weltmeisterin, Amantie Montsho. Sie hatte 2011 den Titel über 400 Meter gewonnen; 2014, bei den Commonwealth-Spielen in Glasgow, fanden die Doping-Experten in ihrem Blut dann das verbotene Medikament Methylhexanamin - und sperrten sie für zwei Jahre. 

Ist Botswana tatsächlich nur das neue Talent-Drehkreuz der internationalen Leichtathletik?

 

KBL

396 - (2017-08-06) Klaus Blume

Almaz Ayanas Wunderlauf

Sehr weit weg von dem,

was ehrlich ist?

 

Alle Welt hatte nur Augen für Usain Bolt, da konnte die Äthiopierin Almaz Ayana, fast unbemerkt, für eine Sensation - oder für ein Wunder? - sorgen: Sie gewann den 10 000-Meter-Lauf nach 16 Runden (!) Sololauf mit 46 Sekunden Vorsprung vor ihrer Landsfrau Tirunesh Dibaba, der erfolgreichsten Langstreckenläuferin aller Zeiten. Hätte die 25-Jährige die ersten neun Runden nicht verbummelt, hätte sie ihren eigenen Weltrekord (29:17,45 Minuten) mühelos verbessern können.

Aber das lässt sich ja nachholen.

 

 

Die New Yorkerin Molly Huddle (32), seit vielen Jahren eine der schnellsten Langstrecklerinnen der Welt, wurde in London Achte und dabei von Ayana sogar überrundet. Im Ziel klagte sie, sie sei sich vorgekommen wie eine Anfängerin. Dann kritisierte sie: „Es fehlt in Äthiopien jegliche Doping-Testinfrastruktur“, und echauffierte sich: „Es scheint mir, als seien sie dort sehr weit weg von dem, was ehrlich ist.“

 

Im Falle der Olympiasiegerin und Weltmeisterin Almaz Ayana führt dieser Gedanke direkt zu ihrem Trainer Jama Aden, der am 20. Juni 2016 in der Nähe Barcelonas, im abgelegenen Drei-Sterne-Hotel Sabadell, ebenso von der spanischen Polizei festgenommen wurde, wie 22 seiner Athleten. Neben dem Blutdopingmittel EPO, das die Beamten im Zimmer von Adens marokkanischen Physiotherapeuten fanden, wurden weitere Medikamente beschlagnahmt. Darunter auch anabole Steroide. Im Hotel befand sich unter den Athleten übrigens auch die äthiopische 1500-Meter-Weltmeisterin Genzebe Dibaba. Sie gehört ebenso wie Almaz Ayana zum Laufstall des niederländischen Managers Jos Hermens. 

Von Doping in Äthiopien hat Hermens, der einst auch die des Dopings überführten deutschen Sprinterinnen Katrin Krabbe und Grit Breuer betreut hat, angeblich nie etwas gehört. Dabei braucht man dort nicht einmal ein Rezept, um sich Verbotenes zu besorgen; zum Beispiel das Blutdopingmittel EPO. Reporter der renommierten britischen Tageszeitung „The Guardian“ wünschten, zum Beispiel, in der Gishen-Apotheke in Addis Abeba, gleich gegenüber dem National-Stadion, ein Medikament gegen Blutarmut - und prompt bekamen sie EPO angeboten. Ohne das nach einem Rezept gefragt wurde. Sie zahlten ungefähr dreißig Euro für drei Ampullen; Kollegen wiederholten den Einkauf mehrmals innerhalb von 26 Minuten - und immer erfolgreich.

 

Geht so etwas nur in Äthiopien? Der amerikanische Doping-Jäger

Travis Tygart, er überführte den US-Rad-Profi Lance Armstrong, sagte vor fünf Tagen, der Internationale Leichtathletik-Verband IAAF) benehme sich in der Dopingfrage doch „wie der Fuchs im Hühnerstall.“ Eine These, die offenbar auch auf Dibabas und Ayanas Coach Jama Aden zutrifft, der längst auf Kaution freigekommen ist, und gegen den die spanischen Justizbehörden nun wegen einer angeblich fehlerhaften Krankenversicherung ermitteln. In Sachen Doping, so heißt es bei der IAAF, könne sie in der Causa Aden wirklich nichts unternehmen.

Rein gar nichts.

Zumal auch die Welt-Anti-Doping-Agentur (WADA) scheinbar nicht allzu viel tut. Obwohl man dort weiß, dass es in ganz Afrika nicht ein einziges Anti-Doping-Labor gibt, hatte sie im vor-olympischen Jahr 2015 in Äthiopien nicht eine einzige Trainingskontrolle durchgeführt. Man habe, so erfuhren wir, Äthiopien einfach vergessen. Aber keineswegs absichtlich. Im Jahr drauf brach Almaz Ayana dann den 23 Jahre alten 10 000-Meter-Weltrekord der Chinesin Junxia Wang. Die angeblich einst mit besonderem Schildkrötenblut aufgepäppelte Chinesin hatte diese Distanz am 8. September 1993 in 29:31.78 Minuten zurück gelegt, Anyana schaffte sie 2016 in Rio in unglaublichen 29:17.45 Minuten.

 

Manager Hermens jubelte damals: „Sie ist beeindruckender als Haile Gebreselassie und Kenenisa Bekele.“ Auch diese beiden äthiopischen Olympiasieger, noch gelten sie als die größten Läufer der Geschichte, stehen längst unter Dopingverdacht.

 

KBL

395 - (2017-08-04) Klaus Blume

Amerikas neuer

Star Evan Jager:

„Wahrscheinliches Doping; weitere Daten nicht erforderlich.“

Ob Carl Lewis, Maurice Green oder Justin Gatlin - jahrzehntelang führte ein Sprinter das US-Team in eine Leichtathletik-Weltmeisterschaft. Es waren Männer, populär wie Hollywood-Stars. Bei den 16. Welttitelkämpfen (4. bis 13. August) in London ist alles anders, dort steht auf einmal ein Hindernisläufer an der Spitze der amerikanischen Crew. 

 

Sie haben richtig gelesen, ein Hindernisläufer. Kein Hürdensprinter, wie es sie in den USA wie Sand am Meer gibt. Vielmehr ein Athlet, der auf der 3000 Meter langen Distanz über feste Hindernisse und obendrein Runde um Runde über einen Wassergraben hechtet. Dabei ist dieser Evan Jager aus Algonquinn in Illinois kein Kenianer, wie der eingebürgerte Bernard Lagat, der 2007 für die USA WM-Gold über 5000 Meter gewann; Jager ist gebürtiger Amerikaner, mit schulterlangem blonden Haar, das er beim Laufen mit einem breiten Stirnband bändigt. Lässig. Selbstbewusst. Erfolgreich. Ein Mädchen-Schwarm.

Achtundzwanzig ist er jetzt, also im besten Läufer-Alter - und seit dem 20. Juli steht er, und nicht wie sonst, irgendein Afrikaner, an der Spitze der Weltjahres-Bestenliste über 3000 Meter Hindernis. Denn am 20. Juli, beim Diamond-League-Rennen in Monaco, siegte er in atemberaubenden 8:01.29 Minuten, und zwar vor dem hoch-renommierten Kenianer Jairus Birech; ein Mann, der die klassische olympische Distanz schon zweimal unter acht Minuten zurückgelegt hatte. Der Schock saß danach tief in Kenia. Elf Olympiasieger und elf Weltmeister aus diesem Land hatten jahrzehntelang die sogenannte „kenianische Strecke“ dominiert - nun wurde bei einem Diamond-League-Rennen, also vor aller Welt, erstmals einer ihrer Allerbesten besiegt. Götterdämmerung?

 

Von wegen, denn urplötzlich kamen den Kenianern die berüchtigten Fancy Bears zur Hilfe. Deren Motto: „Wir werden Ihnen sagen, wie olympische Medaillen gewonnen werden.“ Diese Internet-Spione, denen eine Nähe zum russischen Militärgeheimdienst GRU nachgesagt wird, die aber auf ihrer Anonymität beharren, hackten nämlich beim Internationalen Leichtathletik-Verband (IAAF) Jagers Bio-Pass. Und siehe da, in der Spalte „Hämatologische Gutachten“ stand: „Wahrscheinliches Doping; weitere Daten nicht erforderlich.“ Dem amerikanischen Läufer-Portal „LetsRun.com“ entgegnete Jager daraufhin wie üblich: „Ich habe niemals eine verbotene Substanz genommen. Ich werde niemals die Anti-Doping-Regeln brechen oder beugen.“

Doch die Reporter von „LetsRun.com“ bohrten weiter. Hartnäckig, unbeugsam. Und so erfuhren sie, dass Evan Jager wegen seiner Allergien einen „genehmigten“ Inhalator benutzt. Wegen welcher Allergien? Wisse er nicht. Seit wann er „genehmigte“ Medikamente benutze? Jager: „Seit 2012.“ Also seit er vom Langstrecken- zum Hindernislauf gewechselt hatte und bei den Olympischen Spielen 2012 in London überraschend Sechster geworden war. Seitdem vollzog sich sein Aufstieg unaufhaltsam: 2015 schob er sich mit beeindruckenden 8:00,45 Minuten, gelaufen in Paris, auf Platz zwei der Weltjahres-Bestenliste, und verwirrte damit die Experten.

 

John Cook, zuvor Coach der US-Marathonläuferin Shalane Flanagan, sagte damals, im Nike Oregon Projekt seines Kollegen Jerry Schumacher, in welchem Flanagan und Jager trainieren, würden Athleten ermutigt, verschreibungspflichtige Medikamente zu nehmen. Es gab keinen Widerspruch in der Branche. 2016 gewann Jager bei denOlympischen  Spielen 2016 in Rio dann Silber, Flanagan beendete den Marathonlauf als Sechste.

 

Wie es jetzt weiter geht ? Sein von den Fancy Bears gehackter Bio-Pass bereite ihm „ein wirklich beschissenes Gefühl“ gestand Jager „LetsRun.com“.  Aber was soll‘s? Bis heute habe sich weder die Welt-Anti-Doping-Agentur (WADA), noch die IAAF bei ihm gemeldet. 

 

Doch auch bei den Konkurrenten in Kenia geht die Angst um. Nicht nur bei Asbel Kiprop, dem dreimaligen Weltmeister über 1500 Meter, der - so behaupten die Fancy Bears - ebenfalls „genehmigte Medikamente“ benutzt habe, auch unter den Hindernisspezialisten - so hören wir - grassiere die Angst, überführt zu werden. Zumal Moses Kiptanui, dreimal Weltmeister, später ein hoch geachteter Trainer, 2015 endgültig seinen Job aufkündigte - wegen des grassierenden Doping-Missbrauchs in seinem Lande. Kiptanui, auch Coach des viermaligen Hindernis-Weltmeisters Ezekiel Kemboi, sagte der BBC: „Informationen beweisen, dass es eine gute Anzahl an Athleten gibt, die Drogen benutzen. Sie wollen mit allen Mitteln Geld verdienen. Entweder auf echte Art oder auf andere Weise.“ Und damit wollte Kiptanui nichts mehr zu tun haben.

 

KBL 

Mi                 22.11.2017 

Nr.            2.585 - 1.282

Aktualisierung:        16:30

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